KategorieChronik

Lebensmüde?

Der Typ, der auf seinem Klapprad schon zum dritten Mal um den Block fährt und dabei in monotonem, aber kräftigem Singsang “Endlich san’s draußen, die Scheiß-Türken” intoniert, ist entweder lebensmüde – oder er weiß nicht, wer hier aller in der Nachbarschaft wohnt.

Lasst mich in Ruhe, verdammt nochmal!

Nicht ein einziger Tag in letzter Zeit, an dem nicht irgendjemand entweder telefonisch oder an meiner Wohnungstür hilfreich & freundlich versucht, mir mein Geld ganz persönlich abzuknöpfen. Heute der bisherige Rekord: Kaum 2 Uhr nachmittags, und ich hab schon den Dritten abgewimmelt.

9:30, das Telefon klingelt. Eine freundliche Frauenstimme fragt mich, wann sie den nun den Berater vorbeischicken soll, der sich mit mir darüber unterhalten wird, ob ich all meine Versicherungsangelegenheiten auch optimal geregelt habe. Nicht ob sie ihn vorbeischicken soll, sondern ganz so, als hätte ich eine Beratung bestellt und es stünde nur mehr der Zeitpunkt zur Diskussion. Als ich ihr sage, dass sie ihn gefälligst gar nicht vorbeischicken soll, ernte ich ein ungläubiges “Aber warum? Wir können ihnen sicher helfen.” – “Sollte ich Hilfe brauchen, melde ich mich.” sage ich und lege auf, während sie weiterspricht. Und das vor dem Frühstückskaffee! Ein Glück für die Tante, dass ich meinen milden Tag hatte.

11:15, das Telefon klingelt. Ein Mitarbeiter einer, das sei unbenommen, guten und wichtigen Hilfsorganisation säuselt mir erst einmal ins Ohr, wie toll und wie großartig es ist, dass ich ihnen ab und zu eine Spende zukommen lasse. Als ich ihn nach drei Minuten bitte, zu Sache zu kommen, weil ich nicht den ganzen Tag Zeit habe, erklärt er mir, wie viel besser und großartiger es wäre, wenn sie meine Spenden in Zukunft per Bankeinzug abbuchen dürften. Weil ich die Organisation nach wie vor für gut und wichtig halte, bleibe ich mit meinem “nein” freundlich. Das kostet mich weitere 3 Minuten.

13:45, es klopft an der Tür. Ein Mitarbeiter eines alternativen Telefonanbieters fragt mich, ob ich nicht gerne billiger telefonieren würde. Er fragt mich, warum ich lache. Ich sage ihm, dass er schon der dritte ist, der mir heute irgendwas aufschwatzen will, und dass er genau so wenig Erfolg haben wird wie die anderen beiden. Er sagt: “Aber sie würden doch sicher gerne um 30% billiger telefonieren?” Ich erkläre ihm, dass ich mein Festnetz so gut wie nie benutze und daher nicht interessiert bin. Er sagt: “Aber es ist nächstes Monat um 30% billiger!”. Ich sage: “30% von null ist auch null”. Er: “Aber billiger!”. Ich mache kopfschüttelnd die Tür zu.

Da sind die 20-30 Spam-emails, die täglich reinkommen, ja noch erträglich dagegen. Obwohl ich mich darüber auch oft genug ärgere.

Furchtbar fruchtbar

Der volle Mond übrigens, der heute die Proben furchtbar fruchtbar und mich seltsam abgehoben erscheinen ließ, der hat sich gar nicht sehen lassen. Nur indirekt als Wolkenbescheiner und Nachtlichtgeber. Diese feige Nuss.

Wendezugstörung

Eine Wendezugstörung hat mich heute eine Stunde meines Lebens gekostet. Und dann auch wieder nicht. Schließlich habe ich den Großteil der Stunde, die mir die Wendezugstörung geklaut hat, gemütlich tratschend verbracht. Und das gibt es auch nicht alle Tage.

