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Kubanischer Alptraum

Die folgende Geschichte habe ich 2002 verfasst, für irgendeinen Wettbewerb, wenn ich mich recht entsinne. Sie ist natürlich deutlich überhöht, Ähnlichkeiten zu tatsächlich stattgefundenen Ereignissen sind allerdings durchaus beabsichtigt und keineswegs zufällig.

Nach einem traumatischen Erlebnis in frühester Kindheit war es mir fast 30 Jahre lang gelungen, mich von Großhotels aller Art fern zu halten. Aber jeden von uns holt irgendwann das Schicksal ein. Mich erwischte es in Form eines Leihwagens, der nach zwei Wochen kreuz und quer durch Kuba beschloss, das sei genug, und mit einem entschlossenen metallischen Seufzer jegliche weitere Zusammenarbeit verweigerte.

Das kann schon einmal passieren. Das ist normalerweise nicht weiter schlimm. Mein Reisepartner und ich suchten ein Telefon, fanden es im örtlichen Tourismusinformationsbüro, und der Mann am anderen Ende versprach uns unter heftigen Sprachverrenkungen, für Ersatz zu sorgen, und zwar gleich morgen früh. Wir seufzten, schulterten die Rucksäcke und machten uns auf Quartiersuche.
Vielleicht hätten wir misstrauisch werden sollen, als der Beamte im Informationsbüro auf unsere Frage nach einer netten kleinen Pension nur ungläubig den Kopf schüttelte. “Sie befinden sich in Guardalavaca”, sagte er in einwandfreiem Deutsch, “Die Hotels sind am Strand.” Naiv und kommunismusgeschult wie wir mittlerweile waren, dachten wir allerdings nur, dass der Mann, der sein Geld von der staatlichen Tourismusindustrie bekam, die Gäste auch in einem staatlichen Hotel aufgehoben sehen wollte.

Es war zwei Tage vor Weihnachten. Es war sehr heiß. Die Luftfeuchtigkeit hätte jeder Kaulquappe ermöglicht, ihr Leben beschwerdefrei an Land zu verbringen. Erfolglos stapften wir von Tür zu Tür, über beinahe zerfließende Asphaltstraßen und später den angeblich schönsten Strand Kubas entlang. Wir versicherten uns gegenseitig, schon Schlimmeres erlebt zu haben, und weigerten uns noch nach dem zehnten abschlägigen Bescheid, die Hotels auch nur in Betracht zu ziehen.

Etliche Stunden begannen wir, das wahre Ausmaß der Katastrophe zu erahnen. Völlig schweißnass ließen wir uns in einem Strandcafe von einem deutschsprachigen Kellner ein deutsches Bier servieren, während ein einsamer Gitarrero auf der Terrasse auf deutsch das Che-Guevara Lied sang. Privatquartiere gab es nicht.

Einhundertundachtzig amerikanische Dollar für eine Nacht im Luxuskasten. Das war der Standardpreis im ganzen Ort, daran war nicht zu rütteln. Alles inklusive, versteht sich. Wir suchten nach Alternativen: Ein Bus in den nächsten Ort? Täglich um 8 Uhr früh. Ein Schiff vielleicht? Nur für Rundfahrten. Ob wir einen Helikopter mieten wollten, fragte der Kellner schließlich dienstbeflissen. Er könne das gerne für uns arrangieren.

Nach kurzem Blick in die Geldbörsen mussten wir uns leider gegen diese höchst verlockende Möglichkeit entscheiden. Wieder schulterten wir unsere Rucksäcke und schleppten sie und uns in das Hotel, das nicht ganz so deutsch aussah wie alle anderen. Es war voller Deutscher.

Wir versuchten vergeblich, uns gegen die neonfarbenen Armbänder zu wehren, die man uns zusammen mit dem Zimmerschlüssel aushändigte. Ohne Neonarmband kein Essen, keine Getränke, kein Swimmingpool, kein Friseur und – natürlich – kein Zutritt zum Hotel. Falls man es denn schaffen sollte, das Hotel jemals wieder zu verlassen. An allen Ausgängen standen freundlich aber bestimmt Kubaner, die einen darauf aufmerksam machten, dass man alles, was es draußen gab, auch im Hotel haben konnte. Ganz ungefährlich und ohne dafür extra zu bezahlen. Alles inklusive. Jegliche Kommunikation erfolgte auch hier in deutscher Sprache, das versteht sich von selbst.

Wir retteten uns in einen gewissen Galgenhumor. Zappten ungläubig durch die 30 größtenteils deutschen Fernsehkanäle. Ich packte sofort alle Shampoo-, Duschgel- und Hautcremefläschchen ein, die im Bad herumstanden. Das ist sonst nicht meine Art und nur eine klägliche Art der Rache am Tourismusgeschäft, aber in dieser Situation schien es seltsam befriedigend. Die Handtücher ließ ich nur deshalb liegen, weil es zu mühsam erschien, sie für die nächsten zwei Wochen mit herumzuschleppen.

Der Balkon hatte einen wunderschönen Blick aufs Meer. Vielmehr hätte er einen wunderschönen Meerblick gehabt, wäre nicht zwischen Meer und Hotel ein riesiger Swimmingpool gewesen, an dessen Rand sich unermüdlich Touristengruppen mit ihren Animateuren abstrampelten. Wir beschlossen, das als Gratislektion in angewandter Soziologie zu betrachten, und versuchten, ein paar Drinks aufs Zimmer zu bestellen, um diese Lektion möglichst inspiriert zu studieren. Das erwies sich jedoch als nicht vorgesehen, schließlich waren alle Getränke gratis, da wäre es doch nicht zuviel verlangt, dass man sie sich selbst hole? In Kuba kann man normalerweise über alles reden – aber in Deutschland geschulte Tourismusfachkräfte sind unerbittlich. Zum Glück fand sich im Rucksack meines Reisebegleiters noch eine halbe Flasche Rum, zu der ich leicht verdrückte Limonen und eine Flasche Sodawasser beisteuern konnte.

Schon gegen Ende des zweiten Zahnputzglases mit improvisiertem Daiquiri begann der Lerneffekt zu verblassen. Stattdessen lachten wir viel. Gegen Ende des dritten Glases fragte der Balkonnachbar an, was denn so komisch wäre. Haltlos kichernd zeigten wir auf eine Gruppe von Pensionisten, die sich vor dem Swimmingpool damit abmühten, die geschmeidigen Bewegungen eines Sambatänzers nachzuahmen. Nicht jeder wäre eben für die südamerikanische Lebensart geeignet, meinte unser Nachbar humorlos, er habe sich auch bemüht, diesen Tanz zu erlernen, und jetzt hätte er dieses Gipsbein. Er habe versucht, sich den Gebräuchen des Urlaubslandes anzunähern, und das hätte er nun davon. Wir lachten so sehr, dass wir beinahe erstickten. Unten drehten sich Köpfe, und die Tänzer gerieten aus dem Takt. Der Nachbar verschwand kopfschüttelnd.

Wir ließen Limonen und Wasser weg und tranken den Rest des Rums pur. Es konnte nur besser werden. Als die Flasche leer war, warteten wir auf eine Pause in der Animationsgruppe und nutzten sie, als sie endlich kam, um laut, falsch und mit Begeisterung das Che-Guevara-Lied hinunterzuschmettern. Auf spanisch. Das brachte lachende Gesichter und begeisterten Beifall, allerdings nur vom Sambavortänzer und vom Barpersonal. Die Animierten dagegen murrten und schüttelten die Köpfe.

Schämen sollten wir uns, schimpfte eine unvermittelt auf einem anderen Balkon aufgetauchte Oma mit Berliner Akzent, die armen unterdrückten Kubaner mit diesem kommunistischem Gebrüll zu beleidigen. Ob wir denn gar kein Fingerspitzengefühl hätten im Umgang mit einem fremden Land? Unseren Einwand, wir wären schon ein bisschen herumgekommen und hätten den einen oder anderen Kubaner recht begeistert über sein Land im allgemeinen und Che Guevara im Besonderen reden hören, wischte sie souverän vom Tisch: Sie komme schon seit sieben Jahren regelmäßig hierher und wisse, wovon sie rede. Wo sie denn überall gewesen wäre in diesen sieben Jahren, wollten wir wissen. Nun, immer in diesem Hotel, ein besseres könne sie sich nicht vorstellen. Wir warteten etwa zehn Sekunden lang auf die Pointe, dann erkannten wir, dass es gar kein Scherz war. Ich lachte los, mein Reisebegleiter murmelte etwas wie: “Oh, wir haben eine echte Expertin kennengelernt!” dann lachte er auch. Die Oma drohte uns elegant mit dem flugs entwurzelten Sonnenschirm, was durchaus für die ganzheitliche Wirkung eines regelmäßigen Aktivurlaubs spricht.

