am Eck

Es ist so ein Lokal am Eck. So ein Lokal, in das man nicht geht. In das man niemals gehen würde. Außer eben dann, wenn am Sonntag die Zigaretten ausgehen. Oder spätnachts, wenn unerwartet noch Besuch kommt und nichts zu trinken im Haus ist.

Das heißt: Genaugenommen ist es also ein Lokal, in das man doch ab und zu geht. Es ist eben nur ein Lokal, in dem man nie bleiben würde. Man geht hinein, kauft etwas, und geht mit dem Gekauften sofort wieder hinaus.

Heute auch. Eben hatte ich doch noch Zigaretten. frische Packung. Sind sie im Auto aus der Tasche gefallen? Zwischen Garderobenständer und Bürosessel verschollen? Wo immer sie auch sind: Sie sind weg.

Also seufzend noch einmal in Jacke und Schuhe und auf zum Lokal am Eck. Draußen fröstelts, und das Lokal am Eck hat, wie so viele Lokale an so vielen Ecken, einen Filzvorhang hinter die Tür gehängt, damit man beim Reinkommen und Rausgehen weniger Kälte eindringen läßt. Der Filzvorhang ist etwas ungeschickt befestigt; so, dass man nicht nur Schwierigkeiten hat, sich daraus zu befreien, sondern auch fast über die dahinterstehende Tafel fällt, die nicht etwa irgendeine Köstlichkeit anpreist, sondern die Möglichkeit, an irgendeinem Datum weit in der Vergangenheit irgendein Uefa-Cup-Spiel in ebendiesem Lokal live zu sehen.

Nach dem ungeschickten Entree sind natürlich alle Augen auf mir, und die Gespräche verstummen. Nur die Musicbox (handgeschriebenes Schild an der Wand: “Digitale Musicbox – Wählen sie aus 3000 Titeln ihren Favorit”) spielt unbeirrt weiter. “Some broken hearts never mend – some days will never end…”. Das gelbliche Licht begleitet mich auf dem langen Weg durch die Resopaltische. Quadratische braun-gelb-karierte Grobwebstoff-Tischdecken unter den Aschenbechern. Unter einem Tisch vor kläfft mich ein Dackel an. Das wäre gar nicht nötig. Ich bin längst als Fremdkörper identifiziert.

Während der letzten Schritte zur Theke löst sich etwas sehr Falschblondes, sehr Mascaralastiges vom Oberschenkel eines zwielichtig aussehenden Typen und bemüht sich, die Quelle der Macht vor mir zu erreichen. Es gelingt ihr. Worte sind offenbar nicht im Angebot, ein auffordernder Blick muss genügen. “Haben Sie auch Zigaretten” frage ich unnötig gestelzt. “Malboro, Memphis, Milde Sorte”. Sie hat sogar am “und” gespart. Ich entscheide mich für die Cowboy-Variante, die offenbar im Kellerverlies aufbewahrt wird, denn die verhinderte Frisöse (wer so ausschaut, wird mit ö geschrieben) verschwindet nach hinten unten und braucht mindestens 5 Minuten bis zur Rückkehr.

Fünf lange Minuten, die Bellamy Brothers werfen einen trügerisch harmonischen Schein über die Szenerie, die Pause zwischen dieser Platte und der nächsten, in der eine tränenschwangere Maid mit Pseudo-Akzent ihren Liebeskummer klebrigsüß zelebriert, wird von einem streitenden Paar am nächstgelegenen Tisch mit unbeholfenen Schuldzuweisungen gefüllt; weiter hinten drischt eine Dreierrunde Schnapskarten auf den Tisch, der Dackelbesitzer sitzt alleine und hebt nicht ein einziges Mal den Blick von seinem Bierglas; der Fernseher zeigt tonlos irgendeinen Action-Shocker. So sieht es hier immer aus, und um eine Weihnachtsdekoration hat sich keiner bemüht. Das ist immerhin sympathisch.

Völlig deplaziert aber, an der 90 Grad-Front der eckläufigen Theke, sitzt eine Dame. Untadelig weiße Bluse mit möglicherweise handgehäkeltem Pullover. Frisur entweder frisch vom Friseur oder frisch aufgesetzt. Randlose Brille weit vorne auf der Nase, um die (na, immerhin, ein Klischee auch bei ihr) Kronen Zeitung besser lesen zu können. Ein weißer Spritzer und eine Schachtel von den Zigaretten mit der Blümchenbordüre auf der Packung.

Mich schaudert. Irgendetwas stimmt nicht an dieser Anwesenheit. Sie schaut auf, sehr blaue Augen, trifft meinen Blick und lächelt ein Deutschlehrerinnenlächeln. Da kommt die Frisöse mit meinen Zigaretten. Nichts wie raus hier. Ich will nach Hause zu meinen eigenen Plat(t)itüden.

Danach, völlig überraschend, ein Stück gutes Fernsehen im Fernsehen. Die „Sendung ohne Namen“. Fernsehen wie Internet. Im besten Sinn.

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