Eine Wendezugstörung liegt dann vor, wenn ein Triebwagen in einen Kopfbahnhof einfährt und mangels Kommunikation mit dem bis dahin letzten Waggon nicht rücklings aus dem Kopfbahnhof ausfahren kann. Das habe ich heute gelernt.

Gut so. Jeden Tag ein neues Wort. Auch wenn man das Wort vermutlich im ganzen Leben nie wieder brauchen wird. Aber: Was weiss man schon.

Wenn nun so eine Wendezugstörung vorliegt, müssen die östereichischen Bundesbahnen eilends nach einem zweiten Triebwagen suchen, den sie an das Ende des Zuges hängen. Und das kann dauern.

Wenn dann der wendezugstörungsbedingt verspätete Zug mitten in der Nacht mitten in der Pampa stehenbleibt, bemüht der wendezugstörungsbedingt vom Heimgehen abgehaltene Bahnhofsvorstand nicht mehr die Mikrophonanlage. Stattdessen öffnet er die Tür zum Warteraum und sagt mit beinahe übers Kinn hängenden Augenlidern: “Ihr Zug kommt gleich”. Das wirkt sympathisch unprofessionell und erinnert mich trotz anderer Location daran, dass ich einmal eine Kurzgeschichte schreiben wollte zum Thema: Ein Tag im Leben des Bahnhofsvorstands von Rekawinkel.

Vielleicht mach ich das noch.

Irgendwann.

Taxi Driver

Nein nein, ich kann mich nicht beschweren, der Tag war in Ordnung. Eigentlich sogar ganz gut. Der Ausgang der morgendlichen Fussballspiele hat mich nicht in tiefste Verzweiflung gestürzt. Die Temperatur in meiner Wohnung ist um ca. 5° (auf 32°) gefallen, ein Vorgang, den ich nur ungern als Abkühlung bezeichnen möchte, der den Schlaf jedoch zumindest möglich erscheinen läßt.

Außerdem waren die Proben heute erfolgreich und vielversprechend, und auch im Zug sind mir keine besonders anstrengenden Mitmenschen begegnet, weder besoffene Prolos, denen ich hätte widersprechen müssen, noch hilflose nicht-deutschsprachige Mütter mit Kindern, die man aus Freundlichkeit doch bis zur richtigen Straßenbahn begleitet. Der etwa 70-jährige Opa, der sein leises Singen mit rhythmischem Klatschen begleitete, den ganzen Weg von Rekawinkel bis nach Wien West,  war gegenüber früheren Erlebnissen in der Bahn geradezu herzerfrischend.

Der Taxifahrer schliesslich, den ich – vorsichtig, wie man in dieser Stadt wird – bereits vor dem Einsteigen gefragt hatte, ob er einen Hunderter wechseln könnte – er konnte nicht – war ein Wiener Original, wie man sie außerhalb des Kaisermühlen-Blues kaum mehr zu Gesicht bekommt. Ich solle zum Dragan gehen mit meinem Hunderter, sagte er, der Zeitungsverkäufer, der könne immer wechseln. Meinen wohl ungläubigen Gesichtsausdruck beantwortete er mit einem freundlichen “Jo, gengan’s nur, gengan’s.”

Ich ging, und während ich ging, fand zwischen dem Taxifahrer und Dragan eine heftig zwinkernde Kommunikation statt, die mich, wären im Umkreis nicht mindestens 20 Leute gewesen, ziemlich misstrauisch gemacht hätte. Der Taxifahrer erklärte mir später ohne weitere Nachfrage meinerseits, er hätte dem Dragan erst sagen müssen, dass das in Ordnung gehe mit meinem Hunderter, der Dragan würde nämlich nicht jedem, der da so vorbeikommt, ganz einfach einen Hunderter wechseln.

Dragan wiederum nahm meinen Hunderter huldvoll entgegen, hielt ihn gegen das Licht, betastete den Streifen und beleuchtete den Schein schliesslich mit einer blauen Lampe, allerdings keiner ultravioletten, sondern einer simplen blauen LED-Lampe, wie ich sie auch an meinem Schlüsselbund habe. Er betrachtete während der letzten Phase auch nicht den Schein, sondern mich, es handelte sich also um eine psychologische Prüfung: Wäre der Schein falsch gewesen, hätte ich angesichts der blauen Lampe wohl höchst nervös werden müssen.

