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Unbekannte Nähen

Nach einer langen Arbeitswoche Freitag Nachmittag beschlossen, zu Fuss nach Hause zu gehen. Die üblichen Routen lockten nicht, denn im Wiental war die Auto-Hölle los, und von der Mariahilferstraße war ähnliches zu erwarten. Ich nahm also nach dem immer noch berauschend grünen Park ein Nebenstrasserl und kam so erstmals durch den Schwendermarkt, der von unten deutlich sympathischer wirkt als von der Mariahilferstraße aus betrachtet. Dann bog ich rechts ab und war schnell beglückt darüber, wieder einmal durch ein Grätzl zu mäandern, das ich bislang noch nicht betreten habe.

Die Gegend wirkt sympathisch, bewohnt und bunt gemischt. Kleine Geschäfte, die man gern einmal besuchen würde,  Schichten-Graffiti und … eher  zweifelhafte Einkaufstipps.

Bei letzterem befand ich mich dann in schon besuchten Gegenden, nämlich nahe dem wunderbar wienerischen Gasthaus Quell  und dem Bier-Paradies Hawidere. Es war aber nicht schwer, von dort aus wieder unbekanntere Wege zu finden.

In einem winzigen Park fand sich dann noch sehr Nachdenkliches. Vielleicht sollte man mehr Geschichte(n) an Wände schreiben.

Oh, ist es schon soweit?

Abendstimmung

Spät an den Stammbaum gekommen, doch zwei Mal schwimmen ist noch drin. Wäre gerne länger geschwommen, aber das Wasser ist richtig kühl – als wäre es eine Woche kalt gewesen, nicht zwei Tage. Erstaunlicherweise immer noch kaum Algen, keine Gelsen, nur die eine oder andere verirrte Wespe. Auch wenige Besucher, nur die Stammgäste, die Enten und ein Schwan.

Dass das Übergangshandy so schwache Fotos macht, ärgert mich. Mit langsam kann ich leben, mit wenig Platz kann ich leben. Soll ich derweil jetzt tatsächlich wieder mit Kamera herumlaufen?

Wobei, bei Tageslicht sind sie ganz OK. Ein gruseliges Arrangement aus der Linzer Straße zum Vergleich.

Augustsonntag

Nach bravem Arbeitssonntag trotz Nachmittagsregens doch wieder am Wasser. Wäre zu schade um den August. Wunderbarer Sonnenuntergang, Langwanderung bis zur Reichsbrücke, ein Gläschen Retsina. Zu Fuß noch bis zum Praterstern, und ja: Es gibt noch S-Bahnen, bei denen die Fenster aufgehen!

 

So high war i schon lang nimmer. :)

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Wie wahr, wie wahr!

Bachmannkritzeln.

Am Rande der Großstadt (Journal #74)

Irgendwie hatte ich zwei Ausflugslüste gleichzeitig: Zum einen, wieder einmal (von mir) völlig unerforschte Gegenden zu bewandern, zum anderen, wieder einmal einen richtigen Flohmarkt, einen untouristischen, unbekünstlerten, halt einfach einen Flohmarkt. Flohmarkt.at spuckte zwei Kandidaten aus, die noch dazu in derselben abgelegenen Gegend, nämlich transdanubisch nördlich lagen. Ich beschloss, den äußeren zuerst anzusteuern, dann könnte man ja, falls der unbefriedigend wäre, noch im Vorbeigehen (oder -fahren, so genau wollte ich mich nicht festlegen) noch den anderen mitnehmen.

Zuerst galt es, den Berg Richtung U-Bahn zu erklimmen, und mein Schrittmesser zeigte, lange vor Beginn der eigentlichen Action, fünf erstiegene Stockwerke an. Dass ich die dann wieder mit der Rolltreppe hinunterfuhr; nunja, das ist so die Natur der U3 in den Hügelbezirken.  Mit der U3 bis Stephansplatz, mit der U1 in die Leopoldau. Ich wunderte mich etwas darüber, dass Google Maps meinte, man könnte noch ein paar Stationen mit dem Bus fahren, wohingegen qando nur ein Sammeltaxi zeigte, fand aber keine Busstation mit den passenden Nummern, und zum Anrufen hatte ich ohnehin keine Lust. Ich gab also die Adresse in Maps ein und wunderte mich gleich noch zwei Mal: Zum einen über die vorgeschlagene Richtung, zum anderen über die Wegzeit von 50 Minuten, weil ich vom vorherigen Blick auf die Karte eher so an 25-30 Minuten gedacht hatte. Aber seisdrum, die Sonne scheinte, der Himmel produzierte vereinzelte Flauschwölkchen, ich hatte die Ewig-Latsch-Sandalen an und eine Flasche Wasser im Rucksack. Es konnte also eigentlich gar nichts schiefgehen.

