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Zombie-Utopie

Heute eine Walking-Dead Fortsetzung geträumt, die irgendwie gar nicht düster war. Es war eine Kleinstadt, die Häuser natürlich heruntergekommen und viele unbewohnt, aber es machte einen sauberen und sicheren Eindruck. In einem alten Fabrikshof wurde Gemüse angebaut und in den Farbriksräumlichkeiten sauer eingelegt, eine Frau rief mich hinein: Die Ronen (rote Rüben, für Nichtsteirer) sind gerade fertig! und ich freute mich über den tiefroten Wohlgeschmack. Im nächsten Jahr, sagte die Frau, bauen wir wieder Kartoffeln an. Und die Bauern testen gerade, ob der Weizen aus dem Lagerhaus noch keimfähig ist. 

Jemand erzählte, dass es jetzt sogar wieder ein Fernsehprogramm gäbe, aber niemand schien so recht interessiert daran, in den Häusern nach Fernsehgeräten zu suchen. Ich ärgerte mich ein bisschen, dass ich nur in der kleinen Stadt war anstatt in der großen, wo sicher viel mehr aufgebaut wurde, aber ich sagte nichts. Ich ging zum Aussichtsturm, vorbei am Haus mit dem letzten Zombie der Stadt, er war so etwas wie ein Maskottchen, der gut eingesperrt in einem kleinen Häuschen mit löchrigem Gesicht gegen die Fenster knurrte. Ein paar Kids amüsierten sich, indem sie ihn von Fenster zu Fenster lockten. Solltet ihr nicht in der Schule sein?, fragte ich. „Heute nicht, heute kommen die Hubschrauber“. Ganz so weit sind wir dann doch noch nicht, dachte ich, aber ich sagte nichts.

Ein alter Freund hatte mich zum Aussichtsturm gerufen, und er lehnte sich oben gefährlich weit übers Geländer, als er mir vorphilosophierte, wie es jetzt weiterzugehen hatte. Mehr Fabriken bräuchte das Land, und Ingenieure, aber vor allem, er sah mich erwartungsvoll an, vor allem natürlich Kinder. Ob ich nicht mit ihm ein paar in die Welt setzen wollte? – Ich bin 50, sagte ich, und … Da gäbe es aber doch Mittel und Wege, sagte er …und ich hab mit Kindern noch nie etwas anfangen können, beendete ich meinen Satz. Er schien sehr enttäuscht. Malte in ein paar Halbsätzen noch die Zukunft einer Familiendynastie mit so gebildeten Eltern wie wir es wären. Nein, wiederholte ich und wunderte mich. Es gab genug Frauen, deren Männer den Zombiekrieg nicht überlebt hatten, und er war durchaus akzeptal attraktiv, also warum ausgerechnet ich? Aber ich fragte nicht nach, das hätte das Gespräch nur unnötig verlängert.

Wieder in der Stadt schaute ich nach meinen Sonnenblumen im Innenhof. Sie waren seltsam kurz geraten, aber voller Kerne. Von der Straße rief jemand: Die Hubschrauber! Und schon hörte man das Geräusch. Mit anderen lief ich durch die Straßen, drei Maschinen flogen auf den Hügel  vor der Stadt zu, aber nur einer landete, die anderen flogen weiter nach Süden. Der gelandete Hubschrauber verwandelte sich transformermäßig in eine Art Hotelbar. Auf den Tischen standen große Joghurtbecher, und es gab Kaffee. Rick war mit dem Hubschrauber angekommen und beschwerte sich, dass er nicht noch mehr Joghurt essen könnte, er habe in letzter Zeit viel zu viel Joghurt gegessen. Ich nahm seinen Becher und hätte lieber ein Naturjoghurt gehabt als das mit den Schokoladestückchen, aber immerhin war es Joghurt.

Jemand hielt eine Rede, und ich verstand, dass es bald Wahlen geben würde. Auch das noch, dachte ich, wir sind doch in unserer Stadt ohne Politiker ausgezeichnet zurechtgekommen. Dass wir als erstes das Bankensystem wieder aufbauen müssten, meinte er, und natürlich eine Polizei einrichten, damit auch alle sicher… Ich langweilte mich und ging wieder in Richtung Stadt, während er noch redete. Die meisten anderen Bewohner auch. Wir sollten herausfinden, wie man Joghurt produziert, sagte ich. Das können wir am Montag in der Fabrik besprechen, sagte die Frau neben mir.

Im Aufwachen gedacht, ist ja eigentlich viel logischer als die wirkliche Serie, nach sieben Jahren müssten ja auch die letzten Zombies längst zerfallen sein, und dass alle immer nur gegeneinander kämpfen, anstatt gemeinsam irgendetwas wieder aufzubauen, ist auch so ein Männerfilm-Mythos. Das Joghurt dagegen, naja, ob da tatsächlich unzombifizierte Kühe übrig geblieben wären irgendwo, das ist schon schwerer vorstellbar. Aber vielleicht war’s ja aus Pflanzenmilch. 

Heute verkosten wir Göttinger.

Heute verkosten wir Bratwurst.

