Eben noch

(c) Markus Reithofer
War ich nicht glücklich, eben noch?
Frei schwebende Grundexistenz
ohne jeden Ballast.
Sonnenblickdurchdrungen,
Funkengestöbergebräunt.
Unvorstellbar vergangen
alle gestrigen Leben.
Undenkbar weit weg etwaige morgen.

Nur Lächeln und da sein,
mehr wird nicht verlangt. Noch gegeben.

Grasgrün und Himmelblau. Neongelb
und bunt. Musik und Motoren.
Gehen als hätte man
alle Zeit der Welt.

Fliegen als wäre das
ganz normal.

Nachrichten nur von einem anderen Stern.
Kann nicht derselbe sein, auf dem ich war.
Dort wird nicht geschossen, und nichts
explodiert.

Heute schon wieder zu viele Nullen und Einsen
Aschenbecher füllen sich. Wohlgefühle
ziehen sich in die Erinnerung zurück.

Worte, gestern noch ungebunden
einherschwebend, greifen sich
schwerer, sind kaum noch zu
fassen. Zu schade. Schon wieder
daheim.

Leben

Die Sonne brennt auf Klatovy, auf Springer und Nichtspringer, leuchtet durch die Flugzeugfenster beim Aufstieg und blendet beim Exit. Beim Schirmpacken stört sie etwas, zu heiß, man schwitzt. Daraus ergibt sich der Ablauf: Zwei Sprünge aus dem Flugzeug, einer in den Pool.

Die Kinder laufen nackt herum, die Hunde liegen im Schatten und stellen sich tot.

Dann Abend. Mineralwasserflaschen weichen Bierflaschen, die gute Laune bleibt.

Jetzt aber Essen. Auf demnächst.

Zulassen

Ein heißer Tag. Jetzt aber fällt Regen auf die Schienen und auf den Kies und auf meine Hose, die neu und noch imprägniert ist, die Wassertropfen können nicht eindringen und bilden winzige Tropfengirlanden auf dem Stoff. Ich sitze und warte auf den Zug, sehr lange schon, von jenseits des Hügels tönen Kuhglocken, tief und beharrlich, und der Bahnhofsvorstand pfeift den Sommerhit vom letzten Jahr.

Dann wieder blau, und ich denke, wie schön es wäre, über dieser Landschaft aus dem Flieger zu springen, Hügel und kleine Dörfer und der Fluß und am Horizont die Berge.

Die Regenfeuchtigkeit verdampft schon wieder, beruhigt setzen die Grillen ein, die Schwalben aber fliegen tief. Hinter den Blumenkästen offene Fenster und dahinter läutet ein Telefon, schrill und beharrlich.

Vorher war da eine Decke am Ufer und nackte Haut und viel Schweiß, und dann eiskalte Füße beim Spazieren im Fluß, der hier noch ein Bach ist. Und davor noch ein Ritt durch bergige Kindheitslandschaft und eine virtuelle Steinpilzsuppe und der Wind, der durch die offenen Autofenster weht. Und noch davor ein Terrassenfrühstück mit Kinderzutrauen und Fotos, Fotos, Fotos.

Jetzt aber diese Schienen, und auf einer Innenseite steht: “Donawitz 1937”, und ich frage mich, ob das eine Jahreszahl ist oder eine Materialnummer. Züge fahren durch, und schon lange, bevor sie durch den Bahnhof rauschen, erfüllt ein hohes Surren das Tal. Dann, wenn sie näher kommen, erzittert der Boden, und wie bei einem Rockkonzert läßt der stählerne Bass meinen Brustkorb vibrieren.

Ich sitze und schaue, nicht übers Tal sondern den Hügel hinauf, und ich würde gerne sitzen bleiben, für immer und noch länger, in der Juliwärme, im Julisonntag, ab und zu fährt ein Auto vorbei und dann wieder ein Zug, von links oder von rechts, und alle paar Minuten pfeift der Bahnhofsvorstand dieselbe Melodie, in wechslenden Tonlagen, und mein Wattekopf ist wieder da und macht mir Sorgen, und da war eine Stimme: “Du mußt es nur zulassen”, und ich frage mich was, was soll ich zulassen? Aber die Stimme kommt nicht wieder. Das macht nichts, wenn ich nur hier sitzen bleiben kann, am besten für den Rest meines Lebens.