Während ich so marschierte, links von mir die Bahntrasse, rechts erst Schrebergärten, dann richtige Gärten, wurde mir schnell klar, was da schiefgelaufen war: Ich hatte qando mit der Adresse des einen, Maps aber mit der des anderen Flohmarkts gefüttert, war also so weit wie möglich in Richtung des einen Flohmarkts gefahren, um jetzt in Richtung des anderen zu gehen. Dieser kleine Irrtum hätte sich nun wirklich leicht beheben lassen, es gab da nur ein kleines Problem: Ich hasse es, umzukehren und zurückzugehen. Und wenn es nur ein paar hundert Meter sind. Und außerdem – alles so bunt hier! Auch wenn die Mohnblumen erst einmal hinter Gittern sind.

Ich notierte, oder versuchte es zumindest, ein paar Eindrücke mit der Speech to Text Funktion, weil ich keine Lust hatte, dazu stehen zu bleiben.

Die Luft riecht nicht nach Mai sie riecht nach Juli mindestens wenn nicht August Punkt im Park sitzt einer schon mittags beim dir nicht ungewöhnlich in dieser Gegend ruyada beim Bier nicht bei mir und unglaublich süßer Duft von Blumen die Gärten gepflegt ich würde jemand kommen um sie zu beurteilen als nicht ich. Absatz nein das wird Nixe
Jetzt weiß ich wieder, warum ich die so selten nutze. Vergessen wir das und wenden wir uns den mittlerweile befreiten Mohnblumen zu.

Auf der anderen Straßenseite eine neue Schrebergartensiedlung, und ich grüble wohl einen halben Kilometer weit über deren Namensgebung. Ich meine, natürlich muss man sich sein Mini-Paradies erst schaffen, bevor man es bewohnen kann, aber das – das klingt doch irgendwie schwäbisch.

Mittlerweile hätte ich schon längst unter der Bahn durch sein sollen, aber da, wo Maps mir das Abzweigen nahelegte, war keine Unterführung gewesen, oder vielleicht war sie winzig und ich hatte sie vor lauter Mohnblumen übersehen. Ich beschloss, erst einmal nicht die Karte zu Rate zu ziehen. Irgendwo da ganz vorne verschwanden die wenigen Autos, die mich überholt hatten, nach links. Das wäre dann wohl meine Richtung. Ich fotografierte noch ein paar Mohnblumen.

Und dann andere Sachen, mit Mohnblumen.

Ich weiß selber nicht, warum dieses Aufeinandertreffen von Natur und Industrie immer so eine immense Faszination auf mich ausübt, aber ich glaube, ich könnte den Rest meines Lebens damit zubringen, solche Kontraste zu fotografieren. Gerne auch in schwarzweiß. Nur dann halt ohne Mohnblumen.

Übrigens war da kürzlich ein ganz spannender Artikel über den Schritt von der Schwarzweiss- zur Farbfotografie auf Petapixel, ohne den wäre ich vielleicht gar nicht auf die Idee mit s/w gekommen.

Die Straße war lang, der Weg war weit, und ich begann mich zu fragen, ob „niemals zurück“ nicht vielleicht manchmal doch etwa übertrieben war. Aber da kam dann endlich eine Unterführung. An der Wand ein kiffender Vogel, den ich auch mitnahm. Gab ja sonst nicht so viel abzulichten, außer halt den Mohnblumen.

Die Geleise, die ich bislang links von mir lagen, lagen – auch weiterhin links von mir. Google Maps meinte nämlich, ich soll so abbiegen (ja, ich habe geschummelt), und so traf ich auf den Stacheldraht von damals, der allerdings ganz ohne Sonnenuntergang nicht so eine dichte Suggestivkraft entwickeln kann. Nicht einmal in Schwarzweiß mit bröckeligem Mauerwerk.

Ich nahm einen Schluck aus der Wasserflasche, dann marschierte ich weiter. Wieder gartelte und schrebergartelte es, irgendwie entzückend die Unterschiede: Wo sich der eine ein Mini-Disneyland hinbaut, begnügt sich der andere mit einer windschiefen Hütte und zwei Gartenliegen. Ich fragte mich, ob daraus schrebergärtliche Konflikte entstehen, und wenn ja, wie die dann aussehen.

Bald sah ich den Bahnhof Leopoldau von der anderen Seite. Der Blumenbewuchs wurde etwas vielfältiger, in der Ferne gab es die ersten Hochhäuser zu erspähen.

Es war ziemlich warm, und ich hatte Lust auf Kaffee. Mein Wasser war lauwarm, mein T-Shirt deutlich zu warm. Trotzdem genoss ich die eigenartige Stadtrand-Landschaft, Schrebergärten auf der einen Straßenseite, Büros und Industrie auf der anderen. Seltsam eigentlich, hätte ich aus irgendeinem Grund diese elendslange schnurgerade Straße entlanggehen müssen, dann hätte ich endlos frustriert daran gedacht, wie viel schöner es jetzt doch am Wasser wäre. Aber ich musste ja nicht; genaugenommen hätte ich jederzeit in die jetzt durchaus wieder nahe U-Bahn einsteigen können, um ans Wasser zu fahren. Also ging ich weiter, jetzt wieder ohne Karte, in Richtung Hochhäuser. Dort würde es ja wohl irgendwo einen Kaffee geben, und vorher noch den Bankomaten, den ich brauchte, um den Kaffee bezahlen zu können.