Ein strategischer Rückzug ins Zimmer schien angebracht. Ein Glück, wie sich zeigte, denn nur so bemerkten wir, dass es bereits 20 Uhr war. Abendessen gab es nach mitteleuropäischer Art bis um 20:30. Wir schütteten uns ein paar handvoll kalten Wassers ins Gesicht und versuchten, möglichst unauffällig zum Speisesaal zu gelangen. Während wir ans Geländer geklammert die spiegelglatte Marmortreppe ins Untergeschoss meisterten, wunderten wir uns über verzweifelt klingende spitze Schreie.

Am Fuße der Treppe hing ein großes Transparent, das in roten Lettern verkündete: “Heute Asien-Abend”. Zur Unterhaltung des nicht-zahlenden Publikums hatte man am Eingang des Speisesaals ein paar Matten aufgelegt, auf denen sich Vorzeige-Asiaten in fernöstlichen Kampfsportarten übten. Daher die Schreie. Obwohl ich selbst nie über den gelben Gürtel hinausgekommen bin, konnte ich sehen, dass es sich um hoffnungslose Stümper handelte. Ich warf meinem Begleiter die Jacke zu und konnte drei der Kämpfer aufs Kreuz legen, bevor mich ein vierter von hinten erwischte und in einen ganz und gar unasiatischen Schwitzkasten nahm. “Wir nicht machen Karate hier!” flüsterte er angestrengt in mein Ohr, “Wir machen Show!” – “Bis jetzt vielleicht” antwortete ich halblaut und ließ ihn gekonnt über meine Schulter auf die Matte klatschen. Das Publikum applaudierte. Ich stand alleine in der Mitte der improvisierten Arena und wippte in den Knien wie Oliver Kahn im Tor. Ein Manager im schwarzen Anzug näherte sich. Er kam auf mich zu und schüttelte meine Hand, was ich geistesgegenwärtig dazu benutzte, ihn auch noch aufs Kreuz zu legen. Er rappelte sich auf und versuchte, sein schmerzverzerrtes Gesicht unter einem Grinsen zu tarnen. “Darf ich ihnen vorstellen” sagte er zum Publikum gewandt und eifrig darauf bedacht, den Abstand zwischen mir und ihm nicht unter zwei Meter schrumpfen zu lassen, “unser Special Guest heute Abend, Miss Werfende Amazone!”. Ein tosender Applaus folgte, und der Manager nutzte die Gelegenheit um mir flüsternd zu erklären, dass er mich verhaften lassen würde, wenn ich nicht sofort verschwände. Ich hatte keine Lust auf ein kubanisches Gefängnis und verschwand. Es war ohnehin Zeit zum Abendessen.

Ich schaute mich nach meinem Begleiter um, konnte ihn jedoch vorerst nirgends entdecken. Um möglichst viel von dem teuren Aufenthalt zu haben, nahm ich mir am Anfang des Buffet-Marathons gleich zwei Teller und versuchte, sie gleichmäßig zu füllen. Während ich noch überlegte, was denn das asiatische an den gegrillten Geierherzen sei und ob sie geschmacklich neben dem gebratenen Hammelrücken nicht völlig untergehen würden, entdeckte ich meinen Begleiter, der hinten in der Grill-Abteilung einem arabisch geschminkten Kubaner zu erklären versuchte, wie man Grillfleisch richtig zubereitet. Ich umrundete die welke Salat-Bar und kam gerade noch rechtzeitig, um das Fazit der Unterhaltung zu hören. “Wir haben keinen Chili hier”, sagte der Grillchef, dem in der Hitze die Schminke in das Grillgut tropfte, “die Deutschen essen nicht gern scharf.” – “Aber Asia-Grill muss scharf sein!” – “Nicht wenn die Deutschen essen.” – “Aber ich bin kein Deutscher!” – “Warum sind sie dann hier?”
Das konnten wir auch nicht erklären. Ich half meinem mittlerweile hilflos schluchzenden Reisebegleiter zu einem freien Tisch und teilte meine kulinarische Beute mit ihm. Der eifrig herbeieilende Kellner fragte “Bier?”. Ich nickte ergeben. Mein Begleiter dagegen war noch immer nicht bereit, sich in sein Schicksal zu ergeben. Er wischte sich Tränen ab und bemühte sich um Fassung. “Rum!”, sagte er dann bestimmt, “Fünfzehnjährigen. Pur. Kalt.”

Der Kellner schüttelte entschieden den Kopf. Rum gab es nur an der Bar. Und höchstens siebenjährigen. Fünfzehnjährigen gab es auch, aber den musste man extra bezahlen. Irgendwo hat auch “Alles inklusive” seine Grenzen. Das müsse man doch verstehen?

Man musste nicht. Mein Begleiter überschritt die hauchdünne Grenze zwischen Unglauben und echter Verzweiflung und erhob sich, um eine Rede zu halten. Ob irgendeiner der Anwesenden sich tatsächlich in Kuba wähne, fragte er mit saalfüllender Stimme und traf auf nichts als verwirrtes Schweigen. Dass die meisten Kubaner in ihrem ganzen Leben nicht soviel Essen sehen würden, wie hier an einem einzigen Abend überbliebe, übertrieb er leicht. Warum sie denn für den Aufenthalt in einem Hotel, das sich bemühe, so belanglos wie möglich zu sein, ein Vermögen ausgäben, fragte er die beharrlich schweigende Menge. Schließlich könnten sie dasselbe Essen, dieselbe Animation und einen wesentlich strahlend blauen Swimmingpool auch wenige Kilometer von zu Hause haben?
Ich sah aus dem Augenwinkel den Manager heranschleichen, der mich von weiteren Karate-Heldentaten abgehalten hatte, und versuchte, meinen Begleiter durch Zupfen am Ärmel auf die Gefahr aufmerksam zu machen. Vergeblich. Er war richtig in Fahrt gekommen und kletterte auf den Tisch, damit man ihn auch vom letzten Winkel des Saales aus sehen konnte.

“Ich habe einen Traum”, fuhr er fort und wechselte damit ansatzlos Nation und Zeitalter, “einen Traum, den viele von euch vielleicht für weit hergeholt und utopistisch halten. In meinem Traum reisen die Menschen, um etwas über die Welt zu erfahren. Sie reisen, um zu sehen, wie man anderswo lebt. Sie reisen, weil sie wissen wollen, wie man das Leben außerhalb ihres kleinen vertrauten Lichtkreises verbringt.”

Es gab einen kläglichen Zwischenapplaus vom Tisch eines verwirrt dreinschauenden Ehepaars, vermutlich Lehrer aus irgendeiner Waldorfschule. Der Hotelmanager war bereits sehr nahe gekommen und winkte einige Kellner zu sich. Mein Reisebegleiter war für die Welt verloren. Ich versuchte, mich zwischen ihn und die herannahende Meute zu stellen. Völlig enthemmt fuhr er fort:

“Solange ihr in diesem Hotel bleibt, habt ihr euer eigenes Wohnzimmer gar nicht verlassen. Geht hinaus und redet mit den Leuten. Sie beißen nicht. Sie werden mit euch reden. Es mag euch vielleicht als Wagnis erscheinen, aber es lohnt sich. Glaubt mir! Ihr werdet…” – Er konnte seinen Satz nicht vollenden. Zwei Kellner zerrten ihn vom Tisch. Ich versuchte einzugreifen, doch irgendjemand hielt mich von hinten eisern umklammert. Während sie uns aus dem Speisesaal führten, trat und schlug mein Begleiter wild um sich, was ihm ein blaues Auge einbrachte. Ich dagegen ließ mich widerstandslos hinausbringen. Ich habe ein gutes Gespür dafür, wann ich endgültig verloren habe. Wir hatten spätestens dann verloren, als die Menge im Speisesaal den eingreifenden Kellnern applaudierte.