Er war aber nicht falsch, und so erbarmte sich Dragan und gab mir 10 Zehner, damit ich ins Taxi steigen und am Ziel den Taxifahrer bezahlen konnte.

Währenddessen fragte ich mich, ob Dragan wirklich Dragan heißt, oder ob für jemand wie den Taxifahrer, der den Dialekt der untersten Wiener Schublade spricht, jeder schmächtige dunkelhaarige Typ mit Schnauzbart Dragan heißt. Aber ein solcher Gedanke ist ganz bestimmt nur ein Klischee.

Ich stieg ein, und der Taxifahrer begann sofort zu reden und hörte erst wieder auf, als wir vor meinem Haus standen. Eigentlich ein geringer Preis dafür, dass er ganz ohne Richtungsangaben meinerseits zielstrebig und auf kürzestem Weg die genannte Adresse ansteuerte. An der ersten roten Ampel gerieten wir in einen Filmdreh – hätte man meinen können. Es war aber nur ganz und gar Wien.

Ein vom Alkohol offensichtlich ziemlich beeinträchtigter Mitbürger torkelte über den Zebrastreifen, ließ sich in dessen Mitte auf die Knie nieder und begann, ein Heurigenlied zu singen. Möglicherweise (die hoch erhobenen, gebetsartig verschränkten Hände ließen darauf schließen) war es auch ein Kirchenlied, das durch den dichten Alkoholnebel wie ein Heurigenlied klang.

Jäh unterbrochen wurde die Darbietung durch – meinen Taxifahrer, der seinen Vortrag über Dragan unterbrach (Dragan würde ihm jeden Tag 6 oder 7 Mal Geld wechslen, man könne also davon ausgehen, dass diese Zeitungsverkäufer unverschämt reich seien), schnaufend das Fenster hinunterkurbelte und brüllte: “Hoit die Goschn du Trottl”. Der Betrunkene sang ungerührt. Der Taxifahrer brüllte weiter “Heast, schleich di!”, und der Sänger schlich, vermutlich mehr wegen der umschaltenden Ampel als wegen der Beschimpfungen.

Einer von den Bettlern sei das, die regelmäßig am Bahnhof stünden, erklärte mir der Taxifahrer, und dann, eher philosophisch-sinnend als politisch-verurteilend, dass all diese Sandler auf ihre eigene Weise eigentlich glücklich seien, den ganzen Tag unterwegs, mittags kommt der Caritas-Bus mit Gratissuppe, und für einen Doppler Wein reiche die Schnorrerei immer.

Glück sei eben ein dehnbarer Begriff, führte er weiter aus, ihm solle nur niemandem erzählen, er sei Alkoholiker geworden wegen der Weiber, er selbst sei auch seit 15 Jahren geschieden und habe keineswegs zu saufen angefangen. Meine Zweifel an dieser Aussage, geschürt durch die deutlichen roten Äderchen auf Nase und Wangen, behielt ich für mich. Ich wäre auch gar nicht zu Wort gekommen.

Geschieden, als die jüngste seiner drei Töchter die Matura gemacht hat, sagte er, aber er habe sich nicht unterkriegen lassen sondern stattdessen eine Klassenkollegin eben jener jüngsten Tochter geheiratet, mit der habe er jetzt eine 12-jährige Tochter, die Frau sei eigentlich auch zum Vergessen, aber was soll man machen, er würde durchhalten, wenn man Kinder in die Welt setzt, müsse man sie eben auch großziehen.

Nicht wegen der Rede, sondern wegen der schon selten gewordenen Ortskenntnisse kriegte er ein ordentliches Trinkgeld von mir, was ihn dazu animierte, sich mit einem galanten “Küss die Hand, gnä Frau” von mir zu verabschieden. Ich flüchtete sehr erleichtert in meinen digitalen Elfenbeinturm.

Bei wieviel Grad schmilzt eigentlich Elfenbein?

