Kategorie2004 Marokko

Tag 2: Bouknadel-Oulmes: mit Soukh, Korkeichen, Trüffelsuchern und Sonnenuntergang

Der Tag beginnt um 7:30. Nicht gerade meine Lieblingsuhrzeit, aber die Luft ist kühl und das Bett ist dank der offengelassenen Balkontür und dem Meer-Wind eher klamm – das begünstigt das Aufstehen. Kollektiv-Frühstück. Alle sind guter Dinge. Einige besuchen den großen Pool, nur die ganz harten werfen sich in den Atlantik (war außer mir noch jemand weiter als bis zu den Knien drin?). Die Wellen sind heftig, eine erwischt mich und verpasst mir eine Nasenspülung. Gesund gegen Atemwegsinfektionen. Egal.

Danach am Strand spazieren. Einheimische Jungs spielen Fussball am Strand, barfuss. Wie in Tunesien. Ich denke schon wieder an Camus. Sich selbst perpetuierende Erinnerung an fremdes Leben. Erstaunlich.

Gegen 10 Uhr dann Aufbruch. Der erste Stop kommt früher als erwartet: Jemand hat die Kamera im Hotel vergessen. Die Vergesserin geniert sich sehr; Reiseleiter Wilfried ist besorgt um den Zeitplan. Der Rest der Gruppe genießt den unerwarteten Ausflug in einen pur-marokkanischen Soukh (Wochenmarkt). Der Sufi genießt besonders und schnappt sich, weil er schon nach der ersten Mehrstern-Hotelnacht ein Defizit an wirklich wahrem Einheimischen-Leben hat, den erstbesten Snackverkäufer. Beim Anblick der feilgebotenen Waren, fettig herausgebackenes undefinierbares Zeug, schrillen alle Alarmglocken des durchschnittlichen Mitteleuropäers. Der Sufi, sowieso keineswegs durchschnittlich, scheint nichts zu hören, kauft von Allem etwas und beißt herzhaft hinein. Da er nicht sofort umfällt, versuche ich es auch. Es schmeckt köstlich, scharf und würzig und irgendwie fleischig, und ich beisse weiter – auch wenn ich bis zum letzten Bissen nicht die geringste Ahnung habe, was ich da eigentlich esse.

Dann wagen wir uns in den eigentlichen Soukh (die Verköstigungsaktion fand am Vorplatz statt), wo Stand an Stand alles Mögliche und auch einiges Unmögliche feilgeboten wird (Witzwiederholung, aber es stimmt!). Von Obst und Grundnahrungsmitteln über Gewürze, Fussballer-T-Shirts und Küchengeräte bis hin zu ganzen Friseureinrichtungen samt Trockenhaube: Ich glaube, hier gibt es nichts, was man nicht kaufen kann. Im Gegensatz zu meiner Befürchtung versucht niemand, uns anzubetteln, auszurauben oder sonstwie übel mitzuspielen – im Gegenteil: Man weicht uns aus und beäugt uns wie verdächtig deplazierte Fremde. Was wir gewissermaßen ja auch sind. Nur die Kinder folgen uns, mit Abstand, aber fingerzeigend und kichernd. Wenn der Sufi den Fotoapparat hebt, stiebt alles auseinander. Ich filme aus der Hüfte und folge ordnungsgemäß drei Schritte hinter dem Sufi. Aber nur, weil ich die Kamera nicht zu schnell schwenken will.

Danach geht es weiter nach Plan. Wir durchqueren die Mamora Korkeichenwälder auf staubigen Nebenstraßen, was das erste Gefühl von “richtig Abenteuer” aufkommen lässt (ein Gefühl, über das wir später lächeln werden… aber wir wollen nicht vorgreifen!).

Wann macht man sich schon mal bewusst, dass das runde Ding mit dem Plopp, das wir mehr oder regelmäßig aus dem Hals der einen oder anderen Weinflasche zeihen, lebendiges Material aus Baumrinde ist? Hier wächst es. Man muss die Bäume nicht fällen, um an den Kork zu kommen – die Rinde wird stattdessen vom Boden bis ungefähr auf Mannshöhe abgeschält und verarbeitet. Der Baum bleibt stehen und bildet in ca. 12-18 Jahren neue Kork-Rinde aus. Faszinierend. Aber unter den Korkeichen grasen Schafherden, denen ist das ganz egal.