Zu meiner Überraschung brachten sie uns nicht ins Gefängnis, sondern nur in unser Zimmer zurück. Mein immer noch strampelnder Begleiter wurde durch einen gezielten Fausthieb auf die Schläfe außer Gefecht gesetzt. Ich stellte mich ohnmächtig und entging dadurch weiteren Verletzungen. Man warf uns aufs Bett und ließ uns allein. Ich wartete eine Weile. Der flache Atem meines Begleiters ging langsam in ein zufriedenes Schnarchen über.

Ich war nicht bereit, es dabei bewenden zu lassen. Schließlich hatte ich 180 Dollar für diese Nacht bezahlt und Anspruch auf Unterhaltung. Ich wollte mich zur Tür hinausschleichen, musste jedoch feststellen, dass diese von außen versperrt war. Mit Hilfe zusammengeknoteter Leintücher und Vorhänge gelang es mir, mich zum Swimmingpool hinunterzulassen. Unverletzt angelangt holte ich mir zuerst einmal einen Achtelliter unverdünnten Rum – dreijährig, alles andere wäre aufgefallen – ließ mich am Swimmingpool nieder und sann auf Rache.

Da saß ich nun, den halben Mond vor Augen, der in der ungewohnten Lage mit der Rundung nach unten aussah wie ein Nachttopf ohne Henkel. Das Rudel deutscher Touristen, das hinter mir die Bar leerzutrinken versuchte, hatte dazu seine eigenen Theorien. Die Meinungen reichten von simpler optischer Täuschung bis zu einem prophetischen Zeichen des nahenden Weltuntergangs. Faszinierend.
Wenn ich McGyver wäre, dachte ich, dann wüsste ich, wie ich jetzt zu einer Bombe komme, die den ganzen unseligen Schuppen in Schutt und Asche legt. Stattdessen trank ich langsam meinen Rum leer, und dann noch einen und noch einen, so lange, bis ich beinahe handlungsunfähig war.

Zwei der drei Hotelbars hatten bereits geschlossen und ich war auch schon ziemlich dicht, als sich ein lallender Deutscher unbeholfen auf den Liegestuhl neben meinem warf. “Wunnerbares Land, dieses Kuba”, nuschelte er, “Nur schade dass es keine willigen Weiber gibt hier, ne?” – Ich versuchte, ihm zu erklären, dass es jenseits der Hoteldrehtür jede Menge williger Weiber geben würde, die müssten ja schließlich auch von etwas leben, aber das brachte ihn richtig in Rage. Er hätte einen Freund, erzählte er, mühsam die eigene Sprache meisternd, der wäre im Vorjahr hier gewesen und hätte es probiert. Rauszugehen aus dem Hotel, also, hätte er probiert, der Freund. Und hätte auch gleich, ne, so eine Kubanerin gefunden. Hätte sich wunderbar unterhalten mit der Tante, ne? Und gegessen und gesoffen, und dann irgendwann Filmriss, ne? Und weisse, was passiert ist? – Ich wußte es nicht – Iss am nächsten Tag aufgewacht, am Strand, ne, ohne Brieftasche und mit ‘nem blauen Auge, ne? Scheißland, wo so was passieren kann, ne?

Mit Rücksicht auf meinen wenig kommunikationsfreudigen Zustand verzichtete ich auf einen Kommentar zu dieser wahrlich haarsträubenden Geschichte, etwa dass einem dasselbe auch auf der Reeperbahn passieren könne. Gerade eben hatte ich den Hotelmanager auf der anderen Seite des Pools erblickt. Er hatte mich auch gesehen und versuchte nun, den Pool zu umrunden, um mich zu erreichen, bevor ich weiteren Schaden anrichten konnte. Ich spielte ein Weilchen mit und lief rund um den Pool, sodass immer eine blauschimmernde Wasserfläche zwischen ihm und mir war. Und baden nach zwanzig Uhr war laut Hotelordnung schließlich verboten, ne?

Nach einer Weile gab ich einem dringenden Bedürfnis Ausdruck, zog meinen Rock hoch und pinkelte in hohem Bogen in den Swimmingpool. Das Stehendpinkeln habe ich lange geübt, falls ich eines Tages nach Afrika fahren sollte. Ich bin zwar nie nach Afrika gekommen, aber so war es doch noch zu etwas nütze.

Natürlich gab diese Laufpause dem Hotelmanager die Chance, mich zu erwischen, aber ich war auf der Hut und trat im entscheidenden Moment einen Schritt zur Seite, sodass er mit einem Aufschrei im nun gar nicht mehr sauberen Poolwasser landete. Das soll für heute Abend genügen, dachte ich und kletterte an den Leintüchern hoch in unsere Burg. Vom Balkon aus beobachtete ich, wie man den um sich schlagenden Manager aus dem Pool zog. Trotz seiner verzweifelten Beteuerungen, er sei ein Angestellter dieses Hotels und nicht ein illegal nachtbadender Hotelgast, führte man ihn gnadenlos ab. Ich war sehr zufrieden.

Mein Reisebegleiter drinnen im Zimmer schnarchte immer noch friedlich, und ich legte mich ebenso friedlich dazu, ohne dem Gebrüll unter unserem Balkon weitere Beachtung zu schenken.
Sehr früh am nächsten Morgen klingelte das Zimmertelefon. Unser Ersatzwagen sei jetzt hier, ob wir ihn selber übernehmen wollten oder ob die Rezeption das für uns erledigen sollte?
In Rekordzeit waren wir in unseren Kleidern und mit dem nun leider rumfreien Gepäck auf dem Weg aus dem proklamierten Paradies. Wo wir denn so eilig hinwollten, fragte uns beim Auschecken ein tagesaktueller und daher nichtsahnender Hotelmanager. Nach Santiago, antworteten wir. Entsetzt schlug er die Hände zusammen: Santiago sei gefährlich und völlig ungeeignet für Touristen, sagte er, das sollten wir uns noch einmal sehr gut überlegen, dort könnte man ganz leicht zusammengeschlagen werden – er warf einen vielsagenden Blick auf das blaue Auge meines Begleiters – oder Schlimmeres…

Frühmorgendlich weise lächelten wir nur und verließen Hand in Hand das Kriegsgebiet. Draußen vor der Drehtür wartete Kuba. Alles inklusive.

Mondflüge

Deine Hände, mein Liebes, gib mir deine Hände. Hast noch zu tun? Ja, gut. Verzeih, ich bin nicht ganz klar heute. Das liegt am Mond, diesem runden weißen Verbrecher. Und an dem Piloten, der gleichzeitig Bürgermeister ist, obwohl er von Propellern deutlich mehr versteht als von Kohlköpfen. Natürlich kann man die Kohlköpfe nicht 6 Wochen vor der Zeit ernten, Unwetter hin oder her. Ist doch klar, muss man doch niemandem erklären. Außer dem Bürgermeister, der besser fliegen kann als ackern.

Die Unwetter sollen schlimm werden, hat es geheißen. Und der Bürgermeister wollte die Ernte retten, in großen Transportern sollte sie ausgeflogen werden. Aber natürlich kann man einen unreifen Kohlkopf so wenig verkaufen wie einen weggeschwommenen. Ist doch logisch. Muss man doch niemandem erklären. Außer dem Bürgermeister, der… na, du weißt ja.

Siehst du, da hinten sind schon die Wolken. Alles wird wegschwimmen, hat es geheißen. Wir könnten einen von den Fliegern nehmen, die braucht ja jetzt keiner mehr. Bisschen groß für uns beide, so eine Hercules, aber was soll’s. Du kannst doch sowas auch fliegen, nicht? Na also.

Ich? Ich nicht, obwohl, heute vielleicht schon. So unwirklich, wie die Welt ist. Warum? Ach so, deine… Verzeih, das vergesse ich oft, so lebendig wie du bist. Komm egal, sag mir einfach, was ich tun soll. Wir müssen weg hier, und die Straßen sind zu. Sei meine Fernbedienung, dann klappt das schon. Wie, nicht erlaubt? Hier geht’s ums Überleben. OK, du kannst deine Füße nicht bewegen, aber du kannst mir doch sagen, was ich mit den Pedalen machen soll? Kannst du doch? Und das Steuer ist sowieso deins.

