Glücksgefühle in Blues

Es war der Herr Sufi, der entdeckte, dass die Jane Lee Hooker-Band ein Gastspiel in Wien geben würde. Er fragte, ob ich mitgehen würde, und ich warf einen Blick in den Kalender, hörte mir einen Viertelsong auf Youtube an (für mehr war grad nicht Zeit) und dachte: Warum nicht?

Daher war ich, als ich gestern Abend etwas ausgepowert in den Reigen pilgerte, denkbar unvorbereitet auf das Naturereignis, das uns überrollen sollte.

Fünf Frauen. Eine Stimme, zwei Gitarren, ein Bass, ein Schlagzeug. Verstärkerpower wie im Stadion. Würde man intellektuell überlegen, warum eine rein weibliche Band mit „I’m a Man“ loslegt, müsste man sich weit in die Tiefen von Feminismus, Ironie und Musikgeschichte begeben. Das kann man aber auch gut bleiben lassen, denn: Wie immer es gemeint ist, es funktioniert. Nichts gekünsteltes, nichts girliges, nur reiner Blues.

Vielleicht hab ich ja irgendwann irgendwo irgendwas verpasst, aber ich habe tatsächlich noch nie eine reine Frauenband gesehen, die mit solcher Musik-Lust auf der Bühne war, dass man sich vollständig in Gitarren-Solos und Duos und im grandiosen Schlagzeugfeuerwerk verlieren konnte. Und in Bass und Stimme natürlich auch.

Zwar machte der Reigen seinem Ruf als mies gemixte Bude zumindest anfangs alle Ehre, aber das machte fast gar nix, zumal sich die Band ja hybrid als Blues- und Punkband bezeichnet. Und Punk darf nunmal scheppern. Fast nix, weil meine Videos sind soundmäßig nicht zum anhören. Aber es gibt ein Video aus dem Rockpalast. Ist nur leider sehr leise geraten. Aufdrehen!

Jane Lee Hooker live | Rockpalast | 2017

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The Stones – No Filter – 16.9.2017 in Spielberg (mehr persönlicher als Konzertbericht)

Ich geb zu, ich hab sie zum ersten Mal live gesehen, die Stones, am Samstag, in Spielberg. Die Stones waren nämlich, schon als ich noch jung war, eh immer irgendwie cool, aber irgendwie auch immer schon alt. Und mit Großkonzerten habe ich es ja ohnehin nicht so, ich mag lieber die vergrößerten Wohnzimmer, die verkannten Gitarrenvirtuosen, die kleinen finnischen Clubs halt, auch wenn sie in Ottakring liegen.

Und dann sagt einer, er geht zu den Stones. Und schlagartig bin ich neidisch. Weil diesmal, ey, könnte es ja wirklich sein, dass sie zum letzten Mal da sind. Dass diese Band, die zwar immer ein bisschen am Rande meines Bewusstseins existiert hat, deren Songs ich aus unerfindlichen Gründen trotzdem auswendig kann; die mir aber auch sehr einzigartige Momente im Leben beschert hat,  und die ganz früh in meiner Schreiberei doch recht wesentlich zu einem (aus heutiger Sicht zugegebenermaßen etwas frühreif abgeklärten) Gedicht

beigetragen hat, in Pension gehen könnte, ohne dass ich sie jemals live gesehen hätte… das fühlte sich doch etwas seltsam an. Und da mein unmittelbares Umfeld meine zurückhaltenden Äußerungen doch etwas besser versteht, als ich normalerweise zu hoffen wage, war da plötzlich ein als Geburtstagsgeschenk ganz wunderbar getarntes Ticket in meiner Tasche.

