KategorieBachmannpreis

Zufrieden mit den (meisten) Texten, unzufrieden mit der Jury, eh alles wie immer. Schön wars mit euch, ich freu mich schon aufs nächste Jahr! #tddl

Mexiko, Gagausien, Feuer und Wasser (Bachmannpreis 2018 #5)

Jakob Nolte eröffnet den Samstag mit „Tagebuch einer jungen Frau, die am Fall beteiligt war„. Das Tagebuch geht nach innen, und der Fall bleibt aus. Die Sprache ist literatur-referentiell („Beschreibungen des Sternenhimmels sind schwer“), es langweilt mich. Die Jury taucht ins 19. Jahrhundert. Winkels wittert Dekonstruktion und ein „romantisches Großereignis“, was immerhin ein Ansatz wäre. Kastberger hat sich im Gegensatz zu mir keine Minute gelangweilt. Überhaupt redet die Jury den Text groß. Mir bleibt nur der Schluss, als die Hauptfigur sich selbst erzählen muss, „ein einzigartiges Erlebnis“. Die Jury begeistert sich für die Langeweile, aber langweilig bin ich selber, dafür brauche ich keine Literatur.

Ich wünsche mir auf Twitter etwas Experimentelles und bekomme es immerhin ansatzweise. „DESTINATION:AUSTRIA“ von Stefan Groetzner spielt mit Klischees, Weltbild und Politik. Die Bachmannpreis-Parallele hat sich mir nicht aufgedrängt, ich sah eher einen bekifften Blick auf die vielen Weinprinzessinnen. Für das österreichisch-slawische Kaleidoskop verzeihe ich sogar gerne ein paar (nicht viele) papierene Redewendungen. Mir hat der Text gut gefallen, viele kleine Details, Brabantbuntbarsche und Powidltatschkerln. Twitter und später auch die Jury stößt sich an der Oberflächlichkeit und übersehen dabei die meines Erachtens durchaus vorhandene Tiefe. Man bräuchte einen ganzen Tag, um alle Details zu würdigen, insofern ein Klagenfurttext, aber etwas gestrafft durchaus auch für eine Kabarettbühne geeignet. Kastberger zeigt sich geradezu persönlich beleidigt.

Der Rest der Jury verteidigt auch eher halbherzig. Aber wohl Kandidat für den Publikumspreis.

Zu „und ich brenne“ von Özlem Özgül Dündar könnte man stundenlang diskutieren. Großes Thema. Ich fand die Umsetzung nicht so gut gelungen, Twitter und der Großteil der Jury sind anderer Meinung. „Mütterknäuel“.

Lennart Loß läßt in „Der Himmel über A9“ einen Zahntechniker und ehemaligen RAF-Bombenbauer mit einer Kugel im Bein mit dem Flugzeug abstürzen. Wie die Überlebenden da so im Wasser treiben, erinnert mich an meinen unvollendeten Roman. Das tut zwar nichts zur Klagenfurter Sache, würde mich aber durchaus für den Text einnehmen, würde der nicht so viele unwahrscheinliche Zufälle zusammenbringen, dass man gar keine Lust mehr hat. Auf gut kärntnerisch: Lei losn. Die Jury sieht das ähnlich, vor allem Kastberger, was mich wieder mit ihm versöhnt. Keller sieht die vielen Unwahrscheinlichkeiten als Zusammenströmen von Magnetlinien, auch eine Möglichkeit. Jemand hat sogar einen 68er-Text darin gelesen. Naja.

Punktgenau zum tödlichen Sturm im letzten Text kommt hier übrigens stärkerer Wind auf. Ich würd jetzt gerne baden gehn, muss aber stattdessen arbeiten.

Vatergeschichten und Obdachlosigkeit (Bachmannpreis 2018 #4)

Es ist gleichzeitig gut und schlecht, wenn man nicht live und mit Twitter Bachmannpreis schaut. Man hat einerseits mehr Zeit, sich auf einen Text einzulassen, andererseits fehlt die Verortung durch die anderen Meinungen. Ich habe ja schon lange vor Twitter ganz alleine jedes Jahr zugehört, und als ich an diesem Freitag Abend heim komme, freue ich mich schon auf die Nachmittagstexte.

Bov Bjerg war (ist) ja quasi der große Internet-Favorit des Jahres, mit entsprechender Erwartung näherte ich mich den „Serpentinen„, musste aber dann enttäuscht in die nächtliche Leere twittern.

Die Jury widmete sich mehr dem nicht ausgeführten Mysterium, ob Vater und Sohn nun auf der Flucht sind oder doch eher im Urlaub. Aber, es bleibt ein Vater, der nicht wirklich etwas mit seinem Sohn anfangen kann, der aber das „männliche“ Bedürfnis hat, die Vaterlinie zu erforschen und auch ein bisschen weiterzugeben, ohne die Suizid-Komponente natürlich. Dabei tut er „männliche“ Dinge wie Autofahren und Bier trinken und sich wundern, dass die Frau mit dem Hotel (?) nicht zu Hause picken geblieben ist. Das hätte sich so leicht und so gut aufbrechen lassen, aber… naja, ich kritisere ja immer die Jury, wenn sie sagt, was sie lieber gelesen hätte, daher lass ich das jetzt.

Besser gefiel mir Anselm Neft mit „Mach’s wie Miltos„. Dem Versuch, sich in die Innenwelt eines Obdachlosen zu begeben, mit der schwebenden Frage, wer oder was denn nun real ist – dem folgte ich gern, eine Geschichte, gut vorgetragen, und den Vorwurf der Jury, es sei emotionelle Erpressung, kann ich gar nicht folgen, die Story bleibt mir durchaus trocken und distanziert, obwohl von innen betrachtet.