Na eben. Es geht doch. Siehst du, es geht! Wir fliegen… Schön!

Da unten, schau, der Bürgermeister… hält immer noch seine Reden. Dabei hat es schon angefangen zu regnen. Ich wünschte, wir könnten etwas tun. Können wir etwas tun?

Jetzt sag doch was. Irgendwas.

Nichts, ne? Dacht ich mir. Dann können wir wirklich nur sehen, dass wir von hier wegkommen. Ja. Ja, ich weiß, dass du den Heldentod sterben wolltest. Ist aber nicht, jetzt. Denk nicht weiter drüber nach; die Chance hast du jeden Tag. Ehrlich. Mit oder ohne Kohlköpfe. Stimmt doch?

Eben.

Was meinst du, wohin? Dorthin, wo es nicht regnen wird, ist doch klar. Oder?

Schlechtes Gewissen, mhm. Ich versteh dich ja irgendwie. Aber dann auch wieder nicht. Ich meine, es ist ja nicht so, dass wir es nicht versucht hätten – aber sie wollten einfach nicht hören. Ist doch so. Wir haben mit unserem Wissen nicht hinterm Berg gehalten, nur hören wollte es keiner. Was sollt ich denn machen? Die unkonventionellen Gedanken mit Gewalt in die Sturschädeln prügeln? Das ist nicht meine Art, echt nicht.

Jaja, ich pass schon auf. Ich seh den Traffic. Hej, ist das ein Kohlkopf auf dem Flügel? Haha… Der Bürgermeister. Endlich auch auf der Flucht. Na, ich geh mal ein bisschen höher, damit er keine Turbulence abkriegt. Er hat sich ja auch bemüht.

…mach dir keine Sorgen, mein Liebes. Der Treibstoff reicht noch ein paar hundert Kilometer. Ja, ganz bestimmt. Du darfst ja müde sein, schlaf nur, wenn du willst, schlaf ruhig. Ich finde uns schon ein trockenes Plätzchen zum Landen. Und morgen sehen wir nach den Kohlköpfen. ja?

In dem alten Büro brennt Licht

In dem alten Büro, in dem ich vor vielen Jahren die ersten praxisnahen Computererfahrungen gemacht habe, brennt Licht. In dem alten Büro, in dem ich zum ersten Mal Tetris gespielt habe, während am Nebencomputer hunderte wenn nicht noch viel mehr Disketten der Computersoftware kopiert wurden, die wir damals verkauft haben, brennt Licht. In dem alten Büro, in dem wir “zwei Mädels” unser Faxgerät mit Kneifzange, Lötdraht und Isolierband selber an die analoge Telefonanlage angeschlossen haben, weil wir keine 3 Wochen auf die Telekom warten konnten, die damals noch Post hieß, brennt Licht. In dem alten Büro, in dem ich wunderbar wilden Sex am Schreibtisch hatte, mit jemandem, der heute sicher nichts mehr davon wissen will, brennt Licht. In dem alten Büro, in dem es an guten Tagen besten Krimsekt gab, weil wir es mit einer russischen Firma teilten, an die wir die ersten Noname-Computer aus Taiwan verkauften, weil man den Russen nichts Amerikanisches verkaufen durfte, brennt Licht. In dem alten Büro, in dem ich mir damals kurz nach dem wilden Schreibtischsex mit roten Wangen zum ersten Mal das potentiell Wunderbare an weltweiten Netzwerken erklären habe lassen,  brennt Licht.

Das alte Büro ist heute längst wieder Wohnung, das sieht man an den Vorhängen. In der Wohnung, die damals das Büro war, riecht es heute wohl auch nicht mehr nach Benzin an heißen Tagen, denn die Tankstelle 4 Stockwerke darunter, die ist längst geschlossen. Die Bewohner der Wohnung, die damals das Büro war, müssen wohl auch nicht jeden Morgen einen Hundewächter bestimmen, damit der sabbernde Golden Retriever der Chefsekretärin der russischen Firma keine Sabberspuren an den dunklen Hosen distinguierter Geschäftsbesuche hinterlässt.

Es gibt ja keinen Retriever mehr. Und keine Geschäftsbesuche. Keine Sekretärin. Und die Firma gibt es auch nicht mehr. Weder die russische, noch die österreichische.

Auch ich war mal Teil von sowas wie einem Startup. Hätt ich schon fast vergessen gehabt.

Der Vogel

Der Vogel kam völlig unerwartet. Was ein blöder Satz ist, den vermutlich kommen Vögel meistens unerwartet. Wenn nicht immer. Aber egal. Jedenfalls war er plötzlich da. Und damit meine ich nicht etwa, dass er irgendwo saß, wo ich plötzlich hinschaute, sondern dass mein Zimmer plötzlich von einem Geräusch erfüllt war, das meine Ohren erst nach etlichen Sekunden Verarbeitungszeit als Geflatter identifizierten. Kurz darauf sah ich den Urheber, der im Flug verwirrt die Deckenlampe umtaumelte. Falls es nun ein er war. Keine Ahnung, wie man an Vögeln das Geschlecht bestimmt, außer an der Farbe, aber dazu müsste man zuerst die Art erkennen. Ich erkannte in dem Moment nur eine schnell bewegte schwarzgraue Masse, dachte aber auch gar nicht über Geschlechterfragen nach, sondern löschte erstmal das Licht. Sowas wie eine Instinkthandlung. Der Vogel landete auf dem Teppich, plusterte sich verwirrt, schaute einmal links und einmal rechts und flatterte dann beherzt gegen die Mattscheibe des Fernsehers. Also schaltete ich den auch aus, und dann, bevor er reagieren konnte, noch geistesgegenwärtig den Computermonitor.

Richtig dunkel war es nicht, von der Straße kommt immer reichlich Licht ins Zimmer. Ich wartete darauf, dass der Vogel das Licht ebenfalls bemerkte und durch das gleiche Fenster abhaute, durch das er gekommen war. Ich war darauf gefasst, dass er seine Zeit brauchen würde, um sich zu beruhigen. Wir saßen eine Weile im Dunkeln, der Vogel und ich. Er rührte sich nicht. Ich rührte mich auch nicht. Meine Augen hatten sich nach einer Weile soweit an die Dunkelheit gewöhnt, dass ich den dunklen Fleck am Teppich gut als Vogel erkennen konnte. Ich fragte mich, was man mit so einem Vogel anfängt. Einem Hund kann man gut zureden, oder, wenn das nichts nützt, anbrüllen. Eine Katze kann man anschnurren oder, wenn das nichts nützt, mit Wasser besprühen. Warum musste da ausgerechnet ein dummer Vogel sitzen? Ich wartete noch eine Weile und dachte dabei, dass es doch eher seltsam wäre, wenn ein Hund oder eine Katze beim Fenster hereingeschneit käme. Außerdem würden dann erst recht alle behaupten, ich hätte einen Vogel.

Der sich übrigens noch immer nicht rührte. Ich schlich, ohne den Vogel aus den Augen zu lassen, zur Tür hinaus und rauchte erstmal eine Zigarette auf dem Gang. Ich hoffte, dass die Abwesenheit des großen atmenden Dings ihn unternehmungslustig genug machen würde, um das Fenster zu finden.

Nach einer Weile tappte ich vorsichtig ins Zimmer zurück, schaltete erst einmal die kleine Lampe ein und sah – den selig schlafenden Vogel auf dem Teppich. Zumindest habe ich mir erzählen lassen, dass Vögel schlafen, wenn sie den Kopf unter den Flügel stecken. Das mit dem “selig” habe ich, zugegeben, einfach angenommen. Ich hatte jedenfalls zum ersten Mal Gelegenheit, ihn genauer zu betrachten, und sah, dass es sich wohl um eine junge Taube handelte. Ob es ein “er” war, war mir noch immer unklar, aber bleiben wir der Einfachheit halber dabei.

