Reiß mich zusammen…

…möchte ich manchmal sagen, zur Welt: Aber das tut sie natürlich nicht. Das müsste ich schon selber machen. Abgesehen davon ist sie aber ganz OK, diese Welt. Manchmal.

Zum Beispiel “wächst sie zusammen”. So hat das der Sufi genannt, als ich ihm gezeigt habe, dass man die Nachrichtensendungen des schwedischen Fernsehens 5 bis 10 Minuten nach der Ausstrahlung online abrufbar sind, in einer Streaming-Qualität, die eine Full-Screen-Betrachtung augenschmerzfrei ermöglicht.

Die Auszählung der EMU (Euro)-Abstimmung gibt es sogar live, und so sehe ich, während ich dies schreibe, ziemlich verblüfft, dass immer noch alles auf ein “Nein” hindeutet. Hm.

Angenommen hätte ich eher einen ähnlichen Vorgang wie bei der österreichischen EU-Abstimmung. Da waren ja auch alle Zeichen auf “Danke, nein” – und doch ist es ein Ja geworden, zum Schluss.

Zugeschrieben hat man das bei uns damals der Kronen Zeitung, die ja (aus angeblich zwielichtigen Gründen) im letzten Moment auf den Ja-Zug aufgesprungen ist. Selber vermute ich mittlerweile, dass es vielleicht noch andere wie mich gegeben hat.

Intellektuell höchst überzeugt von den “Nein”-Argumenten, stand ich damals in der Wahlkabine, den Stift in der Hand, und zögerte. Denn obwohl aus meiner logischen Sicht ziemlich viel gegen dieses vereinte Europa sprach, schien es meinem Bauch einfach nicht richtig, nein zu sagen. Und so habe ich kurz durchgeatmet & dann aus dem Bauch heraus das “Ja” gewählt, der Kopf musste hintanstehen.

Dieses Kreuzchen im – aus damaliger Sicht – falschen Kreis habe ich im übrigen jahrelang für mich behalten & erst vor ein paar Wochen zum ersten Mal zugegeben; im engsten Freundeskreis. Überraschend für mich: die allgemeine Zustimmung von ehemals beinah radikalen EU-Gegenern. Die Zeit verändert die Sicht auf vieles.

Aber zurück nach Schweden. Die Wahlsendung ist aus technischer Sicht hochinteressant. Es gibt ein Studio, in dem eine Moderatorin primär damit beschäftigt ist, zwischen verschiedenen Außenstellen hin- und herzuschalten, während unten, im Eck, permanent eine Graphik eingeblendet ist, die in Quasi-Echtzeit drei Werte anzeigt: Die Ja-Stimmen, die Nein-Stimmen, und die Anzahl der bereits ausgezählten Wahlkreise.

Die langatmigen Analysen, die man aus dem heimischen TV aus ähnlichen Wahlen gewöhnt ist, erspart sich SVT größtenteils; zwar gibt es einen hochseriös wirkenden Analysten, der ab und zu einen Satz dazu sagen darf, ob und warum die bisherigen Ergebnisse hochrechnungsfähig sind oder nicht; aber die langatmigen Erklärungen eines jeden Prozentpunkts, die das Anschauen eines auch noch so spannenden Wahlabends bei uns nahezu unmöglich machen, bleiben dem schwedischen Publikum erspart.

Fragt die Moderatorin zB, ob die bisherigen Ergebnisse repräsentativ sein könnten, antwortet der mit “Nein, die kommen nämlich fast ausschließlich von norrländischen Gemeinden.” Cut, und ein vorbereiteter Film zeigt, dass und warum Norrländer ungewöhnlich heftig der Nein-Seite zuneigen.

Medientechnisch könnte man sich davon durchaus etwas abschneiden. Die Entscheidung dagegen (die nun doch recht endgültig scheint; 39% Ja gegen 58% nein bei 3600 von 5976 Wahlkreisen) ist ein Jammer.

[Nachtrag] Das bei weitem Erfrischendste an diesem “Fern“sehergebnis war ein Experte, der, befragt nach den Ursachen eines besonders extremen Ergebnisses in einem Bezirk, bekümmert den Kopf schüttelte, dann kerzengerade in die Kamera schaute und ganz unbekümmert antwortete: “Det vet jag inte.” (“Das weiß ich nicht.”)

