KategorieLiteratur

Zufrieden mit den (meisten) Texten, unzufrieden mit der Jury, eh alles wie immer. Schön wars mit euch, ich freu mich schon aufs nächste Jahr! #tddl

Mexiko, Gagausien, Feuer und Wasser (Bachmannpreis 2018 #5)

Jakob Nolte eröffnet den Samstag mit „Tagebuch einer jungen Frau, die am Fall beteiligt war„. Das Tagebuch geht nach innen, und der Fall bleibt aus. Die Sprache ist literatur-referentiell („Beschreibungen des Sternenhimmels sind schwer“), es langweilt mich. Die Jury taucht ins 19. Jahrhundert. Winkels wittert Dekonstruktion und ein „romantisches Großereignis“, was immerhin ein Ansatz wäre. Kastberger hat sich im Gegensatz zu mir keine Minute gelangweilt. Überhaupt redet die Jury den Text groß. Mir bleibt nur der Schluss, als die Hauptfigur sich selbst erzählen muss, „ein einzigartiges Erlebnis“. Die Jury begeistert sich für die Langeweile, aber langweilig bin ich selber, dafür brauche ich keine Literatur.

Ich wünsche mir auf Twitter etwas Experimentelles und bekomme es immerhin ansatzweise. „DESTINATION:AUSTRIA“ von Stefan Groetzner spielt mit Klischees, Weltbild und Politik. Die Bachmannpreis-Parallele hat sich mir nicht aufgedrängt, ich sah eher einen bekifften Blick auf die vielen Weinprinzessinnen. Für das österreichisch-slawische Kaleidoskop verzeihe ich sogar gerne ein paar (nicht viele) papierene Redewendungen. Mir hat der Text gut gefallen, viele kleine Details, Brabantbuntbarsche und Powidltatschkerln. Twitter und später auch die Jury stößt sich an der Oberflächlichkeit und übersehen dabei die meines Erachtens durchaus vorhandene Tiefe. Man bräuchte einen ganzen Tag, um alle Details zu würdigen, insofern ein Klagenfurttext, aber etwas gestrafft durchaus auch für eine Kabarettbühne geeignet. Kastberger zeigt sich geradezu persönlich beleidigt.

Der Rest der Jury verteidigt auch eher halbherzig. Aber wohl Kandidat für den Publikumspreis.

Zu „und ich brenne“ von Özlem Özgül Dündar könnte man stundenlang diskutieren. Großes Thema. Ich fand die Umsetzung nicht so gut gelungen, Twitter und der Großteil der Jury sind anderer Meinung. „Mütterknäuel“.

Lennart Loß läßt in „Der Himmel über A9“ einen Zahntechniker und ehemaligen RAF-Bombenbauer mit einer Kugel im Bein mit dem Flugzeug abstürzen. Wie die Überlebenden da so im Wasser treiben, erinnert mich an meinen unvollendeten Roman. Das tut zwar nichts zur Klagenfurter Sache, würde mich aber durchaus für den Text einnehmen, würde der nicht so viele unwahrscheinliche Zufälle zusammenbringen, dass man gar keine Lust mehr hat. Auf gut kärntnerisch: Lei losn. Die Jury sieht das ähnlich, vor allem Kastberger, was mich wieder mit ihm versöhnt. Keller sieht die vielen Unwahrscheinlichkeiten als Zusammenströmen von Magnetlinien, auch eine Möglichkeit. Jemand hat sogar einen 68er-Text darin gelesen. Naja.

Punktgenau zum tödlichen Sturm im letzten Text kommt hier übrigens stärkerer Wind auf. Ich würd jetzt gerne baden gehn, muss aber stattdessen arbeiten.

Vatergeschichten und Obdachlosigkeit (Bachmannpreis 2018 #4)

Es ist gleichzeitig gut und schlecht, wenn man nicht live und mit Twitter Bachmannpreis schaut. Man hat einerseits mehr Zeit, sich auf einen Text einzulassen, andererseits fehlt die Verortung durch die anderen Meinungen. Ich habe ja schon lange vor Twitter ganz alleine jedes Jahr zugehört, und als ich an diesem Freitag Abend heim komme, freue ich mich schon auf die Nachmittagstexte.

Bov Bjerg war (ist) ja quasi der große Internet-Favorit des Jahres, mit entsprechender Erwartung näherte ich mich den „Serpentinen„, musste aber dann enttäuscht in die nächtliche Leere twittern.