 

[Alte Kommentare]

Elfenbein

Elfenbein zählt zu jenen Substanzen, denen der erlösende Übergang in den flüssigen Zustand verwehrt bleibt: Ehe seine Moleküle rasch genug schwingen können, um den flüssigen Aggregatzustand zu erreichen, brechen sie auseinander und bilden diverse Abbauprodukte, die je nach Temperatur und Sauerstoffzufuhr bis hinab zu Kohlendioxid reichen. So wird sich denn der chronistische Elfenbeinturm demnächst in Rauch und Asche verwandeln, um als letzte Manifestation einfach nur zum Treibhauseffekt beizutragen…

Trurl, 23.06 20:07

Wie schade!

Ich hätte auf eine malerisch langsam herrunterrinnende Substanz gehofft, ungefähr sowas wie Kerzenwachs…

Chronistin, 24.06. 12:04

 

Es war die Nacht der Alarmanlagen

Kein Gewitter hier, dafür heftige Windböen. Resultat: Sämtliche erschütterungsgesteuerten Alarmanlagen im Bezirk spielten verrückt. Ausgelaugt von den letzten Nächten habe ich trotzdem geschlafen. Die heulenden, quietschenden und tutenden Geräusche trugen allerdings ihren Teil zu einer apokalyptischen Traumkulisse bei.

Schlaflos in Margareten

Ich bin ein Fan der herrschenden Temperaturen. Ich liebe es, wenn die Luft so warm und träge ist, dass sich das Gehen anfühlt, als würde man schwimmen. Kaum ein Temperaturunterschied zwischen Haut und Umgebungsluft: Das Gefühl mit der Welt zu verschwimmen. Die Grenzen zwischen innen und außen verlieren sich.

Es ist einfach wunderbar.

Was aber bei der derzeitigen Wetterlage deutlich nicht geht, ist, bei geschlossenem Fenster zu schlafen.

2 Uhr früh

Ich sinke ziemlich müde ins Bett. Zimmer- und Gangfenster sind offen. Ein angenehmes Lüftchen streicht durchs Zimmer. Ich liege auf der Decke statt darunter. Von irgendwoher weht ein U2-Song. Ich beginne zu schweben. Fliege durchs geöffnete Fenster mit ausgebreiteten Armen eine Runde über die dunkle Stadt. Wie schön das ist! Etwas klirrt fürchterlich.

2:30

Oh, das war ja schon ein Traum. Von der Straße kommt begeisterter, falscher, trunkener Gesang. Der Urheber ist vermutlich auch für das Klirren verantwortlich. Ich bleibe liegen und lausche dem sich entfernenden Gegröle, das nach einer Weile in ein Röcheln übergeht. Schwer zu sagen, ob er gerade am Ersticken ist oder sich nur kräftig auskotzt. Ich forsche nicht weiter nach. Es wird wieder still.

Es ist das Meer, das rauscht. Eben war ich noch alleine, doch jetzt liegt der eine, der alle ist neben mir. Der Sand ist angenehm trocken unter dem Rücken. Wir sprechen nicht. Wir berühren uns kaum. Fast ein perfekter Moment. Wenn dieser Presslufthammer nicht wäre. Da wird wohl irgendwo ein Hotel gebaut?

3:10

Natürlich kein Presslufthammer: Es ist nur ein Auto mit einer erstklassiger Stereoanlage und einem Besitzer ohne Musikgeschmack. Man verabschiedet sich lauthals, um die Musik zu übertönen. Der Fahrer gibt ein paar Mal kräftig Vollgas, bevor er mit quietschenden Reifen verschwindet. Sein Glück, dass ich keine Pumpgun besitze.

Im dunklen liege ich und rauche. Irgendwo gegenüber schnarcht jemand kräftig. Ein Frühaufsteher unter den Vögeln probiert schon einmal die Stimme aus. Ich stelle fest, dass es jetzt kühl genug ist, um es mit geschlossenen Fenstern zu versuchen. Ich schliesse die Fenster & krieche zurück ins Bett.