Zunächst einmal gab es  aber viele Düfte, am öftesten und intensivsten dufteten die kleinen weißen Buschblümchen, deren Namen ich nicht kenne, dazwischen aber auch immer wieder Rosen, ab und zu Grillereiduft, einmal ein ordentlicher Schwall Benzin von einem wohl auffrisierten Moped. Dann noch den Chlorgeruch eines Sommerbades, der einen die Sommergeräusche fast hören lässt, obwohl es heute still war. Heißer Sand vom Sportplatz. Und dann noch ein Haus mit Zitat, das man nur zur Hälfte lesen konnte, wegen der wunderbar wuchernden Vegetation.

Zu Hause nachgeschlagen: Es ist Kafka, den man hier verewigt hat.

Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereitliegt, aber verhängt, in der Tiefe unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. (Franz Kafka, Tagebucheintrag 1922) (Schöne Hintergrundgeschichte in der NZZ)

Vor Ort, noch ohne den ganzen Text zu kennen, erst einmal beeindruckt davon, dass man Zitate an Wände schreibt und sie dann von grünen Bäumen halb zuwachsen lässt, man sieht das auf dem Foto nicht, aber auch wenn man direkt davor steht, kann man nicht das ganze Zitat lesen. Das ist symbolisch, metaphorisch, einfach ganz wunderbar. Oder ich habe einen beginnenden Sonnenstich und deliriere, heiß genug dazu wärs.

Was mich in die Gegenwart zurückbringt. Kaltes Wasser! Kaffee! Und ein Klo wär vielleicht langsam auch nicht schlecht. Ich frage eine junge Frau nach dem nächsten Bankomaten, sie weist mir freundlich den Weg. Drüben hinter der U-Bahn-Station im Einkaufszentrum.

Das Einkaufszentrum gehört zur Großfeldsiedlung, da war ich schon einmal, vor halben Ewigkeiten, bei einem Ripoff-Konzert. (Ich bin ziemlich sicher, damals irgendwas darüber gebloggt zu haben, aber ich finde nix. Seltsam.) Heute herrscht hier Sonntagsleben, Familien in der Konditorei, Typen mit Bierdosen am Kebabstandl, und endlich ein Bankomat. Die Konditorei ist mir aber zu dicht besetzt, um einen Kaffee zu trinken, Klobedürfnis hin oder her. Ich befrage nochmals die Karte, und 12 Minuten bis zum Ziel, dem Flohmarkt, ist sehr OK. So OK, dass ich erst einmal auf einer Bank im Schatten ein Zigarettchen rauche.

Dann weiter. An einer Tankstelle vorbei, an der Vorstadtjungs ihre Vorstadtautos waschen, als hätte sich seit den 70-er Jahren nichts verändert. Außer den Autos natürlich, die haben sich deutlich verändert. Drüber der Kreuzung ein McDonalds, da kann man gut aufs Klo und die Wasserflasche gegen eine kalte austauschen. Ersteres gelingt, zweiteres scheitert daran, dass ich nicht die geringste Lust habe, mich anzustellen, auch wenn die Schlange nur drei Leute lang ist.

Außerdem ist da drüben ja schon der Flohmarkt, am Parkplatz des besonders großen Möbelhauses. Es ist ein Flop-Flohmarkt, das ist mir schon klar, bevor ich noch ganz da bin. Viel Platz und kaum Leute. Fast hätte ich mehr Lust, den unerwarteten Hügel auf der anderen Straßenseite genauer anzuschauen, aber – wozu war ich denn dann stundenlang unterwegs?

Ich schlendere an den Ständen entlang und spüre deutlich das Ambiente von „Jetzt steh ich schon 6 Stunden da und hab noch immer nix verdient“, das ich so gut von früher erinnere, bevor wir lernten, wie man schon im Vorfeld Flop-Flohmärkte aussortiert. Im Angebot erstaunlich viel Klamotten, erstaunlich wenig Bücher, außer ein paar zweifelhaften (nazi-zweifelhaft). Bisschen Hausrat, viel Kinderspielzeug, Nippes, immerschonbilliger Modeschmuck. Ich erspähe einen Knopf, der gut zu meinem Grünen Stricktuch passt, und daneben noch eine Handvoll Knöpfe, die meine schon seit langem imaginierte Strickjacke, für die ich allerdings noch nicht einmal die Wolle habe, perfekt machen würden. Und dann sind da noch zwei, die mir erst einmal so gefallen. 6 Euro will die Dame dafür, das ist mindestens das doppelte von dem was das Zeug wert ist, und ich hole tief Luft um mit dem Gegenangebot anzufangen, und dann atme ich wieder aus, seufze ein bisschen und bezahle sechs Euro. Zu gegenwärtig ist mir noch das Gefühl, den ganzen Tag in der heißen Sonne herumgestanden zu sein und dabei nicht einmal die Standgebühr verdient zu haben. Aber damit ist natürlich klar, dass ich nicht flohmarktfit bin an diesem Tag, also besser wieder gehen sollte.

