Bob Dylan 2014. So was Ähnliches wie ein Konzertbericht.

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Wir stehen, dicht an dicht. Ich kann Abstände so schlecht schätzen, aber ich habe mich näher an die Bühne gepirscht als seit vielen Jahren. Die gute alte Anhängetaktik: Einfach im Kielwasser der Traktortypen und Typinnen mitschwimmen, so weit es in die erwünschte Richtung geht. Dazu eine Prise links-und-rechtsschaukeln, um den Sichtbereich zu checken. Das eine oder andere freundliche Lächeln, “Du bist einen Kopf größer als ich, darf ich vielleicht vor?” Im doppelt dichten Regenschutz und mit den Jahren deutlich ins Gesicht geschrieben bin ich mittlerweile ziemlich sicher, dass das kein unzulässiger Mädchenvorteil ist. Schön, dass es trotzdem funktioniert.

Der perfekte Platz ist soundtechnisch in der Mitte, vor mir eine recht kleinwüchsige Familie (nur dem Vater muss ich kurz auf die Schulter klopfen, “könntest du vielleicht einen halben Schritt nach rechts…?” Er kann, und tut es freundlich.) Ich sehe, und hören müsste ich auch perfekt. Wenn es denn etwas zu hören gäbe. Der angeblich heuer so pünktlich anfangende Meister lässt sich nämlich Zeit. Ganze 20 Minuten insgesamt. Zeit, um die Bühne ausführlich in Augenschein zu nehmen. Es wirkt ein bisschen wie ein Highschool-Ballsaal, denke ich. Irgendwo rechts steht eine Frauenbüste, ich vermute zuerst, das wäre am berühmten Klavier, aber das steht dann doch weiter mittig. Die dramatisch angeordneten Lichter an der hinteren Wand sind ansonsten die einzige Deko. Sie sind es, die das Ballsaal-Feeling geben, verstehe ich.

Hinter mir reden sie über Social-Media-Kampagnen, vor mir über Schulzeugnisse. Direkt vor der Bühne bläst jemand Seifenblasen, das ist hübsch. Es könnte jetzt langsam anfangen, finde ich. Stattdessen fängt es wieder an zu regnen. Hinter mir stranden (ungefähr) fünf Mädels auf dem Weg Richtung Bühne. Was erst sympathisch wirkt, fängt bald zu kreischen an. Es ist wie bei den Beatles anno 1964. Nur halt ziemlich Scheiße, wenn man es direkt ins Ohr gebrüllt kriegt. Sie werden schon aufhören, denke ich, wir sind doch alle wegen der Musik hier. Oder? ODER?

Falsch. Der Gitarrist kommt auf die Bühne, sie kreischen. Der Gitarrist fängt zu spielen an, sie kreischen. Bobby kommt auf die Bühne, sie kreischen noch mehr. Bobby fängt zu singen an, und ich hör nix, weil die dämlichen Scheißweiber (aber echt jetzt!) immer noch lauter kreischen.

Erst in der Mitte der Strophe legt sich das Gebrüll (“Things have changed”), und ich kann feststellen, dass wir einen wunderbar stimmlastingen Mix serviert kriegen, bassig und weich, dass Meister Bob gut bei Stimme ist und – woah – so gut wie gar nicht nuschelt. Mein erstes Dylan-Konzert, wo jedes Wort zu verstehen war. Außer halt die überkreischten. Das sind gute Voraussetzungen; spüren kann ich es erstmal nicht, zu lange gewartet, zu plötzlich eingesetzt, zu sehr niedergekreischt. Aber, aber… es ist wirklich. Und die helle Bühne, und die dunkle Burg und die Stimme und das viele viele Publikum… und noch ein einzelnes Seifenbläschen, das im Bühnenlicht aufglänzt. Doch, da ist, vielleicht?, ein Haucherl von Magie! Der Meister, untadelig in dunklem Anzug mit hellem Hut, bewegt sich spärlich. Aber er bewegt sich!