Da ich keine Lust hatte, bis zum Tagesanbruch mit dem Vogel zu leben, mussten jetzt andere Maßnahmen ergriffen werden. Das Licht schien ihn unter seinem Flügel nicht zu stören. Ich schaute mich um, fand mein gelbes Wickeltuch in Reichweite, griff es, schlich mich an, murmelte beruhigende Worte vor mich hin als er mich entdeckte, und warf dem Vogel das Tuch über den Kopf. Bevor ich die drei Schritte getan hatte, um das vermeintlich hilflose Bündel vorsichtig zu greifen und zum Fenster zu bugsieren, hatte der schon einen Laut der Empörung von sich gegeben, war mitsamt dem Tuch einen halben Meter hochgestiegen, hatte es dabei abgeworfen und flatterte, zurecht verstört, durchs Zimmer – nur um es sich Sekunden später auf dem Hochbett gemütlich zu machen.

Nicht mit mir. Ich folgte ihm. Samt dem Tuch. Kletterte vorsichtig Stufe für Stufe hinauf, wiederum beruhigende Worte murmelnd, lugte über den Rand, sah den Vogel und hob vorsichtig das Tuch. Zielte und warf. Dabei fiel mir ein, dass es gar nicht einfach sein würde, den einmal gefangenen Vogel über die Treppe zum Fenster zu bringen. Darüber hätte ich mir aber keine Sorgen machen müssen, der Vogel war längst den Ausläufern des Tuches entflohen, bis an die Wand zurückgewichen und kam dann – mangels anderer Fluchtwege – wieder hektisch flatternd, auf mich zu. Ich hätte fast das Gleichgewicht verloren, fing mich aber am Geländer und konnte den Kopf einziehen, bevor es zu spät war. Verschnaufte einen Augenblick, während der Vogel hektisch durchs Zimmer kreiste. Dann war es wieder still. Hatte er – ich wagte es kaum zu hoffen – vielleicht das Fenster gefunden? Ich lugte vorsichtig ums Eck. Da saß er, auf meinem Schreibtisch, mit schiefgelegtem Kopf, und schaute mir direkt ins Aug. Das, was eben noch ein hilfloses, vor Verletzungen zu schützendes, armes kleines Ding gewesen war, hatte plötzlich etwas wie ein hämisches Grinsen im Vogelgesicht. Oh ja, ich bin mir sicher.

Ich kletterte umständlich an der Treppe vorbei in Richtung Kleiderschrank (der normale Weg hätte so nahe am Vogel vorbeigeführt, dass ganz sicher wieder geflattert worden wäre) und suchte etwas, das etwas schwerer wäre, aber doch leicht genug, um das Tier nicht zu verletzen. Na bitte. Mein deckenartiges Allzwecktuch. Ich schlich mich so nahe an den Schreibtisch, bis der Vogel zum ersten Mal mit dem Flügel zuckte, und warf. Volltreffer! Nur dass der hintere Zipfel des Tuchs über den Monitor fiel und so einen Spalt bildete, durch das das Gfrast wieder einmal locker entkam. Er flatterte eine Runde und ließ sich dann hinter dem Fernseher nieder. Das fiese Viech! Zwar saß er dort relativ in der Falle, allerdings hatte ich auch keine Möglichkeit, dort irgendwie hineinzukommen. Nicht ohne das Regal vorzuziehen, was ihn sicher wieder zu hektischem Flattern verleitet hätte. Ich seufzte, löschte nochmals das Licht und zog mich mit dem Telefon zurück.

Dem Sufi fiel auch keine andere Lösung ein als warten oder mit dem Tuch einfangen. Er wunderte sich, warum ich die Nacht nicht mit einem Vogel im Zimmer verbringen wollte. Ich wollte aber nicht.

Als nächstes rief ich Dorian an, der sich ja bekanntlich mit Vögeln auskennt. Er empfahl Gardinen, da diese größer sind als Tücher und man durch das durchscheinende Material sehen kann, was das arme kleine Vögelchen macht. Dass ich längst nicht mehr davon überzeugt war, ein “armes, kleines” Vögelchen im Zimmer sitzen zu haben, behielt ich für mich, erklärte aber wahrheitsgemäß, keine Gardinen im Haus zu haben. Ich bin nämlich Jalousien-Fan. Auch Dorian empfahl anschließend die abwarten-und-einschlafen-Methode, die ich mir noch immer nicht vorstellen konnte. Er schwieg eine Weile und fragte dann vorsichtig: “Haben deine Nachbarn eine Katze?” – Mit einem diffusen Bilderreigen von Katzenkrallen und Vogelfedern im Kopf verneinte ich. Da gibt es nur ein Kaninchen. Ein ziemlich altes Kaninchen. “Tja dann”, sagte Dorian, “leg dich schlafen. Wenn es hell wird, wird er schon verschwinden.”

Ich bezweifelte das, wünschte aber trotzdem eine gute Nacht. Ich schlich wieder ins Zimmer und betrachtete den Vogel, der hinter dem Fernseher bereits wieder den Kopf unter den Flügel gesteckt hatte. Ich dachte über die Katze nach. Natürlich würde ich einen Jungvogel nicht von einer Katze fressen lassen (das weiß der Dorian auch), aber sie könnte ihn ja müde jagen. Meine nimmermüde Fantasie sah Glas und Porzellan zu Bruch gehen und schließlich eine Katze aus dem Fenster segeln, während der Vogel kichernd auf dem Sofa saß. Mir tat eher die imaginäre Katze angesichts dieses Vogels leid. Außerdem habe ich keine Haushaltsversicherung. Ich war auf mich allein gestellt.

Ich entschloss mich im nächsten Schritt zu einem Versuch mit einem Leintuch. Das war groß genug, um den Vogel von einer Seite einzufangen, und ihm gleichzeitig von der anderen Seite den Fluchtweg abzuschneiden. Mit dem Fernseher zwischen mir und dem Vieh war das trotzdem nicht so einfach. Er entwich protestierend nach oben, drehte ein paar Runden und zog sich dann wieder aufs Hochbett zurück.

Dort oben hatte ich ohnehin keine Chance. Ich bemühte mich gar nicht erst, sondern warf ein Tuch kreisend nach oben. Er ließ sich aufscheuchen und landete auf dem Laserdrucker. Ich hatte längst aufgehört beruhigende Worte zu murmeln. Jetzt murmelte ich: “Du Sauviech, wenn du mir in den Ausgabeschacht scheißt, dann bist du tot!” – Es schien ihn nicht weiter zu beeindrucken.

Ich näherte mich mit dem Leintuch, warf – der Vogel grabbelte unter dem Tuch, merkte, dass das Entkommen nicht so leicht war, und gab auf. Jetzt hatte ich ihn! – Ich ging hin, bemühte mich, nicht zu fest und nicht zu locker zuzugreifen, und griff zu. Nichts wie zum Fenster! – Denkste. Es flatterte unter meinem Arm durch, und ich stellte fest, dass ich anstatt des Vogels ein durchs Werfen zusammengehäuftes Stoffknäuel ganz vorsichtig festhielt.

Dem Vogel schien die Sache langsam Spass zu machen. Sein Geflatter wirkte jetzt nicht mehr hilflos, sondern trug ihn zielsicher von einem Versteck zum nächsten. Ich mit den Tüchern hinterher. Mittlerweile unterhielten wir uns auch. Ich fragte ihn, was zum Teufel er in meiner Wohnung vorhatte, und er antwortete. Ich verstand ihn zwar nicht, aber es klang wie eine vernünftige Antwort – nicht wie das empört verzweifelte Gekrächze am Anfang.

Nach einer Weile machte er endlich einen Fehler: Er verschanzte sich hinter dem Gasofen. Vermutlich fühlte er sich dort genau so sicher wie hinter dem Fernseher, hatte aber in seinem Vogelhirn nicht bedacht, dass ich hier leicht von oben zuschlagen konnte.  Ich triumphierte. Jetzt keinen Fehler machen! Sanft hängte ich das Leintuch über die eine Seite und über das Ofenrohr, dann näherte ich mich von der anderen mit dem Zaubertuch und ließ es, ausgebreitet, sanft von oben auf ihn fallen. Es fiel nur halb auf ihn, aber ich hatte ein zweites über der Schulter, und das saß. Ich atmete durch und griff vorsichtig zu. Spürte ein Plustern unter dem Stoff, ließ aber nicht los. Er sah ein, dass er verloren hatte. Ich trug ihn zum Fenster, hielt die Arme weit hinaus und ließ los. Der Vogel flog. Weg von mir, Richtung Westen.