Ich nehme meine Knöpfe und hol mir noch ein Sprite am Würstelstand, aus dessen Boxen kelbrigsüßer deutscher Pseudo-Country träufelt, und werde ein bisschen sentimental dabei. Ein paar Stände weiter wollen sich ein paar hauen, wohl weil einer gesagt hat, die Ware des anderen wäre gestohlen. Ich mache einen Bogen und nehme dann doch noch ein Mantelkleid mit, 15 Euro, hätte man mit etwas Geschick sicher um 10 haben können, auch wenn das sichtlich nachträglich angebrachte Etikett etwas von 115 Euro  Originalpreis erzählt. Die 5 Euro, das ist der Kaffee den ich nicht getrunken habe und die Leberkässemmel die ich nicht gegessen habe, das ist schon OK.

Dann kurz unsicher, soll ich jetzt Richtung U-Bahn gehen oder mir doch diesen Hügel anschauen, der in der flachen Gegend höchst deplaziert wirkt? Ich nehme natürlich den Hügel, auf dessen anderer Seite auch noch sowas wie ein Teich sein soll, der Karte nach. Aber der Hügel ist dicht eingezäunt, und die Straße verliert nach ein paar hundert Metern ihren Gehsteig.  Ob da wohl noch was in die Richtung abzweigt, in die ich will, bevor es richtig in die Pampa geht?

Ich lass es drauf ankommen. Schließlich gibt es auch hier wieder jede Menge Mohnblumen zu fotografieren.

Zum Glück finde ich eine Abzweigung. Und dann doch noch etwas anderes zum Fotografieren.

Von dort weg hätte ich dann durchaus einen Bus genommen, hatte mir doch mein Fitnessarmband sowohl für die Schritte als auch für die Stockwerke bereits doppelte Pflichterfüllung gemeldet. Das Schild an der Busstation erzählte aber, dass der Bus hier sonntags nur einmal in der Stunde fährt, und dass er vor 10 Minuten gefahren war.

Und so marschierte ich brav weiter, vorbei an immer neuen Schreber- und sonstigen Gärten, mit Sonntagsdüften und Sonntagsgeräuschen. Vorbei am leeren „Nudelimbiss“, bei dem der Koch mit dem (vermutlich) Kellner alleine beim Bier saß. Vorbei am Parkplatz, auf dem jemand gerade das autofahren lernte. vorbei an Häusern und Hochhäusern und unendlich vielen lebendigen Leben. Bis zur U-Bahn-Station Rennbahnweg, wo ich mir nicht ganz sicher war, ob ich da jetzt ein Graffiti sehe – oder vielleicht doch mein eigenes erschöpftes Spiegelbild.


Kartenansicht

Natürlich hätte ich dann nicht auch noch vom Karlsplatz zu Fuß heimgehen müssen, aber irgendwie fehlte mir die Lust auf die Straßenbahn zu warten. Und so habe ich dann unerwartet doch noch die 20.000 Schritte geknackt.

 

 

Fremde Welten (Journal #68)

Nachmittags führte mich ein beruflicher Event ins mir ansonsten eher unbekannte Ottakring. Diese Geschichte wird demnächst anderswo zu lesen sein, aber einen Besuch beim Klaghofer kann ich wirklich allen Fleischliebhabern nur empfehlen, auch dann, wenn dort gerade keine Grillparty ist.

Mit Fotos und Informationen im Kasten und allerlei Köstlichkeiten im Bauch beschloss ich, doch noch etwas für meine Fitness zu tun und den Heimweg zu Fuss anzutreten. Der Abend war lau und das Licht pastellig, es war einfach zu schön für Straßenbahnen mit getönten Scheiben.

Ohne Onkel Google nach dem Weg zu fragen, ging ich nach Gefühl in Richtung Innenstadt und fand erst einmal die Gablenzgasse. Die war zwar sehr breit und für einen Samstag unangenehm dicht befahren, erweiterte aber meine Landkarte Wiener Sportvereine um einen, von dem ich noch nie etwas gehört hatte.

Eigentlich hätte ich, also gefühlsmäßig, ein Stückerl nach rechts gehört, aber da rechts keine Straße abging, ging ich halt nach links. Dort wartete die Herbststraße als klassische Vorstadtgasse, schmäler und ruhig, also warum nicht?

Eine wenig bekleidete Dame wartete über dem Eingang der Mode- und Bekleidungsschule wohl auf steile Klamotten, aber das tat sie am Samstag wahrscheinlich vergeblich. Die Kuh am Parkplatz dagegen war bereits einwandfrei gestyled.