Die Jury widmete sich mehr dem nicht ausgeführten Mysterium, ob Vater und Sohn nun auf der Flucht sind oder doch eher im Urlaub. Aber, es bleibt ein Vater, der nicht wirklich etwas mit seinem Sohn anfangen kann, der aber das „männliche“ Bedürfnis hat, die Vaterlinie zu erforschen und auch ein bisschen weiterzugeben, ohne die Suizid-Komponente natürlich. Dabei tut er „männliche“ Dinge wie Autofahren und Bier trinken und sich wundern, dass die Frau mit dem Hotel (?) nicht zu Hause picken geblieben ist. Das hätte sich so leicht und so gut aufbrechen lassen, aber… naja, ich kritisere ja immer die Jury, wenn sie sagt, was sie lieber gelesen hätte, daher lass ich das jetzt.

Besser gefiel mir Anselm Neft mit „Mach’s wie Miltos„. Dem Versuch, sich in die Innenwelt eines Obdachlosen zu begeben, mit der schwebenden Frage, wer oder was denn nun real ist – dem folgte ich gern, eine Geschichte, gut vorgetragen, und den Vorwurf der Jury, es sei emotionelle Erpressung, kann ich gar nicht folgen, die Story bleibt mir durchaus trocken und distanziert, obwohl von innen betrachtet.

Sex, Panik und Froschgeschichten (Bachmannpreis 2018 #3)

Den Anfang vom Freitag leider wegen wichtiger Telefonate verpasst. Der erste Satz, den ich von Corinna T. Sievers‘ „Der Nächste, bitte“ höre, enthält schon das Wort Koitus. Es liegt durchaus etwas Faszinierendes in der Geschichte der sexsüchtigen Kleinstadtzahnärztin, die trotz aller Ausschweifungen bieder bis ins Mark bleibt, während sie sich ihre Existenzgrundlage nach und nach vom Leib vögelt. Die Autorin hätte aber wohl diesen Widerspruch noch ein bisschen zuspitzen müssen, denn bei der Jury kam er nicht an. Die diskutierte stattdessen über literarische Vorlagen und hatte nicht einmal genug Verstand, Übergriffigkeiten mit Blick aufs wirkliche Leben  bleiben zu lassen. Danach störte mich sogar die Feststellung „mit männlicher Kraft erzählt“ von Nora Gomringer. Wenn meine innere Feministin einmal wach ist, ist sie wach.

Ally Klein wagte mit Carter einen Ausflug ins Unterbewusstsein. Der Anfang verwirrend, jemand stolpert, mehr oder weniger betrunken, durch die Nacht. Dann wird klar, dass wir mit diesem Text mitten in einer Panikattacke stecken, sprachstark und entsprechend vorgetragen. Wie sich die Welt auflöst, wie sich der Blick nach innen richtet, wie sich die Hauptfigur die Welt mühsam wieder zusammensetzt. Wie sogar die hilfsbereiten Hände zum Feind werden. Schon auf Twitter wurde klar, dass dieser innere Ausnahmezustand nicht bei jedem ankam, und in der Jury kam er gar nicht an. Diskutiert wurde stattdessen darüber, wer Carter sein mochte, und man nannte den Text eine Kosmogonie, oder schlimmer noch, einen Adolesszenztext. Ob dieses Zersplittern der Welt und des Ichs wirklich nur erkennen kann, wer es kennt?

Als Tanja Maljartschuk „Frösche im Meer“ liest, muss ich los zu einem Termin. Vielleicht liegt es ja an meiner inneren Hektik und am Unterwegs-Hören, dass ich den Text trotz feiner kleiner Bilder und Wendungen todlangweilig finde, aber der Eindruck ist so nachhaltig, dass ich ihn auch später nicht noch einmal ansehen will. Die Diskussion beginnt mit Gomringer, die meint, das Publikum würde jetzt denken „endlich Literatur!“. Unterstellung! Oder spricht sie von sich selbst? Mehr kriege ich dann aber nicht mehr mit und hab auch gar kein Bedürfnis danach, es weiter zu hören.

Bachmannpreis 2018 (2)

Mit Anna Sterns „Warten auf Ava“ kann ich gar nix anfangen. Das liegt nicht nur an kalt und Berg, das liegt vor allem an der hölzern gestelzten Sprache. Keller verteidigt ihn mit allen Mitteln, womit ich sie endlich auch wieder nervig finden kann. Kastberger klagenfurterisch inkorrekt: „Interessiert mich einfach nicht“. Twitter diskutiert über die Bluse von Nora Gomringer.

Ich brauch mehr Kaffee.