[Nachtrag zwei] Auch recht erfrischend die Tante aus der Straßenbefragung, die meinte, es sei ihr zwar etwas peinlich, das vor der Kamera zuzugeben, aber ihre Entscheidung für das “Nein” käme vorwiegend daher, dass sie einfach nicht ertragen könnte, derselben Meinung zu sein wie Göran Persson.

Frage

Wenn Mr. Rumsfeld (unglaublich passender Name für einen “Verteidigungs“minister) die nicht kriegsüberzeugten Staaten “altes Europa” nennt, wie lange dauert es dann noch, bis jemand auf die Idee kommt, dass das alte Zeug weg muss?

[Alte Kommentare rübergerettet]

Dazu würde ich sagen:

Lasst Hunde bellen,
lasst Verschwender prassen,
lasst Kinder tollen
und Krieger mit den Säbeln rasseln.

Lasst Trunkene lallen,
lasst Narren reden,
lasst Narziss sich gefallen
und die Mächtigen in Hochmut schweben.

Macht Augen leuchten,
macht Herzen fliegen,
macht Gedanken leicht
und macht eure Worte wiegen.

Trurl, 23.01 21:13

Mhm
nicht schlecht. Von dir?
Chronistin, 24.01. 03:14

Re: Mhm
Nunja, wohl eher von irgendeinem Vorfahren aus dem Jahr 1820, der fallweise mit mir eine telepathische Verbindung unterhält. Normalerweise gleitet mir derart romantisierender Kitsch jedenfalls nicht aus den Fingern.
Trurl, 24.01. 12:54

 

Gewählt :(

Auweh, Auweh, auweh.

Der Sufi zitiert Qualtinger (“Wenn I traurig bin, muass i fress’n”) und plündert meine Schokovorräte. Den Kaffee nimmt er nur aus dem Revolutionshäferl.

Schwarz-Grün? Ich lese überall “schwarz-grün”!?! Wie soll das denn funktionieren?

 

[Altkommentare:]

Y not?

Also, ich zählte von Anfang an zu diesen 2%, für die schwarz-grün eine absolut realistische Alternative war. Wer sich das so gar nicht vorstellen kann, ist wohl einfach ein bisschen zu sehr ideologisch verknotet. Leider dürften das wesentliche Kräfte in den genannten Parteien auch sein. Also wirds wohl nix. Obwohl, dem Herrn Khol, dem würden etwas häufigere Zusammenkünfte mit der Frau Glawischnig scheinbar ganz gut gefallen. Also, wer weiß…

Trurl, 25.11 00:09

Beeco’

weil sie zum einen gesellschaftspolitisch an entgegengesetzten enden der skala stehen und zum anderen zumindest die grünen ihre stammwähler damit vergraulen würden. wobei letzterer nachteil möglicherweise durch die bildung einer neuen konservativgrünen schicht am lande relativiert werden könnte. aber eben nur sehr möglicherweise.

Chronistin, 25.11. 11:51

 

Langatmige Beschreibung eines ganz normalen Novembertages mitsamt halber politischer Stellungnahme

Ich erwache in einen frösteligen Morgen, langsam wird es Zeit, nachts durchzuheizen, denke ich, und durch die tropfenbeschlagenen Scheiben zwinkert eine blassgelbe Sonne. Mit weichem und hartem Kaffee und saunamäßig aufgeheizter Duschecke wappne ich mich für diesen Arztbesuch, ich habe meine Kontaktlinse ruiniert, ist aber ohnehin wieder mal Zeit für Kontrolle. Frage mich, ob die 80 Seiten Corrections, die mir noch bleiben, wohl reichen werden; so gut die Ärztin ist, so voll ist üblicherweise auch ihr Wartezimmer – und so chaotisch die schnippische Sprechstundenhilfe.

Unterwegs Atemdampfwölkchen geblasen und mich gewundert, wie frühlingshaft die Spätherbstbäume aussehen. Dann die Überraschung, beim Eintreten in die Ordinationsräume zum ersten Mal in den 10 Jahren, die ich mich hier betreuen lasse, gleich beim um-die-Ecke-lugen trotz wärmebeschlagender Brille einen freien Platz erblickt. Was heißt einen? 20! Außer mir nur zwei Leute da, davon eine offensichtlich Begleitperson. Brille abgenommen und geputzt. Hinter dem Verschlag eine völlig neue Sprechstundenhilfe erblickt. Wunder geschehen.

Kaum 3 Seiten später sitze ich schon im High-Tech-Stuhl und lasse meinen Augenhintergrund gründlich ausleuchten, alles bestens, auch die Stärke nicht verändert, danke sehr, auf Wiedersehn.