Von da an wurde die Herbststraße weniger bunt und sehr gerade. Sonnenuntergangslicht, leichter Wind und der Duft nach Gegrilltem weckten dieses unwiderstehlich glückliche Urlaubsfeeling, obwohl sich links und rechts von mir die Gemeindebauten grau in grau  aneinander reihten – und sonst so ziemlich nichts. Ich war dennoch  irgendwie zufrieden. Aus einem Innenhof trug man Lautsprecher und Instrumente, während an der Ecke ein hagerer Typ mit langen Haaren seine Djembe streichelte, als wäre das Konzert einfach nicht lang genug gewesen. Vor dem nächsten Gemeindebau ein Denkmal, das ich gern fotografiert hätte, aber das hätte wohl zu Kommunikation mit der wie gemalt hin drapierten Gruppe Jugend geführt, die dort mit Bierdosen lagerte, und kommuniziert hatte ich für diesen Tag wahrlich schon genug. Auf der anderen Straßenseite hatte sich eine Schulklasse mit van Gogh beschäftigt und dabei, möglicherweise irrtümlich, Warhol-Anklänge geschaffen.

An der nächsten Gemeindebau-Kellerstiege saß, mit baumelnden Beinen, ein Mädchen, vielleicht 16, vielleicht 18, ein Bier rechts von sich, eine Flasche Wasser links von sich, ein Buch in der Hand. Unsere Blicke trafen sich, und ich war schlagartig sicher, dass sie dort auf jemand wartete, von dem sie schon wusste, dass er (oder sie?) nicht kommen würde. Ich hätte mich ja dazugesetzt, um die Geschichte zu hören, aber die Füße waren schon wieder schneller.

Der Abend, die fremde Gegend und die heute tatsächlich wieder zärtliche Gleichgültigkeit der Welt erlauben es, auch Dinge wieder neu wahrzunehmen, an denen man (ich) sonst eher achtlos vorübergeht.

Etliche Schritte weiter werden die Häuser anders. Männer, Frauen und Engerln bewachen und stützen die mehr oder weniger abgeblätterten Fassaden.

Die Gegend ist übrigens auch voller ausgesprochen trauriger Pinguine.

Während ich darüber nachdenke, dass es hier ja nur bergab geht, und ich daher keine Stockwerke auf meinem Schrittezähler verzeichnen werde können, kommen aus einem Haus zwei kopftuchtragende Mädels und diskutieren darüber, ob der Amir aus der Klasse über ihnen jetzt auf die eine oder doch eher auf die andere steht. Wir gehen in die gleiche Richtung, sie ein paar Schritte hinter mir, daher kriege ich eine ausführliche Liste aller Anzeichen, von heruntergefallenen und wieder aufgehobenen Bleistiften bis zum Pfiff von der Ecke, der, wie sich die beiden einig sind, zwar ein bisschen unanständig aber doch sehr eindeutig gewesen ist. Als ich stehen bleibe, um ein architektonisches Detail zu fotografieren, das mir irgendwie nicht wirklich in die Gegend passt, überholen sie mich erst, kommen dann aber ein paar Schritte zurück und schauen, was ich denn da fotografiere. „Siehst du das?“ sagt die eine, „ich wohne hier schon immer, aber das habe ich noch nie gesehen!“

 

Bitte, gern geschehen. Der Blick geht halt leichter nach oben, wenn man niemanden zum Plaudern hat, aber ob nun das eine oder andere angenehmer ist, darüber ließe sich streiten.

Weiter bergab wird es wieder lauter, die Lokale, die oben gefehlt haben, häufen sich hier, als wären sie den Berg hinunter gerutscht. Aus allen Ecken tönt Jugopop, aus den Fenstern quillt kalter Zigarettenrauch, aber nicht unangenehm, eher wie ein Gruß aus der Jugend. Am Gürtel schließlich ein erfrischender subversiver Ton.

Am Mausi-Tempel stauen sich Samstagsausflügler, und plötzlich und völlig unerwartet habe ich Lust, ins Kino zu gehen. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal im Kino war, aber man kann ja einmal einen Blick aufs Programm werfen? Drinnen lenkt mich die laute, bunte Spielhalle ab, sodass ich das Kino erst einmal gar nicht sehe. Natürlich sind die Bildschirme mehr und größer und schärfer geworden, dennoch erinnert mich das gut besuchte Eck an Flipper- und Tischfussball-Hallen meiner Jugend. Ich fahre drei Stockwerke nach oben, an Kulinarik aus aller Welt vorbei. Beim Japaner sitzen die Liebespaare, beim Vietnamesen und beim Burger-King die Familien, die Bar dagegen bleibt leer. Den Schildern nach finde ich schließlich das Kino wieder ganz unten. Von keinem der Filme auf der Tafel habe ich bislang irgendwas gehört, und irgendwie klingen die Titel nicht sehenswert, auch wenn der Popcornduft verlockend bleibt.

Ich gehe wieder. Beim Queren des Gürtels meint mein Knie, dass es jetzt vielleicht langsam doch genug wäre mit der Latscherei, doch weder das Gemüt noch der Rest des Körpers wollen zustimmen. Also geradeaus die Burggasse runter, dann rechts ab in die Neubau, und dann bin ich ja eigentlich eh schon daheim.

