Kategorie2004 Budapest

Hunger!

115Einige Hundert Schritte später auf diesem Weg von oben nach unten, einem Weg, der Ahnungen bestätigt, die voher schon kaum bezweifelt wurden; dass Budapest schön ist, beispielsweise, andererseits aber auch, dass Budapest nicht sehr unterschiedlich ist von Wien, und dass dieser Abstieg daher nicht nur ein bisschen einem Abstieg vom Kahlenberg ähnelt, einige hundert Schritte später landen wir im Serpeniös Vendeglö (Link funkt leider nur im IE), einem Lokal, das jedenfalls empfehlenswert ist, besonders aber in der Schanigarten-Saison. Den Sufi verwundert, dass der Kellner angesichts unserer Speisekarten-Verständnislosigkeit in ein blitzsauberes Englisch wechselt, was mich schon am zweiten Tag hier kaum mehr verwundert. 113Mich verwundert hingegen, dass das Essen wirklich so ausgezeichnet ist, dass man die pittoresken “Reindln”, in denen die Suppe serviert wird, geradezu ausschlecken möchte.

Uns beide verwundert zudem der internationale Standard der WC-Hygiene, mit den außerhalb von Deutschland bislang kaum gesichteten Toilettensitzdesinfektionsfolien, aber das nur am Rande. Jedenfalls sind wir beide auf leckere Weise satt und bereit zu weiteren Abenteuern.

Beeindruckend

Doch recht beeindruckend: Gesteine wie die “Pagode” oder die viele Tausend Jahre alten Muscheln. Über eine nasschlüpfrige Metallstiege und durch Spalten, deren Anblick mir einen plötzlichen Druck auf der Brust verursacht (bin halt doch leicht klaustrophob) nähern wir uns wieder der Außenwelt an; bei aller Schönheit da unten: Nichts kommt – für mich – der Schönheit dieses blauen, weiten Himmels nahe, als sich die Tür aus der Unterwelt vor uns öffnet. Ich weiß nicht, ob der Sufi mir folgen kann, als ich ihm das erkläre. Wir sitzen noch ein bisschen auf der Terrasse des einheimischen Sonntags-Ausflügler-Cafes, Eistee Mineralwasser ein Flugzeug Kinderlärm; dann spazieren wir langsam den Berg hinunter anstatt ein weiteres Mal auf den Bus zu warten.

Unter Tag

100_filtered

Pal-völgy

Das Besondere an diesen Tropfsteinhöhlen ist, dass die Gesteinsformationen nicht nur durch das stetige Tropfen eindringenden Oberflächenwassers geformt wurden, sondern einen zusätzlichen Input durch das von unten nach oben drängende Thermalwasser erhielten. Steht in dem kleinen Büchlein, das wir bekommen, weil die aktuelle Führung nur in ungarisch stattfindet. Das Höhlenführer-Mädel wird allerdings sofort multilingual, als sie bemerkt, dass ich dem Sufi die deutsche Version vorlese. Was einerseits ziemlich nett ist, andererseits aber ein Stück vom mystisch-unverständlichen Umfeld wegnimmt. Alles ist gut durchorganisiert, und obwohl ich erst einmal schnaube, als ein halbheimlicher Tastendruck von ihr ein Ennya-Band in Gang setzt, muss ich ein paar Schritte später sogar vor mir selber zugeben, dass das eine wirklich schöne und passende Idee ist. In den runden Höhlengängen kommt die Musik von überallher und schärft den Blick für das Unwahrscheinliche, selbst für Rotkäppchen und ihren Korb, die, bei Tageslicht und ohne Musik betrachtet, vermutlich nur zwei Klötze wären.

Ziellos zielbewusst

Als wir, wie empfohlen, an der Margit Hid umsteigen, läuft noch einmal der Stadtmarathon an uns vorbei. Die Sonne scheint recht kräftig, und erst der dritte Bus ist unserer. Ich sitze im Glashäuschen und habe keineswegs vor, mit irgendwelchen Steinen zu werfen. Allerdings frage ich mich, ob es mein Ernst ist, einen Teil dieses strahlend schönen Tag unter Tags zu verbringen.

