KategorieChronik

Frühling

Das erste Frühstück auf der Terrasse. Verwirrte Vögel putzen ihre Stimme. Das Sonnenlicht auf dem Land, aus dem Zug besehen. Alles erscheint etwas staubig. Das Land noch nicht bereit für so ein Wetter, alles etwas schäbig, ungeputzt. Die Stadt erst recht. Alle blinzeln ungläubig ins große Gelbe. Ich geh jetzt Fensterputzen.

Aprés

Wenn Langerwartetes vorbei ist, üblicherweise das Gefühl der Leere. Heute auch. Da läuft ein Fernseher – wohin? Ich weiss jetzt alles über Nasenaffen. Draußen schneit’s, immer noch. Das reicht jetzt mit dem Osterschnee, finde ich. Die Videos sind überspielt, fein geworden, aber mehr als zwei Mal hintereinander muss ich nicht zuschauen. Ich denke, ich gönne mir jetzt eine Pizza. Und werfe eine Münze, welches Buch aus dem Stapel neben dem Bett als nächstes drankommt. Natürlich könnte ich auch das Neil Young-Special im Rolling Stone lesen, aber ich glaube, das deprimiert mich. Bügeln sollte ich, aber das geht besser abends, wenn irgendein inhaltsloser Film über den Bildschirm wabert. Wie schön du bist, Leben. Manchmal mehr, und manchmal weniger.

SimCity 2002

Der laue Frühlingsmontag bringt eine Expedition in die Randgebiete der Stadt, nichts als ein lästiger Task in angenehmem Wetter. Oder? Ohne Auto ist es ein bisschen mühsam, dort hin zu kommen, aber ich habe Zeit genug, schaue ganz absichtlich nicht auf den Stadtplan, lasse die Straßenzüge sich in meinem Kopf entfalten und finde auch die richtige Bahn, die richtigen Busse, einmal nur fragen – die Orientierung funktioniert noch.

Da scheint eine Sonne aufs Wienerfeld, aufs verbaute, und da ist die Haltestelle, die ich vor viel zu vielen Jahren täglich angesteuert habe, viel zu oft viel zu früh am Morgen, mein erster “richtiger” Job, den habe ich gehasst – aber die Gegend habe ich geliebt. Dieses damals gerade entstehende Industriegebiet, mitten in Feldern und Wiesen, der Zaun lief an einem Bach entlang – nein, das tut er immer noch, sehe ich durchs Busfenster – nur die Spannung, die die Baustellen und die etwas verloren wirkenden Hallen ausgestrahlt haben – was wird denn nun daraus? – ist weg, alles verbaut und fertig, wie schade eigentlich.

Mein Weg heute führt mich weiter, viel weiter hinaus, dorthin wo damals noch nichts war, oder das, was der Städter als nichts bezeichnet: Die Wiesen. Die Felder. Und ab und zu ein Haus.

Dorthin fährt kein Bus, und ich gehe lange und länger eine Straße entlang, direkt dem Hirn eines SimCity-Spielers entsprungen: Kerzengerade, 4-spurig und mit Bäumchen versehen, damit es nicht ganz so leer wirkt. Links von der Straße Häuser und Gartenlauben (leicht verbautes Wohngebiet), rechts von der Straße Lagerhallen und Firmenadministrationen (mittelschwer verbautes Industriegebiet).

Eine ganze Weile geht das so, dann, an der nächsten Kreuzung, nur mehr Industrie, links und rechts, geradlinig, sauber, die einzige Ästhetik hier ist die der Funktion, blitzblank und unberührt wirken die Gebäude, nur die vollen Parkplätze vor den Hallen lassen den Schluss zu, dass hier irgendwo Menschen sein müssen, hinter den Spiegelfenstern, in den verwellblechten Büros oder gerade auf dem Weg dahin, dorther, unsichtbar und geschäftig.

Verlassen liegt der Großgrünmarkt, eine leere Betonwüste zwischen Lastwägenhäfen mit riesigen Flutlichtanlagen, ebenfalls verlassen.