In der Burggasse noch ein deutlich sympathischeres Kino: Das Admiral. Hier hängen neben den Plakaten kurze Beschreibungen der Filme, und einen davon würde ich mir tatsächlich gern anschauen, aber – was mache ich mit den fünf Viertelstunden bis dahin? Dass ein Film tatsächlich zu einer festgelegten Zeit beginnt, erscheint mir einen Augenblick lang völlig absurd, und das macht mir plötzlich und unmittelbar bewusst, wie sehr die Vergangenheit vergangen ist. Auch die Idee, in irgendeinem Schanigarten noch irgendwas zu trinken, ist gar nicht mehr verlockend. Dabei hatte ich es mir oben im 16. doch eigentlich fest vorgenommen: Irgendwo einkehren und zuschauen, wie die Leute vorbeispazieren, damit nicht nur ich immer irgendwo vorbeispaziere. Aber ich spaziere lieber weiter. An der Mariahilferstraße noch ein Veganista-Eis, Banane und schwarzes Kokoswasser, ersteres unendlich köstlich, zweiteres kann nicht mit den begeisterten Beschreibungen mithalten, die ich darüber gehört habe.

In der Kaunitzgasse finde ich ein Sonnenuntergangswölkchen, und während ich Eis, Fotoposition und Handy ausbalanciere, glitscht mir das Gerät aus der Hand und holt sich am Asphalt einen ordentlichen Sprung am Display. Noch Stunden später wundere ich mich darüber, dass mich das kaum aufregt. Und dabei war das Wolkerl gar nicht so toll.

100 x 100 (59)

Heute hab ich mir zwei Stunden geklaut und war im botanischen Garten, Fotos fangen. Das war zwar nicht ganz frei, weil ich die Fotos demnächst für ein anderes Projekt brauche, hat sich aber doch frei angefühlt. Und gut, weil ich das in den letzten Monaten sträflich vernachlässigte Makro noch durchaus beherrsche. Unterwegs, nicht zu warm nicht zu kalt, ziemlich zufrieden. Das Fitnessarmband auch endlich wieder befriedigt. Danach wieder an die Arbeit, schließlich ist ja Tag der Arbeit. Neben Fussball arbeiten hat immer schon Spass gemacht, hoffentlich wird das Spiel nicht allzu spannend.

OK, ein Foto geht noch (Nix für Arachnophobiker).

Wenn ich so etwas sehe…

…befällt mich unvermittelt das Bedürfnis, mich mit einer Fläche Whiskey mitten auf den Platz zu setzen und Charles Bukowski vorzulesen.

What is Love?

Frühlingsspaziergang ohne Frühling

Ein überraschend ausgefallener Vormittagstermin versetzte mich in die glückliche Lage, die Nachmittagsarbeit mittags schon erledigt zu haben. Zwar hätte ich noch reichlich nachlegen können, aber man will ja weder die ToDo-List durcheinanderbringen noch das Fitnessarmband enttäuschen. Also wagte ich mich in den etwas wärmeren, aber dennoch tristgrau-feuchten Donnerstag, im Kopf vage Ideen. Vielleicht doch mal einen neuen Kochtopf besorgen, vielleicht ein paar Fotos mit heim bringen, vielleicht einen kleinen Imbiss unterwegs, und, ach ja, seit mein Strickkörbchen durcheinandergekommen ist, wollte ich ja auch ein Nadelmass besorgen, denn momentan stricke ich Pi mal Daumen (was erstaunlich gut funktioniert).

Ich schlug erstmal den Weg zum sympathischen halbtürkischen Allesundnix-Laden ein, in dem ich letztens ganz gute Kochtöpfe gesehen hatte, kam aber zu dem Schluss, dass man etwas schweres wie einen Kochtopf doch eher am Ende des Spaziergangs kaufen sollte. Stattdessen ging ich ins Handarbeitsgeschäft gegenüber und fragte nach dem Nadelmass, das die Dame aber auch nicht vorrätig hatte. Sie empfahl mir an dessen Stelle das Werkzeug, mit dem Installateure ihre Rohre messen, aber ich vermute, dass das etwas mehr kostet als ein Karterl mit Löchern drin.

Ich spazierte die Reinprechtsdorfer bergab, dann die Schönbrunner stadteinwärts, mit Zeit genug für offene Augen. Den Lokalen wachsen, dem Wetter zum Trotz (es nieselt schon wieder), doch langsam Gastgärten. Nur vor den Blumengeschäfte sichtet man Frühlingsblumen, immerhin die schon schön bunt. Im Schaufenster eines Tätowierer-Ladens stehen Blumentöpfe mit knallgelben Primeln malerisch um einen furchterregenden Ton-Totenkopf drapiert. Ein Radfahrer fährt bei Rot über die Ampel, und ich grantle ein wienerisches „Rot gilt auch für dich!“ hinterher. Der Dame hinter mir, die meint, die Ausländer würden sich ja so und so an keine Gesetze halten, muss ich leider erklären, dass heimische Radfahrer die Verkehrsregel-Ignoranz mindestens ebenso gut beherrschen.

Fast könnte einem sowas die Laune verderben, doch da lockt schon wieder ein spannendes Schaufenster. Das Pannino e Vino, jahrelang eher unscheinbar, hat sich zu einer schinkengefüllten Spezialitätenhöhle gemausert. Da könnte man doch einen kleinen Imbiss…? Ich rufe den Herrn Sufi an, der jedoch aus dietätischen Gründen ablehnt. Eh besser, bin ich doch gerade erst bei der Hälfte der angepeilten Schrittzahl.