Sex, Panik und Froschgeschichten (Bachmannpreis 2018 #3)

Den Anfang vom Freitag leider wegen wichtiger Telefonate verpasst. Der erste Satz, den ich von Corinna T. Sievers‘ „Der Nächste, bitte“ höre, enthält schon das Wort Koitus. Es liegt durchaus etwas Faszinierendes in der Geschichte der sexsüchtigen Kleinstadtzahnärztin, die trotz aller Ausschweifungen bieder bis ins Mark bleibt, während sie sich ihre Existenzgrundlage nach und nach vom Leib vögelt. Die Autorin hätte aber wohl diesen Widerspruch noch ein bisschen zuspitzen müssen, denn bei der Jury kam er nicht an. Die diskutierte stattdessen über literarische Vorlagen und hatte nicht einmal genug Verstand, Übergriffigkeiten mit Blick aufs wirkliche Leben  bleiben zu lassen. Danach störte mich sogar die Feststellung „mit männlicher Kraft erzählt“ von Nora Gomringer. Wenn meine innere Feministin einmal wach ist, ist sie wach.

Ally Klein wagte mit Carter einen Ausflug ins Unterbewusstsein. Der Anfang verwirrend, jemand stolpert, mehr oder weniger betrunken, durch die Nacht. Dann wird klar, dass wir mit diesem Text mitten in einer Panikattacke stecken, sprachstark und entsprechend vorgetragen. Wie sich die Welt auflöst, wie sich der Blick nach innen richtet, wie sich die Hauptfigur die Welt mühsam wieder zusammensetzt. Wie sogar die hilfsbereiten Hände zum Feind werden. Schon auf Twitter wurde klar, dass dieser innere Ausnahmezustand nicht bei jedem ankam, und in der Jury kam er gar nicht an. Diskutiert wurde stattdessen darüber, wer Carter sein mochte, und man nannte den Text eine Kosmogonie, oder schlimmer noch, einen Adolesszenztext. Ob dieses Zersplittern der Welt und des Ichs wirklich nur erkennen kann, wer es kennt?

Als Tanja Maljartschuk „Frösche im Meer“ liest, muss ich los zu einem Termin. Vielleicht liegt es ja an meiner inneren Hektik und am Unterwegs-Hören, dass ich den Text trotz feiner kleiner Bilder und Wendungen todlangweilig finde, aber der Eindruck ist so nachhaltig, dass ich ihn auch später nicht noch einmal ansehen will. Die Diskussion beginnt mit Gomringer, die meint, das Publikum würde jetzt denken „endlich Literatur!“. Unterstellung! Oder spricht sie von sich selbst? Mehr kriege ich dann aber nicht mehr mit und hab auch gar kein Bedürfnis danach, es weiter zu hören.

Bachmannpreis 2018 (2)

Mit Anna Sterns „Warten auf Ava“ kann ich gar nix anfangen. Das liegt nicht nur an kalt und Berg, das liegt vor allem an der hölzern gestelzten Sprache. Keller verteidigt ihn mit allen Mitteln, womit ich sie endlich auch wieder nervig finden kann. Kastberger klagenfurterisch inkorrekt: „Interessiert mich einfach nicht“. Twitter diskutiert über die Bluse von Nora Gomringer.

Ich brauch mehr Kaffee.

Joshua Groß, „Flexen in Miami„. Der Text ist nicht nur bekifft, wie die Jury später meint, der ist stellenweise durchaus auf Acid. Zwischendurch möchte ich meinen Sportjoker anrufen, aber Twitter hilft auch:

(Die Sportart ist Basketball, nur so for the Record.) Es ist ein gegenwärtiger, junger Text, wie Kastberger auch feststellt, aber ob es ein text „für die Schulbücher in 100 Jahren“ ist, wie die einladende Insa Wilke meint, wage ich zu bezweifeln. Jedenfalls besser anschauen als lesen, denke ich.

Bachmannpreis 2018 (1)

Man sollte über Tomaten schreiben, dachte ich in der Pause, als ich schnell beim Spar ein Jauserl holte und über die Vielfalt an runden, ovalen, kleinen, großen, gelben und roten Tomaten blickte. Aber hat das nicht jemand schon mal? Achnein, das waren Erdbeeren.  Ich kaufte Limetten und Pfirsiche, von denen ich hoffte, dass…

Moment, ich wollte ja eigentlich über die Tage der deutschsprachigen Literatur schreiben. Die 42. übrigens. Da trifft es sich gut, dass Feridan Zaimoglu in seiner gestrigen, einleitenden Rede zur Literatur eine poetische und dennoch beinharte Antwort auf die aktuellen Fragen gab. tatsächlich fragte ich mich danach, ob es überhaupt noch Sinn hätte, weitere Autoren vorlesen zu lassen, aber alles andere wäre dann ja doch auch schade.

Der erste Tag begann – verschlafen. Ich war zu spät aufgestanden, um noch alles zu erledigen, was ich noch unbedingt erledigen wollte, bevor es um 10 wirklich losging. Und als Raphaela Edelbauer zu lesen begann, tanzten in meinem Kopf noch politische Diskussionen, Arbeitsanforderungen und andere literaturfremde Themen. „Das Loch“ schaffte es dann aber doch, mich halbwegs in den literarischen Aufnahmezustand zu versetzen. Die Verbindung von Geschichte und Ingenieurskunst zu einem hinterlandbraunen Text ließ sich durchaus anhören. Jury wie Twitteria verbissen sich in die vordergründige Metaphorik, sodass die hintergründige unerforscht blieb. (Oder vielleicht habe ich die letztere auch nur imaginiert.)