Draußen die Frage an die frische Hilfe, wie lange wird es dauern? Gefasst auf die üblichen widerwillig ausgepuckten “10 bis 14 Tage”, erlebe ich ein neues Wunder, “Ach”, sagt die Perle, “da ruf ich gleich an. Mit etwas Glück am Dienstag, aber spätestens in einer Woche.” Solchermassen beglückt, begegne ich der Kälte draußen mit ganz neuer Energie. Was mache ich mit dem gewonnenen Nachmittag?

Der Jeans-Diskount lockt mit frisch eingetroffener Ware und einem Donnerstags-Rabatt von 20%, da wollen wir doch mal sehen. Ein klassisches Workman-Modell, nur € 14,99. Und etwas Schrägeres in abgenutzter-Samt-Optik, zwar immerhin € 29,99, sieht aber steil aus. Dazu ein schwarzer Halbrollkragen-Pulli, nö, der ist kuschlig, da nehm ich gleich zwei, um 6,99. Oder drei? Nein, man soll’s nicht übertreiben.

So bepackt treffe ich auf die Schlange an der Kasse. Damit ist jetzt nicht die Kasiererin gemeint, sondern eine wabernde Masse von bezahlen wollenden Menschen aller Nationen und Hautfarben: Ich zähle bis 30, dann gebe ich auf. Lasse die Objekte meiner Begierde unauffällig in ein praktischerweise gleich neben mir stehendes Regal gleiten und gleite selber mit leeren Händen elegant an der Schlange vorbei.

So einfach spart man € 58,96. Was noch? Ach, ja, der Videoverleih. Der bietet nämlich außer den immer schon vorhandenen deutschen, türkischen, serbischen und kroatischen Filmen seit zwei Wochen auch englische Originalversionen an. Auf so etwas in Spaziergangsnähe habe ich die letzten 6 Jahre gewartet. Bei meinem ersten Besuch hatte ich zwar den Reisepass dabei, aber keinen Meldezettel. Heute habe ich hoffnungsfroh den Meldezettel eingesteckt, stelle aber beim Griff in die Tasche fest, dass Reisepass und Führerschein im zuhausegbliebenen Rucksack stecken. Na Bravo.

Noch eine Kaffeekardinalschnitte aus der Konditorei, Salbe gegen wintertrockene Lippen und aufgefieselte Fingernagelecken aus der Apotheke geholt, Zigaretten aus der Trafik. Kalt ist es geworden, sagt der Trafikant. Ja, fürchterlich, sage ich. Die c’t auch? fragt er. Nein, die habe ich schon am Montag bei der Gattin gekauft, sage ich. Ach so, das hat sie mir gar nicht gesagt, meint er verwundert und kämpft wie üblich mit dem falschen Barcode meiner Lieblingszigaretten.

Auf dem Heimweg werde ich das Bild nicht los von Herrn Trafikant und Frau Trafikantin, wie sie abends im Bett liegen und Kundeninformationen austauschen; “…und die rothaarige Frau, du weisst, die Fallschirmspringerin, hat heute bei mir die c’t gekauft und die üblichen Zigaretten” – “Wirklich?” – “Ja, und dann war da ein Typ, den ich noch nie gesehen habe, schwarzer Anzug und schwarze Krawatte, wie von einem Begräbnis, der hat gleich eine ganze Stange Malboros genommen.” – “Seltsam. Und die Frau mit dem roten Korb und dem häßlichen Hund, war die nicht da?” – “Nein, die war nicht da.” – Seltsam, die kommt doch sonst immer am Montag…” undsoweiter, undsofort, bis ins Morgengrauen.

Gegen solche Horrorvorstellungen sollte doch eine Runde im Netz helfen und noch ein Kaffee sowie die oben erwähnte Kaffeekardinalschnitte. Nun leide ich ja üblicherweise unter der hier so treffend charakterisierten Gegenwartsnachrichtenmüdigkeit, und den Bush-Erfolg hatte ich zwar registriert, aber als “voraussehbar” sofort wieder abgelegt. Die Zeiten haben auch mich zu einer Großmeisterin im politischen Verdrängen gemacht – mein Pech, dass ich gleich zu Anfang meiner Runde in meinem Lieblings-Fallschirm-Forum auf eine Offtopic-Diskussion zum Thema Bush, Terrorismus und Saddam stoße und darin gleich auf solche Meinungsperlen wie:

We didn’t start the party. It’s house rules. Yep, we’re the big dog on the block, you’ve crapped in our yard. We have come off the porch and now we’re in their yard. I don’t want to hear the “unfair” complaints.

oder

The UN? I really have had it with the UN. The UN has NO place in today’s world. The UN was created for a reason, and that reason is now nullified. It has become the demure master with the Big Dog on a heavy chain. The UN likes to play their little holier than thou games as we (the US) fund them and fight their wars. But god forbid we want to go defend ourselves from the evils of this world.

oder

We’re at war whether you like it or not. Nobody wants a war, but talk is not going to resolve this problem. You need to find the people who planned the WTC attack and remove them and their cronies. They will NOT stop attacking our country or people abroad. You can try to eliminate civilian casualties but you never will.

oder

Those Al Quaide knuckleheads needed killing and the US killed them.

Nun, es sind ja nicht alle, nicht mal “da drüben”. Und aufatmend lese ich die zwischengeworfenen Voices of Reason, etwa

[…] The U.S. is the ‘big-dog’ there’s no doubt about that but unless it goes through the UN with everything, it is a ‘big-dog’ without a leash… Nobody like that.

oder

[…] But please don’t claim we have some sort of moral superiority because we’re good and they’re bad. The reason we’re winning these wars is that we’re bigger, not because we have god on our side. I think we _should_ be the good guys, and thus I hope we do things like go through the UN and give even an evil dictator like Saddam his last chance.

Und dann noch die kleinen Zyniker, die mich auch zu diesem Thema noch grinsen machen:

I say we just bomb everybody until they stand up and sing the “Star Spangled Banner!” There are plenty of bombs to go around. Hell, I will even help make more if we start getting low. I do suggest using environmentally friendly bombs though. Maybe one that cleans up after itself. The wreckage of al-Harthi’s jeep was ugly and will rust. Maybe better environmental bombs will be able to disintegrate steel and bones completely, and if done right, like good Chinese fireworks, it will happen in stages. Maybe the last stage would be the sprinkling of the seeds of flowering plants and shrubbery.

Nun, zumindest hoffe ich, dass das zynisch gemeint war. Bei denen da drüben weiß man das ja nie so genau.

Genug von dem Schrott, denke ich mir, und wende mich den europäischen Seiten zu. Aber auch hier herrscht virtueller Mord und Totschlag.

[]und einen Kindesmörder noch als Mensch zu sehen, da gehen bei mir echt die Lichter aus. Meine Fresse Kopp ab ist zu gut für solche Leute, Höllenqualen würden sie erleiden, hätte ich was zu sagen…

Wann werdet ihr endlich einmal kapieren, das ist eine Phrase, die ich normalerweise vermeide, aber dazu ist es jetzt zu spät, wann werdet ihr endlich einmal kapieren, dass ihr euch mit sowas auf dieselbe Stufe stellt wie die Täter? Ist so. Opfer und potentielle Opfer schützen: Ja. Daher die Täter von der Öffentlichkeit fernhalten: Ja. Alles andere ist Rache, nicht Recht, und damit inakzeptabel. Basta. (Und basta sage ich nur ganz, ganz selten.)

Jaja, neenee. Ist heute wirklich nicht sehr entspannend, der Rundgang. Dafür lehrreich: Wie leicht man doch zum (An)führer mutiert. (Permalinks sind Mangelware auf wortvoll, es ist die Bahnhofsgeschichte.)

Tja, dann noch Sushi holen durch die kalte Frühnacht. Während ich warte, reicht mir die freundliche koreanische Kellnerin eine Tasse frisch geschnetzelter Früchte, “Vitamine, das braucht man jetzt.” sagt sie, und brav löffle ich, bis meine Rohfischzusammenstellung fertig gewickelt ist. Angesichts von so viel Gesundheit kann sich der Heimwegfrost dann brausen gehn.

Derweil ich esse, amüsiert mich der Quizshow-Themenabend auf Arte. Besonders Barbara Stöckl, die, mit feuchtglänzenden Augen, in die Kamera euphorisiert: “Bei dieser Show geht es nicht um Geld, es geht um Emotionen!”. Klarsicher, Mädchen, denke ich, in meinem Klo geht’s auch nicht ums Scheißen, sondern um den Geruch des Lavendel-Duftspenders, den die Nachbarin da drapiert hat.

Aber dieser letzte Gedanke könnte auch eine geballte Reaktion auf den Gesamttag sein und muss gar nichts mit Quizshows zu tun haben.