Je weiter man in die neuen, die frisch eroberten Zonen der Verbauung kommt, desto gewagter werden die Gebäude, hier eine schräge Wand, dort runde Fenster, bunter wird es auch, aber diese baulichen Wagnisse verstärken nur den Eindruck, in einer anorganischen Mondstadt zu weilen. Schwindlig könnte einem werden vor lauter Symmmetrie, und auch die Alleebäume unterstreichen dieses Gefühl, so geradlinig sind sie gepflanzt worden, so punktgenau werden sie wohl Jahr für Jahr beschnitten.

Aber wo hat der Bürgermeister dieser Spielstadt bloss die Handelszonen gelassen, leicht oder mittelschwer oder stark verbaut, ganz egal, ein Cola schwebt mir vor, ist aber nirgends zu sehen, natürlich: In den Hallen und Büros gibt es Getränkeautomaten, Kantinen, vielleicht sogar Chefetagenbars, wozu also noch Geschäfte? Und mit dem setzen der Bushaltestellen ist er auch nicht ganz so weit gekommen, langsam bin ich den Fußmarsch leid.

Aber da taucht auch schon mein Zielgebäude auf, liegt auf halbem Wege zum Hügel, wo es fürs erste wieder vorbei ist mit der Reißbrettarchitektur, ein Feld (leicht verbautes Industriegebiet) links, und rechts nichts.

Erstaunlich nichtssagend für das Image des Besitzers liegt das Gebäude harmlos da, beim Näherkommen erst merkt man schwache Bemühungen: Kleine japanische Tümpel und Schilfzonen vor dem Eingang, bei deren Betrachtung man eher an eine Software namens “Der Gartenarchitekt” denkt als an Musse und Entspannung. Egal.

Jetzt liegt er dort in seinem Krankenbett, mein armer kleiner DAT-Recorder, ich hoffe nur man behandelt ihn gut, damit er bald wieder nach Hause kommt.

Draussen

Es ist Frühling geworden, tatsächlich. Nicht richtig warm, das nicht. Nicht wie in Santiago im Dezember. Aber immerhin lau, so dass ich es wieder wage, den Kopf zu heben.

Also dieser Weg durch die Stadt. Hier etwas zu besprechen, dort etwas abzugeben. Dazwischen Schritte in der Dunkelheit, allein in der verheißungsvollen Frühlingsluft.

Diese vielen fremden Leben schüchtern mich ein. Hinter erleuchteten Fenstern, in vorbeifahrenden Autos, in Gesprächen auf dem Gehsteig: Die Welt, außerhalb von mir. So selten bewege ich mich alleine da durch, mir scheint es ist Jahrzehnte her, dass ich das so stark empfunden habe.

Ist es natürlich nicht. Es ist nur dieses unbestimmte etwas in der Luft, dieses laue, leichte, lockende. Das Glück, genau jetzt allein zu sein: So ein großes Glück, dass man es teilen müßte. Einheit im Widerspruch. Leben, eben.

Warten

Anno 1996

Schuld ist der Praschl. Mit dieser ellenlangen aber bis zum Schluss lesenswerten Abhandlung auf ein Spiel, das mich Tage und Wochen gekostet hat und wegen des 5-Uhr-früh-Effekts irgendwann von der Platte geflogen ist (“So, jetzt ist Mitternacht, jetzt spiel ich noch ein Stünderl und dann geh ich schlafen.” – – – “Warum is jetzt 5 Uhr früh?”) hat er sofort sämtliche Erinnerungen an die zugehörigen Zeiten, die guten wie die schlechten, getriggert.

Schuld ist aber auch der Blumenau, mit dem ich übrigens, das dürfte ‘96 gewesen sein, an einem hoffnungslos tristen Silvester- oder Weihnachts-Abend (aber es sind ja in Wirklichkeit alle Silvester- und Weihnachts-Abende hoffnungslos trist) 40 Minuten on Air telefoniert habe, nicht zuletzt über das oben genannte Zeitfresserspiel. Long time ago. – Heute jedenfalls, in der wöchentlichen Rubrik “Sounds&Stories”, ist er mit einer Bruce-Springsteen-Perle rausgerückt, die vergessen läßt, warum man sich jahrelang dafür geschämt hat, den Working Class Hero mal gemocht zu haben.

