AutorAndrea

Nirgends

Denn ganzen Tag nirgends hingegangen und nirgends hergekommen, einfach nur da gewesen, sieht man ab von den paar Schritten in die Küche oder zum Klo. Ein bisschen rumgekramt, nichts ernstes, ein paar Sachen geordnet, nichts Wichtiges. Schon lange nicht mehr gemacht: Das Haus absichtlich nicht zu verlassen – das letzte Mal so richtig und bewußt wohl damals, als die letzte lange gute Geschichte fertig geworden ist, und das inspiriert mich gleiche und ich webe an dem schillernden Faden der neuen Geschichte, die vielleicht auch einmal lang und gut wird, vielleicht aber auch versandet wie so viele vor ihr, aber im Moment des Schreibens ist das egal.

Dann erstaunt festgestellt, dass übers Internet bestellte Pizza tatsächlich ankommt.

Und jetzt, gerade noch rechtzeitig, als ich schon bereit war, eine gelangweilte Runde durch die grellbunten Satellitensender zu unternehmen, schalte ich das Radio ein und versinke jetzt langsam und bewegungslos, ihr werdet mir verzeihen, im Sumpf der Faulheit. Oh, und wenn jemand sich erbarmt und die erstklassige Playlist online stellt, dann werde ich den Link entsprechend anpassen. Wenn ich nicht zu faul bin.

Doris Lessing und der Feminismus

Der dieStandard-Artikel ist schlecht und polemisch übersetzt. Im Original steht:

Lessing claimed that much of the “great energy” whipped up by feminism had “been lost in hot air and fine words when we should have been concentrating on changing laws.“

dieStandard übersetzt:

[Lessing] suchte Distanzierung vom Komplex Feminismus, dessen “große Energie in heißer Luft und schönen Worten verloren gegangen” sei, wie sie in Edinburgh betonte.

The Guardian zitiert:

“It has become a kind of religion that you can’t criticise because then you become a traitor to the great cause, which I am not.”

dieStandard übersetzt:

[nichts]

The Guardian schreibt:

Lessing also revealed she is not going to write a third volume of her autobiography because she did not want to offend so “many great and eminent people by reminding them of their silliness. I just can’t be bothered, to be honest”.

dieStandard übersetzt:

Schreiben will Lessing künftig nicht mehr, zumindest nicht den dritten Teil ihrer Autobiografie. Es kümmere sie nicht mehr.

Ein Lehrstück zum Thema sinnentstellendes Weglassen.

 

Photoalbum

Menschen, schon lange nicht mehr unter uns. Auch die Hunde buddeln längst nach himmlischen Knochen.

Lebensreste in Schwarzweiß, für immer eingefroren das süßeste Lächeln, der versonnene Blick. Grausame Zeit zeichnet Falte um Falte, schon ähneln sich die Bilder nicht mehr. Uraltes manchmal vertrauter als die Blitzlichter der jüngeren Zeit.

Geschichten, Legenden, hunderte Male erzählt. Immer lächeln sie in die Linse, wie schwer es auch fällt.

Unerschrockener Fliegeroffizier, überzeugt von seiner Mission. Hübsche Kriegsbraut, erst lächelnd in weiß, dann traurig in Schwarz.

Mutter wird Kind und Muttersmutter jung und jünger, wann wurde das letzte Mal gelacht? Aus jenen Tagen bleibt nur der Teddybär, und auch er hat das Brummen verlernt.

Lieboch liegt in Nordafrika

Im Traum besuche ich meinen Garten. Und mein Haus. Es ist nicht wie es jetzt ist, es ist, wie es früher war. Der erste Stock ist eingestürzt, der Boden durchgebrochen, Möbeltrümmer liegen durcheinander.

Ich brauche nicht Psychologie zu studieren, um mir das zu deuten.

Ich gehe hinaus, und dort wo der Bach ist, ist ein Meer. Die Landschaft nordafrikanische Mittelmeerküste. Das Licht mittagsgrell, die Straßen sandig. Freunde kommen mit einem Auto. Wir fahren in ein Cafe in der Stadt.

Das Cafe ist modern und hell, viel Glas und Fichtenholz, ein Kontrast zu den Häusern ringsum. Es gibt Tische mit Internetanschluss, aber die brauchen wir jetzt nicht. Ich bestelle Kaffee, die anderen zerstreuen sich nach und nach. Ich bin mit der modern gekleideten Schönheit allein.

Ich arbeite hier, oder habe hier gearbeitet. Alles ist mir sehr vertraut. Ich gehe durch den Hintereingang aus dem Lokal in den Rest des Hauses, wo eine Baustelle ist. Durch die leeren Fensterrahmen sehe ich in einen wunderschön begrünten Innenhof. Wo kommt das Wasser her, frage ich mich. Ein ganzer Schwarm Tauben fliegt im Innenhof umher, und ich denke: Genauso wie damals, als der alte Mann die Tauben hat fliegen lassen.

Später finde ich es seltsam, mich im Traum an einen anderen Traum zu erinnern.