Joshua Groß, „Flexen in Miami„. Der Text ist nicht nur bekifft, wie die Jury später meint, der ist stellenweise durchaus auf Acid. Zwischendurch möchte ich meinen Sportjoker anrufen, aber Twitter hilft auch:

(Die Sportart ist Basketball, nur so for the Record.) Es ist ein gegenwärtiger, junger Text, wie Kastberger auch feststellt, aber ob es ein text „für die Schulbücher in 100 Jahren“ ist, wie die einladende Insa Wilke meint, wage ich zu bezweifeln. Jedenfalls besser anschauen als lesen, denke ich.

Bachmannpreis 2018 (1)

Man sollte über Tomaten schreiben, dachte ich in der Pause, als ich schnell beim Spar ein Jauserl holte und über die Vielfalt an runden, ovalen, kleinen, großen, gelben und roten Tomaten blickte. Aber hat das nicht jemand schon mal? Achnein, das waren Erdbeeren.  Ich kaufte Limetten und Pfirsiche, von denen ich hoffte, dass…

Moment, ich wollte ja eigentlich über die Tage der deutschsprachigen Literatur schreiben. Die 42. übrigens. Da trifft es sich gut, dass Feridan Zaimoglu in seiner gestrigen, einleitenden Rede zur Literatur eine poetische und dennoch beinharte Antwort auf die aktuellen Fragen gab. tatsächlich fragte ich mich danach, ob es überhaupt noch Sinn hätte, weitere Autoren vorlesen zu lassen, aber alles andere wäre dann ja doch auch schade.

Der erste Tag begann – verschlafen. Ich war zu spät aufgestanden, um noch alles zu erledigen, was ich noch unbedingt erledigen wollte, bevor es um 10 wirklich losging. Und als Raphaela Edelbauer zu lesen begann, tanzten in meinem Kopf noch politische Diskussionen, Arbeitsanforderungen und andere literaturfremde Themen. „Das Loch“ schaffte es dann aber doch, mich halbwegs in den literarischen Aufnahmezustand zu versetzen. Die Verbindung von Geschichte und Ingenieurskunst zu einem hinterlandbraunen Text ließ sich durchaus anhören. Jury wie Twitteria verbissen sich in die vordergründige Metaphorik, sodass die hintergründige unerforscht blieb. (Oder vielleicht habe ich die letztere auch nur imaginiert.)

Bei Martina Clavadetschers „Schnittmuster“ denke ich eingangs „Bitte nicht“, aber der Text schafft (für mich) den Sprung aus dem Sterbezimmer und hinein in ein vielfältiges Perspektiven-Chaos, das erstaunlicherweise niemand dem Text anlastet. Die vife aber unbeholfene alte Frau, die getragenen Verwandten, die schnoddrigen Krematoriumsmitarbeiter. Die Diskussion dazu, nunja… mir scheint, die Jury diskutiert schon wieder mehr darüber, was sie lieber gelesen hätte, als über das, was sie gelesen hat. Insa Wilke nervt, aber das ist wohl ihr Job, nachdem alle anderen nervigen Juroren weg sind.

Stefan Lohse begibt sich mit „Lumumbaland“ auf gefährlichen Boden. Damit meine ich nicht die trostlose Vorstadt, sondern das Spielen mit Kolonialgeschichte, weil da Twitter erstmal darüber diskutiert, ob ein weißer aus Sicht eines Nicht-Weißen schreiben darf. Aber da er ja nur schwarz sein will, ist das dann wohl wieder in Ordnung. Ein durchaus sympathischer Kiffer-Text, aber auch nicht viel mehr (wenngleich einige da Homoerotik hineinlesen wollen, die ich so nicht finde, und selbst wenn, würde der Text davon auch nicht tiefer). Der erste Satz allerdings, der bleibt: „Hinter der Sahara hätte noch was kommen müssen“.

In der Pause pfeife ich auf vorgenommene Erledigungen und hole mir stattdessen eine Stärkung. Jetzt also ein Tonic aufgespritzt, mit etwas echter Limette. Das Getränk hätte nun sowohl geschmacklich als auch für die Qualität der literarischen Rezeption wirklich einen Schluck Gin verdient, aber da ich nach den Nachmittagslesungen wirklich, wirklich noch etwas arbeiten muss, bleibt der in der Flasche.