Ich war so erleichtert, dass ich mein Tuch auch losließ. Dummerweise nicht das blasse, alte, sondern mein absolutes Lieblingstuch. Und wie der Wind so weht, fällt das Ding natürlich nicht auf die Straße, wo ich es im Laufschritt noch hätte ienholen können, sondern liegt jetzt auf dem Sims im ersten Stock, deutlich zu hoch für sämtliche mir zugängliche Tools. Das Fenster darüber gehört zu einer Wohnung, in der ich noch nie irgendeine Art von Lebenszeichen gesehen habe.

Und der blöde Vogel ist schuld. Wahrscheinlich sitzt er irgendwo und kichert. Hoffentlich hat er sich mein Fenster nicht gemerkt.

Starbucks geht irgendwie gar nicht

Und dabei war ich heute fest entschlossen. Caramel Macchiato lautet das Zauberwort, das sogar gestandene Globalisierungsgegner aus meinem Bekanntenkreis in die Filialen lockt und zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Ich wollte das Zeug endlich kosten. Und da ich schon mehrmals – erst fest entschlossen – dann doch wieder vorbeigegangen war, traf ich meine Vorbereitungen.

Der erste wichtige Punkt war, die Starbucks-Filiale an den Scheitelpunkt eines langen Spaziergangs zu setzen, so, dass das Wärmebedürfnis an diesem Punkt schon dominiert. Der zweite Punkt war ein kleines Büchlein in der kleinen Tasche, das ein alleiniges Verweilen in einem Lokal überhaupt erst unbeschwert möglich macht. Der dritte Punkt war der nachmittägliche Verzicht auf jeglichen Bürokaffee, um das Verlangen nach der Droge ins Unermessliche zu steigern.

Zum Thema “Spaziergang” sei kurz gesagt, dass ich weder in Pension gegangen bin noch mit dem Gedanken an die Anschaffung eines Dackels spiele, sondern einfach den Auftrag habe, mein Knie auch gehend wieder ausführlicher zu belasten. Da ich mein Knie ja wieder ganz haben will, befolge ich diese Empfehlung natürlich, in einem Schritt-Tempo, für die das Wort “spazieren” eigentlich deutlich zu gemütlich ist, wohingegen das Wort “powerwalking” nicht nur eine Spur zu schnell, sondern auch viel zu trendy ist. “Wandern” wäre meinem durchschnittlichen Tempo noch am ehesten angemessen, wird von mir aber als Wort abgelehnt, da es zu sehr nach Alm und Kniestrümpfen klingt. Vom Dackel mal ganz abgesehen.

Dass ich mir, um diese tägliche Stunde zu Fuss auch verläßlich durchzuhalten, sowohl eine neue Kamera (von der sicher noch die Rede sein wird) als auch ein neues, einstweilen noch theoretisches Netzprojekt zugelegt habe, sei als Teaser einmal erwähnt. Nun wieder zum Tag.

Ich plante also meine heutige Stadtwanderung im Hinblick auf die Starbucks-Filiale am Anfang (Ende?) der Kärntnerstraße, achtete darauf, dass ich unterwegs an einem gut sortierten Buchladen vorbeikam, und marschierte los. Es ließ sich gut an. Ich ging vor mich hin, machte ein paar Fotos, erreichte den Buchladen, wollte mich nicht zu lange aufhalten, wurde schnell auf eine nett aussehende Reihe kleiner Reise-Büchlein aufmerksam. Ich fühlte mich irgendwie slawisch, hatte aber Schwierigkeiten, mich literarisch zwischen Dubrovnik und Zagreb zu entscheiden und griff daher zu Marrakesch. Dann weiter.

Langsam wurde es dunkel. Ich war gespannt, was Hubert Fichte, André Heller, Elias Cannetti und all die anderen in dem Büchlein über Marrakesch zu sagen hatten. Ich hatte große Lust auf Kaffee, und es wurde langsam Zeit, meine fotogekühlten Finger irgendwo anzuwärmen. Und da war ja auch die Filiale. Mit hübschen, jungen Dingern, die in der Auslage saßen, als hätte man sie auf die stylishen Möbel hindekoriert. Mit dem Gebräu meiner Wünsche auf der Getränkeliste. Sogar mit einem freien Tisch irgendwo da hinten.

Ich war bereit und auf dem Weg zur Tür. Die Kärntnerstraße summte vor Späteinkäufern und Frühtouristen. Aber da war noch irgendetwas anderes. Leises. Schwebendes. Wie eine Melodie. Nein. Es war eine Melodie.

Ich ließ die zum Türgriff ausgestreckte Hand wieder sinken und folgte meinen Ohren. An der nächsten Straßenecke saß einer auf dem Boden, nicht ganz, er saß auf einer dünnen Decke. Er sah aus wie der mittlerweile allgegenwärtige Sandler, war auch so angezogen, und neben ihm saß ein struppiger dunkler Hund mit einem Hundecape, an dem ein rot pulsierendes Leuchtherz blinkte. Daneben eine saubergewaschene Chappi-Dose, für eventuelles Kleingeld. Und dieser abgerissene Typ saß mit seinem Hund auf der karierten Decke und spielte auf einer metallenen Flöte (nicht Querflöte) gerade eben die Melodie des Gefangenenchors aus Nabucco. Und es klang nicht nur schön und richtig, es klang, als wäre diese Melodie geschrieben worden, um genau jetzt genau hier auf einer metallenen Flöte gespielt zu werden.

Ich drückte mich an den Schaufenstern der Umgebung entlang, bis er zum Thema des Kolumbus-Films wechselte, und dann drückte ich mich nicht mehr, sondern setzte mich an den sauberen Rand einer der Kärntnerstraßen-Bänke und hörte mir auch noch Peer Gynt an, bis es einfach wirklich zu kalt wurde und ich ging, nicht ohne mein gesamtes Kleingeld in die Chappidose gelegt zu haben. Der Flötist schenkte mir ein Lächeln im Atemholen, und ich nickte freundlich zum Abschied. Der Hund zuckte mit keiner Pfote.

Einen Moment lang erschien mir meine Geste gar zu großzügig, bis ich mich erinnerte, auf dem Weg auch darüber nachgedacht zu haben, ob die 3 Euro irgendwas wohl für den Strabucks-Besuch ausreichen würden oder ob ich dafür meinen nagelneuen Hunderter anreißen müsste. Daraufhin ging ich hoch erhobenen Wiener Hauptes an der Starbucks-Filiale vorbei und dachte, dass ich den Karamel-Kaffee vielleicht irgendwann in irgendeiner anderen Stadt probieren würde, aber ganz bestimmt nicht heute und hier.

Weil ich aber immer noch Kaffeedurst und Buchhunger hatte, ließ ich mich auf dem Heimweg ins Wortner fallen und trank dort einen klassischen großen Schwarzen, der mir von einem distinguiert-freundlichen Kellner serviert wurde, dem zum Original-Wiener Kaffehauskellner nur die unverkennbar grantelnde Note fehlte.