Also auf nach Spielberg

Über gewisse Probleme bei der Organisation muss ich jetzt keine überflüssigen Worte verlieren – das steht zum einen eh überall, zum anderen gab’s bei jedem, auch noch so gut organisierten, Großereignis in meinem Leben immer noch das eine oder andere zu meckern. Das ist halt so, wenn fast 100.000 gleichzeitig irgendwo sein wollen, wo sonst fast niemand ist – und auch, wenn es sicher besser gegangen wäre, es hätt auch noch  viel schlimmer kommen können. Die Umwelt war kühl und etwas feucht vom vormittäglichen Regen, aber durchaus sonnig-freundlich. Dass der Shuttle-Bus-Fahrer 3 Kilometer vor dem Ziel sagte „Wahrscheinlich sind sie schneller, wenn sie zu Fuß gehen“ empfand ich als durchaus freundliche Geste. Und der Fußweg war dann, freundschaftlich durchplaudert und cloudscape-durchwachsen, trotz kleinerer Fußgänger-Staus eine durchaus angenehme Zeit. Und irgendwann ist man dann drin, wenn auch ohne die größenbedingt konfiszierte Tasche, aber die hatte ihre besten Zeiten ohnehin schon hinter sich, und ihr Inhalt hatte in meinen Jackentaschen gut Platz. No Worries. Härter fand ich da schon, einem als sozial imginierten Event plötzlich allein gegenüberzustehen. Aber, Missverständnis halt. Was solls.

Ich stapfte beherzt durch den Schlamm, der, wäre es nach den Informationen auf der Webseite gegangen, gar nicht hätte da sein dürfen. „Es sind durchgehend Holzspäne ausgestreut“, stand da, man müsse sich keine Sorgen machen, auszurutschen. Stattdessen hatte man die Wahl zwischen schlittern und einsinken. Und außerdem war es, sobald die Sonne ums Eck war, einfach ungut saukoid.

Ich hatte übergangslos überhaupt keine Lust mehr, dachte darüber nach, stattdessen einfach wieder heim zu schlittern, beschloss aber, erst einmal ein Bier zu trinken. Weil, ein Bier habe ich zum einen immer noch getrunken, und zum anderen wollte ich doch zumindest so einen Becher mitheimnehmen, wie auch immer der Abend sonst ausgehen würde. Das Gelände war durchaus ausreichend mit Gastronomie durchsetzt, sodass sich die Wartezeiten in Grenzen hielten. Während ich bezahlte, fing die Vorgruppe an, die sich zu so ungefähr jedem anderen Zeitpunkt ein „Wow“ von mir eingefangen hätte, aufgrund des in mir vorherrschenden Grundgrants allerdings nur ein „Jo eh“ erhielt. Was aber egal war, der Rest des Publikums „wow“‚te durchaus gitarrensolo-adäquat.

Ich faxte ein bisschen auf Facebook herum (mitten in der Gegend! Mitten in einem Großevent!) und fühlte mich noch deplazierter davon. Steckte das Handy weg und mäanderte mit offenem Blick über das Gelände, zum einen, weil ich das noch bei jedem Großkonzert gemacht habe, zum anderen, weil Stillstand unweigerlich bedeutet hätte, langsam im weichen Schlamm zu versinken. Ich fand, wie noch meistens und diesmal doch irgendwie unerwartet, eine Ecke seitlich der Bühne vielleicht 30 Meter vor der Barriere, wo erstmal kein und später immer noch kaum Gedränge herrschte. Langsam wurde es dunkel. Kaleo hatte fertig gespielt, der Vor-Konzert-DJ spielte den Klassik-Rock meiner Jugend. Mein Bier war leer, und obwohl ich durchaus noch eines vertragen hätte, verzichtete ich auf die Dienste der mobilen Bierträger mit ihrem Fässchen auf dem Rücken: Gut geschüttelt und vermutlich lauwarm  hätte diese flüssgie Dienstleistung wohl auch nicht zu meinem Wohlbefinden beigetragen.

Plötzlich mischte sich ein alter, wohlbekannter Duft in die Herbstluft, und ziemlich zugleich erklang aus der Konserve „Black Betty“. Ebenso übergangslos, wie mich der Grant erfasst hatte, war er auch wieder weg. It’s alright now, ich bleibe, genau dort wo ich bin, und rings um mich gehen erste Begeisterungskundgebungen aus dem Publikum ins Leere. Links von mir zwei enthusiastische Tschechinnen, rechts von mir ein Pärchen, dessen weiblicher Teil überhaupt noch nie auf so einem Event war, wie sie mehrfach  selbst ungläubig betonte.