3 Haltestellen später ein letztes Umsteigen; der Bus am Kolosy Ter aber lässt sich Zeit. “Der fährt erst los, wenn er voll ist” mutmasst der Sufi. Vor dem Fenster ein rotierendes Schild für ein Sushi-Lokal. Vorne am Gehsteig trifft ein Typ mit zwei Hunden eine locker gekleidete Tante. Die Hunde begrüßen sie stürmisch, die beiden einander eher verhalten. Wir vergleichen unsere Pläne mit denen eines anderen Pärchens hinter uns. Was die beiden untereinander reden, erscheint mir holländisch, dem Sufi aber hebräisch (vielleicht sind die beiden ja aus Luxemburg, das Luxemburgische klingt mir immer wie alle anderen Sprachen durcheinander).

Endlich fährt der Bus los. Bergauf durch Neubaugebiet und Weingärten; wir starren aus dem Fenster, sehen einladende Gastgärten. Weit ist es nicht. Gut ausgeschildert ist es auch nicht. Trotzdem finden wir die Höhlen.

Öffentlicher Verkehr

Satt spazieren wir weiter, eher absichtslos. Wobei die Absicht der Absichtslosigkeit darin besteht, früher oder später zu den Tropfsteinhöhlen zu gelangen. Die Stadt sonntagmorgenstill. Die Architektur um uns ungehemmt altkaiserlich, klassizistisch-sozialistisch und neo-kapitalistisch durcheinander. Jenseits der Straße ein Glasbetonbau mit dem Sony-Logo, diesseits ein kaffehausartiger Branntweiner, aus dessen Türe kalter Rauch strömt; die Gestalten drin nur zu erahnen.

Dem blechernen “Ich darf nicht hinein”-Hund hat jemand sorgfältig händisch und mit Geschick einen Floh auf den Rücken gemalt. Der Sufi sieht’s, ich drücke ab. Ein paar Betrachtungen später erreichen wir den Moskva Ter. Nicht, dass wir dringend dorthin wollten: Aber wir sehen viele Busse. Nur, wen fragen?

Im Remisehäuschen mit den Spitzenvorhängen finden wir einen, der interessiert in den von uns vorgestreckten Plan starrt. Die erfrischende Abwechslung ist, dass er, als er versteht, dass wir kein ungarisch sprechen, keineswegs in ein nur leicht akzentuiertes deutsch oder englisch verfällt, sondern unbeirrt weiter ungarisch erklärt und erzählt, Ortsnamen durch einen Daumendruck auf den Stadtplan unterstreicht, und auch wenn wir nicht viel verstehen: Am Ende haben wir verstanden, dass wir erstmal in den 63er einsteigen und dann an der Margit Hid in etwas anderes umsteigen sollen. Ticket? fragen wir hoffnungsfroh, was möglicherweise ein Fehler war, da wir unter dem Strich 1800 Forint für 10 145er Tickets ausgegeben haben. Aber bis wir das verstehen, vergehen noch etwa 7 Minuten, in denen wir in einem endlosen Strom dieser schönen, wenn auch unverständlichen Sprache stehen, fasziniert, möglicherweise hypnotisiert: Denn übers Ohr hauen lassen wir uns beide doch sonst nicht so leicht.

Im Bus dann sind wir zwar zielbewusst, aber doch erleichtert, dass unser mühsam gewonnenes Wissen von einer Mitfahrenden auf Englisch bestätigt wird; außerdem brauchen wir dringend Hilfe, um unsere teuren Tickets auch zu entwerten: Die Fahrscheine muss man nämlich nicht nur in den Automaten stecken, sondern den Oberteil des Automaten auch noch nach vorne schieben, wodurch ein richtig hübsch altmodisches Loch in das Papier gestanzt wird. Man lernt nie aus. Begeistert zeigen wir einander die sauber gestanzten Fahrscheine – die Freundin der uns auf Englisch beratenden Dame kichert immer mehr, bis sie aussteigt. Ihre Tochter betrachtet sie mit verständnislosem Blick.

Endlich Frühstück!