Bei Martina Clavadetschers „Schnittmuster“ denke ich eingangs „Bitte nicht“, aber der Text schafft (für mich) den Sprung aus dem Sterbezimmer und hinein in ein vielfältiges Perspektiven-Chaos, das erstaunlicherweise niemand dem Text anlastet. Die vife aber unbeholfene alte Frau, die getragenen Verwandten, die schnoddrigen Krematoriumsmitarbeiter. Die Diskussion dazu, nunja… mir scheint, die Jury diskutiert schon wieder mehr darüber, was sie lieber gelesen hätte, als über das, was sie gelesen hat. Insa Wilke nervt, aber das ist wohl ihr Job, nachdem alle anderen nervigen Juroren weg sind.

Stefan Lohse begibt sich mit „Lumumbaland“ auf gefährlichen Boden. Damit meine ich nicht die trostlose Vorstadt, sondern das Spielen mit Kolonialgeschichte, weil da Twitter erstmal darüber diskutiert, ob ein weißer aus Sicht eines Nicht-Weißen schreiben darf. Aber da er ja nur schwarz sein will, ist das dann wohl wieder in Ordnung. Ein durchaus sympathischer Kiffer-Text, aber auch nicht viel mehr (wenngleich einige da Homoerotik hineinlesen wollen, die ich so nicht finde, und selbst wenn, würde der Text davon auch nicht tiefer). Der erste Satz allerdings, der bleibt: „Hinter der Sahara hätte noch was kommen müssen“.

In der Pause pfeife ich auf vorgenommene Erledigungen und hole mir stattdessen eine Stärkung. Jetzt also ein Tonic aufgespritzt, mit etwas echter Limette. Das Getränk hätte nun sowohl geschmacklich als auch für die Qualität der literarischen Rezeption wirklich einen Schluck Gin verdient, aber da ich nach den Nachmittagslesungen wirklich, wirklich noch etwas arbeiten muss, bleibt der in der Flasche.

Jö, das freut mich aber jetzt, dass Peschka den Publikumspreis kriegt. #tddl

Bachmannpreis 2017 – Tag 3

Mit übermotiviertem Moderator und verschlafen aussehender Jury geht es an die letzten Texte.

Eckhart Nickel beginnt. Bei seinem Videoporträt fällt mir wieder einmal auf, dass mir die Literaturmaschine fehlt. Sein Text „Hysteria“ beginnt auf dem Markt. Die Himbeeren haben die falsche Farbe und safteln blutrot, ein Rindviech rubbelt sich die Haut ab und legt gräuliches Fleisch frei. Angedeutetes OCD, zwanghaft wirkendes Beschreiben von kleinen und kleinsten Details, Anflüge von Hypochondrie, verschleiert vom geradezu entspannt ruhigen Vortrag des Autors. Dann wieder so Bilder wie melancholische Strommasten.

Keller vergibt ihre Stimme für den besten ersten Satz, „Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht.“ Schon mit Erdbeeren würde das nicht mehr funktionieren. Winkels findet Hyperrealismus und meint „extremer Realismus ist ein irreführender Begriff“. Er findet Science Fiction (ich hab das eher als Wahrnehmungsprobleme gelesen). Er findet den Text gut, findet aber zu viel von allem drin. Gmünder hat den Text so gelesen wie ich, Wahrnehmensstörung, findet ihn aber überladen. Kegel nennt es einen Elementarteilchentext. „Er will sich keine Beere aufbinden lassen.“ Fessmann findet eine „Poetik forcierter Dünnhäutigkeit“, und hat einen Dekadenztext gelesen, der aufzeigt, dass wir in einer Zeit des Überflüsses leben, findet das aber antiquiert, weil wir in einer nicht-dekadenz-geeigneten Epoche leben (Häh?). Kastberger mag Käferdichter und ist überzeugt, besonders weil der Text keine Antworten gibt. Er findet Übermenschbio und macht Ja, natürlich-Werbung. Wiederstein hat Angst nicht dranzukommen, und findet „German Angst“ und „früher alles besser“-Haltung und einen Bezug auf Verschwörungstheorie- und Fake-News-Anklänge.

Insgesamt die Diskussion interessanter als der Text.


Gianna Molinari erzählt schon im Video sympathiefördernd. Ihr Text „Loses Mappe“ beginnt mit einem Mann, der vom Himmel fiel.  Zuerst freue ich mich, dass da endlich wieder einmal eine geschichte erzählt wird. Leider hält die Freude nicht lang. Die Sprache fade, langweilig, der sakrale Vortrag hilft auch nicht.

Jurydiskussion erwartungsgemäß. Höre nur halb zu, weil es Zeit ist, die Wäsche aufzuhängen.


Maxi Obexer wirkt im Videoporträt etwas anstrengend. In „Europas längster Sommer“ geht es um Migration, Reisen und Sprache. Das ist gut. Als ich mich an die Stimme gewöhnt habe, ist es noch besser. Zum zweiten Mal in diesem Jahr habe ich uneingeschränkte Freude am Hören.  Auf Twitter dagegen wird der Text durchgehend gehasst.

Winkels sieht eine klischeehafte Zweiteilung der Welt als Problem des Textes. Feßmann hat eingeladen, erklärt aber den Text irgendwie von der Rückseite. Gmünder sieht die Geschichte der sechs Jungs durch den Kontext entwertet. Kastberger hält eine wunderbare Verteidigung des Textes, die auf „eh OK“ endet.