Die mobilen Bierträger stauten sich, ich überlegte, ob ich nicht doch, überlegte aber zu langsam, schräg rechts von mir tauchte einer in den Schlamm ab und wurde von helfenden Händen gerade noch so befreit, bevor der Sumpf „schlurp“ machte; die großkonzert-unerfahrene Dame shakte vorsichtig bemüht, und selber versuchte ich mich vergeblich an einem coolen Selfie mit Zunge im Hintergrund. Ist aber auch nicht ganz einfach, zum einen die Coolness an sich mit 50+, zum anderen die Lichtverhältnisse mit der Handy-Cam, aber, naja, eigentlich habe ich keine Entschuldigung für das Scheißphoto. Hier stattdessen die Zunge, die man eigentlich auf dem Selfie hinter mir hätte sehen sollen.

 

 

Die großkonzert-unerfahrene Dame beklagte mehrfach, dass sie mittlerweile entsetzlich fror, der Schlammtaucher rang einem mobilen Bierträger die letzten Tropfen ab, ich bewunderte die sich im Dunkelwerden immer wieder verändernde Kulisse, begann aber gleichzeitig selbst zu frieren, und aber überhaupt; jetzt könnten sie doch langsam… ?

Yeah. Uh-u-uh!

Es dauerte, wenn überhaupt, 10 Minuten. Eineinhalb Songs vielleicht.  Von der bemüht wohlwollenden Haltung: „Hey, die alten Recken geben uns tatsächlich noch einmal die Ehre!“ bis zum verblüfften „Die. Rocken. Jetzt. Hier.“, wo Alter, Vorgeschichte und Legende gar keine Rolle mehr spielen. Wo einfach alles stimmt, und zwar nicht obwohl, sondern besonders dann, wenn einmal ein einzelnes Riff nicht stimmt.

Mick Jagger bewies, dass er auch in seinem Alter nicht nur eine überdimensionale Bühne flächendeckend bespielen kann, sondern bewies auch Orts- und Situationsbewusstsein. (der Satz ist schräg, egal, nehmt das Video:)

Rolling Stones : She's A Rainbow – Live at Spielberg, Austria – 2017.09.16.

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Das einzige, was vielleicht ein bisschen störte, waren die vielen in die Höhe gereckten Handies, aber hej, wenn mein All-Time-Lieblingssong kommt, dann streck ich verdammtnochmal auch das Handy in die Höhe. „You can’t always get what you want…“ .

…but if you try sometime you find
You get what you need

Yeah, that’s the spirit! Danach einer der besten Songs des Abends, „Paint it Black“. Einen Moment lang bereute ich, die Kamera schon abgeschalten zu haben, aber dann versank ich völlig in der Musik. Gut so! Aufgenommen haben zum Glück andere.

The Rolling Stones – Paint It Black @ Red Bull Ring, Spielberg 16.09.2017

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(Ungefähr zu diesem Zeitpunkt habe ich übrigens den 3. Heiratsantrag meines Lebens bekommen – ein entzückend junger Italiener, der meinte, er müsste unbedingt die erste Frau heiraten, die den Text zu ‚Paint it Black‘ auswendig kann – ich hab auch diesen  Antrag abgelehnt, no bad feelings, High5!)

Leider wurde mein Spirit kurz nach diesem Zeitpunkt kräftig von berauschten Stage-Runnern beeinträchtigt. Sich an den Händen nehmen und Richtung Bühne ziehen, OK, aber sich mit guten 25 Zentimetern Körpergröße mehr als ich direkt vor mir einzuparken? …nicht so charmant. Aber egal, ich musste ohnehin mal. Wohin. Schlitterte also, deutlich gegen den Strom, in Richtung Toilettenhäuschen, während die Urgesteine nach wie vor das Äußerste gaben, und schaffte es, trotz Dunkelheit nicht ganz in den Schlamm zu fallen, auch wenn ich im Gegenlicht ein Loch übersah und mit einem Bein fast bis zum Knie im Schlamm stand, aber… was solls.