3:55

Ohne akustischen Grund wache ich auf. Die Luft umringt mich wie ein Stahlgerüst. Das Zimmerthermometer zeigt 44 Grad. Seufzend mache ich die Fenster wieder auf.

Der Frühaufsteher-Vogel hat zwitschernde Gesellschaft bekommen. Die Dämmerung hat schon eingesetzt. Ich liege lange und erstaunlich zufrieden in einem Zustand, der sich hellwach anfühlt und doch schon fast Schlaf ist.

4:30

Kaum hat sich mein empfindliches Gehör an das Gezwitscher gewöhnt und läßt es als Hintergrundgeräusch gelten, als plötzlich Krähenschreie dazwischengellen.

Krähen? Im Juni? Sollten die jetzt nicht in Russland sein?

Sind sie nicht. Erfreulicherweise wechseln sie nach etwa einer Viertelstunde den Straßenzug. Sehr erleichtert gleite ich wieder in meinen leichten Sommerschlaf.

5:45

Es ist ganz deutlich Donnerstag. Daran läßt das kräftige Geschepper der Müllabfuhr nicht den geringsten Zweifel.

6:00

Und der Verkehrslärm ist mittlerweile zu laut, um ihn zu ignorieren. Ich schließe das Fenster zur Straße hin und lasse das hofseitige offen. Man muss alles ausprobieren.

8:15

Leider geht der Hof über in das Gelände eines Autohändlers, wo zum guten Morgen jemand die Startschwierigkeiten seines Motors demonstriert. Das Fenster muss auch zu. Endlich schlafe ich.

10:30

Meine Hand liegt in der Glut eines Lagerfeuers. – Natürlich nicht. Es ist die Sonne, die an den Jalousien vorbei den Weg in mein Bett gefunden hat.

Die Fenster müssen auf.

Der Himmel ist lila

Nicht orangesonnenuntergangsfarben, nein: Der Himmel ist knall-lila. Und meine Kamera will nicht. so ein Jammer.

Bedenklich…

Bedenklich ist, wenn man den Bedarf nach einem neuen Computer daran erkennt, dass es einfach zu mühsam ist, aufzustehen, eine CD rauszusuchen, sie in den CD-Player zu legen und die Anlage aufzudrehen. Ja. Auf meinem “Restgerät”, das von allen kaputtgegangenen (nein, ich schreib das zusammen) Teilen befreit ist, mit 4GB Festplatte, habe ich natürlich kein 3,5GB großes MP3-Archiv, an das ich mich in letzter Zeit so richtig gewöhnt hatte. Aber das ist kein Grund. Wo ich doch zur Zeit sonst nichts mache, das den Bedarf nach einem stärkeren Gerät rechtfertigt.

Ich meine, ich könnte natürlich ganz andere Dinge tun mit einem ordentlichen Kübel. Ich sollte natürlich ganz andere Dinge tun. Demovideos schneiden. Neue D.-Band-Tracks ins Netz stellen. Zumindest die Kubaseiten fertigmachen. Naja, das ginge ja grade noch, wenn ich mich dazu überreden könnte, die Bilder von CD zu bearbeiten. Von meinem alten, klapprigen CD-Laufwerk, das sich alle 10 Minuten überlegt, ob es eine bestimmte CD als solche erkennt oder nicht. Hab ich aber keine Lust drauf. Ist ja kein Arbeiten, so.

Aber das ist alles Theorie. Weil in Wahrheit tue ich zur Zeit nicht einmal die simplen Dinge, die ich mit meinem Notgerät ohne weiteres tun könnte. Also alles, was nur mit Buchstaben zu tun hat. In Wahrheit tue ich zur Zeit nämlich gar nichts. Außer misstrauisch in meinen Körper hineinzuhorchen, ob er jetzt endlich wieder Ruhe gibt oder ob da vielleicht noch ein Wehwehchen nachkommt.

Das ist ja nun auch kein Zustand. Da will ich doch mal abhelfend in mich gehen.

