Anreise: Wien – Casablanca – Rabat

Wenig geschlafen, morgens trotzdem sehr effizient. Der neue Rucksack lässt sich erstaunlich gut füllen. Es hatte zwar geheißen, ein Koffer wäre besser, da das Gepäck unterwegs am Landrover-Dach gestapelt wird – aber ich besitze gar keinen Koffer. Punkt 10h zur Straßenbahn, Anschlüsse passen halbminutengenau. Gutes Zeichen. Beim Sufi nicht, daher braucht er etwas länger. Am Flughafenpostamt noch dringende Rechnungen bezahlt, dann Zeit für eine Zigarette im unglaublich überfüllten, unglaublich lauten Restaurant. Man könnte glauben, ganz Österreich flüchtet. Wohin?

Dann mit dem Sufi ein- und das Gepäck durchgecheckt; ich versteh irgendwie nicht, wieso er immer auf dem Weg zum Flugzeug unheimlich viel Zeit hat, zum Schluss muss er noch dringend eine Suppe haben und wir sind wieder Mal die letzten. Nicht dass es wirklich etwas ausmacht, solange der Flieger nicht ohne uns fliegt, aber ich persönlich bin lieber früher da und meckere daher leise vor mich hin.

In der Schlange vor dem Gate treffen wir schon liebe Mitreisende, mit denen wir die nächsten zwei Wochen ein Auto teilen werden (was wir zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen). Erstes Beschnuppern bringt positive Vibes. Die sich einstellenden Reisefreudegefühle werden allerdings in der Air France-Maschine im Keim erstickt: Die ist nämlich voll, voller am vollsten. Direkt vor mir 2 plärrende Kleinkinder, rechts von mir einer, der bei jedem Luftloch panisch zuckt und die Luft anhält, dafür übt mein linker Nachbar Yoga. Mehrere Gruppen, die übers ganze Flugzeug verteilt sitzen, brüllen sich Nachrichten zu. Wieso sie die Leute nicht zusammen sitzen lassen, verstehe ich nicht, es können doch nicht alle zu spät gekommen sein.

In Paris geht’s ähnlich weiter, wir waren verspätet und werden nun im Laufschritt quer durch den ganzen Flugplatz zum Anschlussflug geschleift (und wer CDG kennt, weiß, wie weit das ist). Der Sufi hat keinerlei Erbarmen mit meiner Flugversäum-Phobie und verschwindet Schnaps holen. Da habe ich keine Wahl und entfleuche ebenfalls dem gestrengen Bodenpersonal, um in einer Raucherecke schnell meinem Laster zu frönen. Dann sind wir auch schon wieder im Flieger. Die 737 ist etwas bequemer als der Airbus; auch mag ich den Boeing-Sound lieber. Das Essen ist genießbar. Ich nehme ein Bier dazu und lasse mich dann in den Schlaf brummen, bis zum Anschnall-Call.

Die Landschaft unten sympathisch weich; grüner als erwartet. Der Sufi sagt, er hat den Felsen von Gibraltar gesehen. Er sagt, ich soll notieren, dass man am Flug von Paris nach Casablanca unbedingt links sitzen soll, weil die Küste so schön ist. Ich finde die Gegend rechts auch ganz nett.

Dann endlich gelandet. Wunderbar warm. Am Einreiseschalter riesige Schlangen, wie schon aus Tunesien und Kuba bekannt. Beinahe wären wir irrtümlich nach Marrakesch weitergeflogen, weil wir dem Strom der Reisenden folgen. Draußen wartet schon Willi “cool” Stanzer. 3 Landrover auch. Meinetwegen hätte es von da an länger dauern können, bin vollauf damit beschäftigt, mich über die Palmen zu freuen und marrokanische Flaggen zu bestaunen.