Auf dem Rückweg begegneten mir zwei Sanitäter, die, heroisch auf dem tiefen Gelände, eine deutlich  beeinträchtigte Gestalt auf der fahrenden Trage durch den Schlamm zu manövirieren versuchten. Die Gestalt hatte die Augen geschlossen, aber beide Arme am Ellbogen gebeugt, die Finger zur Faust geballt, die Mittelfinger gestreckt. Na dann… auf der Bühne vocalte Keith Richards (bei aller Liebe für seine Art, live funkt das nicht so ganz), und ich kam auf meinem Weg zurück in  Richtung Bühne am Südamerika-Stand vorbei. Der Cuba Libre kostete 8 Euro, der Mojioto 9,50, und ich hatte eine Idee, wie ich die langsam doch lästig näherkriechende Kälte aus meinen Knochen kriegen könnte. „Was kostet denn ein Rum ohne alles?“ – Damit hatten die Grazien hinter der Theke sichtlich nicht gerechnet, es brauchte einiges an Diskussion, bevor sie zu dem Schluss kommen: „2 Euro!“. Danke, ich nehme einen dreifachen!

Mit dem wärmenden Drink in der Hand glitt ich durch den Schlamm vorsichtig wieder in Richtung Bühne. Von dieser Seite her war eigentlich erstaunlich wenig los. Der „Midnight Rambler“, ein Song, den ich so nicht auf dem Radar hatte, brachte mich dazu, meinen Rum ex zu trinken, weil, ich brauch die Hände frei, DAS MUSS MAN DOCH AUFNEHMEN!  (Wobei, als ich Record drückte, war der geilste Teil leider schon vorbei).

Danach war mir immerhin gar nicht mehr kalt, weder innerlich noch äußerlich. Ich war am Rande der Masse gestrandet, weit weg aber doch guter Blick auf die Bühne. She’s a Honky Tonk Woman, und ich, ich war unerwartet mehr als zufrieden mit diesem Abend. Daran konnte nichtmal ein Bier was ändern, das sich anstatt in den Mund des Besitzers über meine Jacke ergoss. Dass der allerdings meint, mir deshalb seine Lebensgeschichte erzählen zu müssen, während vorne „Brown Sugar“ erklang, war nicht so ganz in meinem Sinn. Ich suchte mir im Windschatten eines mobilen Bierträgers ein ruhigeres Plätzchen.

The Rolling Stones – Brown Sugar – Spielberg Austria 16.09.2017.

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Aber, ich weiß auch nicht, die Magie war irgendwie dahin, Satisfaction hin oder her.

Jetzt noch die Zugaben, dachte ich, und zog ganz gegen meine Gewohnheit schon während der letzten Nummer Richtung Ausgang. Ein Bierchen noch in der Schlange Richtung Shuttlebus. In Knittelfeld City dann Verschwesterung mit ähnlich verlorenen Seelen, die rechtzeitig abgezogen waren, während die BegleiterInnen noch stundenlang auf die spärlichen Busse warteten.


 

…und was bleibt? Eine schlammige Hose, die auch nach dem 2. Waschdurchgang nicht zu früherer Unbeflecktheit zurückgefunden hat. Die überraschte Erkenntnis, dass man auch mit 50+ noch eine halbe Nacht lang unbeschwert in der Kälte herumsitzen kann, wenn nur das Ausgangsgefühl stimmt. Und die beglückende Hoffnung, dass nicht alles verloren ist, solange Ron Wood und Keith Richards auf der Bühne eine dermaßen vergnügte Kommunikation pflegen. Illusion vielleicht, aber, wenn dann, willkommen und erhaltenswert.

My Own Game – Rolling Stones New Noises Vol. 135

Eindrücke vom Sommersampler. Mit Links, wo gefunden.

Ron Sexsmith – Breakfast Ethereal – Dicht instrumentiertes Belanglosigkeitsgedudel. Kann man bei 35 Grad im Schatten mal gelten lassen, sonst eher nicht so.

J.Bernardt – My Own Game – Fein irritierende Arrhythmie, sonst auch eher fad.

Stephan Sulke – Marilyn – Irgendwie süß. Hörempfehlung: Bei unerträglicher Hitze und nicht unter drei kräftigen(!) Drinks.

Peter Perrett – The West was Won – Now we’re talking. Mit zarter Stimme böasartig politisches Geschichtenerzählen, mit monotoner Bassline und feiner, wenn auch klassischer Gitarre. Lou Reed lässt grüßen, auf beste Weise.

Der Plan – Lass die Katze stehen – Kurzes, aber intensives Flashback der 80er Kraut Elektronik. Unsentimentalie Nostalgie. Mit Video noch besser als nur im Ohr.