“She Belongs To Me”, zartbitter angelegt. Das erste Mundharmonikasolo. Überkreischt. Und als wär das nicht rücksichtslos genug, unterhalten sich die musik-destruktiven Furien zwischen dem Gekreische lauthals darüber, wie cool sie selber ihr Gekreische finden. Ich gebe die Hoffnung auf, dass sie wie angekündigt noch weiter nach vorn wollen, und flüchte von meinem so perfekt angelegten Platz. Natürlich erst beim nächsten Applaus; man will ja nicht mehr Leute stören als unbedingt nötig.

“Beyond here lies nothing” begleitet mich auf dem langen Weg durch die Masse, die Band spielt pure Standards, die Stimme macht den Rest, ich höre erstmals ein Klavier, glaube ich, sehen kann ich nix von dort wo ich grade bin. Eine Ahnung von Fremdeln beschleicht mich, wär ich jetzt nicht doch lieber in meinem trockenen, wärmeren Elfenbeinturm? Ohne Masse? Mit kreischfreier Stereoanlage? Aber ich bin hier. Pfeif der Hund drauf, ich hol mir ein zweites Bier.

Und dann. Passierts. Am Rande des dichten Kerns, ohnehin eher mein Stammplatz bei solchen Konzerten, das Bier noch unberührt in meiner Hand.

Eine dunkelweiche leicht angezerrte Gitarre, das, was man sich unter Analogsound vorstellt. Eine einzelne (Base?)-Drum. “What good am I?”. Die Stimme stark und trotzdem fragend, nachdenklich, unsicher auf philosophische Art, aber ganz und gar sicher in ihrer Musik. Es ist schwer zu beschreiben, was da passiert. Es ist ein bisschen, als wäre ich ganz allein hier, trotz all dieser Menschen, als wäre diese Song, dieser Sound, nur für mich da, in diesem einzigartigen Moment. Als würde der Song genau mein Leben in Frage stellen.  Und das, denke ich, das ist es, was die Magie ausmacht: Dass die vielen anderen, die ja doch da sind, wahrscheinlich auch genau dasselbe Gefühl haben, in genau demselben einzigartigen Moment. Als wären wir alle geboren und durch unser mehr oder weniger hartes Leben gegangen, um genau hier und jetzt zu sein. Mit Mister Bob D. Danke, Universum!

Danach einer der wenigen Bandmomente, die ich aus der Entfernung mitkriege – ein schneller Check ob die Gitarre noch mit dem Klavier stimmt in der Kühle & Feuchte. Allseitiges Kopfnicken, alle Töne stimmen. “Waiting For You” präsentiert sich als beinahe Wiener Walzer in einem Western-Saloon um beinahe vier Uhr früh. Ein leicht beschwipster Lover, der seiner Angebeteten Dinge erzählt, während sie vermutlich längst nicht mehr zuhört. Oder vielleicht gar schon schläft. Ganz wunderbar, und hier beginnt dieses Gefühl, dass diese Musik in ihrer heutigen Ausführung für viel kleinere Konzerte geschrieben ist, und das große Wunder, dass sie trotzdem auch im großen Setting funktioniert.

“Duquesne Whistle”, nja. Was den Song trägt, ist das Vergnügen, was man von der Bühne her spürt. Und das wunderbar schräge Klaviersolo natürlich, das ist schon was. “Pay In Blood”, wieder ein Highlight. Der Song war mir auf der Platte nie so recht aufgefallen, daher kann ich ihn auch schlecht mit dem Original vergleichen, aber vor Ort – intensiv. Rockig. Glaubwürdig. Irgendwie hoffe ich, dass irgendjemand dieses Konzert aufgenommen hat, legal oder illegal, scheißegal – will haben!