100 x 100 (32) (extended Version*)

Um 3 Uhr früh Verbindungen nachschlagen, an verschiedene Sehnsuchtsorte am Mittelmeer. Feststellen, dass man an den einen oder anderen Ort durchaus hinkäme, auch innerhalb des Budgets, aber halt nicht unbedingt garantiert zum notwendigen Zeitpunkt zurück. Die Tage zurückwünschen, an denen mir das scheissegal gewesen wäre. Im Grunde, im Herzen, im Kopf, wären ein paar Stunden an der Mole alle daraus resultierenden Nachteile wert, aber… aber. Aber was?
Ich wünschte, ich hätte heute das eine oder andere Buch gekauft. Den angeblichen Jahrhundertkrimi aus Rumänien zum Beispiel, oder aber auch das „Ungewisse Manifest„. Das habe ich heute in einem Schaufenster gesehen, und wie die angedachte Fahrt ans Meer schien es alle Risiken wert, Kontostand hin oder her. Leider war der Laden schon zu, aber vielleicht, nur vielleicht, führen mich meine täglichen Schritte auch einmal zu den regulären Öffnungszeiten dort vorbei.

* sieht aus, als ob sich die extended Version als Sonntagsausgabe etabliert, Soll mir recht sein.

Sommerfreitag

Jö, das freut mich aber jetzt, dass Peschka den Publikumspreis kriegt. #tddl

Bachmannpreis 2017 – Tag 3

Mit übermotiviertem Moderator und verschlafen aussehender Jury geht es an die letzten Texte.

Eckhart Nickel beginnt. Bei seinem Videoporträt fällt mir wieder einmal auf, dass mir die Literaturmaschine fehlt. Sein Text „Hysteria“ beginnt auf dem Markt. Die Himbeeren haben die falsche Farbe und safteln blutrot, ein Rindviech rubbelt sich die Haut ab und legt gräuliches Fleisch frei. Angedeutetes OCD, zwanghaft wirkendes Beschreiben von kleinen und kleinsten Details, Anflüge von Hypochondrie, verschleiert vom geradezu entspannt ruhigen Vortrag des Autors. Dann wieder so Bilder wie melancholische Strommasten.

Keller vergibt ihre Stimme für den besten ersten Satz, „Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht.“ Schon mit Erdbeeren würde das nicht mehr funktionieren. Winkels findet Hyperrealismus und meint „extremer Realismus ist ein irreführender Begriff“. Er findet Science Fiction (ich hab das eher als Wahrnehmungsprobleme gelesen). Er findet den Text gut, findet aber zu viel von allem drin. Gmünder hat den Text so gelesen wie ich, Wahrnehmensstörung, findet ihn aber überladen. Kegel nennt es einen Elementarteilchentext. „Er will sich keine Beere aufbinden lassen.“ Fessmann findet eine „Poetik forcierter Dünnhäutigkeit“, und hat einen Dekadenztext gelesen, der aufzeigt, dass wir in einer Zeit des Überflüsses leben, findet das aber antiquiert, weil wir in einer nicht-dekadenz-geeigneten Epoche leben (Häh?). Kastberger mag Käferdichter und ist überzeugt, besonders weil der Text keine Antworten gibt. Er findet Übermenschbio und macht Ja, natürlich-Werbung. Wiederstein hat Angst nicht dranzukommen, und findet „German Angst“ und „früher alles besser“-Haltung und einen Bezug auf Verschwörungstheorie- und Fake-News-Anklänge.

Insgesamt die Diskussion interessanter als der Text.


Gianna Molinari erzählt schon im Video sympathiefördernd. Ihr Text „Loses Mappe“ beginnt mit einem Mann, der vom Himmel fiel.  Zuerst freue ich mich, dass da endlich wieder einmal eine geschichte erzählt wird. Leider hält die Freude nicht lang. Die Sprache fade, langweilig, der sakrale Vortrag hilft auch nicht.

Jurydiskussion erwartungsgemäß. Höre nur halb zu, weil es Zeit ist, die Wäsche aufzuhängen.


Maxi Obexer wirkt im Videoporträt etwas anstrengend. In „Europas längster Sommer“ geht es um Migration, Reisen und Sprache. Das ist gut. Als ich mich an die Stimme gewöhnt habe, ist es noch besser. Zum zweiten Mal in diesem Jahr habe ich uneingeschränkte Freude am Hören.  Auf Twitter dagegen wird der Text durchgehend gehasst.

Winkels sieht eine klischeehafte Zweiteilung der Welt als Problem des Textes. Feßmann hat eingeladen, erklärt aber den Text irgendwie von der Rückseite. Gmünder sieht die Geschichte der sechs Jungs durch den Kontext entwertet. Kastberger hält eine wunderbare Verteidigung des Textes, die auf „eh OK“ endet.