Warum solche Nostalgie-Anfalls-Auslöser immer gehäuft auftreten, weiß ich nicht. Jedenfalls habe ich jetzt keine Lust mehr, bald fällige Texte vorzubereiten, Email-Diskussionen fortzuführen oder Wäsche zu bügeln. In der Stimmung kann man nämlich nur mehr rumhängen und sonst gar nichts.

Und außerdem kommt gleich auf VOX einer der besten Science-Fiction-Trash-Knüller aller Zeiten. Ein Film übrigens, den ich im selben Jahr 1996 zum ersten Mal gesehen habe. Manchmal kommt es wirklich knüppeldick.

Wenn man den Tag ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt verbringt, still und ganz für sich, dann fühlt man sich doch etwas verarscht, wenn das Telefon genau in dem Moment läutet, in dem man unter der Dusche gerade eben das Wasser aufgedreht hat.

Verpasste Gelegenheiten

B: Du hättest wenigstens nach der Telefonnummer fragen können!

A: Wozu?

B: Um anzurufen!

A: Nicht in diesem Leben.

B: Na dann.

Gestöber

Langsam aufwachen, widerwillig, warum so müde, da war doch Schlaf genug, heute und gestern auch? Schon die Hand, die ausgeschickt wurde, um die Decke noch einmal 5 Minuten besonders kuschlig zusammenzuraffen kommt zurück mit der Botschaft: kalt!!! Da fangen auch schon die Nachrichten an, nichts Besonderes, dann der Wetterbericht: Es schneit von Vorarlberg bis Wien. Das ist schockierend genug, um aufzuspringen und die Vorhänge zurückzuziehen, tatsächlich, da herrscht ein Gestöber, eilig und dicht, als könnten die kleinen weißen Dinger gar nicht schnell genug runterkommen, als hätten sie es eilig, alles zuzudecken und die Erinnerung an milde Wintertage zu vertreiben.

Schnee ist schlecht fürs Gemüt, zumindest für meins. Schnee hat dunkel etwas mit Tod zu tun, mit Vergeblichkeit, mit Hilflosigkeit. Man möchte sich gut zugedeckt in eine Ecke setzen und warten, dass es aufhört. Falls es jemals aufhört.

Stattdessen an die Arbeit.

Schnitt

2 Nächte Videoschnitt, und das Auge wird zur Kamera: Das Leben zum Film.

Ungewohnt

Diese kleinen schwachen Sonnenstrahlen hängen wie Spinnweben in den Zimmerecken und ich weiß nicht, warum ich müde bin, habe doch genug geschlafen. Gedanken Geträume und vor dem Kaffee unter die Dusche, das mag ich nicht so gerne. Manchmal aber doch. Kaffee und Schokokuchen zum Frühstück meine Hände riechen nach Orangencreme und ich kann es kaum erwarten, an die Arbeit zu kommen.

Bei Einbruch der Dunkelheit das zufriedene Gefühl: Jetzt kann ich richtig arbeiten.

Strange World

Den neuen Volvo XC 90 kann sich jeder kaufen: Baron, Baronesse, Freiherr, Professor, Professor Dr.Dr. und Bürgermeister, Graf, Gräfin, Minister und Pfarrer. Nur der Magister kommt im Titelfeld in diesem Formular nicht vor… Naja, der kann sich das Ding wahrscheinlich ohnehin nicht leisten.

Nein, ich will mir kein Auto kaufen. Ich kenne nur Leute, die mit dem Gedanken spielen, sich strassenverekhrsbezogen zu verändern. Nein, es handelt sich dabei nicht um einen Prinzen.

Könnte ich eh nichts anfangen, mit einem Prinzen. Der Wiedereintritt in die westliche Konsumgesellschaft gestaltet sich schwierig. Heute war ich einkaufen und habe am Schluss entdeckt, dass meine Brieftasche zu Hause liegt. Ich bin sicher: das war eine unbewusste Protesthandlung.

Oder doch nur allgemeine Verwirrung? Mein gut getimter Terminplan, der die dringendsten Anforderungen der Wirklichwelt gekonnt auf gestern, heute und morgen verteilt hat, hat sich ein kleines bisschen verändert: Jetzt ist alles für morgen geplant. Mal sehen. Hm.

Den Herrn der Ringe würde ich mir auch gerne anschauen. Oder soll ich es bleiben lassen und mir stattdessen den einen, den einzigen, den Ring der Ringe kaufen? (via Gedankenschnipsel)

Frodo würde sich wundern.