Dann aber mein Zug, Stahl und Glas und klimatisiert schiebt er sich durch das Tal, von Bahnhof zu Bahnhof windet er sich, diese mir kaum bekannte Strecke entlang, und ich sitze alleine im Wagen, und ich frage den Schaffner nicht, wie lange es dauern wird, es dauert lange, aber das ist gut so: Der Schienenblues ist mir genug. Was zulassen, frage ich wieder die vorbeiziehende Landschaft, aber die Antwort kommt nicht und ich atme und entspanne mich, ich bin nicht müde aber meine Augen fallen zu, und hinter den Lidern angenehme Dunkelheit, ich bin hellwach und geborgen in meiner selbstgeschaffenen Höhle.

Und dann Bruck an der Mur, umsteigen nach Wien, der Croatia Express hat seinen Namen geändert und kommt jetzt aus Ljubljana, ganz normale Veränderungen, wenn man ein paar Monate nicht mit dem Zug fährt. Was sich nicht verändert hat, ist, dass er verspätet ist, aber als er doch kommt, sind es hochmoderne Waggons mit viel Platz für die Beine, alles sehr angenehm, klimatisiert auch der, leider, das ist der Lauf der Zeit.

Und mein Wattekopf hat sich zu einer ganz normalen Migräne entwickelt, das ist zwar unangenehm, aber beruhigend, das kenne ich, damit kann ich umgehen, ich schließe die Augen und bin sehr erleichtert, und der Zug fährt und fährt und dann steht er, steht lange, und der Lautsprecher sagt, er wird noch eine Weile stehen, und ich hole mir ein Bier aus dem Speisewagen, dann steige ich aus und rauche eine Zigarette und wechsle ein paar Scherzworte mit den anderen, die auch ausgestiegen sind und auch Zigaretten rauchen.

Der Akku von meinem Handy ist leer, und ich frage den Schaffner, ob es ein Zugtelefon gibt, und er lacht und sagt, das rentiert sich nicht mehr, seit jeder 2 oder 3 Handies einstecken hat, und ich borge mir von den Mitleidenden einen Akku aus und beruhige den Sufi, und jemand fragt den Schaffner, warum wir denn hier stehen. Weil ein bemitleidenswerter Mensch seinem patscherten Leben auf den Schienen vor uns ein Ende gesetzt hat, sagt der Schaffner, er sagt es etwas anders, aber für seine Worte eignet sich die Schriftsprache nicht, da wäre Malerei passender, viel Rot und ein bisschen Weiß in abstrakten Formen würde der Maler wählen, um wiederzugeben, was der Schaffner sagt.

Und wir schweigen und warten, und ein Besoffener ruft aus dem Fenster: Hat der Trottel nicht eine Stunde warten können, und alles schweigt betreten, irgendwo ein verhaltenes Kichern, und dann der unverkennbare Wiener Einwurf: Er hätt’ sich ja auch hintern Zug werfen können, dann müßten wir da nicht blöd herumstehen, und ich denke an den Lokführer von diesem anderen Zug, und wie es dem wohl jetzt gehen mag.

Und dann denke ich an den Moment, als ich geglaubt habe, ich müßte mich vor einen Zug werfen, damals, als die erste große Liebe in Scherben ging, und wie ich da gestanden bin an den Schienen und gar nicht sterben wollte, aber ich dachte, es wäre passend jetzt, es wäre die richtige Geste, und dann der Zug, das Gesicht des Lokführers von der untergehenden Sonne beschienen, und ich habe ihn an einem Tisch sitzen gesehen mit seiner Frau und die Kinder ringsum, die den ganzen Tag auf den Vater warten, damit er mit ihnen spielt, aber der Vater mag heute nicht spielen, er ist ganz blaß und sagt nicht warum.

Und dann habe ich umgedreht, damals, bin nach Hause gegangen, und die Welt war so scharf und klar und hell, und ich war eine andere als noch eine Stunde davor, und immer noch denke ich manchmal an diesen Lokführer, der keine Ahnung davon hat, dass er mir das Leben gerettet hat, und vielleicht hat er gar keine Frau und gar keine Kinder, vielleicht ist er ein Riesenarschloch und schlägt seine Freundin, vielleicht hat er gar keine Freundin und säuft sich nieder Tag für Tag, aber damals war er eine Sekunde lang wichtig in meinen Augen und nur deshalb bin ich jetzt hier.

Und auf dem dunklen, kühlen Bahnsteig rauche ich noch eine Zigarette und höre die Lautsprecherdurchsagen, die immer wieder mitteilen, dass sich die Züge von und nach Wien noch um 15-20 Minuten verspäten werden, dann noch einmal, und dann noch einmal, der Staatsanwalt muss erst kommen und sich das ganze ansehen und dann die Strecke freigeben, sagt der Schaffner, aber schliesslich ist es soweit und wir steigen wieder ein und der Zug fährt los.