Urs Mannharts Videoporträt beginnt im Stall. Sein Text „Ein Bier im Banja“ ebenfalls. Es ist irgendwie die Geschichte vom Wolf im Schafsstall? Schöne Details – „Ob der Tag glücken wird, hängt auch vom Wolf ab. “ – „Um nicht alkoholisiert Auto zu fahren,
sind sie mit ihren Pferden unterwegs.“ Anfangs mag ich gar nicht in diese archaiische Welt eintauchen, aber die Geschichte gewinnt mit der Zeit.

Gmünder zieht eine Paralelle zu „Von Menschen und Mäusen“ und lobt die klare, einfache Sprache. Kastberger freut sich ironisch, endlich verstanden zu haben, was Wiederstein nicht langweilt, ist aber selbst wenig begeistert. Winkels findet Erzählung wie Sprache „vormodern“.


Bachmannpreis 2017 – Tag 2

Ferdinand Schmalz steht im Videoporträt an der Autobahn und auf dem Friedhof, spricht übers Schreiben und übers Essen und hat eine seltsame Sprachfärbung aus dem Grazer Steirisch mit deutscher Lackierung. „Mein Lieblingstier heißt Winter“ heißt sein Text, den er dramaturgisch korrekt präsentiert. Ferdinand Schalz liest in Mantel und Hut und erinnert mich an Qualtinger (Kastberger stellt aber später klar, dass Ödön von Horvath gemeint war).  Ein Protagonist heißt „Schlicht“ und verkauft Tiefkühl-Convenience-Food, ein anderer heißt „Schauer“, der ist offenbar krank. Die Sprache macht eigenartige Schlenker und ordnet die Satzstellung dem Rhythmus unter. Es freut mich wie gewohnt sehr, dass einer was mit der Sprache macht, aber es freut mich in dem Fall nicht, was. Es sind so Satzstellungsgeschichten, die manchmal aufgehen, zu oft aber an die alten Dorfdichter erinnern, die im Geburtstagsgedicht jede sprachliche Vernunft dem Versmaß unterordnen.  Die G’schicht ist gruselig: Der kranke Dr. Schauer, der, aus schlechtem Gewissen einem vor langer Zeit erschossenen Hirsch gegenüber, eine ganze Tiefkühltruhe voll Rehragout hat, würde gern in in seiner Kühltruhe erfrieren und dann mit Schlichts Kühlwagen auf die Hubertuswarte entsorgt werden.

Keller lobt die Kunstfigur. Fessmann ist auch begeistert. Winkels meint, der Text generiert sich selber, spricht von der stofflichen Materialität von Sprache und Welt und wird schließlich biblisch. Kegel findet den Text makellos.  Gmünder bringt einen AC/DC-Einwurf und sieht ein Kammerspiel. Wiederstein versteht nicht, was das Rehragout mit dem Hirsch zu tun hat. Kastberger erklärt das Österreichische an der Österreichischen Literatur und findet den Text glaubhaft, er glaubt auch an das sprechende Rehragout. (Obwohl eigentlich der Hirsch gesprochen hat.)


Barbi Markovics Videoporträt sollte man sehen. Ihr Text „Die Mieter“ beginnt mit einer Familie, die in einer Wohnung offenbar ermordet wurden. Schön langsam entfaltet sich daraus ein Horrorfilm, in der der wohnungswandblasse Vermieter und die einzige Überlebende der Wohnungsbewohner sowie die eigens angereiste Schwester die Bösartigkeit innerhalb der Familie und die Bösartigkeit der Wohnung selbst wunderbar surreal glaubhaft bleiben. Der wurzellose Rettich wird mir bleiben. Feiner Text.

Winkels sieht den Leser auf einer parabolischen Bahn und meint, das Konkrete an der Geschichte ginge wegen der vielen Bedeutungsmöglichkeiten verloren. Kegel sieht den Vermieter als Normalnullfigur und freut sich an der Unheimlichkeit des Heims. Fessmann will die Geschichte nicht symbolisch lesen, sondern als Hyper-Realität. Wiederstein hat sich gelangweilt. Kastberger sieht den Text eine  Fortsetzung einer literarischen Tradition von parabelhaften Texten zu unheimlichen Wohnungen sowie unerzählte jugoslawische Geschichte.


Verena Dürr will ein Libretto schreiben und ein Muschelhornorchester gründen, erfahren wir im Videoporträt. In ihrem Text „Memorabilia“ erzählt sie vom Klavier aus dem Film Casablanca. Irgendwie interessiert mich das Klavier wenig, und ich habe auch wenig Lust, die erzielten Preise bei mehreren Versteigerungen in literarischem Kontext zu erfahren. Dann kommt ein Restaurator mit dem SUV (nicht Auto) in ein Zollfreilager, trinkt Milch aus dem Automaten (nicht aus dem Laden) und wird durch Ziegenaugen (nicht Kuhaugen) irritiert. Ich mag nimmer. „Blattwerk“, „kleines Federvieh“, “ es erkennt der Restaurator sogleich“ – Oida, welches Jahr schreiben wir, so rein sprachlich betrachtet?

Fessmann sieht die zwielichtige Welt der Zollfreilager, der die Geschichte aber nichts hinzufügt. Winkels sieht eine Entsinnlichung der Welt, findet die Abbildung gelungen und redet sich in Begeisterung für diese Konzeptkunst. Keller steht am Berg und verliert sich in ungerichteter Begeisterung.  Wiederstein verliert sich in die literarische Bedeutung von Höhlen. Gmünder erzählt einen Schweizer-Witz und sieht einen Schacht von Babel. Kastberger sieht einen Text jenseits klassischer Narration mit einer einfachen Strategie, die den Blick auf Unbekanntes eröffnet.