Bald darauf erreichen wir wieder asphaltierte Straße und fahren nun durch das Stammesgebiet der Ait Zemmour, wie Wilfried und die Landkarte verraten. Das graue Band zieht sich durch Wälder und wiesenhaftes Hügelland. Am Straßenrand werden Trüffel feilgeboten, zur Frischhaltung im Erdmantel eingepackt. (Die Trüffel werden übrigens, dies nur um Kerleones Forschungsprojekt zu bereichern, auf umgedrehten Metalleimern zur Pyramide gestapelt. Die Metalleimer sind zur Dekoration mit bunter Plastikfolie umwickelt.) Wir dürfen kosten – aber da ich Trüffel sowieso nicht mag, kann ich leider nicht beurteilen, ob sie wirklich so erstklassig sind, wie der Rest der Gruppe meint. Der Verkäufer, mit einer Stimme wie Tom Waits mit einem Reibeisen im Hals, ist gut aufgelegt und zeigt uns, an welchen in der Nähe wachsenden Kräutern man ein Trüffelvorkommen erkennt.

Im nächsten größeren Ort gibt es einen Kurzstop. Der Sufi, gewohnt, den Versorgungsoffizier zu spielen, erspäht ein Hendl am Grill und tritt sofort in ernsthafte Verkaufsverhandlungen. Diese scheitern allerdings an den astronomisch anmutenden Preisvorstellungen des Grillers. Später erklärt uns Wilfried, dass der Mann uns weder verarschen noch übers Ohr hauen wollte, sondern einfach noch in der alten Währung der 50er-Jahre rechnet, also in Rial. Wieder was gelernt.

Von da an geht’s bergauf. Auf schmalen Wegen und Sträßchen. Wir staunen über das Grün der Landschaft (selbst Wilfried staunt, denn das ist kein gewöhnliches Jahr, sondern ein ungewöhnlich feuchtes und damit fruchtbares), wir tafeln ein köstliches kaltes Buffet am Rande eines Bauernhofs, dessen Bewohner uns anschließend noch mit frischer Buttermilch verwöhnen; wir fotografieren und schauen, und dann staunen wir wieder.

Bergauf, immer weiter, bis Oulmes. Dort, wo sie die Bramseln ins Wasser tun (Übersetzung: Hier wird hervorragendes Mineralwasser mit Kohlensäure in Flaschen abgefüllt) haben wir unser Tagesziel erreicht. Es ist ein feiner Zug des einst sehr vornehmen, jetzt leicht angejährt wirkenden Hotels, die Gäste mit einer Flasche ebendieses Wassers – ohne Aufpreis – zu begrüßen.

Trotz des langen, teilweise staubigen Tages halten wir (der Sufi und ich) uns kaum mit den Annehmlichkeiten des komfortablen Zimmers auf, sondern schwärmen aus, um die Gegend zu erkunden. Auf einem sehr idyllischen Weg spazieren wir Richtung Quelle und werden dafür mit einem märchenhaften Sonnenuntergang belohnt.

Danach sind wir angenehm müdegeschaut und genießen ein hervorragendes Abendessen. Nach dem nicht nur mengenmäßig beeindruckenden Salat serviert man Rindskoteletts mit Erbsen und Pommes. Die Hardcore-Vegetarier kriegen zwar zuerst irritierte Blicke vom Personal, dann aber doch noch ihr Gemüse. Auf den Bierflaschen vermissen wir die hübschen Casablanca-Palmenetiketten, daher bestellen wir stattdessen einheimischen Cabernet aus Mehmet. Auch sehr gut!

Dann noch Lagebesprechung. Bunte, naturgefärbte Tücher werden verteilt und wir lernen, sie gegen zu starke Sonneneinstrahlung richtig um den Kopf zu binden. Das geht ganz anders als einst in Tunesien. Anwesende Vielgereiste mutmaßen, dass die adequate Bindetechnik je nach Region nicht nur modebedingt, sondern auch wegen der zu erwartenden Temperatur-, Sonneneinstrahlungs- und Windfaktoren wechselt. Ich schlage das dem Sufi als mögliches Forschungsprojekt vor. Er ist aber überzeugt davon, dass das irgendwann schon irgendjemand erforscht hat.

