Bob Dylan: Tell Tale Signs

Schon die Ankündigung der neuesten Bootleg-Series-Veröffentlichung ließ mich die Ohren spitzen, beschäftigt sie sich doch mit einem Zeitraum, der zu meinen Lieblings-Dylan-Perioden gehört. Anders als die meisten Dylanologen kann man mich mit des Meisters 60er-Jahren nicht so sehr locken; vielmehr dagegen mit der zweiten Hälfte der 70er (Rolling Thunder!) und dann wieder ab Oh Mercy. Und Time out of Mind ist sowieso der ultimative Dylan, für mich jedenfalls. Die letzten 2 dann eher wieder ein bisschen weniger. Zu abgeklärt, zu Jazz.

Jedenfalls, allein die Ankündigung von “Alternate Takes” aus der Time out of Mind ließ meine Erwartungen in die Höhe schnellen. Ich hoffte, nicht zu hoch, öffnete ein Fläschchen Zinfandel, entzündete eine Kerze und ein Räucherstäbchen (Nag Champa natürlich) und ließ den Audioplayer seine Arbeit tun.

Die “Tell Tale Signs” beginnen recht harmlos, mit einem sehr vertrauten Stil. Ein bisschen so, als würde ein alter Freund zu Besuch kommen, mit dem man ein Glas Wein trinkt und über die alten Zeiten plaudert. Na gut, bei Kerzenlicht. Mississippi, ja schön, aber gegen die Standardversion austauschen möcht’ ichs nicht unbedingt. “Most of the Time”, ja so mag ich unseren Dylan. Dignity, die Version hab ich schonmal gehört, auch nett. “Someday Baby” gewinnt gegen die Albumsversion durch die veränderte Drumline und die eindringlichere Stimme.

Und dann, ganz ohne Vorwarnung, geht’s ab an den “Red River Shore”. Es ist schwer zu sagen, wo der Track die Kurve kriegt von den ersten, fast ein bisschen peinlich-schmalzigen Takten hin zu dem unglaublichen Staunen, mit der ich am Schluss vor dieser hymnischen Liebessgeschichte sitze, aber eines ist klar: Wer so einen Song 10 Jahre lang in der Schublade lässt, der ist… …Bob Dylan. Mit anderen Worten, der Song, der die Platte wertvoll macht, egal was da sonst noch kommen mag.

Und gleich hinter dieser glücklich glücklosen Emotions-Dampfwalze lauert “Tell Ol’ Bill”. Hätte ich mir die Skip-Taste nicht verboten, ich wäre in Versuchung gekommen, weil das so gar nicht meins ist. That Thin Mercury Sound, glasklar rauchvernebelt, aber irgendwie… nicht mein Ding. Nur dass bei diesem Song der Meister, obgleich nur akustisch im Zimmer vorhanden, diese Geschichte nicht singt, sondern lebt, mit all seiner Stimmenvielfalt, die ihm fälschlich immer noch immer wieder abgesprochen wird. Ein Glück, das mit der Skip-Taste.

Und schon folgt die nächste Wendung, zerrt einen “Born in Time” von der schwarzweißen Straßenkreuzung um 4 Uhr früh direkt in eine Stranddisco mit buntem Sonnenuntergang davor. Um ehrlich zu sein, verstehe ich ganz gut, warum diese Version so lange ungehört geblieben ist. Wir befinden uns also im Jahr 1989, und das Ding klingt ein bisschen nach dem ersten L’amour-Hatscher, der in jeder Landdisko namens Tenne spät in einer Samstagsnacht gespielt wird. Genau richtig, um sinnend in die regenbogenfarben spiegelnde Diskokugel zu starren und sich zu fragen, ob man nicht doch schon vor einer Stunde hätte heimgehen sollen. Genau richtig, um den häßlichen dummen Typen da drüben nicht mehr ganz so dumm und häßlich zu finden. Ein Match für die bekannte Studioversion ist diese bestimmt nicht, aber ein guter Eindruck davon, was mit Dylan alles geht. Und außerdem – Dylanologen bitte weglesen – einfach irgendwie süß.

“Can’t Wait”, mit dem ich in der Albumversion nie recht warm werden konnte, wieder ein absolutes Highlight.Wir sind mitten im Zentrum des Blues angekommen, und egal, worauf man wartet, es wird ohnehin nicht kommen. Sonst wär’s ja kein Blues… Auch der Text erzählt eine ganz andere Geschichte als bisher. In B-Minor. Hier hätt’ ich auch gern nachschauen können, wer da die E-Gitarre spielt, die über weite Strecken wunderbar abgehackt dahinkeppelt wie ein verbittertes altes Barweib, aber sowas steht ja nicht drin in den iTunes-Files.

Everything Broken… deutlicher Fortschritt gegenüber der “Oh Mercy”-Variante, aber naja… man braucht jetzt ohnehin erstMal Zeit, sich zu erholen.

Dreamin Of You – wunderbares Sessionfeeling; der Text immer wieder durchsetzt von Textzeilen, die man schon gehört hat, auf der Time out of Mind vor allem. Dem Song ist etwas Unfertiges eigen, dieser Hauch von Proberaum – Biergeruch und alter Staub. Und auf die Art und Weise, wo man weiß, dass man genau dieses Feeling, diese schwebende, zum Weitergehen ermutigende Unsicherheit niemals wieder erzielen wird, egal wie oft man es versucht.

In “Huck’s Tune” tut Dylan dann wieder das, was er am besten kann: Geschichten erzählen. Und das macht er verdammt gut. Es ist, wenn ich richtig gezählt habe, der dritte Song in der Sammlung mit Bolero-Rhythmus, und jedem, wirklich, JEDEM anderen Künstler, müsste man sagen: “Du, das mit der Hawaii-Gitarre, das geht da gar nicht.” Nur nicht hier, weil da geht’s. – Und dann die Geschichte selbst, ich wollt’ ja hier jetzt extra nicht zu viel über die Lyrics schreiben, aber “Behind every tree, there’s a story to see”, und niemand könnte sie besser erzählen als der alte Mann.

Marchin to the City, jetzt sind wir (sag ich mal so) in einerm Vorgängerversion von “Highlands” gelandet – textlich und melodisch. Der Blues eiert wieder, klassisch und metallen, und vor allem slow. Slooow! Treue Leser wissen, wie sehr ich das mag. Also, wenn’s gut ist. Und das ist es. The train keeps rolling, all night long. Once I had a pretty girl, she did me wrong. Und ich bin verliebt in diesen Song, samt dem halbspaßigen hilflos-Finale.

High Water, muss ich glaubich Mal ganz allein hören. Hört sich eigentlich gut an, ist aber so weit von dem bisher erzeugten Setting entfernt, dass ich wenig damit anfangen kann. Momentan.

(Und das war nur die erste Scheibe) (die ebenfalls entstandenen wortlosen Kritzeleien erspar ich uns jetzt) (und die zweite Scheibe folgt. irgendwann).

[17.10.2008] zweite Scheibe

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