Dark, evil operations run rampant in the secret corners of your government institutions. A dubiously constituted government pursues war at will anywhere on earth, discussing nuclear options that become points for cheerful chatter over lunch. Your military and intelligence agencies employ terrorist tactics around the globe even as they insist that such tactics are necessary in the fight against terrorism.

Open Letter to America from a Canadian

 

Welt. Fremd.

Es ist schlimm. Da draußen. Aber warum? Das verstehe ich nicht. Warum behandelt man “Arbeitnehmer” so? Warum lassen sich “Arbeitnehmer” so behandeln?

I. “Arbeitnehmer” ist ein saublödes Wort. Arbeitende Menschen nehmen doch nichts, die geben. Ihre Kenntnisse. Ihre Zeit.

II. Die Autobahnen sind voller nagelneuer Limousinen. Gegenden, die noch vor wenigen Jahren recht ärmlich wirken, sind voller neuer & neurenovierter Hütten. Ist das etwa die Krise?

III. Irgendetwas läuft mächtig verkehrt.

IV. Bruchstücke. Erinnerungen. Rechte. Gemeinsam. Alle.

V. Ich würde eher auf Kartoffelsäcken unter einer Brücke schlafen, als mich in so einer Art und Weise demütigen zu lassen. [Stimme aus dem Hintergrund: Du hast es leicht, du musst nur für dich selber sorgen. Ja, das stimmt.]

 

[Altkommentare, rübergerettet:]

auf meinem weg durch die prärie

stolper ich auch nur noch über volkswagen phaetons (die sin alle schwarz i.ü.), die dorfrandsiedlungen mit ihren unbeschreiblich hässlichen einfamilienhausneubausiedlungen im campingplatzarrengement-style dagegen, die kann man wegen mir sofort wieder israeli-mässig mit bulldozern einebnen – die sind ohnehin vollfinanziert, sprich auf monetärem sand gebaut.

und da sind wir auch schon am kern: was wir sehen ist nur geliehen. und hässlich. nicht weiter dran denken. ignorieren, echt jetzt!

cursor, 08.08 21:37

auf pump, ja

trotzdem werden da geldmassen bewegt, die irgendwo sind & irgendwem gehören.

wahrscheinlich muessten wir nur alle etwas bescheidener sein.

Chronistin, 09.08. 09:38

natürlich ist immer wo einer borgt einer der verleiht. das geld ist da. es gehört auch jemandem. es ist nicht anonym.

aber ein paar dinge haben sich geändert. das geld läuft schneller. früher musste man güter erwerben, um sein geld anzulegen. das war stark auf langfristigkeit ausgerichtet und sichtbar. heute erwirbt man nur noch rechte an gütern. das bringt das geld zum rotieren und macht eigentum anonym. wenn eigentum aber anonym ist, wird der satz ‘eigentum verpflichtet’ zu einer farce, da es keine anonyme verpflichtung gibt. verpflichtung ist immer persönlich.

aus dem geflecht kommt man nur durch bescheidenheit. ja. nur wer nicht leiht vergibt keine rechte an seinen gütern und mittelbar an seinem leben. das gilt für personen, firmen und staaten gleichermassen.

das hilft aber im hinblick auf die arbeit [der ausgangspunkt dieser kleinen debatte] in keinster weise weiter. da vergibt jemand anders rechte, die dich zutiefst betreffen. da wird die abhängigkeit mittelbar, aber nicht weniger gravierend.

genug schlaugeredet. schön das alles zu sehen. und? nichts und.

tompaul, 09.08. 09:54

nehme arbeit – andere baustelle

kann ich mich sehr anschließen, die assoziation zu frondienst oder gar sklaventum ist in unseren breiten überzuckert, dennoch durch entfremdung von der arbeit irgendwie plausibel, v.a. für individualisten

ARBEIT zu haben ist angestrebt, um einzelne jobs wird ellbogenmäßig gekämpft, dass es an widerlichkeit heranreicht. viele mobbings finden statt aus verlustangst um den arbeitsplatz

manche arbeitsplätze sind ja auch bequem: man kann surfen und zeitweis ne ruhige kugel schieben – doch diese werden immer seltener.

ja, chronistin – nur unsereins kanns sich leisten so zu denken: alleinerzieher oder unterhaltspflichtige haben einmal zum system ja xagt, nun hat sie das system … und sie haben arbeit:sie nehmen arbeit.

alpha, 08.08 21:55

und wenn sie pech

haben wie meine Schwester, dann nehmen sie Arbeit bei einer kleinen Firma. Jetzt wartet sie schonüber einen Monat auf ihr Geld. “Die Bank ist schuld” sagt der Chef. Da kannst du dann drüber nachdenken, was tun.