“Tangled Up In Blue”, fängt leicht zögerlich an, als würd er sich fragen, ob er das jetzt wirklich singen will. Zarte Akustikgitarre, und die Band lässt sich erst langsam drauf ein, als wären sie schon draußen gewesen und erst langsam wieder hereingetröpfelt. Bob erzählt mehr, als er singt. Bis auf das “…ue” natürlich. Vom Feinsten. Ich bin viel zu weit weg, um das im Detail zu sehen, aber ich stelle mir vor, das “…ue” kam mit Augenzwinkern. Trademark. Ist einfach so.

Dann das unverkennbare Riff. “Love Sick”. Das ist nicht der melancholisch-abgeklärte Lover von Time out of mind, das ist ein trauriger, wütender, verunsicherter Lover, dem man die Liebeskrankheit sowas von glaubt. Und der Gitarrist darf ein bisschen was unstandardmäßiges spielen, samt Solo, das gerne lauter hätte sein dürfen. Wie überhaupt das ganze Konzert, so als Einwurf vor der Pause, relativ leise ankam. Ein Aufruf zum Zuhören? Oder doch eher Beschränkungen von der Location? Man weiß es nicht. “Thankyou” ruft Bob, fast ein bisschen enthusiastisch, und verabschiedet sich dann in die Pause.

Auf dem Weg zum Häusl höre ich von fern wieder die narrischen Gören kreischen. Auch fast ein kleines Wunder, dass die noch niemand mundtot gemacht hat. Danach, die Bühne schon wieder halbhell aber noch leer. Habe mein heutiges Lieblingsplätzchen wieder erreicht und notiere ein paar Sachen am Fon. Eine schwere Pranke auf meiner Schulter, “Aufnehmen ist hier aber verboten.” – “Schreiben aber hoffentlich nicht?” – Der Breitschultrige liest aufmerksam meine Stichwort-Konzertnotizen am Display (Basis dessen, was ich jetzt hier poste, ich bin ja kein Gedächtnisakrobat) und fragt dann verständnisvoll: “Selber Musiker?” – “Manchmal.” – Die schwere Pranke verlässt meine Schulter, der Security nickt freundlich. Ein herzlicher Gruß an alle Verständnisvollen!

Ich könnt’ ja vielleicht noch ein Bier… ach nein, es geht schon weiter. “High Water”. Fast möchte man der Band übelnehmen, dass sie sich so unzeremoniell aus dem Nichts in die zweite Hälfte stürzt, aber verdammt, alles andere ist einfach zu perfekt. Hier wird besonders deutlich, was Dylan so gern macht: Der happy-go-lucky-sound zu einem düsteren Text. Die Musik lässt einen über die Schulter schauen, wo denn nun auf diesem Jahrmarkt Karrussell und Riesenrad stehen, Stimme und Worte erzählen eine ganz andere Geschichte. Darüber würd ich ja gern noch länger schwadronieren, aber hier kommt schon das zarte, slidegitarrige “Simple Twist of Fate”. Nachdenklich-gelassen, zart, ja geradezu zärtlich, erzählt der Barde die Story, die mit einem ebenso zarten Hauch von Mundharmonika endet, als würde ein Zug langsam in den Sonnenuntergang entschwinden, nach Westen also. Immer weiter nach Westen. So könnt es meinetwegen ewig weitergehen. Oder zumindest noch ein ganzes Weilchen.

Aber nur nicht sentimental werden, obwohl es doch so schön wär. Die “Early Roman Kings” waren nicht zimperlich, und die Band ist es auch nicht, mit dem Song. Bob selber am Klavier, und hier wird an diesem Abend erstmals die oft beschworene Song-Dekonstruktion geübt. Auch die: Gelungen!

Und sofort wieder eine Wende. “Forgetful Heart” ist der dunkelste, hoffnungsloseste Song des Abends. Auch so einer, den ich von Platte nie recht mochte. Aber heute! Die Stimme wendet sich zum Hauchzarten, die Mundharmonika begleitet das letzte Aufflackern des imaginierten Lagerfeuers, die Geige, die ich im Live-Kontext ansonsten besonders gerne hasse, bringt das Gefühl unbeirrbar sicher heim. Jetzt hätt ich gerne eine Pause, um dem Gefühl ein bisschen nachzuhängen, aber… Live is live.