Urs Mannharts Videoporträt beginnt im Stall. Sein Text „Ein Bier im Banja“ ebenfalls. Es ist irgendwie die Geschichte vom Wolf im Schafsstall? Schöne Details – „Ob der Tag glücken wird, hängt auch vom Wolf ab. “ – „Um nicht alkoholisiert Auto zu fahren,
sind sie mit ihren Pferden unterwegs.“ Anfangs mag ich gar nicht in diese archaiische Welt eintauchen, aber die Geschichte gewinnt mit der Zeit.

Gmünder zieht eine Paralelle zu „Von Menschen und Mäusen“ und lobt die klare, einfache Sprache. Kastberger freut sich ironisch, endlich verstanden zu haben, was Wiederstein nicht langweilt, ist aber selbst wenig begeistert. Winkels findet Erzählung wie Sprache „vormodern“.


Bachmannpreis 2017 – Tag 2

Ferdinand Schmalz steht im Videoporträt an der Autobahn und auf dem Friedhof, spricht übers Schreiben und übers Essen und hat eine seltsame Sprachfärbung aus dem Grazer Steirisch mit deutscher Lackierung. „Mein Lieblingstier heißt Winter“ heißt sein Text, den er dramaturgisch korrekt präsentiert. Ferdinand Schalz liest in Mantel und Hut und erinnert mich an Qualtinger (Kastberger stellt aber später klar, dass Ödön von Horvath gemeint war).  Ein Protagonist heißt „Schlicht“ und verkauft Tiefkühl-Convenience-Food, ein anderer heißt „Schauer“, der ist offenbar krank. Die Sprache macht eigenartige Schlenker und ordnet die Satzstellung dem Rhythmus unter. Es freut mich wie gewohnt sehr, dass einer was mit der Sprache macht, aber es freut mich in dem Fall nicht, was. Es sind so Satzstellungsgeschichten, die manchmal aufgehen, zu oft aber an die alten Dorfdichter erinnern, die im Geburtstagsgedicht jede sprachliche Vernunft dem Versmaß unterordnen.  Die G’schicht ist gruselig: Der kranke Dr. Schauer, der, aus schlechtem Gewissen einem vor langer Zeit erschossenen Hirsch gegenüber, eine ganze Tiefkühltruhe voll Rehragout hat, würde gern in in seiner Kühltruhe erfrieren und dann mit Schlichts Kühlwagen auf die Hubertuswarte entsorgt werden.

Keller lobt die Kunstfigur. Fessmann ist auch begeistert. Winkels meint, der Text generiert sich selber, spricht von der stofflichen Materialität von Sprache und Welt und wird schließlich biblisch. Kegel findet den Text makellos.  Gmünder bringt einen AC/DC-Einwurf und sieht ein Kammerspiel. Wiederstein versteht nicht, was das Rehragout mit dem Hirsch zu tun hat. Kastberger erklärt das Österreichische an der Österreichischen Literatur und findet den Text glaubhaft, er glaubt auch an das sprechende Rehragout. (Obwohl eigentlich der Hirsch gesprochen hat.)


Barbi Markovics Videoporträt sollte man sehen. Ihr Text „Die Mieter“ beginnt mit einer Familie, die in einer Wohnung offenbar ermordet wurden. Schön langsam entfaltet sich daraus ein Horrorfilm, in der der wohnungswandblasse Vermieter und die einzige Überlebende der Wohnungsbewohner sowie die eigens angereiste Schwester die Bösartigkeit innerhalb der Familie und die Bösartigkeit der Wohnung selbst wunderbar surreal glaubhaft bleiben. Der wurzellose Rettich wird mir bleiben. Feiner Text.

Winkels sieht den Leser auf einer parabolischen Bahn und meint, das Konkrete an der Geschichte ginge wegen der vielen Bedeutungsmöglichkeiten verloren. Kegel sieht den Vermieter als Normalnullfigur und freut sich an der Unheimlichkeit des Heims. Fessmann will die Geschichte nicht symbolisch lesen, sondern als Hyper-Realität. Wiederstein hat sich gelangweilt. Kastberger sieht den Text eine  Fortsetzung einer literarischen Tradition von parabelhaften Texten zu unheimlichen Wohnungen sowie unerzählte jugoslawische Geschichte.


