Am Zentralfriedhof ist Stimmung…

Der erste November ist ein Tag voller Symbole und Traditionen und als solcher einer, den ich am liebsten ignoriere. Aber aus irgendeinem Grund habe ich mir dieses Jahr in den Kopf gesetzt, den Zentralfriedhof zu besuchen um dort ein paar Fotos zu machen, und prompt fand sich auch jemand, der genau solche Fotos brauchen konnte, also: Kneifen war nicht drin. Ich rollte also am frühen Nachmittag, obwohl ich mich zu diesem nebelig-trüben Zeitpunkt lieber mit einem Buch auf meine trockene Couch zurückgezogen hätte, entschlossen Richtung 11. Bezirk, im 6er (natürlich hätte ich mit der U-Bahn deutlich schneller ums Eck fahren können, aber wenn schon Exkursion, dann bitte auch durch unbekanntes Gelände).

Im Vergleich zu den Zwangs-Besuchen meiner Kindheit (die allerdings alle auf Grazer Friedhöfen stattfanden) zeigten die Buden am Eingang zum Zentralfriedhof deutlich weniger Naschwerk, Nippes und Blumen, dafür reichlich Kränze und Saufzeug (Glühwein und Bier). Maroni gab es aber nach wie vor.

Drinnen war es ganz tröstlich trostlos, trotz all der vielen Menschen rundherum. Blumenbringer und Kerzerl-Anzünder waren in der Minderzahl, Feiertags-Spaziergänger und Familienausflügler hatten deutlich die Oberhand. Ich irrte durch die Reihen und fotografierte wie geplant einsame und kerzengeschmückte Gräber, las mit Staunen so manche Grabinschrift (Ob ein goldglänzendes “Auf Wiedersehen” ein freundliches Versprechen oder doch eher eine gefährliche Drohung darstellt, hängt wohl stark davon ab, wer da unten liegt).

Nach der fotografischen Pflicht mäanderte ich noch freiwillig durch die Ehrengräber. Schubert, Johann Strauß, und Beethoven durften sich auch nach vielen Jahren irdischer Abwesenheit an zahlreichen Kerzen und Blümchen erfreuen, von Blitzlichtgewittern und strahlenden Japaner_innen ganz zu schweigen. (Heimische Besucher gingen das dagegen teils recht pragmatisch an: “OK, Beethoven, Schubert, Brahms, 2x Strauß – fehlt uns noch wer?”)

Vor der Wucht des Hrdlickaschen Monuments verblassten Blümchen beinah chancenlos, und auch die Kerzen auf der anderen Seite hatten kaum Erhellendes beizutragen.

Sehr schlicht und beinah ungeschmückt das Grab von Hansi Dujmic. Mir war fast danach, ein Kerzerl hinzustellen, aber es gab nur noch solche mit Jesus und Kreuzerl. Das hätte ja nun gar nicht gepasst.

Nicht gewusst habe ich übrigens, dass auch der unnachahmliche Waluliso sehr malerisch und prominent bestattet ist.

Optisch höchst wertvoll fand ich auch das Grabmal von Emmerich Kálmán – Dunkelrote Rosen vor weißer Dame vor schwarzem Marmor – das hat was.

Die Politik ließ ich weitgehend unfotografiert liegen. Auffällig war mir nur der Kontrast zwischen zwei wirklich starken Frauen – der üppige Blumen-Schmuck für Rosa Jochmann gegenüber der rührenden Schlichtheit von Johanna Dohnals Grab, das auch eineinhalb Jahre nach ihrem Tod nur eine einfache Holztafel ziert.

Während es langsam dunkel wurde, spazierte ich durch den “Waldfriedhof” auf ländlich anmutenden Wegen, auf denen außer mir keiner mehr war. Abseits der zentralfriedhöflichen Hauptstraßen ist man offenbar auch an Allerheiligen schnell allein und darf dann philosophieren, was wohl passieren möcht’, tät’ man die Sperrstund versäumen. Ich versäumte aber nicht, sondern fand den Weg zurück in die Gräber-Zivilisation und schaute noch bei Falco vorbei, dem mit Abstand am meisten besuchten und kerzerl-geschmückten Grab weit und breit (auf den Extra-Tisch für die Kerzen hatte jemand ein Bild von Ronnie James Dio gelegt, das wirkte ganz seltsam jenseits und doch irgendwie schlüssig).

Danach, in Abwesenheit der traditionellen Allerheiligen-Spezialität meiner Kindheit (Türkischer Honig) noch die ersten Maroni des Jahres gekostet. Geschmack und Konsistenz ließen auf Vorjahresernte schließen, aber das Glück der Marktstandler bei solchen “Events” ist halt, dass sich im nächsten Jahr eh keiner daran erinnert, wie’s heuer geschmeckt hat.

Und schließlich mit dem 69a heimwärts gegondelt (den kannte ich bislang auch noch nicht).

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