In einem Schaufenster begegnet mir ein Leinenkleid in einem Rot, das ganz ideal zu meiner Henna-Haarfarbe passen würde. Der Kaufvorgang bringt ein unerwartet spannendes Gespräch mit der Dame des Geschäfts, die, wie sie erzählt, trotz ihrer 80 Jahre noch mindestens einmal die Woche im Laden steht, und auch sonst sehr frisch geblieben ist. Geschichte und Politik findet sie spannend, letztere aber auch ein bisschen besorgniserregend, kürzlich hat sie sich ein iPad zugelegt und versucht ihre Altersgenossinnen zu überzeugen, was das für tolle Möglichkeiten birgt. Dass alle immer jammern, versteht sie überhaupt nicht: Die Leute wüssten ja nicht, wie es früher einmal war, und wie es anderswo ist. Uns geht es ja gut, ist sie überzeugt. Nur der Umgang der Politik mit kleinen vs den großen Geschäftsleuten gefällt ihr nicht; die kleinen würden gepiesakt, wohingegen die Konzerne ihre Schäfchen ungestört ins Trockene bringen können. Wo sie recht hat, hat sie recht!

So geht Altwerden, denke ich, als ich mein neues Kleid ins Nasse trage, denn der Regen hat etwas zugelegt. Aber auf der Margaretenstraße kann man gut von Dach zu Dach huschen, und sollte es noch schlimmer werden, kann man ja immer noch irgendwo hinein gehen. Nächster Stopp: Wollgeschäft! Nadelmass!

Allein, das Wollgeschäft existiert nicht mehr. Das Schaufenster ist leer, und an der Tür nur ein lapidares „geschlossen“. Das habe ich nun davon, denke ich, dass ich eher in andere Bezirke in besser sortierte Läden oder gar ins böse Internet gegangen bin, um Wolle zu kaufen. Wenn man dann doch einmal etwas aus der Nähe braucht…

Kurz überlege ich, zum Trost bei Veganista einzufallen und vielleicht das neue Dattel-Eis zu probieren, aber meine Finger sind kalt, und mein Hunger will gerade eher salzig. Ins POS vielleicht? Oder ins Blue orange? Doch an der Querstraße lockt optisch der Naschmarkt, und ja: Da war ich doch seit dem Herbst nicht mehr! Zwar ist es schwer, am bestsortierten Buchgeschäft des Grätzels vorbeizugehen (wer weiß, wie lange es das noch gibt, wenn ich auch heute wieder kein Buch kaufe), aber der Stapel der noch Ungelesenen Käufe neben meinem Bett spricht eine deutliche Sprache.

An verlockenden Ideen vorbei erreiche ich den Markt.

Der Naschmarkt, mit allen seinen Düften, mit vertrauten und exotischen Genüssen, ist trotz der immer noch unpassenden Souvenirgeschäfte immer wieder eine Augen- und Nasenfreude. Mir scheint gar, dass die Touristenfallen gegenüber der Zeit kurz nach dem Umbau etwas zurückgegangen sind. Erstaunlich sind ja die immer wieder neu erfundenen, bis dahin unbekannten Spezialitäten, die eines Tages auftauchen, sich über den Markt verbreiten und dann meistens langsam wieder verschwinden. Voriges Jahr (oder vielleicht schon vorvoriges?) war es die Wandererschnitte, Früchte und Sesam und Kakao in gepresster Form. Sie hat die Saison überstanden und ist auch in diesem Jahr noch überall präsent. Neu hingegen, und immerhin schon an drei Ständen gesichtet, scheint mir heuer der strahlend blaue Lavendelkäse. Obwohl mir das Heidelbeer-Lavendeleis letztens ganz ausgezeichnet gemundet hat, will ich mir den Lavendel in Kombination mit Käse geschmacklich nicht vorstellen, aber vielleicht tue ich der Innovation ja Unrecht.

Ich wechsle aus dem Markt- in den Kulinarik-Gang, wo unter den Markisen die Heizschwammerln ihr Bestes geben.  Man könnt ja vielleicht ein koreanisches Supperl, oder ein paar Sushi…? Ich bin unentschlossen und erreiche so das Marktende, wo im ehemaligen Fischgeschäft ganz neu die Rinderwahn-Burger angeboten werden. Das kann man doch ruhig einmal probieren. Ich bestelle einen Cheeseburger und ein Cola, bezahle, und erhalte einen Dongle, der piepsen wird wenn der Burger fertig ist, und einen Zettel mit dem Code für die Getränkemaschine. Ersteres finde ich pfiffig, letzteres eher überdrüber. (Wär OK, wenn das ein Refillable wär, aber wegen eines einzigen Bechers?). Anyway, bevor ich mich noch entscheiden kann, ob ich die aus Europlatten gezimmerten Gastgartenmöbel cool finde oder nicht, piepst schon mein Dongle.