Ich nahm mein Büchlein aus der Tasche, öffnete es an einer zufälligen Stelle, las:

Was ist – gemessen an der Größe und Weite des Wortes – die Arbeit eines Handlangers, in der Werkstatt des Schneiders, der den Ruf hat, gute Arbeit zu leisten?
Sie ist Lebensfülle eines Menschen, der das Los “Mensch” erträgt, der bereit ist, alle Augenblicke den Untergang, alle Augenblicke den Aufgang zu erleben und zu erleiden.
Warum zweifeln an der Bestimmung im Leben oder zweifeln gar am Wort? [Hans Werner Geerdts, Die Schneiderwerkstatt]

Ich hob die Mokkatasse, kostete den bitteren Schwarzen, schaute um mich durch das gut gemischt besuchte Cafe und zweifelte weder an der Bestimmung im Leben noch am Wort, sondern bezweifelte nur, dass der gleiche Satz im Starbucks auf der Kärntnerstraße ebenso gut bei mir angekommen wäre.

manchmal die wörter die sätze wie eine flut und die geschichte nur eine frage der auswahl die finger kommen kaum nach auf der tastatur

und manchmal muss ich jedes wort, jeden buchstaben einzeln erlegen, wie mit pfeil und bogen, sie dann suchen im hohen gras & festnadeln auf papier am bildschirm

sonst flattern sie weg wie

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Gedanken beim Frühstück

Ob es nicht Zeit wäre, wieder einmal etwas ganz Anderes zu machen. Die alten Fähigkeiten ruhen lassen und sich etwas völlig Neues aneignen. Für ein Jahr oder zwei keinen Bildschirm mehr ansehen. Mit den Händen arbeiten. Mit Menschen arbeiten. Mit der Stimme arbeiten. Dass das ein alter Traum ist, der alle paar Jahre wieder auftaucht. Ob es nicht reifer ist, Träume Träume sein zu lassen. Ob das eine gute Idee ist. Dass sowas nicht leicht ist. Dass die Menschen Erfolg haben, die einfach handeln, anstatt darüber nachzudenken. Ob ich das jemals noch lernen werde. Ob man denn damit glücklich würde. Ob ich nicht in meinem Alter Zufriedenheit wollen sollte statt Glück. Dass ich das vor zehn Jahren auch schon Mal gedacht habe. Dass die Menschen, die versichern, aufs Alter käme es nicht an, allesamt nicht mehr jung sind. Ob das jetzt die Midlife-Crisis ist. Dass der Fortschritt so ganz anders aussieht, als wir ihn uns vorgestellt haben. Ob dieses Gesicht aus dem Halbschlaf vom Leben auch so zurechtgeschliffen wurde wie meines. Dass ich das zum ersten Mal nicht wirklich wissen will. Ob es nicht seltsam ist, dass ich in Marokko mehr Streifenhörnchen gesehen habe als Kamele. Dass die Fussball-EM keinen Spass macht, wenn man die Spiele nur hört. Dass ich mich zum zweiten Mal im Leben nicht erinnern kann, wann und wo ich einen meiner Texte geschrieben habe. Dass mir das bedenklich erscheint. Ob das anderen auch bedenklich erschiene.

Dass es jetzt Zeit ist, den Computer aufzudrehen.

Hej, Mr DJ!

Was wenn du meine Augen jetzt sehen könntest? Nicht dunkelbunt verheißungsvoll, wie ich sie scheinen lasse, sondern verloren schwarz, wie sie heute sind?

Mit einem Lächeln erinnere ich den Stolz in deiner Stimme; nicht nur hier in der Stadt, hast du gesagt: wenn man will, kann man den Sound bis nach Südafrika hören, ja bis nach Australien, und dann hast du von meinen Augen gesprochen, auf dieser Frequenz;

ich auf der Suche nach einer selbstbewusst-koketten Replik, aber die Zeit hat nicht gereicht;

vielleicht das erste Mal, jedenfalls aber eins der wenigen, dass ich einen Augenaufschlag in eine Richtung schickte, in die nichts lockte.

Gleichzeitig irgendwo da draußen: vielleicht in Südafrika, vielleicht in Australien: diese Gestalt in diesem Mantel. Die Augenfarbe weiß ich nicht.

Surreal

Heruntergekommene Wohnung in heruntergekommenem Haus. Immerhin ist es warm – kubawarm.

Der Wasserhahn sitzt knapp unter der Decke – aufgedreht wird durch einen kräftigen Klaps auf die Wand. Man muss aber schon wissen, wo. Sie hätte halt ihren Pelzmantel nicht dazwischen hängen sollen, wozu braucht sie hier auch eine Pelzmantel? Ich trockne ihn trotzdem ab. Weiterlesen

wer

ich sehe nicht die landschaft, nicht die weite ebene und nicht die berge, weit drüben. Falls sie überhaupt zu sehen sind und nicht, wie so oft, heimlich im dunst verschwimmen.

ich sehe nicht die bunten vögel, die narren sehe ich auch nicht und nicht die sonne, obwohl ich sie auf der haut fühle: warm.

ich sehe einen rücken. nicht etwa ein gesicht. jemand sitzt, vom geschehen abgewandt, den blick auf die berge gerichtet, die man wahrscheinlich gar nicht sieht. es ist leise, zuerst. dann laut. dann wieder leise.

die kreise, die ich ziehe, werden enger. hier ein paar worte. dort. das zentrum weit außerhalb. als würde ich das ziel nicht kennen.

bis ich mich setze. nicht zu nahe, nicht zu weit weg. der richtige abstand ist wichtig. vielleicht das wichtigste.

aufatmen, heimlich. sehr bewusst. sonne auf den schultern. kalter beton deutlich durch den stoff der dünnen hose. interessiert den horizont beobachten, wo nichts geschieht. lange. eine minute. zwei vielleicht.

bewegung. eine hand wandert in eine tasche. rotweiß sehe ich. geöffnet und geschlossen. die schachtel, auf dem rückweg in die tasche, hält inne. bewegt sich dann zu mir. augenkontakt. kurz. ein nicken. ein zweites. etwas vertrauteres als ein lächeln, wenn das feuerzeug folgt.

wir rauchen, schweigend. drüben am horizont geschieht nichts. das sehen wir genau

Danke, die Suppe war ausgezeichnet

Und währenddessen flimmerte auf Arte ein Themenabend zu den Gesichtern des Terrorismus vor sich hin, der sich weniger wegen seiner dokumentarischen Qualität als interessant erwies (denn die Vorgänge kennen wir ja ohnehin alle, wir aus “meiner Generation” *hust*) sondern vielmehr wegen des undenkbaren: dass die damaligen Täter zu Wort kamen. Ein Umstand, der mich umso mehr faszinierte, je distanzierter der eine, je berührter der andere vor der Kamera stand.

Das ganze geistig unterlegt von diesem gehirnschwebenden (Ab)Satz, wahr und doch unendlich traurig, aber auf eine seltsame Art steht das alles schon hier drin.

Numb

Don’t move

Don’t talk out of time

Don’t think

Don’t worry everything’s just fine

just fine

Neue Macke: Bei Musikbedarf blind eine CD aus dem unsortierten Stapel greifen. Guter Griff heute. Zooropa passt gut zum sich rundenden Mond und zu hirnlosen Tätigkeiten wie aufräumen.

Gefährlich auch. Da ist ein Song, den hab ich mal 3 Tage lang durchgehört. Dabei Bilder gemalt, und, als das nicht mehr genügte, Wände und Boden mit einbezogen. Close, very close. Zwischendurch mal die Pinsel ins Bier getaucht, statt ins Wasserglas. War mir aber auch egal.

You can’t even remember

What I’m trying to forget

Heute scheint mir das besser auf diese Zeit zu passen, als auf das, woran ich damals dachte.

But then again. So nahe dran.

Manchmal kam er an den Fluß auf seinen nächtlichen Wanderungen. Der Fluß bewegte sich immer und war doch immer am gleichen Ort. Weil das so war, liebte er den Fluß. Wenn er an den Fluß kam, suchte er sich eine Brücke, um auf die Insel zu kommen. Er ging dann auf der Insel weiter, bis das Dröhnen der Autos auf den Straßen nur noch ein leises Rauschen war. Wie immer, wenn er so eine Stelle gefunden hatte, setzte er sich hin, auf einen Stein, und war still. Er war diesen weiten Weg gekommen, ein Wanderer, und hatte sich eine Rast verdient. Der Fluß erzählte Geschichten. Glucksend und plätschernd erzählte er Geschichten, wortlose Geschichten in einer fremden Sprache, die Steve verstand. Er konnte alles verstehen, wenn er erst einmal so weit gekommen war, er konnte das Rascheln der Blätter verstehen, die Schreie der Möwen, auch das Verkehrsrauschen konnte er verstehen, und mehr: konnte Teil davon sein. Teil von allem, was war. Teil von allem, was je gewesen war, von allem, was je sein würde. Er saß da und wünschte sich, mit dem Stein, der Erde zu verschmelzen. Er war überzeugt davon, daß ihm das eines Tages gelingen würde. Er würde einfach sitzen bleiben, eines Tages, wenn er wirklich bereit dazu war, und Teil der Welt werden, Teil der Welt in einem Sinn, den niemand außer ihm verstehen konnte.
[Aus: “Annäherung”, 1996]

Ach, ich weiß auch nicht. So viel gewonnen, seit damals, und so viel verloren. Je näher ich mein Leben anschaue, desto ferner schaut es zurück. Was eigentlich überhaupt keinen Sinn macht. Daher besser zurück an die Arbeit. Obwohl es an Mondtagen vielleicht auch nicht die beste Idee ist, nicht ganz taufrische Videos zu digitalisieren. Aber die Deadline für das Demo drängt.