Jackie Thomaes Text Cleanster klingt vor allem nach Berlin. Der Putzmann, der sich die fremde Wohnung zu eigen macht, um nach und nach daran zu verzweifeln, die Wohnungsbewohnerin, die sich viel zu viele deutsche Gedanken macht. Irgendwie langweilig und dabei ein bisschen peinlich, sprachlich auch nicht aufregend. Leichte Komik bei der Interpretation seines Verhaltens durch die Auftraggeberinnen.

Gut erzählt, aber zu glatt, meint Feßmann (ja, das auch). Kastberger findet, das könnte eine Szene aus Sex and the City sein. Winkels findet die von Kastberger vermisste Dringlichkeit unter dem Schreibtisch. Ein  Ansatz von Wohlstandskapitalismuskritik kommt auf. Kastberger schwenkt auf Breaking Bad um. Ich bin irgendwie ungehalten allen gegenüber.


Jörg-Uwe Albig mischt in seinem Videoporträt unterschiedliche Film- und Soundfragmente. Sein Text „In der Steppe“ beginnt in der Leere und erinnert an Vieles. Die Werkzeuge des Mieraliensammlers (wiehießernochgleich?), die Zone (Stalker?), Das „Ding“, das eine Datscha ist, nein, eine Kirche. Dann ein Ei, genauer das innere Bild eines Eis, „die Luft war dick wie Dotter“. Alles ein bisschen surreal. Oh, die Kapelle ist eine Frau. In die er eindringt. Aber nicht nur er. Von da an ist irgendwie alles unangenehm klar.

Kastberger ist alles andere als begeistert und gibt dem Text keine Chance. Keller erkennt immerhin eine Masse aus Anspielungen, aber auch sprachliche Fehlgriffe. Kegel erklärt Objektophilie (ich bleibe dabei, die Kapelle ist eine Metapher). Gmünder nennt auch ein paar Popkulturanklänge und hat den Text als Liebesgeschichte, aber durchaus positiv empfunden. Feßmann versteht das „Ding“ ähnlich wie ich, wenn auch nicht ganz so direkt. Selten. „Das liegt daran, dass Sie nur mehr ironische und performative Texte wollen“, kommentiert sie Kastbergers Unverständnis.

Bachmannpreis 2017 – Tag 1

Karin Peschka bringt schon im Videoporträt aufhorchen; über das Wort „Fremdenzimmer“ hab ich vorher nie nachgedacht.

Ihr „Wiener Kindl“ lebt mit Hunden in einer postapokalyptischen Welt, die neugierig macht. Vergangenheit, Zukunft? Kleine Textdetails machen die Jetztzeit klar, bin erleichtert nicht in den Weltkrieg zurückgeworfen zu werden.  Auf Twitter würde man dem Kindl das „l“  am liebsten wegnehmen. Ich dagegen mag das Kindl und die Gschicht (das Gschichtl?), vielleicht abzüglich ein paar scharfkantigen Textecken wie zB „Kot absetzen“,  und bin damit gleich beim ersten Text in der Minderheit. Würde ich aber gerne weiter lesen.

Die Jury wirkt wach. Winkels liest religiöse Anklänge, ich bin da eher bei @DorisBrockmannKegel liest Mogli aus dem Dschungelbuch, Keller findet auch die Rom-Metapher sowie Wappenkinder und den letzten Menschen als Gegenpol zu Adam und Eva. Kastberger verbeißt sich in den Silberlöffel, mit dem man keine Hunde bändigen kann. Der neue Wiederstein findet den Text gelungen, fände ihn aber abgespeckt noch besser. Die Jury insgesamt wohlwollend, Twitter zurückhaltend bis bösartig.


Björn Treber gestaltet sein Autorenporträt wort- und gesichtslos. Der Text „Weintrieb“ beginnt auf dem Friedhof. Ein Begräbnis. Ich muss leider ertmal kichern, assoziiere eine ganz alte Geschichte, die ich bei Gelegenheit auch mal aufschreiben muss. Die ausführliche Beschreibung der Sarg-Szene lässt mir Zeit, mich zu fangen. Sargkarren, geschürzte Lippen und (streng?) riechende Trauergäste. Miniaturbild folgt auf Miniaturbild, was ich sonst sehr mag, aber hier sind viele Bilder schief und unstimmig.  Trotzdem:

Keller findet das Begräbnis erfrischend. Feßmann ist die Geschichte zu allgemein, naja. Wiederstein findet versteckte Aggression (so versteckt fand ich die gar nicht). Winkels findet den Text unbeholfen (kann man so sagen). Kastberger hat nachrecherchiert und findet den Text als pure schutzlose Realität, die er „mutig“ nennt. Rest der Diskussion verpasst.


John Wray kommt im Videoporträt sympathisch und ein Haucherl skurril rüber, das lässt hoffen. Dem gut vorgetragenen und perfekt konstruierten Text „Madrigal“ kann man eigentlich keine Vorwürfe machen. Ich muss ihm aber trotzdem vorwerfen, dass er mir die Lust an den Wörtern nimmt, sowohl an den fremden als auch an den eigenen. Daher hier die Zusammenfassung in Bildform.

Die Jurydiskussion war auch so ähnlich.


Noemi Schneider. Ein schnaufendes, ansonsten schweigendes Nashorn im Videoporträt, eine rauchende Frau, Fussmassage für Mütter. Im Text „Fifty Shades of Gray“ geht es um eine Baronesse, die fliehen muss (?), in den Süden; um ein Internat und Selbstmord. Die Tote heißt Malina, aber abgesehen davon nimmt der Text mich erst mal ein Stück weit mit.