Lichtblicke und Verzweiflungen (Journal #73)

Müde. Nasswetter. DSGVO. Nachrichten. Scheißtelefonate. Reisevorfreude. Handydisplaykaputt. Ratlosigkeit. Trumpery. Schlafmangel. Schulschießereien. Facebookfrust. Kunstlosigkeit. Weiterstricken. Chaoswohnung. Dienachbarnstreiten. Mirfehltnocheineseite. Twitterlust. Erdnusseis. Füllfeder. Bauchschmerzen. OhgottdaisteineMOTTE. Startrek. Erdbeeren. Ichmussnochdiewäschewaschen. Träume. Alpträume. Meerträume. Leerträume. Räume. Unräume. Soweitweg. Unterderdecke. Grauverläufe. Joghurt. Macroglück. Surreales. Urreales. Kaltfüße.

Schönegrüße!

Bauchschmerzen (Journal #70)*

Letzte Nacht wieder einmal ausgesprochen bunt geträumt. Auf einem kleinen Flugplatz kam es aufgrund des unorthodoxen Anflugverfahrens zu einer Häufung von Unfällen, die aber allesamt glimpflich ausgingen und eher påtschert als gefährlich wirkten. Ich versuchte, den Herrn Sufi anzufunken, der in einer 1:3 Scale-Version der guten alten Catalina einfliegen wollte, hörte aber nur ausgelassenes Gelächter, vermutlich war der Sendeknopf stecken geblieben. Unerwartet warf der Sufi seine Fluggäste als Fallschirmspringer ab, bevor er auf der etwas holprigen Piste landete. Das Holpern tat der Catalina nicht gut, und Stück für Stück brachen Teile ab, bis der Herr Sufi mit einer Hand am Steuer, mit der anderen gerade noch den einen Flügel festhaltend an mir vorbeibretterte. „Bremsen kaputt“, rief er mir zu, es klang aber gar nicht beunruhigt, und die Catalina ließ sich wasserflugzeuggemäß durch den kleinen Teich am Ende der Piste bremsen. Die Fallschirmspringer landeten, warfen ihre Schirme ab und begannen, zu schlechter Musik genau so um das Flugzeug zu tanzen, wie die Songcontest-Beiwackler gestern auf der Bühne. Der Herr Sufi verschwand kopfschüttelnd in Richtung Bar. Ich begab mich auf die Suche nach einer Steckdose für mein Telefon, stolperte aber in einen Graben, von dem aus man in ein verzweigtes Höhlensystem kam, in dessen Räumen unterschiedliche Partys gefeiert wurden, vom Emo über Metal bis Schlager war alles vertreten. In der Synth-Pop-Höhle stand mein Lieblings-Chefredakteur und beschwerte sich darüber, dass die Flugzeuge sein Motorrad zugeparkt hätten. Ich versprach, mich darum zu kümmern, wollte aber in Wirklichkeit nur weg von der wummernden Musik. Auf dem Weg durch die neonbunt pulsierenden Höhlen traf ich einen alten Bekannten, der mir seine Liebe gestand. Als ich ihn nicht heiraten wollte, ersuchte er doch zumindest um eine Umarmung, die ich ihm innerlich wiederwillig auch zugestand. Über seine Schulter sah ich eine alte nicht-Freundin grinsen und wusste, dass demnächst alle etwas wissen würden, was gar nicht wahr war. Ich ging aus den Höhlen und fand mich in der Gemeindebautenwüste wieder, von Flugplatz war weit und breit keine Spur. Aus der Ferne aber lockte Meeresblau, und ich dachte: Wenigstens etwas und ging darauf zu. Die randalierenden Krähen im einzigen Baum weit und breit erwiesen sich als Gruß aus der Wirklichwelt.


* OK, nachdem ich den ganzen Traum erzählt habe, hab ich keine Lust mehr, über Bauchschmerzen zu reden. Wär eh fad.

Gelyrikt

Neu auf Sturmwarnung: [Ohne Titel]

100 x 100 (55)

Huch, da war schon wieder ein Tag versäumt. Mit steigender Anzahl vollbrachter Einträge fällt zwar das Schreiben für mich selbst wieder leichter, doch zunehmend fehlt mir die Lust, mich an die 100 Wörter zu halten. Paradoxerweise habe ich das Gefühl, ich würde öfter schnell was ins Blog schreiben, wenn ich nicht darauf warten würde, ob ich es noch als Aufhänger für die 100er-Serie brauche. Aber, da muss ich jetzt durch. Sowie ich in letzter Zeit viel zu oft durch die unzähligen Tunnel der Westbahnstrecke muss. Mit der Landschaft vor dem Fenster hat Zugfahren wirklich mehr Spass gemacht. Dafür jetzt halt schneller.  

 

Heute verkosten wir Frankfurter.

100 x 100 (54)

Während sich alles verändert, verändert sich nichts. Ich staune und sehe mir beim Nichten zu. Jemand sagt, Langeweile ist die Voraussetzung für Kreativität, doch das stimmt mir nicht, denn am allermeisten langweilt mich Stress. Ich möchte sagen, Muße ist die Voraussetzung für Kreativität, aber Muße ist nicht das Gefühl, mit dem ich am Ufer des Flusses sitze, mit dem ich durch die dunkelnde Stadt stromere. Es ist Freiheit, oder präziser, ein „frei-von“ sein, frei von Müssen, frei von Sollen, ein Mich-Selbst-Freigelassen-Haben für diesen Tag, diese Stunde, diese zehn Minuten. Dann und dort blitzt das Wollen auf. Und es ist gut.