Der Bankomat, den wir jetzt brauchen, steht erst am nächsten Platz, nämlich dort, wo der Spar ist, der gestern offen war, obwohl er laut Anschlag längst hätte geschlossen sein sollen. Der Spar ist übrigens auch heute offen, obwohl er – laut Anschlag – sonntags fest zu ist. Das interessiert uns aber momentan nicht weiter – denn in der Halle vor dem Spar ist ein kleiner Stand, in dem alles, was man sich vorstellen kann, in einen Blätterteigmantel gebacken und dann noch warm verkauft wird. Endlich Frühstück! Ich nehme etwas mit Marmelade, der Sufi etwas mit Wurst. Danach interessiert uns die Sache mit dem Spar aber doch, denn Blätterteig macht durstig, und ein eisgekühltes Mineralwasser ist ja auch was wert.

Während der Sufi Nachschub holt, sitze ich auf der Parkbank und blinzle in die Sonne, beäugt von Kirchgängern und anderen vereinzelten Sonntagsvormittagsspazierern. Einer stöbert im Mistkübel und beantwortet 10 Schritte weiter ein Handy, das in seiner Jackentasche klingelt; seltsame Kontraste, die man wahrscheinlich auch zu Hause sehen könnte, wenn man zu Hause an einem Sonntagmorgen um zehn Uhr in einem innerstädtischen Park sitzen würde.

Spazieren…

Paar Schritte weiter nordwärts diese Kirche, “Szelagyi Dezs OE ter”, wenn der Stadtplan recht hat, aber zu diesen fremden Buchstabenfolgen weiß auch Google keine Erklärung; muss wohl eine unwichtige Kirche sein, obwohl sie so strahlend da steht. Der Versuch, diese Kirche und ihre Umgegend auf mehreren Bildern abzulichten, bringt später vorm Computer allerdings Ernüchterung; Handycam wegen Objektiv-Verzerrung für zusammensetzbare Panoramen nicht geeignet.

Der nächste Tag

Auch unser zweiter Tag zeigte sich unerwartet strahlend und warm. Der 3. Oktober, und als ich nach dem ausgefallenen Frühstück (da die Kellner das Buffet vor meiner hungrigen Nase aus dem Saal gefahren hatten, und ich zu gut erzogen war, um “Halt!” zu rufen – Kaffee gab’s aber noch) aus dem rauchfreien Frühstückstaum auf die Gasse trat, um den Tag zumindest nikotinhaltig einzuleiten, hielt ich es leicht im T-Shirt aus. Ein gutes Zeichen für den Tag. Außerdem war ich zumindest genau so wach wie der fernsehgeschädigte Sufi, wenn auch deutlich weniger entschlossen.

079

Der Anblick einer nicht enden wollenden Masse von Läufern – der Stadtmarathon führte fast direkt am Hotel vorbei – machte mich dann auch sofort wieder todmüde.

Ob die heldenhaften Damen und Herren im Bild vorne, hinten oder in der Mitte liefen, weiß ich allerdings nicht zu sagen. Wir spazierten runter zum Donau-Ufer. Dort Straßenbahnen in Gelb.

Grafodidakt

Unzählige Fotos mache ich von diesen Schildern, die außer den Ungarn kein Mensch versteht. (Grafodidakt gefällt mir besonders gut.) Ob wir vom Rest dieses Abends noch andere Bilder sehen werden, von unserem Spaziergang, vom Gänseleber-Risotto auf der Andrassy Ut, vom Fotoshooting, das während des Abendmahls vor unserer Nase stattfand: Das liegt beim Sufi. Ich war zu dem Zeitpunkt nämlich vor allem müde und ein bisschen unzufrieden mit meiner Kamera. Die Surrealität der Szenerie wusste ich trotzdem zu schätzen.

Es begann damit, dass auf der gegenüberliegenden Straßenseite ungewöhnlich viel Licht einen Wagen beleuchtete, um den 3 schöne junge Menschen, 2 Polizisten und noch ein paar andere, weniger auffällige Gestalten gruppiert standen. Wir schauten genauer hin.