Mein auf “Reise” getuntes Gehirn ist bildhungrig. Gegend: Flach. Pferde, Pferdewagen. Viele gehen zu Fuss. Esel, Mulis am Straßenrand. Ein riesiges Plakat: “Le Piano dans le desert”, mit einem Piano auf einer Sanddüne. Darunter sitzen 3 Frauen im Kreis, dahinter schwarzzottelige Ziegen. Wir fahren durch die Vororte von Casablanca, aber nicht hinein – wir haben nämlich die “Experienced” Tour gebucht, die an sich voraussetzt, dass man die Städtetour schon gemacht hat. Nur dank des Sufis Afghanistan-Erfahrung und meiner Großmäuligkeit ist das gelungen. Ich denke an Humphrey Bogart und Ingrid Bergman und bin ein bisschen traurig. Ein ganz kleines bisschen.

Plattenbauten mit vielen Sat-Schüsseln. “Wie in Simmering” sagt einer im Wagen. Vieles sieht ziemlich kaputt aus. Überall steht irgendetwas mit “Royal” drauf. Es ist flach. Links blinkt ab und zu das Meer auf. Die Sonne geht jetzt schon unter, nicht erst bei der Ankunft im Quartier des ersten Abends – wir sind etwas später dran als geplant.

In Rabat wollen wir die Königsgräber sehen und den “Hassan-Turm”, das nie fertiggestellte Minarett (für Wilfried das zweitschönste Minarett der Welt, gleich nach dem in Minar-E-Jam in Zentralafghanistan) der damals (14.Jhdt) zweitgrößten Moschee der Welt. Das Minarett wurde nie vollendet, weil der auftraggebende Sultan vor dessen Fertigstellung starb. Der Turm ist 40 Meter hoch und sollte wahrscheinlich doppelt so hoch werden. Jede der Seiten trägt eine andere Verzierung.

Die Besichtigung gelingt allerdings nur aus der Ferne, da der König selbst heute die Gräber seiner Vorfahren besucht. Das erklärt auch die vorher unheimlich anmutende Polizistendichte auf den Straßen von Rabat. Hunderte Schaulustige und ungefähr ebenso viele Sicherheitskräfte verteilen sich im weiten Rund um die hell erleuchteten Gebäude.

Wir steigen aus und lassen uns von Wilfried Geschichte und Bedeutung erklären, neugierig beäugt aber weitgehend in Ruhe gelassen. Eine Katzenfamilie spielt unter den Bäumen im Park, und wie der kurzfristig verschwundene Sufi wäre ich jetzt lieber durch die Straßen gestrolcht, als brav mit den anderen ins Hotel weiter zu fahren. Meine erste Gruppenreise seit 21 Jahren, daran muss ich mich erst wieder gewöhnen.

Unterwegs dann sehr schön der Blick auf die nächtliche Hafenbucht mit den Lichtern; wir fahren: vorbei am blühenden Leben; an Teehäusern, Fleischhauern, Cafes, Bars, Ein- und Verkäufern.

Das Hotel der ersten Nacht in Firdouz ist ein durchgestyltes 70er-Jahre-UFO, das angeblich ein reicher Saudi für die Ausflüge mit seinem Harem errichten ließ. Das war vor etlichen Jahren; über den Korridoren duftet ein Hauch von Schimmel und Mottenkugeln (in den Zimmern nicht, die sind alle gut gelüftet). Vor dem halbrunden Balkon mit den 70er-Jahre-Gartenstühlen aber rauscht der Atlantik: Hallo, Meer!

Im üppigen Speisesaal gibt es ein üppiges Abendessen, die letzten noch unbekannten Mitreisenden werden bekanntgemacht und begrüßt; letzte Zahlungen getätigt, erste wichtige Täusche vorgenommen. Es gibt Fischsuppe und Fisch, in sehr kreativer (schmackhafter!) Zubereitung. Danach noch allein mit dem Sufi am Strand spaziert; am Balkon einen kleinen Whiskey aus der Reiseflasche genommen, während die anderen längst schlafen. Womit sie natürlich recht haben – der nächste Tag beginnt sehr früh.

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