100×100 (39)

Schaben fliehen weinend. Eine Perle von Spam-Betreff, die ich beim Überfliegen der ausgefilterten Mails gefunden habe. Sofort möchte ich einen Roman schreiben über die tragischen Ereignisse, die die Schaben massenweise dazu bringen, laut wehklagend das Weite zu suchen. Fast seh ich bereits die Verfilmung vor mir, tausende und abertausende graue Insekten, die mit einem kleinen roten Bündel auf der Schulter durch eine häuserschluchtartige Senke hetzen, eine Senke, die sich beim auszoomen als Wasserabfluss in einem alten Innenhof entpuppt. Das Unheil, das die unerwünschten Gäste bedroht, müsste natürlich nicht das vermutlich in der Spam-Mail beworbene Ungeziefervernichtungsmittel sein, sondern etwas Großes, Unerwartetes.

100 x 100 (30)

Variationen eines Themas. So nah und doch so fern. Langweilig, aber monton fesselnd. Ein Zugsunglück des Unterbewusstseins, das sich immer wieder wiederholt. Es macht alles schmutzig, die Wörter, die Welt, das Licht, mich. Variationen eines Themas. So nah und doch so fern. Langweilig, aber monton fesselnd. Ein Zugsunglück des Unterbewusstseins, das sich immer wieder wiederholt. Es macht alles schmutzig, die Wörter, die Welt, das Licht, mich. Variationen eines Themas. So nah und doch so fern. Langweilig, aber monton fesselnd. Ein Zugsunglück des Unterbewusstseins, das sich immer wieder wiederholt. Es macht alles schmutzig, die Wörter, die Welt, das Licht, mich.
Hm.

100 x 100 (29)

Interessante Zeiten, und ausnahmsweise fühlt sich das nicht wie ein Fluch an. Das Gefühl, nach einer langen schmalen Einbahn wieder an eine Kreuzung spannender Möglichkeiten zu kommen, hat zwar nur zarte Wurzeln in der Wirklichkeit, aber vielleicht geht es ja mehr um die Weite im Blick als um tatsächliches Abbiegen. Dafür spricht, dass mich die Unkrautvernichtungssprüher (um in der Metapher zu bleiben) nur mäßig bis gar nicht beunruhigen. Mit dem Frühling hat das wenig zu tun, weil sich der nach wie vor kaum blicken lässt. Es ist, als wäre ich endlich wieder in meiner Mitte angekommen, ohne danach zu suchen.

100 x 100 (28)

Man kann sich fragen, warum die Stadt so ungewöhnlich ruhig und leer ist, und dann feststellen, dass in drei Tagen Ostern ist. Nicht, dass man nicht schon hier und da darüber geredet hätte, aber angekommen war es nicht. Das ist ernst, denn wenn erst einmal Ostern ist, kommen bald die ganzen Feiertage, danach ist eh schon Sommer, und bevor man den noch richtig genossen hat, beginnt es zu regnen, und dann ist man ein Jahr älter und weiß nicht, wie das jetzt schon wieder passiert ist.
Man kann sich natürlich auch fragen, wann endlich der Frühling kommt, aber was solls.

100 x 100 (26)

Das 100 x 100 Experiment treibt erstaunliche Blüten. Während ich mich anfangs fragte, was ich denn überhaupt schreiben soll (ist nicht eh schon alles geschrieben?), fällt es mir mittlerweile schwer, aus all den Ansatz-Momenten auszuwählen. Man könnte ja, wie gestern, einfach einen längeren Beitrag daraus machen. Andererseits geht es hier zwar ums „Wieder-regelmäßig-ins Blog-schreiben“, aber durchaus auch um Präzision. Natürlich hindert mich nichts daran, neben dem 100×100-Beitrag noch mehr Journal zu schreiben, außer vielleicht ein Blick auf die ToDo-Liste und ein anderer auf das Layout hier, das nicht auf Textwüste ausgelegt ist. Nummer 26 ist hiermit ein unnötiger, selbstreflektiver Beitrag.

100 x 100 (22)

Eine auf den Deckel gekriegt (verdient) und den Impuls, den Kopf in den Sand zu stecken, unterdrückt. Bei Reparatur noch eine auf den Deckel gekriegt (unverdient) und dann tatsächlich den Kopf in den Sand gesteckt, oder besser gesagt in den Topfen, der die Basis für den allerersten „gesunden“ Kuchen ist, den ich in diesem Leben backe. Bevor der sich auf den Tisch trauen darf, gibt es aber noch andere feine Sachen. Draußen ist es nicht warm, aber man merkt doch, dass der Frühling jetzt Lust hat, auszubrechen. Das ist ja auch etwas wert. Am Wochenende solls temperaturmäßig langsam bergauf gehen.

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