Und danach ist es höchste Zeit fürs Bett – das Frühstück ist für 7:00 Uhr angekündigt.

Anreise: Wien – Casablanca – Rabat

Wenig geschlafen, morgens trotzdem sehr effizient. Der neue Rucksack lässt sich erstaunlich gut füllen. Es hatte zwar geheißen, ein Koffer wäre besser, da das Gepäck unterwegs am Landrover-Dach gestapelt wird – aber ich besitze gar keinen Koffer. Punkt 10h zur Straßenbahn, Anschlüsse passen halbminutengenau. Gutes Zeichen. Beim Sufi nicht, daher braucht er etwas länger. Am Flughafenpostamt noch dringende Rechnungen bezahlt, dann Zeit für eine Zigarette im unglaublich überfüllten, unglaublich lauten Restaurant. Man könnte glauben, ganz Österreich flüchtet. Wohin?

Dann mit dem Sufi ein- und das Gepäck durchgecheckt; ich versteh irgendwie nicht, wieso er immer auf dem Weg zum Flugzeug unheimlich viel Zeit hat, zum Schluss muss er noch dringend eine Suppe haben und wir sind wieder Mal die letzten. Nicht dass es wirklich etwas ausmacht, solange der Flieger nicht ohne uns fliegt, aber ich persönlich bin lieber früher da und meckere daher leise vor mich hin.

In der Schlange vor dem Gate treffen wir schon liebe Mitreisende, mit denen wir die nächsten zwei Wochen ein Auto teilen werden (was wir zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen). Erstes Beschnuppern bringt positive Vibes. Die sich einstellenden Reisefreudegefühle werden allerdings in der Air France-Maschine im Keim erstickt: Die ist nämlich voll, voller am vollsten. Direkt vor mir 2 plärrende Kleinkinder, rechts von mir einer, der bei jedem Luftloch panisch zuckt und die Luft anhält, dafür übt mein linker Nachbar Yoga. Mehrere Gruppen, die übers ganze Flugzeug verteilt sitzen, brüllen sich Nachrichten zu. Wieso sie die Leute nicht zusammen sitzen lassen, verstehe ich nicht, es können doch nicht alle zu spät gekommen sein.

In Paris geht’s ähnlich weiter, wir waren verspätet und werden nun im Laufschritt quer durch den ganzen Flugplatz zum Anschlussflug geschleift (und wer CDG kennt, weiß, wie weit das ist). Der Sufi hat keinerlei Erbarmen mit meiner Flugversäum-Phobie und verschwindet Schnaps holen. Da habe ich keine Wahl und entfleuche ebenfalls dem gestrengen Bodenpersonal, um in einer Raucherecke schnell meinem Laster zu frönen. Dann sind wir auch schon wieder im Flieger. Die 737 ist etwas bequemer als der Airbus; auch mag ich den Boeing-Sound lieber. Das Essen ist genießbar. Ich nehme ein Bier dazu und lasse mich dann in den Schlaf brummen, bis zum Anschnall-Call.

Die Landschaft unten sympathisch weich; grüner als erwartet. Der Sufi sagt, er hat den Felsen von Gibraltar gesehen. Er sagt, ich soll notieren, dass man am Flug von Paris nach Casablanca unbedingt links sitzen soll, weil die Küste so schön ist. Ich finde die Gegend rechts auch ganz nett.

Dann endlich gelandet. Wunderbar warm. Am Einreiseschalter riesige Schlangen, wie schon aus Tunesien und Kuba bekannt. Beinahe wären wir irrtümlich nach Marrakesch weitergeflogen, weil wir dem Strom der Reisenden folgen. Draußen wartet schon Willi “cool” Stanzer. 3 Landrover auch. Meinetwegen hätte es von da an länger dauern können, bin vollauf damit beschäftigt, mich über die Palmen zu freuen und marrokanische Flaggen zu bestaunen.