“Spirit on the Water”, auf den Song hatte ich mich gefreut, den wollte ich hören, war ganz beglückt ihn auf den aktuellen Setlists zu sehen. War aber nix, für mich also. Irgendwie standardmäßig jazzclubbig runtergenudelt. Meh. Aber, was wär schon ein Dylan-Konzert ohne die eine Standard-Enttäuschung? – Und es blieb bei der einen.

In “Scarlet Town” geht das Licht aus. Also gefühlsmäßig, denn auf der Bühne gaben die Scheinwerfer ihr Bestes. Auf Platte ein sympathischer Dylan-Dylan Song (wie Dylan klingt, wenn er spielt und singt, wie alle glauben, dass Dylan immer schon gesungen und gespielt hat) wird zum dichten Geisterepos auf dem Weg durch die Hoffnungslosigkeit. (Ich muss mir unbedingt mal wieder Masked & Anonymous anschauen. Daran hat es mich erinnert.) (Stimm-schauspielerisch absolut perfekt. Die Band zurückgenommen, aber setzt wunderbare Akzente. Künstlerisch eines der Highlights des Abends.)

“Soon After Midnight” ist heute nicht ganz so soon after midnight, es ist eher schon die Morgendämmerung, in der die letzten Barschwärmer kleinäugig an der Theke hängen. Bob zeigt, dass er auch ein zartes Klavier spielen kann, nicht nur ein funkiges. Und mit dem Gitarristen schäkern. Das Pärchen vor mir erkennt den L’amour-Hatscher als solchen und beginnt zu tanzen. Schöööne Nummer eigentlich, aber ganz so spät ist es ja dann auch noch nicht?

Voll konzertanter Einsatz von Geige, Slide und Rest der Band bei “Long And Wasted Years”. Großartiger Kontrast zur akzentuiert erzählenden Stimme von, jetzt kurz vor der Zugabe sage ich es mal so, His Bobness. Auch so ein Song, den ich bisher weit unterschätzt habe. All Hail to the Bob! Wenn die Vorhersagen stimmen, dürfen wir auf zwei Songs als Zugabe hoffen.

Genau.

“All along the watchtower” mit klassischem Intro, fangt ein bisserl gehetzt an, derfangt sich aber dann, indem er gesangstechnisch Geschwindigkeit in Dringlichkeit umsetzt. Klar kalkuliertes, aber dennoch wunderbar rockiges Chaos im Mittelteil. Ganz entspannt spielen Gitarre und Klavier ein bisschen Fangen miteinander, so dass man schon glaubt, es wäre vorbei, aber dann geht’s noch einmal richtig los. Standards so bringen, als wären sie ganz neu: Kann er auch!

Dann aber, ein neues Stückerl Melodie, das so klingt, als müsste man es kennen. Nochmals ganz intensiv lauschen. Und trotzdem machts erst die erste Textzeile klar: “Blowing in the Wind” hat ein ganz neues Outfit bekommen, eines, in dem ein ganz neues Riff die Hauptrolle spielt, das von Gitarre und Geige und überhaupt allen nach und nach aufgenommen wird. Bis hin zur Mundharmonika, mit der er sichtlich Spass hat.

Und dann würde man (ich!) gerne noch bleiben und hoffen, dass Bobby oder seine Band vielleicht noch ans Lagerfeuer kommen, das man dafür gerne anzünden möchte, Regeln hin oder her. Und selbst wenn sie nicht kommen – ein bisschen abhängen und den vielen Ideen und Gefühlen nachhängen vielleicht?

Aber es ist spät, und der Bus zurück in die Zivilisation wartet nicht, und… naja. See you next time, Bobby! Hoffentlich wieder in so schönem Rahmen und nicht in der grindigen Stadthalle.

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