Verena Dürr will ein Libretto schreiben und ein Muschelhornorchester gründen, erfahren wir im Videoporträt. In ihrem Text „Memorabilia“ erzählt sie vom Klavier aus dem Film Casablanca. Irgendwie interessiert mich das Klavier wenig, und ich habe auch wenig Lust, die erzielten Preise bei mehreren Versteigerungen in literarischem Kontext zu erfahren. Dann kommt ein Restaurator mit dem SUV (nicht Auto) in ein Zollfreilager, trinkt Milch aus dem Automaten (nicht aus dem Laden) und wird durch Ziegenaugen (nicht Kuhaugen) irritiert. Ich mag nimmer. „Blattwerk“, „kleines Federvieh“, “ es erkennt der Restaurator sogleich“ – Oida, welches Jahr schreiben wir, so rein sprachlich betrachtet?

Fessmann sieht die zwielichtige Welt der Zollfreilager, der die Geschichte aber nichts hinzufügt. Winkels sieht eine Entsinnlichung der Welt, findet die Abbildung gelungen und redet sich in Begeisterung für diese Konzeptkunst. Keller steht am Berg und verliert sich in ungerichteter Begeisterung.  Wiederstein verliert sich in die literarische Bedeutung von Höhlen. Gmünder erzählt einen Schweizer-Witz und sieht einen Schacht von Babel. Kastberger sieht einen Text jenseits klassischer Narration mit einer einfachen Strategie, die den Blick auf Unbekanntes eröffnet.


Jackie Thomaes Text Cleanster klingt vor allem nach Berlin. Der Putzmann, der sich die fremde Wohnung zu eigen macht, um nach und nach daran zu verzweifeln, die Wohnungsbewohnerin, die sich viel zu viele deutsche Gedanken macht. Irgendwie langweilig und dabei ein bisschen peinlich, sprachlich auch nicht aufregend. Leichte Komik bei der Interpretation seines Verhaltens durch die Auftraggeberinnen.

Gut erzählt, aber zu glatt, meint Feßmann (ja, das auch). Kastberger findet, das könnte eine Szene aus Sex and the City sein. Winkels findet die von Kastberger vermisste Dringlichkeit unter dem Schreibtisch. Ein  Ansatz von Wohlstandskapitalismuskritik kommt auf. Kastberger schwenkt auf Breaking Bad um. Ich bin irgendwie ungehalten allen gegenüber.


Jörg-Uwe Albig mischt in seinem Videoporträt unterschiedliche Film- und Soundfragmente. Sein Text „In der Steppe“ beginnt in der Leere und erinnert an Vieles. Die Werkzeuge des Mieraliensammlers (wiehießernochgleich?), die Zone (Stalker?), Das „Ding“, das eine Datscha ist, nein, eine Kirche. Dann ein Ei, genauer das innere Bild eines Eis, „die Luft war dick wie Dotter“. Alles ein bisschen surreal. Oh, die Kapelle ist eine Frau. In die er eindringt. Aber nicht nur er. Von da an ist irgendwie alles unangenehm klar.

Kastberger ist alles andere als begeistert und gibt dem Text keine Chance. Keller erkennt immerhin eine Masse aus Anspielungen, aber auch sprachliche Fehlgriffe. Kegel erklärt Objektophilie (ich bleibe dabei, die Kapelle ist eine Metapher). Gmünder nennt auch ein paar Popkulturanklänge und hat den Text als Liebesgeschichte, aber durchaus positiv empfunden. Feßmann versteht das „Ding“ ähnlich wie ich, wenn auch nicht ganz so direkt. Selten. „Das liegt daran, dass Sie nur mehr ironische und performative Texte wollen“, kommentiert sie Kastbergers Unverständnis.

Bachmannpreis 2017 – Tag 1

Karin Peschka bringt schon im Videoporträt aufhorchen; über das Wort „Fremdenzimmer“ hab ich vorher nie nachgedacht.

Ihr „Wiener Kindl“ lebt mit Hunden in einer postapokalyptischen Welt, die neugierig macht. Vergangenheit, Zukunft? Kleine Textdetails machen die Jetztzeit klar, bin erleichtert nicht in den Weltkrieg zurückgeworfen zu werden.  Auf Twitter würde man dem Kindl das „l“  am liebsten wegnehmen. Ich dagegen mag das Kindl und die Gschicht (das Gschichtl?), vielleicht abzüglich ein paar scharfkantigen Textecken wie zB „Kot absetzen“,  und bin damit gleich beim ersten Text in der Minderheit. Würde ich aber gerne weiter lesen.

