Datum4. November 2017

„Schatzi“, wir müssen reden!

Ich will nicht darüber spekulieren, ob oder wie sehr Peter Pilz schuldig ist, oder wie man das seltsame Timing einordnen sollte, das die Veröffentlichung der Vorwürfe betrifft.  Das tun andere zur Genüge. Was ich hingegen thematisieren möchte, ist der Umgang mit den Vorwürfen in den sozialen Medien und in den Kommentarspalten der Presse. Und über das vorgeblich harmlose „Schatzi“.

Von etwa 40 Übergriffen ist die Rede; sie reichen von übergriffigen Anreden wie „Schatzi“ über die Aufforderung, mit ihm auf Urlaub zu fahren und „das Höschen einzupacken“ bis zu unsittlichen Berührungen.

So steht es, wörtlich nahezu unverändert, in allen Publikationen. Und unter jedem Artikel finden sich Kommentatoren (und Kommentatorinnen leider auch), die Variationen des „Schatzi“-Themas posten, etwa so:

„Schatzi“ soll eine sexuelle Belästigung sein? So weit sind wir gekommen?

Das regt mich aus zwei Gründen auf. Zum einen: Lesekompetenz! „Schatzi“ war nur einer, und zwar, wie aus der Satzkonstruktion hervorgeht, der geringste der Vorwürfe.

Zum anderen, und das könnt man sich auf der Zunge zergehen lassen, wenn es nicht so grauslich wär, ist es für viele offenbar ganz normal, wenn ein Vorgesetzter zu einer Untergebenen „Schatzi“ sagt. Das mag „normal“ sein im Sinne von „vielerorts üblich“, in Ordnung ist es deshalb noch lange nicht. Ob das „Schatzi“ tatsächlich eine sexuelle Belästigung darstellt oder schlicht und einfach diskrimnierend ist, ist egal. Es ist inhaltlich ein Diminutiv, es ist im besten Fall sehr persönlich, im schlechteren ungut pickig, und es gehört einfach nicht in einen beruflichen Kontext.

Ein „Schatzi“ wäre allemal in einer Arbeitssituation akzeptabel, in der es genau so normal  und akzeptiert ist, dass die Angesprochene darauf mit „Wos is, Oida?“ antwortet. Und die sind, meines Wissens nach, eher rar gesät.

Darf man denn jetzt nichteinmal mehr flirten?

Schatzi, wenn du den Unterschied zwischen flirten und herablassender Misogynie nicht kennst, dann lass es. Ist besser für alle Beteiligten.


Und hier noch ein persönlicherer Beitrag zum Thema. 

Ein Schwank aus meiner Jugend, oder: warum frau es für sich behält (#metoo)

Ich war ungefähr 20, und es war einer meiner allerersten Jobs, in einer Import-und Großhandelsfirma eine Produktdatenbank zu konzipieren, aufzubauen und die MitarbeiterInnen im Umgang mit dem neuen System zu schulen. Eines schönen Tages stand ich also in beratender und beobachtender Funktion neben einem Außendienstmitarbeiter, der seinen neuen PC malträtierte, als der sich plötzlich umdrehte und verlangte: „Geh, Schatzi, machst ma an Kaffee?“.

Ich hatte den Typ am selben Tag zum ersten Mal gesehen, wir waren nicht per Du, der allgemeine Umgangston in der Firma war keineswegs flapsig. Noch bevor ich mich von meiner Verblüffung in irgendeine Reaktion retten konnte, setzte er hinzu: „Mit Milch, ohne Zucker“ und gab mir dazu einen Klaps auf den Hintern.

Es gehört zu den wenigen Dingen in meinem Leben, die ich wirklich bereue, nicht sofort mit einer ebenso kräftigen Ohrfeige geantwortet zu haben. Aber dazu war ich in dem Moment einfach zu schmähstad. ich ging, nicht in die Küche um Kaffee zu kochen, sondern ins Lager, um mich einem anderen Aspekt meiner Aufgabe zu widmen.