Der Stil nützt sich beim Hören schnell ab, lesen geht besser. Schade, dass das plakative Buzzword-Bingo (Baronesse, Malina, …) die sympathisch schnoddrige Poesie stören.

„Nicht gelungen“, meint Feßmann. Kegel sieht eine umgekehrte Flüchtlinsroute, die die Phantasien vom Untergang des Abendlandes ironisiert. Winkels erklärt den angedeuteten Untergang des Abendlandes, um den dann ein bisschen gestritten wird. Meine Chronistinnenlust ist noch nicht ganz zurückgekehrt.


Daniel Goetsch, im Videoporträt friedhofsbegeistert, erzählt in „Der Name“ eine Geschichte aus der Nachkriegszeit mit mehr oder weniger wahrhaften Personen, umrahmt vom Seelenleben eines verlorenen Schriftstellers auf einer Insel. Die  Story selber irgendwie sympathisch, die Sprache sehr verstaubt und altbacken. Der Leser / Hörer (ich zumindest) am Schluss genau so verloren wie der Schriftsteller.

Die Jury wirkt ähnlich ratlos, Keller erklärt den Romankontext, der dort eigentlich nix zu suchen hat.


Das wars mit den Texten für den ersten Tag. Die wirklich wichtigen Fragen danach werden auf Twitter gestellt…

Und wirklich lesens- bzw. hörenswert ist die heurige Rede zur Literatur von Franzobel.

 

Bachmannpreis 2016

Weitgehend zufrieden mit AutorInnen und Texten diesmal, weniger mit der Jury, die sich mit ganz wenigen Ausnahmen entschlossen zu haben schien, an der Oberfläche der Texte dahinzudümpeln, und öfter lieber eine Grundsatzdiskussion einschob, anstatt auf den aktuellen Text einzugehen – außer beim einen Mal, wo die interessant hätte werden können.

Gleich zum Auftakt hatte ich richtig Freude an Stefanie Sargnagels Text und fand mich, durch Generationen getrennt aber doch, auch irgendwie selbst drin wieder.

Getwittert: Wunderbar. Ich hab jetzt wieder Hoffnung für die Jugend.  

Die Jury zeigte sich auch überwiegend positiv, bis auf Feßmann, die allerdings in diesem Jahr kaum Texte gut fand.


Sascha Macht las als nächstes, und während die Geschichte   durchaus interessant sein hätte können, nahm mir die altbackene, gestelzte Sprache jede Freude am Zuhören. Die dystopische Urwald-Universität ächzte unter staubigen Wörtern und schwerwiegenden Namen.

Getwittert: Es ist ein bisschen wie „Masked & Anonymous“ , nur im Uniumfeld statt im Musikbusiness, und nicht ganz so begeisternd.  

Die Jury war auch nicht begeistert, außer der Einladerin Keller begeisterte sich nur Juri Steiner für den Text, der den anderen vorwarf, sie könnten das Barock darin nicht sehen.

Jury: „Kann der Dekan nicht einfach Franzi heißen?“


Bei  Marko Dinic mochte ich irgendwie gar nicht mit.

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Bastian Schneider trat mit seinen „Stücken“ mit einer Textform an, der ich meistens wenig abgewinnen kann, was den wunderbaren unter seinen Miniaturen aber nichts anhaben kann.

Getwittert: Ich mag keine Textstücke. Aber das ist nicht sein Problem. Teils sprachlich große Freude.

Die Jury äußerte sich durchwachsen, samt ausufernder Diskussion über den titelgebenden Begriff „Mezzanin“.


Selim Özdogan und seinem Hasen folgte ich gern.

Getwittert: „Ich war betrunken, ohne dass der Hase sich darüber freute“ – Sätze für die Ewigkeit.

Die Jury interessierte sich mehr für Herkunft und Tradition des Hasen als für den Text und seine G’schicht, was ich ein bisschen schade fand.


Der Freitag begann mit schwerer Kost. Julia Wolf erzählt aus dem Kopf eines alten Mannes, und der Schwimmbadunfall des Junggebliebenseinwollenden ist der Anlass, sein Leben nochmals aufzurollen. Sprachlich und inhaltlich gut, aber nicht sympathisch (aber Kunst muss bekanntlich nicht sympathisch sein!). Julia Wolf durfte dafür mit dem 3sat-Preis nach Hause.

Die Jury verlor sich in Diskussionen über alternde Lustmolche und umschiffte konsequent die sich mir aufdrängende Verlustthematik.


Jan Snela servierte eine sprachlich ungute Karl May-Parodie, die ziemlich weit am Ziel vorbeiging. Fand die Jury größtenteils auch.


Isabelle Lehns Kriegssimulation für Arbeitslose fand ich interessant und eintauchenswert, bis auf eine Kleinigkeit.2016-07-03_18h26_05

Die Jury war uneinig.


Tomer Gardi brachte mit seinem Text ohne Namen nicht nur die Jury ins Grübeln. Ist das „Broken German“ die richtige Grundlage für eine Teilnahme am wichtigsten Literaturwettbewerb des deutschsprachigen Raums? Jenseits der falschen Artikel und Konjugationen aber warten Sprach- und Gedankenbilder, die ein deutlich höheres Sprachverständnis spüren lassen, die vermuten lassen, dass das „falsche“ deutsch eine höchst bewusste Konstruktion war.

„Wir sind Babylonisch. Wie wird es im Babylon gefeiert? Frage ich und sie sagt hör mal zu, Sohn. Auf unsere Muttersprachen gibt es kein Passiv. Wir benützen Wörter nicht um zu Vergeben. Verstecken. Verheken. Jeder Tat hat eine Tätter.“

Für mich zumindest. Die Jury war gespalten, und besonders Frau Feßmann sah das anders. Im Grunde war ich froh, nicht auf linguistischem Niveau drüber nachdenken zu müssen, sondern einfach vergnügt dieser heimatlosen Geschichte folgen zu dürfen.