Jason Isbell and the 400 Unit – Last Of My Kind – Gut geklaut ist besser als schecht erfunden, pflegt Dorian zu sagen, und die Nummer hier ist irgendwie von Riff zu Riff, von Stimme zu Gitarre, alles schonmal gehört.  Trotzdem – oder vielleicht gar deshalb? – fein zu hören. Sehr gekonntes Country-Liedermaching.

Eric Pfeil – Zuckergewehr – Ist die Art von Liedermaching, mit der ich mittlerweile wenig anfange. Schöne Gitarre aber. Vielleicht muss man Westernliebhaber sein, um dafür die richtige Begeisterung aufzubringen.

The Deslondes – Nelly – Strandcafemusik, eindeutig. Richtig nette Strandcafemusik. Mir fehlt nur grad das Stranddcafe, und der Schirmchendrink dazu.

 

Der Meister und sein Nobelpreis

Als ich von der Entscheidung für Bob Dylan als Literaturnobelpreisträger erfuhr, freute ich mich sehr. Kritik an der Entscheidung der Akademie gab es genug, aber schlüssig fand ich die nicht.

Zum einen war es höchste Zeit, dass die musikalische Lyrik auch als literarische Leistung anerkannt wird. Zum anderen gibt es, wenn das Komitee das nun endlich tun will, niemand besseren als Bob Dylan. Kein anderer macht seit über 50 Jahren unbeirrt „sein Ding“, musikalisch vielleicht umstritten, aber lyrisch quer durch die Schulen anerkannt. Kein anderer hat 500 Songs geschrieben, von denen beinahe jeder einzelne wortreichen Stoff für Generationen von Interpretationen durch Kritiker und Fans bietet.

Manche hätten sich Leonard Cohen (heuer leider posthum) in Stockholm gewünscht – auch er hat Großartiges geschrieben, aber nicht so zuverlässig und beharrlich über die Jahrzehnte. Andere wollten lieber junge Vertreter, etwa aus der Rap-Kultur, aber anders als die Preise für naturwissenschaftliche Leistungen wird der Literaturnobelpreis nun einmal seit jeher für ein Lebenswerk vergeben. Die jüngsten Preisträger waren zum Zeitpunkt der Vergabe zwischen 40 und 50, und auch das gab es nur in den Anfangsjahren des renommierten Preises (zu Zeiten, als 50 für die Durchschnittsbevölkerung schon als durchaus hohes Alter galt). 

Und sarkastische Meldungen zur Revolution im Literaturbetrieb, deren gerade noch lesenswerteste diese Zeit-Glosse von Literatur-Professor und Bachmann-Juror Kastberger ist, liegen schon deshalb weit daneben, weil man die Dylan-Lyrics auch ganz ohne Musik wunderbar lesen kann.

(Hier wollte ich eigentlich ein paar Zitate einfügen, was nun leider entfallen muss, da ich mich stundenlang in Musik und Lyrics verloren habe und mich trotzdem nicht entscheiden kann, was denn nun das anschaulichste Beispiel ist. Es gibt einfach zu viele durch und durch wunderbare Texte. Leichter wäre es bei den Einzeilern. Da ist mein persönlicher Liebling noch immer „crying like a fire in the sun“, knapp gefolgt von „I don’t want nothing from anyone, ain’t that much to take“, aber Einzeiler machen nun mal keinen Nobelpreisträger.)

Womit weder die Musik- noch die Literaturwelt gerechnet hat, war Bob Dylans nachhaltiges Schweigen zum Preis. Das gefällt ihm natürlich, denn wenn der Meister eines ist, dann ist er berechenbar unberechenbar. Einmal küsst er dem Papst den Ring, ein andermal lässt er das Nobelpreiskomitee im Regen stehen. Schlüsse zu seiner politischen oder gesellschaftlichen Einstellung aus diesen vermutlichen Momententscheidungen zu ziehen, wäre zweifellos vermessen, denn schon Mitte der 60er-Jahre, als seine Karriere gerade einmal begonnen hatte, war die wichtigste Botschaft von Bob Dylan (außerhalb seiner Musik, also in Interviews und ähnlichen Situationen), dass er verdammtnocheinmal keine Botschaft hat. Das muss man nicht mögen, aber man darf es respektieren.