Am nächsten Tag wurde ich zum Chef zitiert; der Mitabeiter hatte sich über meine Unfhöflichkeit beschwert, weil ich ihm nicht einmal einen Kaffee machen wollte. Den Chef immerhin brachte ich zum Nachdenken: Mit der Frage, ob ich meine Zeit, mit merkbar höherem Stundenlohn als der Beschwerdeführer, tatsächlich aufs Kaffeekochen verwenden sollte. Er kam zu dem Schluss, ich sollte nicht.

Den Klaps auf meinen Hinten hab ich nicht thematisiert, bis zu diesem Blogeintrag nicht. Weder dem Chef noch dem Klapser gegenüber, und auch später, wann immer ich die Geschichte vom Kaffeekochen erzählte, ließ ich den Klaps weg. Zu widerwärtig war das Gefühl schon beim Gedanken daran. Das Gefühl von ohnmächtiger Wut, von Erniedrigung und Hilflosigkeit hätte die Geschichte, in der ich ja letzendlich „gesiegt“ hatte, unweigerlich unschön befleckt.

Und, ich bin doch kein Opfer!

Es war das erste Mal, dass ich zu spüren bekam, was es heißt, sich als Frau in einer Männer-Arbeitswelt zu behaupten, aber es war bei weitem nicht das einzige Mal. Die Skala reicht vom Chef der ohnehin nur wenige Monate lang erfolgreichen Software-Klitsche, der meinte, ich könnte mir ja doch einmal etwas Hübscheres anziehen (als meine schwarze Jean mit Bluse, während die Jungs dort alle mit Cargohosen und T-Shirts herumliefen) über den Auftraggeber in meiner Freelance-Zeit, der die Forderung nach mehr Honorar bei einem ausgeuferten Projekt mit einem süffisanten Grinsen und der Meldung „Da müssen Sie sich aber schon etwas Besonderes einfallen lassen“ beantwortete, bis hin zum „Kollegen“, der mir im Lift übergangslos die Zunge ins Ohr steckte und auf meine wenig erfreute Reaktion meinte, ich solle doch froh sein, wenn jemand so ein schiaches Luder pudern will.

Alle diese und weitere unerzählte Vorfälle haben zwei Dinge gemeinsam: Zum einen fehlte den ausübenden Männern jegliches Unrechtsbewusstsein, sie fanden ihr Verhalten normal und vergnüglich. Zum anderen  behielt ich, immer, mein Unbehagen und meine Gefühle für mich, konterte höchstens mit einer „frechen“ Meldung, die ich so harsch formulierte, wie ich in dem Moment konnte,

weil, ich bin doch kein Opfer!

Mit der Zeit kam zu diesem rein emotionellen Grund auch noch die Erfahrung. Die Erfahrung zu sehen, was Frauen aushalten müssen, wenn sie das Problem thematisieren. Die Schlampe, hätte sich halt anders anziehen wollen, will nur abcashen, es ist ja eh nie passiert, sie macht das eh nur aus Rache, weil eben nicht passiert ist, was sie gerne wollte.  Es war einfacher, die Übergriffe wegzustecken, als sich einem solchen Spießrutenlauf auszusetzen.

Und mit jedem Mal, wenn so etwas passiert, wird es ein bisschen normaler. Irgendwann überschreitet man selbst die Grenze. Formuliert, wenn auch nur in Gedanken,  ein abgeklärtes „was hast du denn erwartet?“ wenn eine Kollegin das Angebot annimmt, sich nach Hause chauffieren zu lassen und feststellen muss, dass der Chauffeur sie nur ungern aussteigen lässt. Denkt sich ein „No, sei ned so empfindlich“, wenn nach einem vorgeblich unabsichtlichen Busengrabscher die Tränen fließen. Hat frau schließlich alles selbst schon erlebt, und frau hat danach nicht geweint.

Und nicht zuletzt deshalb ist es ganz ganz wichtig, sich immer wieder daran zu erinnern: Alle diese Dinge sind nicht normal. Sie sind nicht in Ordnung.

Nichts davon ist in Ordnung. 

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