Und jeder hat nicht den Nerv zu sagen ich bin stolz ich arbeite nur wenn es mir zusagt und sonst gehe ich eben Stempeln oder Sozialhilfe abholen. Es gibt auch Leute, die ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familie erarbeiten wollen und müssen.

Pech gehabt eben. manchmal.

mariong, 09.08. 09:42

marion,

ich arbeite nur wenn es mir zusagt

…wo hab ich das bloss schon mal gehört? -egal-, darum geht’s hier ganz bestimmt nicht. es geht darum, dass arbeit eine leistung ist, die erbracht wird, und nicht eine gnade, die der “arbeitgeber” gewährt. es geht darum, dass die rechte der “arbeitnehmer” rechte sind und keine geschenke von oben.

wölfin,

nur unsereins kann sich’s leisten so zu denken

falsch. siehe punkt IV. aber das ist nun mal schrecklich out, heutzutage.

Chronistin, 09.08. 09:56

 

ja ich weiß es doch

ich hatte nur gerade so eine Wut im Bauch, die Leute werden so ausgenutzt. Und ich folge Deiner Definition.

Das Wort Arbeitnehmer ist ein Fall für das Kompetenzteam.

mariong, 09.08. 11:52

das problem ist ja nur:

woanders ists auch nicht anders.

also vonwegen “sowas würde ich nicht mitmachen”, das kann nur jemand sagen, der noch nie in der medienbranche gearbeitet hat (woanders kann ichs nicht beurteilen).

das ist momentan leider die realität. schluckt es oder nicht.

es fehlt ja nicht der wille zur veränderung, sondern die möglichkeiten.

und krank sein, arbeitslos oder sozilahilfe, das sind ja auch keine lösungen auf dauer.

melamar, 09.08 09:57

medienbranche hin oder her. auch da bin ich schon durchgestolpert in meinem unsteten lebenswandel. und das war interessant und lehrreich. das letzte geben und sich dafür noch auf den kopf scheißen lassen. und das schlimmste von allem: tatsächlich sowas wie freude über die eigenen fähigkeiten zu empfinden, wenn man etwas weniger scheiße abgekriegt hat als die anderen. (dann aber gleich heftig dafür genieren). bosswechsel, und plötzlich ging’s auch anders. tja.

aber so gross ist der unterschied zu anderen branchen nicht wirklich. es gibt (fast) überall einen, der napoleon spielt, und ein rudel followers, die kuschen und hetzen.

nur war ich in den seltensten fällen eine schweigerin. und, das ist interessant, meistens steigt das ansehen bei napoleon, wenn man nicht kuscht. widerpricht, wenn man etwas falsch findet. zurückbrüllt, wenn man ungerechtfertigt angebrüllt wird. und, vielleicht noch interessanter, die followers finden das gar nicht gut, besonders die, die hinter napoleons rücken am meisten ätzen. auch wenn man unterm strich für alle etwas rausgeholt hat.

aber das ist eigentlich schon wieder ein ganz anderes thema.

Chronistin, 09.08. 10:32

ich finde es ehrlich gesagt erschütternd, wie oft der beitrag gelinkt wird. das zeigt meiner meinung nach nur, das er bei vielen vielen menschen wunden aufreisst, die sie sonst krampfhaft versuchen, zuzuhalten, damit sie nicht verbluten.

melamar, 09.08. 10:39

 

USA – the Land of the Free

… oder: der nicht-Fall Jose Padilla. Nun bin ich weit davon entfernt, die wahren Verdachtsgründe beurteilen zu können oder auch nur zu kennen. Er mag tatsächlich böse Pläne gewälzt haben oder auch nicht.

Man sollte annehmen, dass dieses mag… oder auch nicht durch Ermittlungen geklärt und in einem anschließenden Prozess erwogen und verhandelt wird. Das nennt man im allgemeinen Rechtssystem, und üblicherweise funktioniert es auch.

Aber so weit wird soll es erst einmal nicht kommen: …soll auf unbestimmte Zeit festgehalten werden, ohne dass Anklage erhoben wurde. Ein Prozess ist nicht geplant.

Auf unbestimmte Zeit. Keine Anklage. Kein Prozess. Hm.