Die Jury wirkt wach. Winkels liest religiöse Anklänge, ich bin da eher bei @DorisBrockmannKegel liest Mogli aus dem Dschungelbuch, Keller findet auch die Rom-Metapher sowie Wappenkinder und den letzten Menschen als Gegenpol zu Adam und Eva. Kastberger verbeißt sich in den Silberlöffel, mit dem man keine Hunde bändigen kann. Der neue Wiederstein findet den Text gelungen, fände ihn aber abgespeckt noch besser. Die Jury insgesamt wohlwollend, Twitter zurückhaltend bis bösartig.


Björn Treber gestaltet sein Autorenporträt wort- und gesichtslos. Der Text „Weintrieb“ beginnt auf dem Friedhof. Ein Begräbnis. Ich muss leider ertmal kichern, assoziiere eine ganz alte Geschichte, die ich bei Gelegenheit auch mal aufschreiben muss. Die ausführliche Beschreibung der Sarg-Szene lässt mir Zeit, mich zu fangen. Sargkarren, geschürzte Lippen und (streng?) riechende Trauergäste. Miniaturbild folgt auf Miniaturbild, was ich sonst sehr mag, aber hier sind viele Bilder schief und unstimmig.  Trotzdem:

Keller findet das Begräbnis erfrischend. Feßmann ist die Geschichte zu allgemein, naja. Wiederstein findet versteckte Aggression (so versteckt fand ich die gar nicht). Winkels findet den Text unbeholfen (kann man so sagen). Kastberger hat nachrecherchiert und findet den Text als pure schutzlose Realität, die er „mutig“ nennt. Rest der Diskussion verpasst.


John Wray kommt im Videoporträt sympathisch und ein Haucherl skurril rüber, das lässt hoffen. Dem gut vorgetragenen und perfekt konstruierten Text „Madrigal“ kann man eigentlich keine Vorwürfe machen. Ich muss ihm aber trotzdem vorwerfen, dass er mir die Lust an den Wörtern nimmt, sowohl an den fremden als auch an den eigenen. Daher hier die Zusammenfassung in Bildform.

Die Jurydiskussion war auch so ähnlich.


Noemi Schneider. Ein schnaufendes, ansonsten schweigendes Nashorn im Videoporträt, eine rauchende Frau, Fussmassage für Mütter. Im Text „Fifty Shades of Gray“ geht es um eine Baronesse, die fliehen muss (?), in den Süden; um ein Internat und Selbstmord. Die Tote heißt Malina, aber abgesehen davon nimmt der Text mich erst mal ein Stück weit mit.

Der Stil nützt sich beim Hören schnell ab, lesen geht besser. Schade, dass das plakative Buzzword-Bingo (Baronesse, Malina, …) die sympathisch schnoddrige Poesie stören.

„Nicht gelungen“, meint Feßmann. Kegel sieht eine umgekehrte Flüchtlinsroute, die die Phantasien vom Untergang des Abendlandes ironisiert. Winkels erklärt den angedeuteten Untergang des Abendlandes, um den dann ein bisschen gestritten wird. Meine Chronistinnenlust ist noch nicht ganz zurückgekehrt.


Daniel Goetsch, im Videoporträt friedhofsbegeistert, erzählt in „Der Name“ eine Geschichte aus der Nachkriegszeit mit mehr oder weniger wahrhaften Personen, umrahmt vom Seelenleben eines verlorenen Schriftstellers auf einer Insel. Die  Story selber irgendwie sympathisch, die Sprache sehr verstaubt und altbacken. Der Leser / Hörer (ich zumindest) am Schluss genau so verloren wie der Schriftsteller.

Die Jury wirkt ähnlich ratlos, Keller erklärt den Romankontext, der dort eigentlich nix zu suchen hat.


Das wars mit den Texten für den ersten Tag. Die wirklich wichtigen Fragen danach werden auf Twitter gestellt…

Und wirklich lesens- bzw. hörenswert ist die heurige Rede zur Literatur von Franzobel.

 

Enzensberger.

Knockin‘ On Kevin’s Door

So könnte es funktionieren mit Dylan und dem Nobelpreis:

Knocking on Kevin’s Door

Der Meister und sein Nobelpreis

Als ich von der Entscheidung für Bob Dylan als Literaturnobelpreisträger erfuhr, freute ich mich sehr. Kritik an der Entscheidung der Akademie gab es genug, aber schlüssig fand ich die nicht.

