Bachmannpreis 2012 – Tag 2

Inger-Maria Mahlke kommt aus Hamburg, lebt in Berlin und lässt in Ihrem Videoportrait bunte Gummibälle hüpfen und taucht sie in Farbe um eine Schachtel von innen zu bemalen. Ihr Text (Auszug aus einem längeren Text) hat keinen Namen, sie wählt die “du”-Form, die ich an sich nicht sonderlich mag. Es geht um sinnliches, Brotbacken in einer Backstube zuerst. Ein seltsam unsinnliches Kind ist auch dabei. Dann der Wechsel in die Sex-Industrie, geheimgehalten vor dem Kind, schließlich ein klammheimliches Verschwinden. Ein starker Text zum Morgen.

Die Jury ist sehr sachlich und freut sich durchgehend über die Abwesenheit von Moral, das “du” wird ausführlich diskutiert. Zitate:
Jandl: “Kein Ikea-Du, sondern ein Arbeiterklassen-Du”.
Winkels: “Das du, das ihr grammatisch das verlorene Gesicht zurückerstattet.”

Cornelia Travnicek lebt in Traismauer und hat einen Bubble-Tea-Shop in Krems, der das Videoportrait behrrscht. Sie hat eine Webseite und twittert. Ihr Text heißt Junge Hunde und erzählt erst einmal von einem toten Hund, dann von Jugend-Dummheiten und einer Jugendfreundschaft und über den jungen Hund. Das alles ist zwar toll geschrieben und auch als Geschichte nett, aber doch eher langweilig. Erst am Schluss mit dem Vater, der ins Altersheim muss, rundet sich der Kreis zu einer Intention. Mir fehlte das Vergnügen beim Zuhören und Lesen unterwegs, die weitgehende Harmlosigkeit ist zu perfekt, um interessant zu sein.

Die Jury ist recht angetan, allen voran Feßmann. Mich nerven zunehmend die Nacherzählungen dessen, was man gerade gehört hat, es waren doch alle Anwesenden schon bei der Lesung dabei.

Olga Martynova kommt aus Leningrad und lebt in Frankfurt am Main. Das Videoportrait beginnt mit russischer Lyrik. Ihr Text “ Ich werde sagen: „Hi!“” erzählt vom halbwüchsigen Moritz, der in das Eismädchen verliebt ist, und von seiner wunderbar skurrilen Familie, die eigentlich ziemlich normal ist. Dazu wunderbare Wörter, das Haarestreichen wird zum Luftkomma, das Eismädchen hat eine Fischchenkontur ums Auge. Gefällt mir. Die halbe Twitteria motzt über ihren Akzent beim Vorlesen, peinlich kleinlich.

In der Jury blamiert sich erstmal Carduff ein bisschen, weil ihr offenbar nicht klar ist, dass es schon vor Martynova nicht-deutschsprachige Autoren in Klagenfurt gab. Ansonsten allgemeines Wohlwollen, zurecht. Lieblingszitat:
Jandl: “Wir erleben sozusagen die Geburt eines Dichters aus dem Geist der Erotik”.

Lisa Kränzler lebt in Freiburg, und ihr Text heißt Willste abhauen.
Sexyness,die im Kindergarten beginnt. Immer nah am Missbrauch. Beklemmend, dicht, und insgesamt ein sehr guter Text, den ich dennoch möglichst schnell wieder vergessen möchte.

Zitat:
Winkels: “Die Sexualität ist das Medium, in dem das Symbolische zirkuliert”

Simon Froehling kommt aus Zürich und hat sein Videoportrait als Briefwechsel gestaltet. Sehr meta.
Sein Text heißt “Ich werde dich finden” und handelt von Niereninsuffizienz, Tod und Organtransplantation und ist voller ungut hölzerner Sätze, weder Geschichte noch Stil werden mir auch nur im geringsten interessant.

Fazit: Mahlke, Martynowa und eventuell auch Kränzler sind offenbar preisverdächtig. Ich bin müde und gleichzeitig irgendwie unzufrieden, wie nach einer halben Mahlzeit. Das liegt nicht an den Texten, das liegt an den gekürzten Lesetagen. Vermutlich wird mir in dieser Sache kaum jemand zustimmen.

Eindrücke anderswo:
Auf der Vorspeisenplatte
In der Sammelmappe
Ein Büchersäufer ist “Klaglos in Klagenfurt”

Bloggt sonst wirklich keiner mehr mit? Die Medienberichte langweilen mich.

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