Ähnlich wie Che Guevara sich über die höchst kapitalistische Vermarktung wundern würde, die seine Figur im neukubanischen Tourismus erfährt. Aber das ist eine andere Geschichte, und die wird demnächst im Kuba-Special abgehandelt.

Dort wird übrigens auch von Fis(c)hen die Rede sein; von fliegenden und von knabbernden und von rot-gelben. Nur die bleichen, faden auf den Tellern, über die würde ich lieber auch in Zukunft schweigen.

Oh, und Wein gab es in Kuba nur in der Spätlese-Geschmacksvariante. Danke, Fish, für den Gehirngaumenkitzler!

Welt!

Musst du den wirklich über mich hereinbrechen, Welt, kaum dass ich meinen Fuss über die heimische Schwelle gesetzt habe? Kann ich nicht einmal einen Tag haben, einen einzigen, um irgendwie die versch(r)obenen Begriffe Zeit und Raum wieder übereinander zu kriegen?

Verdammt.

Als wäre nicht das einkaufen schwierig genug. Vor dem Shampooregal stehe ich und frage mich, woher ich den wissen soll, ob mein Haar nun gestresst ist? Oder müde? Oder ob es Vitamine braucht? An der Wursttheke die schwierige Entscheidung zwischen Salami, Schinken, Kantwurst, Bergsteiger, Extrawurst, Krakauer, und und und. In einem tapferen Schritt entscheide ich mich für Salami. Nur, um sofort wieder in Entscheidungsnotstand zu geraten: Mailänder? Ungarische? Pfeffersalami? Knoblauchsalami? Putensalami?

Kein Grund zum Jammern. Es geht uns gut.

Dann die Kassierin, als ich mit Bankomatkarte zahlen will, blafft mich an:“Das geht jetzt nimmer, das hätten’s mir früher sagen müssen!” – Ihr hoffnungslos besiegter Blick auf meine Antwort: “Nehmen Sie Dollar?” war Entschuldigung genug. Es ging dann doch mit der Bankomatkarte.

Über die Telekomiker will ich gar nicht reden. Über Festplatten, die sich nach einem Monat Ruhezeit nicht mehr kennen, auch nicht. Meinen letzten Schluck Rum trinke ich auf das Ausbleiben der Normalisierung. Natürlich vergeblich, wie immer.

wiedergefunden

der arme mensch von der air france ächzt und keucht, als er meinen rucksack in den vierten stock schleppt. er kriegt einen 20er (schilling, nicht euro). dann stelle ich ihn (den rucksack, nicht den air-france-menschen) mitten auf den teppich und wundere mich beim auspacken, wie wenig man eigentlich wirklich braucht. die hälfte der wäsche unbenutzt (die warmen pullover, die der reiseführer für kühle abende empfohlen hat, sowieso, aber auch von den anderen sachen nur die hälfte, im endeffekt tendiere ich dazu, die selben 4 oder 5 dinge immer wieder anzuziehen und zwischendurch zu waschen… wenn ich das nur nicht jedesmal beim packen vergessen würde), dazwischen musikinstrumente, leicht deplaziert auf den klamotten unter dem toilettbeutel, muscheln und bruchstücke, ein treibholzstück das aussieht wie ein schweinekopf, die raubkopierte cd des hits der saison, teuer erstanden in der dunkelsten ecke einer diskothek (und, jetzt kann ich es endlich testen, es ist tatsächlich etwas drauf! – nur das originale rausch-und krach-feeling der miserablen lautsprecher aus den bars fehlt…). aus dem handtuch rieselt sand, und es riecht nach dem imprägniermittel der holzhütte auf cayo saetia. aber wo ist die zweite cd? wo ist der einzelne 20-pesos-schein? in dem plastiksack mit unterwäsche findet sich das eine, der geldschein aber bleibt vorläufig verschollen.

vernünftig genug sein, um zuerst die wäsche zu waschen und die post abzuholen, bevor ich mich auf die katalogisierung der videokassetten stürze. nur noch die cd fertighören und die nase ins noch feuchte handtuch stecken, das nach meer riecht und nach vorgestern.

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