Zum einen war es höchste Zeit, dass die musikalische Lyrik auch als literarische Leistung anerkannt wird. Zum anderen gibt es, wenn das Komitee das nun endlich tun will, niemand besseren als Bob Dylan. Kein anderer macht seit über 50 Jahren unbeirrt „sein Ding“, musikalisch vielleicht umstritten, aber lyrisch quer durch die Schulen anerkannt. Kein anderer hat 500 Songs geschrieben, von denen beinahe jeder einzelne wortreichen Stoff für Generationen von Interpretationen durch Kritiker und Fans bietet.

Manche hätten sich Leonard Cohen (heuer leider posthum) in Stockholm gewünscht – auch er hat Großartiges geschrieben, aber nicht so zuverlässig und beharrlich über die Jahrzehnte. Andere wollten lieber junge Vertreter, etwa aus der Rap-Kultur, aber anders als die Preise für naturwissenschaftliche Leistungen wird der Literaturnobelpreis nun einmal seit jeher für ein Lebenswerk vergeben. Die jüngsten Preisträger waren zum Zeitpunkt der Vergabe zwischen 40 und 50, und auch das gab es nur in den Anfangsjahren des renommierten Preises (zu Zeiten, als 50 für die Durchschnittsbevölkerung schon als durchaus hohes Alter galt). 

Und sarkastische Meldungen zur Revolution im Literaturbetrieb, deren gerade noch lesenswerteste diese Zeit-Glosse von Literatur-Professor und Bachmann-Juror Kastberger ist, liegen schon deshalb weit daneben, weil man die Dylan-Lyrics auch ganz ohne Musik wunderbar lesen kann.

(Hier wollte ich eigentlich ein paar Zitate einfügen, was nun leider entfallen muss, da ich mich stundenlang in Musik und Lyrics verloren habe und mich trotzdem nicht entscheiden kann, was denn nun das anschaulichste Beispiel ist. Es gibt einfach zu viele durch und durch wunderbare Texte. Leichter wäre es bei den Einzeilern. Da ist mein persönlicher Liebling noch immer „crying like a fire in the sun“, knapp gefolgt von „I don’t want nothing from anyone, ain’t that much to take“, aber Einzeiler machen nun mal keinen Nobelpreisträger.)

Womit weder die Musik- noch die Literaturwelt gerechnet hat, war Bob Dylans nachhaltiges Schweigen zum Preis. Das gefällt ihm natürlich, denn wenn der Meister eines ist, dann ist er berechenbar unberechenbar. Einmal küsst er dem Papst den Ring, ein andermal lässt er das Nobelpreiskomitee im Regen stehen. Schlüsse zu seiner politischen oder gesellschaftlichen Einstellung aus diesen vermutlichen Momententscheidungen zu ziehen, wäre zweifellos vermessen, denn schon Mitte der 60er-Jahre, als seine Karriere gerade einmal begonnen hatte, war die wichtigste Botschaft von Bob Dylan (außerhalb seiner Musik, also in Interviews und ähnlichen Situationen), dass er verdammtnocheinmal keine Botschaft hat. Das muss man nicht mögen, aber man darf es respektieren.

Ganz wunderbar fand ich dann, dass Bob Dylan in Stockholm Patti Smith vorgeschickt hat. Was auch immer der Meister sich selbst dabei gedacht hat: Für mich hat das insofern eine großartige Symbolik, weil ich die Frau schon lange schätze und bewundere, für ihre Musik ebenso wie für ihre Schreibe. Und ein bisschen vermute ich auch, dass sie den „Legendenstatus“ bislang nur deshalb nicht vollständig für sich beanspruchen kann, weil sie nun mal eine Frau ist.

Der Text von dem Song, den sie in seinem Namen vorgetragen hat, wäre eigentlich alleine schon Grund genug, einem Schreiberling den Nobelpreis zu verleihen. Und was denn Patzer anbelangt, hab ich schon die Rüstung und die Mistgabel bereitgelegt, um meine weibliche Lieblings-Hippie-Punk-Ikonin gegen alle Angriffe zu verteidigen. Mpf.

Patti Smith – A Hard Rain's A-Gonna Fall (ceremonia Nobel 2016)

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Aber, zurück zum Nobelpreisträger selbst. Ich denke, der Monolog am Schluss von Masked & Anonymous sagt auch einiges darüber aus, warum er außerhalb seiner Werke so unbeirrt überzeugend schweigen kann.

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Und: Wer für einen Literaturnobelpreisträger unbedingt ein Buch braucht, sollte Bobs Autobiographie lesen. Darüber habe ich hier schon mal geschrieben. Ich denke es wird Zeit, ein zweites Mal reinzuschauen.

 

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