Im Zentrum des Geschehens ein alter Citroen, Modell Haifisch, allerdings sehr umgebaut. (Sufi? Das Foto muss hier rein!) Ein Dach hatte der Wagen nur mehr über Fahrer- und Beifahrersitz, ein selbstgebastelter Citroen-Pickup, sozusagen. Auf der entstandenen Ladefläche mehrere Lampen und Mikrofongalgen. Während ich stand und verblüfft schaute, war der Sufi schon halb auf der Straße, um dieses Wunderwerk menschlicher Kreativität von allen Seiten abzulichten. Ich grübelte derweil über Sinn und Zweck des Setups, als aus dem nahegelegenen Cafe “Absinth” (das sehr angesagt sein soll, zu dem ich allerdings gerade keinen Weblink finde) ein Kellner kam. Er fuchtelte besorgt mit den Armen und versuchte, mir klarzumachen, dass es keine gute Idee wäre, Fotos von den Polizisten und vom Polizeiauto zu machen. Ich zuckte die Schultern und beschloss, momentan kein Englisch zu verstehen. Zwar bin ich im Allgemeinen sehr empfänglich dafür, wenn mir Einheimische sagen, was geht und was nicht geht, aber andererseits kenne ich den Sufi lange genug, um zu wissen, dass ihm das vollkommen egal ist – wenn er ein bestimmtes Foto will. Der Kellner versuchte sein Glück noch in Französisch und Spanisch, was ich ebenso bedauernd aufmerksam nicht verstand, dann verschwand er schulterzuckend wieder im Lokal.

Der Sufi hatte seine Fotos und wunderte sich darüber, wie selbst über zehn Jahre nach der Wende der Obrigkeitsgehorsam offenbar noch tief sitzt. Die Polizisten selbst hatte seine fotografische Exkursion wenig beeindruckt, selbst dann nicht, als er – ein Fuss auf dem Mittelstreifen, den anderen der Balance wegen weit nach hinten gestreckt – deutlich den Gegenverkehr behinderte. Wir schlenderten weiter und wussten immer noch nicht, worum es eigentlich ging.

Erst auf dem Rückweg vom Opernhaus, wo uns das Security-Team sehr freundlich mit dem Monatsprogramm und hilfreichen Tipps für die Umgebung versorgt hatte, wurde die Sachlage klarer. Der Spezial-Citroen war offenbar dazu da, um Fotos davon zu machen, wie ein ein kleines neues Cabrio mit 3 strahlenden Jugendlichen darin an einem Lokal vorbeifuhr. Wir waren mittlerweile auch hungrig, setzten uns in den Gastgarten des Lokals daneben und beobachteten die Szene ungefähr 15 Mal. Das Cabrio fuhr, nicht aus eigener Kraft sondern gezogen von einem unbeleuchteten Wagen (damit der Fahrer auch in die Kamera strahlen konnte) ungefähr 40 Meter die Straße entlang. Daneben der Citroen, ebenfalls im Schlepptau eines anderen Wagens, mit einem Fotoapparat am Mikrofongalgen. An der immergleichen Stelle ein Blitz: Ein Foto.

Das Gänseleber-Risotto war unglaublich. Daneben überlegten wir, wofür das Shooting wohl werben mochte. Die erste Annahme – das Auto – verworfen wir schnell: Der Winkel der Kamera würde das Fabrikat keineswegs erkennen lassen. Meine Idee – ein Rasierwasser – gründete sich auf das Setting: Ein Mann und drei Frauen. Des Sufis nächster Vorschlag: Das nebengelegene Lokal – war auch nicht schlecht. Wir schauten weiter zu und einigten uns darauf, dass es – nach den beteiligten Frisuren zu schließen – keineswegs um Haarshampoo gehen konnte.

Nächster Fixpunkt des Abends war, obwohl ich eigentlich schon bettschwer gewesen wäre, das Old Man’s Music Pub. Eine ungarische Bluesband sollte dort spielen, weit war es auch nicht, und der Weg interessant. Während ich darüber sinnierte, wo ich denn zum letzten Mal Oberleitungsbusse gesehen hatte (Salzburg?), stellte der Sufi fest, dass schon der dritte spätgeöffnete Greissler einen arabischen Namen trug. Auch wenn die Gestalten davor nicht immer vertrauenserweckend aussahen, stellten wir einmütig fest, wie toll es doch ist, dass solche Geschäfte überhaupt existieren.