Wallander ist nie jung gewesen

Was haben wir aus diesem Tag gelernt, fragt mich der Sufi, und während er seine eigenen, zulässigen, ja: für die weitere Lebensgestaltung unerläßlich wichtigen Schlüsse zieht, denke ich: Ich habe auf jeden Fall gelernt, dass man aus einem mittelalten Kommissar keinen jungen Spund machen kann, einfach so. Wenn ich, so ganz persönlich und ohne Gedanken an profanen Nutzen, noch etwas gelernt habe, dann das, dass ich nie wieder ohne Digitalkamera aus dem Haus gehen werde. Was könnte ich jetzt alles zeigen… die Bilder, ach, die Bilder.

Was so ein Tag alles in sich tragen kann, von versuchten halbgaunerischen Immobilientransaktionen bis zu stundenlangen halbtrunkenen Lobliedern auf das Reisen im Allgmeinen und Vietnam im Besonderen. Wie man sich freuen kann, erkannt zu werden. Wie Menschen, die man seit vielen Jahren kennt, plötzlich eine ganze neue Seite haben. Wie das kommunizieren mit Fremden doch immer wieder funktioniert. Aber, und dabei tief einatmen, verlassene Riesenräder in der Abenddämmerung. Und dann, jetzt bitte ausatmen, dieser Möchtegernparagleiter auf dem einzigen Hügel weit und breit. Und dort, hat mal jemand eine Zigarette?, dort serviert man Hendln unter der Platane und Budweiser dazu, nein, nicht im Prater, viel gemütlicher, nur diese dummen Gelsen (Schnaken?), was solls, da kommt der Wind, schon sind sie dahin.

Die Flugzeuge, sage ich zum Sufi, nachdem wieder einmal ein heftiges Getöse von oben mich mitten im Satz unterbrochen hat, weißt du was? Seit ich nach Wien gekommen bin, habe ich immer in der Einflugschneise gewohnt, das muss einen Sinn, eine tiefere Bedeutung haben, immer waren meine Wohnungen direkt im Landeanflug der dicken Brummer, bis auf diese kurze Zeit da im zwölften (dem 12. Bezirk, in Wien denkt man in Bezirken). Immer sind sie über meine Wohnstatt geflogen, immer habe ich geträumt wo sie herkommen, wer wohl da drinnen sitzt und warum, immer habe ich ihnen von unten auf den Bauch geschaut, und in dem Haus, das wir uns heute angeschaut haben, ist es genau so. Das muss doch etwas bedeuten? Der Sufi glaubt nicht, hört mir aber trotzdem zu, als ich ausführe, dass seit kurzem, also so seit etwa einer Woche, das Flugaufkommen sich deutlich erhöht hat, und dass und warum ich das beurteilen kann, und wie der Anflug eines Jumbos mit vier Triebwerken sich unterscheidet von dem der kleineren Maschinen, und dass ich noch nie so viele Propellermaschinen gehört habe wie in der letzten Zeit. Das muss doch etwas zu bedeuten haben? Der Sufi glaubt nicht.

Dann kann man sich auch noch über Literatur unterhalten, wenn der Wind durch die Blätter streift, wenn es eigentlich schon viel zu kühl ist aber doch noch zu schön um schon hineinzugehen. Da kann man wunderbar über TCBoyle und DeLillo tratschen und nebenbei, in Halbsätzen, über Wohnsituationen und deren mögliche Finanzierung. Da stört auch ein verirrter Drehorgelspieler kaum, und der halbe Harley-Davidson Club in Leder-und Jeansjacken mit bunten Stickern ist eine fast erwartete Kulisse, da drüben gibt es übrigens des Sufis Lieblingsbier, womit ich besser leben könnte, wenn die Gäste nicht so laut und falsch singen würden, aber das Bier ist leider aus und daher bleibt uns auch die Geräuschkulisse erspart.

Und die Bilder, ach, die Bilder: Von kaiserlicher Arbeiterhütte über strizzihaltigen Vergnügungspark bis hin zur späten Nachtmusik in uralter Stammkneipe. Beleuchtete Bäume und Neonschriftzüge. Fachwerkarchitektur und ein Internetpuff. Wie schade, das hätte ich zu gerne festgehalten. Vielleicht beim nächsten Mal.