Mein auf “Reise” getuntes Gehirn ist bildhungrig. Gegend: Flach. Pferde, Pferdewagen. Viele gehen zu Fuss. Esel, Mulis am Straßenrand. Ein riesiges Plakat: “Le Piano dans le desert”, mit einem Piano auf einer Sanddüne. Darunter sitzen 3 Frauen im Kreis, dahinter schwarzzottelige Ziegen. Wir fahren durch die Vororte von Casablanca, aber nicht hinein – wir haben nämlich die “Experienced” Tour gebucht, die an sich voraussetzt, dass man die Städtetour schon gemacht hat. Nur dank des Sufis Afghanistan-Erfahrung und meiner Großmäuligkeit ist das gelungen. Ich denke an Humphrey Bogart und Ingrid Bergman und bin ein bisschen traurig. Ein ganz kleines bisschen.

Plattenbauten mit vielen Sat-Schüsseln. “Wie in Simmering” sagt einer im Wagen. Vieles sieht ziemlich kaputt aus. Überall steht irgendetwas mit “Royal” drauf. Es ist flach. Links blinkt ab und zu das Meer auf. Die Sonne geht jetzt schon unter, nicht erst bei der Ankunft im Quartier des ersten Abends – wir sind etwas später dran als geplant.

In Rabat wollen wir die Königsgräber sehen und den “Hassan-Turm”, das nie fertiggestellte Minarett (für Wilfried das zweitschönste Minarett der Welt, gleich nach dem in Minar-E-Jam in Zentralafghanistan) der damals (14.Jhdt) zweitgrößten Moschee der Welt. Das Minarett wurde nie vollendet, weil der auftraggebende Sultan vor dessen Fertigstellung starb. Der Turm ist 40 Meter hoch und sollte wahrscheinlich doppelt so hoch werden. Jede der Seiten trägt eine andere Verzierung.

Die Besichtigung gelingt allerdings nur aus der Ferne, da der König selbst heute die Gräber seiner Vorfahren besucht. Das erklärt auch die vorher unheimlich anmutende Polizistendichte auf den Straßen von Rabat. Hunderte Schaulustige und ungefähr ebenso viele Sicherheitskräfte verteilen sich im weiten Rund um die hell erleuchteten Gebäude.

Wir steigen aus und lassen uns von Wilfried Geschichte und Bedeutung erklären, neugierig beäugt aber weitgehend in Ruhe gelassen. Eine Katzenfamilie spielt unter den Bäumen im Park, und wie der kurzfristig verschwundene Sufi wäre ich jetzt lieber durch die Straßen gestrolcht, als brav mit den anderen ins Hotel weiter zu fahren. Meine erste Gruppenreise seit 21 Jahren, daran muss ich mich erst wieder gewöhnen.

Unterwegs dann sehr schön der Blick auf die nächtliche Hafenbucht mit den Lichtern; wir fahren: vorbei am blühenden Leben; an Teehäusern, Fleischhauern, Cafes, Bars, Ein- und Verkäufern.

Das Hotel der ersten Nacht in Firdouz ist ein durchgestyltes 70er-Jahre-UFO, das angeblich ein reicher Saudi für die Ausflüge mit seinem Harem errichten ließ. Das war vor etlichen Jahren; über den Korridoren duftet ein Hauch von Schimmel und Mottenkugeln (in den Zimmern nicht, die sind alle gut gelüftet). Vor dem halbrunden Balkon mit den 70er-Jahre-Gartenstühlen aber rauscht der Atlantik: Hallo, Meer!

Im üppigen Speisesaal gibt es ein üppiges Abendessen, die letzten noch unbekannten Mitreisenden werden bekanntgemacht und begrüßt; letzte Zahlungen getätigt, erste wichtige Täusche vorgenommen. Es gibt Fischsuppe und Fisch, in sehr kreativer (schmackhafter!) Zubereitung. Danach noch allein mit dem Sufi am Strand spaziert; am Balkon einen kleinen Whiskey aus der Reiseflasche genommen, während die anderen längst schlafen. Womit sie natürlich recht haben – der nächste Tag beginnt sehr früh.

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