Im Music Pub tanzte der Mops. Obwohl der Sufi mit seiner charmanten Art uns gleich an einen einheimischen Tisch setzte, machte der Kellner klar, dass das ohne Reservierung so überhaupt nicht geht. Sonst war nirgends auch nur die geringste Nische frei. Im Einzugsbereich der Bar warteten wir auf das Konzert, das sich interesant anließ. Die erste Nummer sehr bekannt, ohne dass ich sie genau zuordnen konnte; Rock-Rap-Crossover. Die Band sehr professionell; sauber, glatt. Was dem Sufi überhaut nicht schmeckte. Richtig, Blues war das definitiv nicht. Aber das, was es war, war sehr gekonnt gespielt, obwohl es auf ungarisch seltsam klang. Ziemlich seltsam klang. Weshalb ich auch keine Einwände erhob, als der Sufi meinte, er würde lieber gehen.

Draußen hatte man das Loch im betonierten Kanaldeckel mit ein paar Brettern und einem Hinweisschild abgedeckt, was ich schade fand: Das Foto hätte ich gerne gehabt. Wir spazierten weiter, machten dann Pause auf einer Parkbank am Erzsebet Körut, wo wir noch einmal am Schnaps nippten, der leider genau so ungenießbar war wie zuvor. In der Ferne eine Art Triumphbogen, der sich aus der Nähe als eher langweiliger Anblick erwies. “Warum muss ich immer in den Untergrund?” murrte der Sufi, als wir die nächste Kreuzung wieder per Unterführung querten; “Weil hier das ungeschönte Leben ist” hätte ich antworten können, aber das fiel mir dort trotz anschaulichen Menschenmaterials aus lauter Müdigkeit nicht ein.

Es hatte leicht zu regnen begonnen, wir suchten Zuflucht unter einem riesigen quadratischen Sonnenschirm vor einem Lokal; am Nebentisch ein paar Deutsche, die sich über die per SMS eingeholten Bundesliganachrichten unterhielten. Wir plauderten noch mit der Wirtin, sie hatte jahrelang in Wien gelebt, nahe der Rossauer-Kaserne; wir weihten sie ein in unser Gefühl des “genau so und doch ganz anders”, ja, sagt sie, Wien sei sehr ähnlich, nur halt leiser und sauberer; im Detail besprechen wir den sozialen Wohnbau; Herrn Kreisky hatte sie offenbar nicht so gerne, der Sufi hätte das gerne näher hinterfragt, doch die Wirtin hatte noch andere Gäste und mich zog es ins Bett.

Also ein Taxi zum Hotel; im Verhältnis zur Entfernung teurer als in Wien übrigens (trotz offiziellen Taxameters), mir aber egal, Hauptsache ich fand ein Bett. “Ich habe aber noch Hunger” motzte der Sufi. Ich auch, aber ich wäre nicht fähig gewesen, auch nur einen einzigen Schritt zu gehen, um etwas dagegen zu tun. Zwanzig Minuten später kam er zurück, mit zwei Lammkeulen samt Pommes, und ich konnte nur still mampfend dankbar sein für so einen praktisch veranlagten Freund. Nur mit Mühe konnte ich mich am Ende der Mahlzeit noch zur minimalen Abendtoilette überreden. Der Sufi aber schaltete den Zimmerfernseher auf 3Sat und machte sich auf eine 1-1/2-stündige Wartezeit gefasst, um seine Bundesligaberichte zu sehen.

“Wer hat gewonnen?” fragte ich viel später mühsam interessiert, als eine Bewegung an meinem Rücken mich aus dem ersten Tiefschlaf weckte. “Keine Ahnung, ich hab mir stattdessen den ‘dritten Mann’ angeschaut.” war die Antwort. Dazu hätte sich einiges sagen lassen. Stattdessen schlief ich wieder ein.