Ach ja das Buch, das Buch ist nicht schlecht, nur ist Wallander halt nie jung gewesen. Das gibt’s. Ich kenne solche Leute: Die schon mit zwanzig älter sind, als ich mir jemals vorstellen kann zu werden. Jaja. So haben wir alle etwas gelernt, jeder auf seine Weise. Und die Nacht ist noch nicht einmal in der Mitte.

Pfingst…

Ich sitze in meinem hellen gründurchwachsenen Zimmer. Das Fenster ist offen und draußen ist nichts. Ein Nichts, das langsam anschwillt, es wird Abend, die ersten kommen zurück von ihren Ausflügen, Autos werden geparkt, Türen klappen zu. Aber nur vereinzelt. Irgendwo gegenüber spielt jemand Gitarre, hab ich auch noch nie gehört in dieser Gegend. Die Rauchwolke vom ersten Zug meiner Zigarette bildet einen perfekten Kringel, natürlich sollte ich nicht rauchen, schon gar nicht mit diesen Bronchien, aber was soll man schon.

Woanders gegenüber brüllen sich zwei an, immer wieder, ein Streit mit langen Denkpausen. Dann wieder ein Kofferraumdeckel. Ab und zu regnet es, winzigkleine Tropfen, kaum zu erkennen außer daran, dass die Straße langsam feucht wird. Mein Duschabfluss ist verstopft, dem ist mit Pumpen nicht beizukommen, da muss kräftig Rohrfrei rein morgen, sobald die Geschäfte aufsperren, Umwelt hin oder her. Wie friedlich es ist, wenn das Telefon nicht läutet. So einen wunderschönen kreisrunden Rauchkringel gibt’s immer nur beim ersten Zug von der Zigarette, da kann ich probieren, soviel ich will. Entgegen aller Erwartungen sprießt im bislang dunkelerdigen Blumentopf tatsächlich eine kleine grüne Nase, genauer besehen eine Doppelnase. Es wird mir doch nicht wirklich gelingen, einen madegassischen Mini-Baobab mitten im fünften Bezirk zu züchten?

Da unten probiert jemand sein Handy aus, sämtliche Melodien der Reihe nach, schrill, nervig, hartnäckig. Ein kleiner Spaziergang wäre angesagt, um zu sehen, wie der känkliche Körper darauf reagiert, aber ich mag meine Burg nicht verlassen. Hier zwitschern immerhin Vögel in den Alleebäumen, mitten in der Stadt. Der Gitarrenspieler ist ans Fenster gekommen und hat “Leck mich am Oasch!” auf die Straße hinuntergebrüllt. Vermutlich meint er den mit dem Handy. Das Mädel zwei Fenster weiter mit dem Buch in der Hand hätte vor Schreck beinahe das Gleichgewicht verloren. Hat sie aber nicht. Stattdessen sucht sie kopfschüttelnd und weit hinausgebeugt nach dem Urheber des Schreis, der allerdings samt Gitarre schon längst wieder verschwunden ist.

Es ist ein friedliches, ruhiges Sein in diesem halben Genesungszustand, jetzt, wo der Kopf zu schmerzen aufgehört hat, eigentlich sehr angenehm. Frei von “sollen” und frei von “wollen”, das viele Fernsehen verschwimmt mit dem Rest des Lebens, sodass eigentlich alles in beruhigender Ferne vorbeizieht, wie ein Film auf der Scheibe eben. Und die Träume sind bunt, Tagträume wie Nachtträume, nicht alle Geschichten müssen erzählt werden, nicht alle Märchen aufgeschrieben, manche gehören mir allein und das ist besonders schön.

Das Rauschen von der Hauptverkehrsstraße schwillt unmerklich aber stetig an, wie das Meer, wenn ein Sturm kommt. Ein paar Kinder peppeln einen Ball die Straße entlang. Nicht, dass ich die Gegend lieben würde, aber ich habe mich ziemlich daran gewöhnt. Deshalb ist es gut, alles in der Schwebe zu lassen. Veränderung heißt nicht notwendigerweise Verbesserung. Zuviele Dinge müssen bedacht, zuviele Möglichkeiten erwogen werden.

