Bin so maßlos heute

Freue mich riesig über Kleinigkeiten & ärgere mich unnötig heftig über andere ebensolche. Bis eben dachte ich noch, Vollmond wär gestern gewesen. Er sah ja voll genug aus.

Vielleicht hätte ich mich nicht gerade heute nach einer neuen Mittelkalt-Jacke umschauen sollen. Die Ergebnisse der Umschau lagen zwischen “grauenhaft” und “absolut grauenhaft”. Babyrosa und Kackbraun als Farben der Saison? In welchem farblich unzurechnungsfähigen Paralleluniversum bin ich denn jetzt gelandet? Dann noch vereinzelte hellere Ausreißer, deren Farbe ich nur “schmutzigschneebeige” nennen kann. Passt sicher wunderbar zum käsigen Winterteint, solange kein Auto im Schneematsch vorbeifährt – danach könnte man diese Exemplare wahrscheinlich als Tarnanzug in halb schneebedeckten Sümpfen tragen. Aber, “Tarnanzug”? Was red ich? Die Dinger sind so kurz, die gehen nichtmal über den halben Arsch. Zudem scheint der aktuelle vorherrschende Schnitt winzige halbschräge Taschen zu bedingen, denen man niemals den Wohnungsschlüssel anvertrauen könnte, ohne ihn 3x wöchentlich zu verlieren. Zusammengefasst: Die aktuellen Jacken sind potthäßlich, wärmen nur bis zur Hüfte, und sind absolut unpraktisch. Schwarz, länger, und mit Riesentaschen gibt es nur für Ganzkalt. Aber ganzkalt-mäßig bin ich bestens versorgt.

Ein kurzes Glücksgefühl erlebte ich einzig und alleine bei H&M, wo ein beruhigend schwarzglänzendes Exemplar in klassischem Parka-Schnitt (aber eben deutlich edlerem Stoff) sofort meine Aufmerksamkeit erregte. Halblang, 4 große Taschen außen, zwei innen, nach Bedarf tailliert mit Tunnelschnur. Da hing sie, meine neue Mittelkalt-Jacke. Um durchaus leistbare 59,90. Sie war wunderschön. Ich wollte nichts lieber als den kommenden Winter mit ihr zu verbringen. Es schien fast, als ob sie mich anlächelte und mir zuflüsterte “Nimm mich!”. Und das wollte ich, ja: zu diesem Zeitpunkt wollte ich nichts lieber als das. Doch leider hatte die strahlende Schönheit einen winzigkleinen Fehler: Sie hing da ganz allein – und zwar in XS. Und glaubt mir, manchmal kommt es eben doch auf die Größe an.

Nun kann ich, entgegen der Meinung mancher meiner Freunde, durchaus sehr geduldig sein, wenn ich etwas wirklich will. Geduldig genug, um mit dem winzigkleinen Ansichtsexemplar in der Hand durch den mehr als gut besuchten Verkaufsraum zu spazieren (Wirtschaftskrise? welche Wirtschaftskrise?), bis sich ein Verkäufer findet, der sich mein Anliegen anhört und mir dann bedauernd lächelnd mitteilt, das sei definitiv das letzte Exemplar in dieser Filiale. Geduldig genug, um 3 weitere Filialen aufzusuchen, in der Hoffnung, eventuell mehr Glück zu haben. Geduldig genug, um in der letzten (also insgesamt vierten) darauf zu bestehen, dass der (ebenfalls bedauernd lächelnde) Verkäufer (leicht seufzend) endlich doch Nachschau in seinem Computer hält. Offenbar eine ungewöhnliche Aktion, denn nach und nach gesellen sich andere VerkäuferInnen zu der Runde, von denen jedeR Einzelne nach Eckdaten und Aussehen der Jacke fragt. Als ich zum ungefähr 37. Mal Aussehen, (Pseudo-)Label und das Stoff-Feeling der Jacke beschreibe, erinnert sich tatsächlich eine Verkäuferin an so ein Modell, nimmt die Tastatur und somit die Sache in die Hand, und hat das Objekt des Begehrens mit wenigen Eingaben deutlich sichtbar auf den Bildschirm gezaubert.

Trotzdem zuckt sie bedauernd die Schultern. “Das ist ein Vorjahresmodell. Bist du sicher, dass die noch irgendwo in Wien erhältlich ist? Sollte sie eigentlich nicht sein…” – Da verschwand sie vom Horizont, meine heimliche Liebe. Nicht die Verkäuferin natürlich, sondern die Jacke. Mit hängenden Schultern schlich ich heimwärts (nicht ohne mich für die Mühe bedankt zu haben) und versuchte, mich daran aufzurichten, dass ich immerhin noch geduzt worden war. Ein “Sie” in einer solchen Situation hätte mich wohl vollends vernichtet.

Ich schätze, ich werde einfach die kommende Mittelkalt-Saison lang die mitleidigen Blicke auf meine langsam ausfransende 5 Jahre alte Mittelkalt-Jacke ertragen müssen. Das ist definitiv besser als die derzeit käuflichen Alternativen.

[Übrigens hat sich auf dieser (Nicht-)Einkaufs-Tour bestätigt, was ich bei Billa, Spar und Konsorten schon mehrfach festgestellt habe: Wirklich hilfsbereit und interessiert unter den VerkäuferInnen zeigen sich vor allem 2nd-Generation-EinwandererInnen. Nach ausgiebiger Selbstbeobachtung glaube ich, diesbezüglich eine innere positive Diskriminierung ausschließen zu können. Bleibt die Frage: Müssen die so freundlich sein, weil sie sonst gar keinen Job bekommen? Sind sie einfach noch grundsätzlich interessierter? Oder was sonst?]

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