Als älteste Teilnehmerin aller Zeiten brachte Sylvie Schenk danach ein trocken gehaltenes Kaleidoskop aus Nachkriegsfranrkeich nach Klagenfurt. Der Vortrag dabei täuschend kindergerecht. Beim Lesen gefiel mir der Text gut, mit feinen Details.

„Deine Kindheit ist eine kaum verblasste Musik.“

In manchen Jahren wäre sie meiner Ansicht nach damit ganz vorn dabei gewesen, aber 2016 war insgesamt sehr stark. Die Jury… ach, ich mag jetzt nichts mehr über die Jury erzählen.


Der Samstag begann mühsam. Die sibirisch-deutsche Geschichte von Ada Dorian zog trotz des vielversprechenden Titels „Betrunkene Bäume“ weitgehend an mir vorüber. Auch beim wiederlesen erschloss sich mir der Text nicht, trotz des herrlich wuchernden Ahorns im Schlafzimmer.


Sharon Dodua Otoo rettete den Morgen. Mit ihrer wunderbar erzählten wundersamen Geschichte war sie schon unter meinen Favoriten, bevor sich das Ei weigerte, hart zu werden. Hier sind sich Jury und Twitter einig: Wir haben einen großen Text gehört. Und der wurde völlig zurecht mit dem Bachmannpreis belohnt.


Danach hätte wohl jede/r einen schweren Stand gehabt, Astrid Sozio allerdings war besonders schlimm dran. Sie war schlecht beraten (und sei es auch von sich selbst), ihren Text, wohl zur klagenfurttauglichen Provokation, großzügig mit dem schlimmen N-Wort anzureichern. Dabei hätte die Geschichte durchaus Potential gehabt, aber das mystische Hotel und die Jugenderinnerungen der bös gewordenen alten Frau ächzen mit er Jury unter der Last des politisch Unkorrekten. Darf man denn solche Wörter in der Literatur verwenden? Klar, Kunst darf alles. Aber… sie muss nicht.


Den Abschluss machte Dieter Zwicky, dessen Text sich mir trotz aller Schweizer Sympathien nicht erschließen wollte. Das „kleine“ Los Alamos blieb mir ebenso fern und uninteressant wie die mehr oder weniger schlecht riechenden Figuren. Aber das lag sicher an mir, schließlich hat er sogar den Kelag-Preis gekriegt. Und wurde mit seinem Statement bei der Preisverleihung irgendwie spezial schweizerisch unsterblich:

„Ich freue mich extrem, habe aber auch den Auftrag gefasst zu sein“


Selber stimmte ich beim Publikumspreis für Stefanie Sargnagel, und sie hat ihn ja dann auch bekommen. Ich hatte zuerst große Schwierigkeiten, mich zu entscheiden, kam aber dann zu dem Schluss, dass der Publikumspreis im Gegensatz zu den hochintellektuellen Jurypreisen aus dem Bauch heraus vergeben werden soll, und dort hat „Penne vom Kika“ nun mal vertraut und irgendwie auch leicht nostalgisch Platz genommen.

Bachmannpreis 2015, Freitag & Samstag

Freitags nicht „live“ dabei, beim Nachhören und Nachlesen vorwiegend ratlos. Am ehesten noch die Falkner, übrigens (für mich) besser gelesen als vorgelesen. Ronja von Rönne streckenweise „Yeah“, aber ist „Yeah“ ein Klagenfurt-Gefühl? Außerdem wird es schnell von zu viel Plattheit geplättet. Ironie darf nicht in der ironisierten Sache ertrinken.  Ansonsten… Ach. Vielleicht liegt es ja an mir und nicht an den Texten. Weitgehend heuer tatsächlich mehr Vergnügen an den Jury-Diskussionen als an den Texten selbst.

Samstag beginnt papieren schweizerisch. Überlege, abzuschalten. Wäre schade gewesen, dann hätte ich Anna Baar versäumt, erst das zweite uneingeschränkte „Ja“ von mir in diesem Jahr. „Sinnlich“, Herr Kastberger bringt’s auf den Punkt. (Ich will ans Meer.) Präauer spricht mich gar nicht an, wird aber einen Preis kriegen. Bei Dana Grigorcea bin ich dankbar, endlich wieder eine Geschichte erzählt zu bekommen, noch dazu eine gute. Die Sprache aber etwas zu verstaubt, das Versetzen ins Kindliche zu intensiv gewollt für ein uneingeschränktes „Ja“. (Wenn das Ding ein Romanauszug wäre, würde ich aber den Rest unbedingt lesen wollen.)

Irgendwie bin ich bachmannpreis-müde. Weiß nicht mal, ob ich Lust habe, mir morgen die Preisvergabe anzuschauen.

 

Bachmannpreis 2015, Tag 1

Es fehlt etwas, heuer. Es fehlt die automatische Literaturkritik, es fehlt der zugehörige Chat, es scheint auch das Gezwitscher auf Twitter (mit wenigen löblichen Ausnahmen) schwächer und leiser. Das ist schade, einerseits, andererseits gibt es Gelegenheit zuzuschauen „wie früher“: Nämlich allein.