Ganz wunderbar fand ich dann, dass Bob Dylan in Stockholm Patti Smith vorgeschickt hat. Was auch immer der Meister sich selbst dabei gedacht hat: Für mich hat das insofern eine großartige Symbolik, weil ich die Frau schon lange schätze und bewundere, für ihre Musik ebenso wie für ihre Schreibe. Und ein bisschen vermute ich auch, dass sie den „Legendenstatus“ bislang nur deshalb nicht vollständig für sich beanspruchen kann, weil sie nun mal eine Frau ist.

Der Text von dem Song, den sie in seinem Namen vorgetragen hat, wäre eigentlich alleine schon Grund genug, einem Schreiberling den Nobelpreis zu verleihen. Und was denn Patzer anbelangt, hab ich schon die Rüstung und die Mistgabel bereitgelegt, um meine weibliche Lieblings-Hippie-Punk-Ikonin gegen alle Angriffe zu verteidigen. Mpf.

Patti Smith – A Hard Rain's A-Gonna Fall (ceremonia Nobel 2016)

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Aber, zurück zum Nobelpreisträger selbst. Ich denke, der Monolog am Schluss von Masked & Anonymous sagt auch einiges darüber aus, warum er außerhalb seiner Werke so unbeirrt überzeugend schweigen kann.

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Und: Wer für einen Literaturnobelpreisträger unbedingt ein Buch braucht, sollte Bobs Autobiographie lesen. Darüber habe ich hier schon mal geschrieben. Ich denke es wird Zeit, ein zweites Mal reinzuschauen.

 

Leonard Cohen und der unendliche Moment

Jetzt hat Leonard Cohen diese Welt auch verlassen. Aber seine Musik bleibt. Und der Moment bleibt auch.

Leonard Cohen – Night Comes On (live 1985)

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1993 wars, an meinem Geburtstag, nachts alleine an einem Strand auf Elba. Im Walkman Leonard Cohen, dazu das Wellenrauschen und ein bisschen angenehm kühler Nachtwind. Ich war ein bisschen beschwipst und so intensiv traurig-glücklich, wie man nur in unendlichen Momenten sein kann. Dann dieser Satz.

I needed so much to have nothing to touch.

Und ich dachte, nie ist mir jemand näher gewesen als mit dieser Zeile, und dann kam noch:

here’s to the few
Who forgive what you do
And the fewer who don’t even care

Und ich spulte die Kassette zurück und versuchte, in den Rest der Lyrics hineinzukriechen, zwei Mal, drei Mal, und kam immer wieder zu diesen Sätzen zurück, entzückt, verzückt, ver-rückt.

Dann ging ich baden, nackt, wofür man damals in Italien durchaus ins Gefängnis kommen konnte, spielte ein bisschen mit den Wellen, die waren gar nicht klein in dieser Nacht, aber das Meer und ich, wir waren alte Freunde. Und als wir genug gespielt hatten, schwamm ich wieder an Land, zog mich an, und saß ganz still, während ich auf eine Leerkassette eine halbe Stunde dieses Wellenrauschens aufnahm, während in meinem Kopf weiter die Musik spielte, immer wieder diese beiden Sätze tanzten, und die Kassette mit dem Meeresrauschen, die liegt hier noch irgendwo herum.

wellen

Und weil man auch den unendlichsten Moment irgendwann zurücklassen muss, ging ich dann wieder nach oben, zu unserem Campingbus, vorbei am Lokal, wo noch immer gesoffen und gelacht wurde, immens fremde Wirklichkeit, und der, mit dem ich unterwegs war, wurde kurz wach, als ich ins Bett kroch, und sagte: „Deine Haare sind nass!“, und ich sagte: „Ja. Ich war schwimmen.“, und er fuhr hoch und fragte: „Bei diesen Wellen? Bist du verrückt?“, und ich sagte: „Wahrscheinlich.“, und dann sagte ich nichts mehr, erzählte nichts von der Musik, nichts von der Freundlichkeit der Wellen, nichts von dem Text und nichts von der immensen Wirklichkeit, die mich am Strand umfangen hatte, die so viel größer war als die Welt, die man kennt.

Danke, Lenny. Mach‘ gut.