Der Burger ist ein durchaus feiner. Das Verhältnis zwischen Brötchen, Salatgarnitur, Sauce und Fleisch ist mengenmäßig perfekt. Das Brot leicht angetoastet (großer Pluspunkt), die Garnitur frisch, die Sauce gerade richtig üppig. Das Fleischlaberl ist von guter Qualität, wobei es von mir aus gern etwas weniger durch und etwas gewürzter hätte sein können – aber ersteres hätte man vermutlich dazusagen, letzteres mit den frei verfügbaren Zusätzen am Serviettentisch beheben können. Kann man jedenfalls genussvoll essen, und auch das Preis-Leistungs-Verhältnis passt gut.

Während ich so recht zufrieden an meinem Burger nage, wird das Nieseln stärker. Man hätte den Burger nehmen und sich unter ein Dach zurückziehen können, aber verdammtnochmal! Wenn ich so schon zum ersten mal in diesem Jahr im Freien genieße, will ich gefälligst auch richtig im Freien genießen. Schließlich ist der erste Freiluft-Genuss des Jahres auch eine symbolische Handlung: Der Schritt aus dem beschränkten eigenen Wohnungsleben in die Draußen-Welt voll Leben und Licht. Also setze ich mir einfach meine Kapuze auf und esse etwas schneller.

Danach wieder durch den Naschmarkt zurück mäandert. Vor einem Gewürzladen liegt Henna, mit arabischen Buchstaben beschriftet, und weil ich mit der Intensität der kürzlichen Färbung nicht ganz zufrieden bin, geh ich hinein und frage, welches der Päckchen denn nun das kräftigste Rot verspricht. Der junge Mann hinter der Theke wirkt leicht überfordert. Er zeigt auf das eine Packerl und sagt: „Feuer!“, dann auf das andere: „Kupfer!“ – „Aber welches ist stärker?“ frage ich. Er seufzt und fragt dann auf arabisch einen Schatten im hinteren Teil des Ladens, der sich ächzend erhebt und nach vorne kommt. Der Mann sieht aus, als hätte er nicht erst die Kreuzzüge, sondern schon den Bau der Arche höchstpersönlich miterlebt, aber er nimmt ein Päckchen in jede Hand und erklärt mir dann, ausführlich und nachvollziehbar, in stark akzentuiertem aber ansonsten einwandfreiem Deutsch, die Lage. Die Feuer-Packung ist zwar eigentlich die stärkste, wirkt aber nur richtig auf hellem Haar. Die Kupfer-Packung dagegen ist für meine Haare (er schaut prüfend) vermutlich die bessere, außer (er schaut wieder prüfend) ich möchte Grau überdecken (ein dritter prüfender Blick), aber danach sähe es ja nicht aus. Ich bedanke mich für die gute Beratung und greife zu Kupfer. Er mahnt mich noch zur Vorsicht. Länger als zwei Stunden, und es würde richtig gefährlich rot. Genau das ist der Plan, entgegne ich, und er grinst und zeigt mir den Daumen hoch, bevor er wieder im Schatten verschwindet. Ich werds dann demnächst mal mit drei Stunden probieren.

Ein Stückchen Naschmarkt habe ich noch, und ich bin schon wieder ganz zu Hause in den bunten Gerüchen. Vor mir jetzt ein sichtlich genierter Wiener mit einem sichtlich illuminiertem Gast, der mit slawischem Akzent alle paar Schritte „Wodka! Wir brauchen Wodka“ verlangt. Ich gehe langsamer, um nichts zu verpassen. Der ganze Naschmarkt, Standler wie Besucher, deutlich amüsiert. Man zeigt sich durchaus hilfreich. Glühwein gäbe es, Bier gäbe es, Raki gäbe es. Aber halt keinen Wodka. Nicht einmal der Dr. Falafel, bei dem im letzten Jahr immer ein paar Flaschen Spezial-Wodka auf der Theke standen, kann helfen. Am Ende der Standln, wo das Mädchen mit den Nüssen dem Mann eine Gratiskostprobe anbietet, klingt er sehr resigniert und fast ein bisschen weinerlich. „Ich will doch nur Wodka!“ wiederholt er ein letztes Mal, und nimmt doch eine Handvoll Nüsse. Vielleicht als Trost.

Für mich wird es Zeit, links abzubiegen. Als ich durch die Gassen und Gässchen Richtung Heimat strebe, wird das Nieseln zum Regen, und der sogar kurzfristig zu einem Guss. Schirmlos kann ich nur versuchen, mich zwischen den Tropfen durchzuschummeln, was nicht ganz gelingt, und so erkenne ich schnell, dass „nicht kalt“ noch lange nicht warm bedeutet. Also statt angedachten Freundschaftsbesuchs nach Hause geeilt. das Fitnessarmband ist längst befriedigt, selbst bin ich satt und zufrieden und freue mich auf ein Wetter, das mir erlaubt, mein neues Kleid in die Welt zu tragen. Der Kochtopf, ach. Der hat noch Zeit.

Ich mag diese Stadt. Sagte ich das schon?

Mal was xundes backen. :)

#yesican-arsch & #noicant-hand

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