In Zeiten allseitiger Berichterstattung fehlt mir auch der Antrieb, hier eine akribische Chronik zu schreiben. Konträr zu allen Regeln des Spannungsbogens fange ich mit dem Highlights des Donnerstags an:

Nora Gomringer. Poetry-Slam meets Literaturgeschichte, die Story selber durchaus spannend, aber: Das hätt’s gar nicht gebraucht. Die Sprache, die Gedankengewandtheit könnte mit jedem Inhalt bestehen. Unbedingt anhören!

Mehr hörenswertes kam von Sven Recker. Irrenhausumgebung mit Eso-Wahnsinnigen, schnelle Schnitte, präzise Beobachtung. Viel aktuelle Anklänge. Es ist die Art von Text, die (für mich) nur akustisch funktioniert, dann aber sehr.

Dann gibt es auch Texte, die gefallen mir nicht richtig, aber irgendwie doch.Der von Saskia Henning zum Beispiel, die mit ihrem Lastwagen durch die Nacht brettert, für ein Umzugsunternehmen. Das Beziehungsdrama, das da die eigentliche Geschichte ist, die kommt für mich nicht sonderlich überzeugend rüber. Aber mit dem Lastwagen über die nächtliche Autobahn zu rasen, das kenne ich gut, seit ich vor einer Woche den Eurotruck-Simulator geschenkt bekommen habe. Der Text verspielt jedoch mit dem Ende auch noch die allerletzte Sympathie. Platt.

Katerina PoladjanValerie Fritsch – yep, „handwerklich gelungen“. Aber zu offensichtlich für genau diese Veranstaltung konstruiert. Sterblichkeit, Familiendramatik, Innenschau mit viel Natur. Nix für mich.

Den neue Grazer Juror fand ich übrigens durchgehend erfrischend. Und er hat noch dazu einen Twitter-Account.

Links zum Thema:

Der erste Tag bei Claudia Kilian

Der erste Tag bei Frau Kaltmamsell

Gründlichstes im Literaturcafe

Die große Fracht der Wörter ist verladen…

Nachdem mich in diesem Jahr unaufschiebbare Aufgaben daran gehindert haben, die drei Klagenfurttage live an den diversen Schirmen mitzuverfolgen, fällt auch die persönliche Berichterstattung etwas kürzer aus als sonst.

Immerhin habe ich es geschafft, alle Texte nachzulesen oder nachzuhören, und habe mir zu den meisten auch die Jurydiskussion angehört. Mein persönlicher Favorit war danach “Scherben schlucken” von Nadine Kegele. Ich fand ein bisschen schade, dass die Jury so gar nicht sehen wollte, was ich sah, nämlich die virtuos-zarte Art, eine schmerzhaft-grausame Geschichte konsequent zwischen den Zeilen zu erzählen. Ich fand es auch schade, dass ich mit den Texten erst zu spät fertig wurde, um noch für den Publikumspreis abzustimmen, aber Frau Kegele hat ihn auch ohne meine Stimme gekriegt. Gratulation!

Dass der Bachmann-Preis an Katja Petrowskaja (Vielleicht Esther) ging, fand ich dann doch etwas überraschend. Nicht, weil mir der Text nicht gefallen hätte, er hat mir gut gefallen. Gleichzeitig fand ich ihn aber etwas zu gefällig, zu glatt für das große dunkle Thema.

Als Preisträger erwartet hätte ich Benjamin Maack mit “Wie man einen Käfer richtig fängt” von Joachim Kaltenbach. Wäre ich Jury, ich würde den Text “ein virtuoses Saitenspiel auf den Nervenenden der Rezipienten” nennen. Maack hat dann immerhin den 3-Sat-Preis bekommen.

Überaus lesenswert fand ich auch “Wir sind schön” von Heinz Helle, mit Sätzen wie diesem: ”…und dann lehnt sie sich wieder zurück, und ich denke den Rest des Films, warum habe ich sie nicht geküsst, und als Bruce Willis sagt, an old man dies, a young woman lives, fair trade, und sich in den Kopf schießt, habe ich Lust, mir auch in den Kopf zu schießen und vorher etwas Cooles zu sagen.” Helle hat immerhin den Willner-Preis bekommen.

Und mit den tröstlichen Worten von Herrn Wrabetz – “Der Bachmann-Preis bleibt,” – gingen die literarischen Tage versöhnlicher zu Ende, als viele Fans befürchtet hatten. Der Jury-Vorsitzende Burkhard Spinnen nützte am Schluss die ausgelassene Stimmung, um in selbst-ironisierter Rührung endlich einmal seine Mama im Fernsehen zu grüßen.

Ich freu mich schon aufs nächste Jahr.

 

Bachmannpreis 2012 – Finale

Natürlich habe ich brav die Preisverleihung angesehen und abgenickt, aber aufregend fand ich es diesmal nicht. Mir ging es da ein bisschen wie der Frau Kaltmamsell. Um ehrlich zu sein, habe ich nicht einmal für den Publikumspreis abgestimmt – ich konnte mich einfach nicht rechtzeitig entscheiden.

Es waren sehr gute Texte diesmal, das Niveau hoch, und ich hätte den meisten Teilnehmern einen Preis gegönnt. Andererseits gab es keinen Text, in den ich mich Hals über Kopf verliebt hätte – vielleicht besser so, die Lieblingstexte hat mir die Jury ohnehin immer gern kaputt geredet in den Vorjahren. Der Bachmannpreis selbst ging an Olga Martynova, das ist sehr in Ordnung. Inhaltlich vor allem für den fulminanten Schluss, ansonsten aber sowieso auch. Hier findet man fast alle Preisträger – nur der Preis der automatischen Literaturkritik der Riesenmaschine ist seltsamerweise auch heuer noch nicht beim ORF angekommen.

So, und jetzt: Weiterlesen, weiterschreiben – bis zum nächsten Jahr!

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