Da freu ich mich fürs erste lieber an den Kleinigkeiten, daran, dass die D.-Band endlich im Soundpark angekommen ist zum Beispiel.

Fieber

Abfallprodukte der TV-Produktion, die bei einer Mindest-Körpertemperatur von 38,5° plötzlich eine unerwartete Spannung entwickeln:

– Matlock

– Richterin Barbara Salesch

– Mord ist ihr Hobby

– Diagnose: Mord

Selbst in diesem Zustand nicht erträglich:

– Alle deutschlandproduzierten Soaps

Wird Zeit, dass ich wieder gesund werde.

Bürgerwehr

Wer bei der Bürgerwehr Mitglied werden will, muss sich einer Schulung durch einen Verhaltenstrainer unterziehen, sagt Initiator Alexander Lozinsek. Bei der Auswahl ist man offenbar besonders vorsichtig. Anfangs sollen nur FPÖ-Mitglieder Bürgerwehrvertreter werden dürfen, denn man müsse ja damit rechnen, dass sich linke Gruppen einschleusen wollen, so Lozinsek.

Spinn jetzt ich oder spinnen die?

Wochenbericht

Ein unten, ein oben und ziemlich viel dazwischen. Die Weinstöcke zeigen schon zartgrüne Blätter. Dieser Zug, der fährt, wo ich noch nie gefahren bin: Gleich nebenan. Und im Bus nur alte Leute, aber guter Laune und mit erstaunlichen Geschichten. Die meiste Zeit vergeht natürlich am Flughafen. Am ersten Mai ein einziger roter Luftballon, der dahinfliegt, davon übers Rathaus, und die Straßen der Innenstadt sind vestopft. Nachmittags springt einer mit einem roten Stern am T-Shirt. Das war’s auch schon.

Rapsfelder, vor einer Woche noch zaghaftgelb, erstrahlen jetzt in voller Blüte. Am Nachmittag beginnt man den Schatten zu suchen. Jetzt schon? Wie schön! Sonne macht müde und Packen auch, und sogar ich alte Einsiedlerin werde plötzlich gesellig. Beim Landen in einem fremden Feld hoppelt plötzlich ein Hase davon. Auf dem Rückweg zwei Rebhühner aufgestöbert. Ziemlich viel Durst. Und müde. Sagte ich das schon?

Soviel Blut

Ein schöner Tag, und die Sonne vor dem Fenster freut nicht nur mich, sondern auch die kleinen grünen Spitzen in der Erde. Wir haben einen Geburtstag zu bedenken und daher werfe ich mich in die Stadt, ratlos zuerst, doch schon bald nimmt ein Plan zur bevorstehenden Bestfreund-50Jahres-Feier Gestalt an. Gar nicht schwer, und die Sonne scheint und an der Kreuzung spielt einer ganz alleine auf dem Saxophon. So, fast alles erledigt, nur eine Kleinigkeit fehlt noch, aber das haben wir gleich.

2x um die Ecke und die Bushaltestelle, und da ist etwas Rotes auf der Strasse. Rot? Nass? Anfängliches Unverstehen und dann diese Gestalt, liegt einfach da auf dem Asphalt und viele ziemlich viele stehen herum, zwei nicht, zwei versuchen etwas zu tun und die Rettung, die kommt gerade aus der Seitenstraße, Martinshorn und die Türen gehen auf und Leute springen heraus, rufen fragen und dann wird die Ampel grün und ich gehe weiter, will es nicht genauer wissen, kann ja ohnehin nichts tun

. Aber immer dieses Bild, nicht die liegende Frau auf der Strasse, nicht die gaffenden Gesichter rundherum, nicht die zwei mutigen Helfer sondern nur die Blutlache auf dem Kopfsteinpflaster, teilweise schon angetrocknet, ja es ist warm heute, aber das Blut, soviel Blut. Jetzt immer noch, etliche Filme später. Das Bild. Das Blut. Rot.

© 2018 sturmpost

Theme von Anders NorénNach oben ↑