Und meine Kopfschmerzen sind eine ferne, dunkle Wand, ich mag nicht mehr lesen jetzt, eine letzte Scheibe verkraften die schwach gewordenen Batterien des CD-Players noch, ich wähle etwas, was ich seit vielen Jahren nicht mehr gehört habe, da ist viel Schrott dabei, dafür ist die Skip-Taste da, aber auch die eine oder andere Perle, die mir in Vergessenheit geraten ist im Lauf der Zeit.

Dann ein Lied über den Krieg, diesen viel zu nahen Krieg, der immer noch viel zu wahr ist, und zur verschämten Gänsehaut gesellt sich das Gefühl dieses alten Fabrikshofs, in dem es regnet, damals die gleiche Gänsehaut, nur erschien das, was da besungen wird, noch etwas fremder, in der Zwischenzeit hat man sich wohl an den Gedanken gewöhnt: Oder vielleicht liegt es daran, dass das Leben damals warm und weich war: Wärmer und weicher als ich es ertragen konnte.

Und der Zug fährt, das ist gut, das war schon immer gut. Ich hätte gerne noch ein Bier, ich würde gerne im Raucherabteil eine Zigarette rauchen, aber ich bleibe sitzen, es ist gut, sitzen zu bleiben, besser als alles andere. Und draußen jetzt Flachland, der Berg ist überwunden, die Ebene erreicht, jetzt kann es nicht mehr lange dauern.

Und es dauert nicht mehr lange. Die ersten Ausläufer der Stadt, bunt strahlende Schriftzüge weisen den Weg wie Leuchttürme in der Dunkelheit. Hochhäuser, dunkel, mit einzeln erleuchteten Fenstern. Die Stadt, die mir von außerhalb wie ein vertrauter Feind erschienen ist, zeigt sich nicht feindlich: nicht freundlich. Sie ist nur da. Groß und breit und da.

Nicht mehr herumlaufen jetzt: Ein Taxi.

Und so viel zu tun, so viele Mails zu beantworten, so viel vorzubereiten für die nächsten Tage.

Nicht jetzt.

Gut’ Nacht.

Krieg und Kaugummi

Im Kosovo gibt es eine Kaugummimarke namens NATO. Die Kaugummis sind in Sammelbildchen verpackt, die als Motive Soldaten, brennende Dörfer und die Identifizierung von Leichen zeigen. (Schwedischer Artikel mit Bildern)

Der Autor des Artikels überlegt, ob es sich um Propaganda handelt oder um ein gelungenes Gesamtkunstwerk, “das die Greuel des Krieges in scharfen Kontrast zum unschuldigen Sammelverhalten der Kinder stellt”.

Ich bezweifle, dass die Hersteller so weit gedacht haben.

Violence sells.

Enten, die Zeitung lesen

Seltsame Träume, seltsamer Kopf. Das Licht da draußen könnte auch aus dem November sein. Nach all diesen Träumen frage ich mich, ob ich wirklich wach bin oder ob das nur ein weiterer Traum ist. Autos auf Luftkissen kamen da vor. Und Fallschirme, an denen man hängt wie an einem Trapez. Und Enten, die kopfschüttelnd Zeitung lesen. Nja. Ab unter die Dusche.

Bushaltestelle

Tauben laufen zwischen den Füßen der Wartenden herum, unbeeindruckt von den großen Gestalten ringsum. Kranke Tauben. Eine hinkt, eine hat räudige Federn, eine hat eine eklige Geschwulst am Hals. Nehmen keine Notiz voneinander. Flüchten kaum, auch wenn man direkt auf sie zugeht. Eine Szene wie aus einem schlechten Horrorfilm. Zwei Leute unterhalten sich über die Vorfälle in Genua. Sie kommen zu dem Schluss, dass beide unrecht hatten: Demonstrant und Polizei. Nur dass der eine nie mehr eine Chance hat, das einzusehen, denke ich. Aus einem Haustor kommt eine blecherne Stimme, die fragt, wer da ist. Niemand in der Nähe der Tür. Der Bus kommt. Wenig Leute. Auf einer Bank sitzt eine Frau, sicher vierzig, spielt mit einem Gameboy, kichert unaufhörlich dabei. Die Leute starren sie an. Ich habe nichts zu lesen dabei. Mein Kopf ist seltsam leer und leicht. Irgendetwas stimmt nicht. Irgendetwas stimmt ganz und gar nicht.