Durch eine Lagerhalle voller PC’s geht man zur Toilette. Die Lagerhalle ist grau, karg und fensterlos. Schachteln liegen herum und es staubt, wie in einem eben fertig gewordenen Gebäude, wo man zu früh eingezogen ist. Die hier arbeiten sind wie ich selbst Fremde in diesem Land, aber entschlossen, hier heimisch zu werden und Erfolg zu haben.

Wieder zurück im Cafe, frage ich die Schöne hinter der Theke, ob der Sufi hier war. Er wollte eine Unterkunft suchen. Es gibt etwas, was er wissen muss, und zwar dringend, ich muss ihn finden.

Der Mann mit dem Auto kommt zurück, und wir fahren, rücksichtslos und unter den Flüchen der Passanten. Bei einem Luxushotel, das zur Hälfte noch in Bau ist, finden wir den Sufi, der seine Hängematte zwischen zwei Betonpfeilern aufgespannt hat.

Was er wissen muss, weiß er schon. Das ist beruhigend.

Ich gehe ans Meer. Dort stehe ich selbst mit dem Rücken zu mir und frage mich, ob ich mich ansprechen soll. Die die da steht, dreht sich um, zögert und wird dann jemand anders. Wir schauen uns in die Augen. Er will etwas sagen.

Da wache ich auf.

Im Zimmer ist es heiß und stickig. Ich stehe auf und öffne die Fenster. Es ist noch dunkel, gerade noch. Draußen die Stadt mit ihren Frühmorgengeräuschen. Kühle Luft strömt herein und ein Wind rauscht durch die Alleebäume.

Alles so friedlich, so richtig.

Mir geht es gut.

Seltsame Platte

Ja, ich weiß, es ist ein bißchen spät, aber ich höre gerade “13” von Blur zum ersten Mal. Bewußtseinserweiternd, irgendwie.

Kopfgeld auf Drogendealer ausgesetzt

Nein, nicht in Kolumbien. Bei uns.

Was kommt als nächstes? Falschparker? Hunde-ohne-Leine-Ausführer?

Noch kranker als die Idee ist nur, dass sie auch angenommen wird.

Santana

Jörg widmet mir einen Santana-Link, und ich werfe einen traurigen Blick auf die Gitarre, die ohne Bridge und ohne Saiten in der Ecke steht und um meine Aufmerksamkeit bettelt. Jaja, alte Freundin, es dauert ja nicht mehr lang. Wenigstens kommen deine Verletzungen von einem veritablen Fest und nicht von einem Wutausbruch wie bei deiner Vorgängerin, die nach mehreren Pirouetten mit einem letzten dissonanten Aufseufzen an einem Sessel zerschellt ist.

Nein, diese Geschichte erzähle ich jetzt nicht.

that voice. like a candle in a dark room.

Irgendwo

Zu wenig Schlaf. zu viele Träume. Endlose Zimmerfluchten, in denen ein Fest stattfindet. Fremde Leute und einer, der mir mit dem Messer nachläuft. Flucht durch seltsam traumvertraute Landschaft und eingesperrt in einem Zimmer, weit weg von dort, wo die Nachtsprünge stattfinden.

Irgendwo muss diese Gegend existieren, die immer wieder in meinen Träumen auftaucht, in guten wie in schlechten. Wenn ich nur wüßte wo. Ist schön dort, wenn grad keiner mit dem Messer rumwedelt.

Puch

Zinfandel

Da fällt mir ein, dass ich am Donnerstag zum ersten Mal Gelegenheit hatte, den oft besungenen Zinfandel zu kosten, Geschmackseröffnung der beglückenden Art, ist das denn überhaupt Wein? Oder die wahre irdische Umsetzung des Götterbesungenen Nektars? Dank an Trurl für diese und andere Erfahrungen!

Eben noch

(c) Markus Reithofer
War ich nicht glücklich, eben noch?
Frei schwebende Grundexistenz
ohne jeden Ballast.
Sonnenblickdurchdrungen,
Funkengestöbergebräunt.
Unvorstellbar vergangen
alle gestrigen Leben.
Undenkbar weit weg etwaige morgen.

Nur Lächeln und da sein,
mehr wird nicht verlangt. Noch gegeben.

Grasgrün und Himmelblau. Neongelb
und bunt. Musik und Motoren.
Gehen als hätte man
alle Zeit der Welt.

Fliegen als wäre das
ganz normal.

Nachrichten nur von einem anderen Stern.
Kann nicht derselbe sein, auf dem ich war.
Dort wird nicht geschossen, und nichts
explodiert.

Heute schon wieder zu viele Nullen und Einsen
Aschenbecher füllen sich. Wohlgefühle
ziehen sich in die Erinnerung zurück.

Worte, gestern noch ungebunden
einherschwebend, greifen sich
schwerer, sind kaum noch zu
fassen. Zu schade. Schon wieder
daheim.

Mufti, mürrisch [Datum ungefähr]

Mufti, hungrig [Datum ungefähr]

Mufti, aufmerksam [Datum ungefähr]

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