Bahnhofs-Disco

Da ist er ja schon, der Westbahnhof. Entworfen hat ihn Gustav Eiffel, heute liegt – neben dem eigentlichen Bahnhof – eine ziemlich laute Disko. Wir sind über die Margit Hid” (Brücke) geschlendert und nach einer kurzen Dämmerungs-Rast im Park in einem recht lebendigen und – im Gegensatz zu unserem Ankunfts-Spaziergang – nicht übermäßig touristischen Viertel gelandet. Die dröhnende Disco hält uns allerdings davon ab, den Bahnhof näher in Augenschein zu nehmen. Wir folgen der Straße bis zum Oktogon, wo wir in einem kleinen Geschäft Schnaps und Zigaretten kaufen. Der Schnaps ist allerdings definitiv zu grausig zum Trinken. Auf der Andrassy Ut überlege ich, wozu man ihn sonst verwenden könnte. Wunden desinfizieren möchte ich damit nämlich auch nicht.

Licht

Im schönsten Abendlicht liegt das Parlament, eine Spur zu früh vielleicht, denn von der nächsten Brücke wäre der Blick besser gewesen. Andererseits hätte man dann ja nicht dokumentieren können, dass die Straßenschilder hier mit Blumentöpfen verziert sind. Wir bildern gemeinsam, wie der Service-Wagen zum Gießen kommt. Der Sufi meint, wir hätten das schon irgendwo gesehen, aber im Moment erinnere ich mich nicht.

Einen angeleinten Ballon haben sie hier übrigens auch, der weiße Fleck links im Hintergrund. Er startet von links hinter dem Westbahnhof, offenbar bis in den Abend hinein. In diesem Fall hätte ich mir das gerne angeschaut, aber die Zeit hat nicht gereicht. Schade.

Beim Fotografieren des Parlaments hinter mir ein Schild zum Luxus-Häusl.

070

 

Jetzt aber eine Suppe

Willst du wirklich hinauf auf die Burg? frage ich den Sufi, wenig begeistert, aber alle haben uns diese Burg ans Herz gelegt, wahrscheinlich wäre sie sogar begehenswert, wäre man nicht so müde und hätte man nicht von so vielen Seiten gehört, dass man da hinauf _muss_, man mag es halt nicht, irgendetwas zu müssen. Nein! sagt der Sufi, fast indigniert, Was interessiert mich die Burg, ich will wissen, wie die Menschen hier leben!. Ich bin beruhigt. Stattdessen schlendern wir am Burggarten entlang, die Gassen hügelabwärts golden abendsonnig, das gibt Anblicke und Fotoklicke und könnte ewig so weiter gehen. Obwohl, Menschen sieht man kaum.
066Auf einem kleinen Platz finden wir das “Mediterran Cafe”, unglaublich, dass man im Oktober noch draußen sitzen kann, die Spezialitäten haben italienische Namen oder heißen nach nordafrikanischen Städten, obwohl es fast immer mit Straußenfleisch zu tun hat. Am Nebentisch erst Italiener, dann Budapester Jungschnösel. Ich habe keine Lust, mich mit der Speisekarte zu beschäftigen, und nehme touristisch korrekt die Gulaschsuppe (die hier eine fast klare Suppe mit Fleisch und Gemüse und Paprika ist), ohne mich dafür zu schämen. Die überaus nette Bedienung warnt vor dem beigelegten Pfefferoni; einen Unfall hätte es kürzlich gegeben, jemand hätte abgebissen und anschließend den Arzt gebraucht, weil er nicht mehr schlucken konnte. Ich beiße und finde das Ding scharf aber nicht _so_ scharf. Es passt sehr gut zum Paprikageschmack.

Hier könnte man sitzen bleiben, eine ganze Weile, zumindest bis das Wetter umschlägt; aber so viel Zeit haben wir ja auch wieder nicht. Wir jonglieren mit dem ungewohnten Fremdgeld und machen uns dann auf den Weiterweg.

Ultimative Coolness?

Der Sufi, auf der Suche nach einer bestimmten Fischpaste und außerdem interessiert daran, was man denn hier so kauft, verschwindet in einem “Spar”, der erstaunlicherweise noch offen hat – obwohl er laut Aufschrift um 17 Uhr schließt. Aber dass die Geschäftszeiten nicht ernst zu nehmen sind, haben wir ja schon aus dem Reiseführer gelernt. Der Sufi flaniert an der Wursttheke entlang, ich stelle erstaunt fest, dass der Martini hier Sonnenbrille trägt. Wir kaufen nichts und werden von allen Seiten beäugt.

Kanäudeckel

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