Some days are dry, some days are leaky

Some days come clean, other days are sneaky

Some days take less, but most days take more

Some slip through your fingers and onto the floor

 

am Eck

Es ist so ein Lokal am Eck. So ein Lokal, in das man nicht geht. In das man niemals gehen würde. Außer eben dann, wenn am Sonntag die Zigaretten ausgehen. Oder spätnachts, wenn unerwartet noch Besuch kommt und nichts zu trinken im Haus ist.

Das heißt: Genaugenommen ist es also ein Lokal, in das man doch ab und zu geht. Es ist eben nur ein Lokal, in dem man nie bleiben würde. Man geht hinein, kauft etwas, und geht mit dem Gekauften sofort wieder hinaus.

Heute auch. Eben hatte ich doch noch Zigaretten. frische Packung. Sind sie im Auto aus der Tasche gefallen? Zwischen Garderobenständer und Bürosessel verschollen? Wo immer sie auch sind: Sie sind weg.

Also seufzend noch einmal in Jacke und Schuhe und auf zum Lokal am Eck. Draußen fröstelts, und das Lokal am Eck hat, wie so viele Lokale an so vielen Ecken, einen Filzvorhang hinter die Tür gehängt, damit man beim Reinkommen und Rausgehen weniger Kälte eindringen läßt. Der Filzvorhang ist etwas ungeschickt befestigt; so, dass man nicht nur Schwierigkeiten hat, sich daraus zu befreien, sondern auch fast über die dahinterstehende Tafel fällt, die nicht etwa irgendeine Köstlichkeit anpreist, sondern die Möglichkeit, an irgendeinem Datum weit in der Vergangenheit irgendein Uefa-Cup-Spiel in ebendiesem Lokal live zu sehen.

Nach dem ungeschickten Entree sind natürlich alle Augen auf mir, und die Gespräche verstummen. Nur die Musicbox (handgeschriebenes Schild an der Wand: “Digitale Musicbox – Wählen sie aus 3000 Titeln ihren Favorit”) spielt unbeirrt weiter. “Some broken hearts never mend – some days will never end…”. Das gelbliche Licht begleitet mich auf dem langen Weg durch die Resopaltische. Quadratische braun-gelb-karierte Grobwebstoff-Tischdecken unter den Aschenbechern. Unter einem Tisch vor kläfft mich ein Dackel an. Das wäre gar nicht nötig. Ich bin längst als Fremdkörper identifiziert.

Während der letzten Schritte zur Theke löst sich etwas sehr Falschblondes, sehr Mascaralastiges vom Oberschenkel eines zwielichtig aussehenden Typen und bemüht sich, die Quelle der Macht vor mir zu erreichen. Es gelingt ihr. Worte sind offenbar nicht im Angebot, ein auffordernder Blick muss genügen. “Haben Sie auch Zigaretten” frage ich unnötig gestelzt. “Malboro, Memphis, Milde Sorte”. Sie hat sogar am “und” gespart. Ich entscheide mich für die Cowboy-Variante, die offenbar im Kellerverlies aufbewahrt wird, denn die verhinderte Frisöse (wer so ausschaut, wird mit ö geschrieben) verschwindet nach hinten unten und braucht mindestens 5 Minuten bis zur Rückkehr.

Fünf lange Minuten, die Bellamy Brothers werfen einen trügerisch harmonischen Schein über die Szenerie, die Pause zwischen dieser Platte und der nächsten, in der eine tränenschwangere Maid mit Pseudo-Akzent ihren Liebeskummer klebrigsüß zelebriert, wird von einem streitenden Paar am nächstgelegenen Tisch mit unbeholfenen Schuldzuweisungen gefüllt; weiter hinten drischt eine Dreierrunde Schnapskarten auf den Tisch, der Dackelbesitzer sitzt alleine und hebt nicht ein einziges Mal den Blick von seinem Bierglas; der Fernseher zeigt tonlos irgendeinen Action-Shocker. So sieht es hier immer aus, und um eine Weihnachtsdekoration hat sich keiner bemüht. Das ist immerhin sympathisch.

Völlig deplaziert aber, an der 90 Grad-Front der eckläufigen Theke, sitzt eine Dame. Untadelig weiße Bluse mit möglicherweise handgehäkeltem Pullover. Frisur entweder frisch vom Friseur oder frisch aufgesetzt. Randlose Brille weit vorne auf der Nase, um die (na, immerhin, ein Klischee auch bei ihr) Kronen Zeitung besser lesen zu können. Ein weißer Spritzer und eine Schachtel von den Zigaretten mit der Blümchenbordüre auf der Packung.

Mich schaudert. Irgendetwas stimmt nicht an dieser Anwesenheit. Sie schaut auf, sehr blaue Augen, trifft meinen Blick und lächelt ein Deutschlehrerinnenlächeln. Da kommt die Frisöse mit meinen Zigaretten. Nichts wie raus hier. Ich will nach Hause zu meinen eigenen Plat(t)itüden.

Danach, völlig überraschend, ein Stück gutes Fernsehen im Fernsehen. Die „Sendung ohne Namen“. Fernsehen wie Internet. Im besten Sinn.

Viel leicht

Vielleicht war es der Nachmittag, der regendurchwaschene sonnenberieselte, zwischen Wien und sonstwo, der aus dem Zugfenster eine Sommerlandschaft zeigt, wo doch vor ein paar Tagen noch Frühling war. Vielleicht die Sonnenblumen, die dem vorbeifahrenden Zug nachzublicken scheinen wie die Zuschauer einem Tennisball übers Netz. Vielleicht die Getreidefelder, stolz und goldbraun jetzt, oder der Kukuruz, nassglänzend und oberschenkelhoch.

Vielleicht die schleppende Probe, die uns alle glücklich macht, nach dem Motto: Verpatzte Generalprobe gibt erstklassiges Konzert.

Vielleicht war es das Bier danach oder die beinah unverhofft aufgetauchte Vergangenheitsgestalt Freundesbruder. Vielleicht der kaltwarme Wind am Bahnhof, der mich denken läßt, dass ich genau das vermissen würde, wenn ich woanders lebte: Den flüchtigen Moment zwischen warm und kalt.

Vielleicht war es der Bahnbeamte, der im ansonsten dunklen Zimmer auf einem hellen Bildschirm das Aufgehen einer Patience erhofft hat.

Vielleicht waren es die Räder auf den Schienen, ganz bestimmt keine Flüstergarnitur sondern ein Uraltmodell das schnaubt und ächzt und quietscht. Vielleicht der Schaffner, der es kaum fassen kann, dass ich dem neuen Fahrkartenautomaten ein korrektes Ticket entlocken konnte.

Vielleicht diese Gestalt in der Halle unter dem überdimensionalen Aschenbecher, die beim Geräusch meienr Schritte den Kopf hebt und irgendwo aus dem verfilzten blonden Haarschopf kaum verständlich murmelt: “Du host ned zufällig a poa cent über, na, gö, hob i ma eh gedacht.”

Vielleicht diese Rolltreppe, nicht wirklich schmutzig aber sauber auch nicht, nur ein bisschen trostlos, hinunter hinein in den matten Maulwurfstunnel aus dem hell erstrahlten Bahnhof.

Vielleicht der hoffnungslos veraltete Mordillo auf der U-Bahn-Leinwand. Vielleicht das Restwasser auf dem Kopfsteinpflaster, in dem sich funzelnde Laternen spiegeln.

Vielleicht nur ein Zufall.

Vielleicht alles zusammen.

Ich. Bin.

Jetzt.

Hier.

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