Chebika, revisited

Aus der Luft, natürlich, diesmal, mittlerweile jagt mir auch diese Außenlandung nur noch das bisschen Angst ein, das sie erst richtig erlebenswert macht; aber das steht ja dann im Sprungbuch.

Brav warten die 3 Jeeps auf uns, Radio auf volle Lautstärke, Fahrer-Gesichter auf Halbmast: Tunesien spielt gegen Nigerien, Afrika-Cup, Halbfinale, und sie liegen ein Tor zurück. Während wir die Schirme packen, die ersten Biere öffnen, alle Fotoapparate an der Leistungsgrenze laufen, plötzlich ein Aufschrei aus den Lautsprechern: Der Ausgleich ist gefallen. Das vorerst nur nebenbei.

In die Oase wollen sie nicht, die Fahrer, mit den Jeeps, versicherungstechnische Gründe, sagen sie, was soll das: das wäre nicht ausgemacht gewesen, sagen sie, nur Transfer: offenbar auf Argumente und Diskussionen gefasst, aber nicht darauf, dass 15 vom Himmel gefallene Skydiver nicken, mit den Achseln zucken und ein schlichtes: “Dann gehen wir eben zu Fuss” zurückgeben. Sie schauen uns nach auf dem Weg zu den Palmen, kinderscharumringt, und als die letzten um die Kurve biegen, startet drüben der erste Jeep. Wenn die da nun unbedingt hoch wollen, geht es wohl schneller, wenn wir sie fahren, mögen sie gedacht haben; vielleicht auch besser gelaunt wegen der unerwarteten Sieges-Aussicht, soweit man die bei einem Unentschieden so nennen kann; egal; halsbrecherisch geht die Fahrt durch die Wasserrinne bis nach oben.

Auch dort ist jede Geschäftstüchtigkeit eingeschlafen, weil die Besitzer der Souvenirläden gemeinsam schwer atmend vor dem Fernsehgerät im Cafe sitzen, jetzt sind sie schon in der Verlängerung drüben in Tunis; wir dagegen spazieren hinauf an die Felswand und sehen der Sonne zu, die sich langsam in der flachen Wüste zur Ruhe legt; zwischen ein paar Wolken sogar, heute; dort in dieser Felsspalte habe ich damals mit dem Sufi die lustigen Fotos gemacht, denke ich, und dort drüben vor dem Heiligengrab habe ich mir erklären lassen, was es mit den Marabouts überhaupt so auf sich hat.

Der untere Rand der mittlerweile orangeroten Scheibe beginnt im Dunst zu verschwimmen, und ein paar hören noch immer nicht auf zu reden; unten aus dem Dorf Hundegebell und Ziegengeschrei, die Herde wird für die Nacht ins Dorf zurückgetrieben.

Jetzt nur mehr ein kleiner Rand Sonne da, von seltsam kitschfreier Schönheit, ich bin fast atemlos berührt von der Urangst, sie könnte vielleicht nicht wiederkommen, dieses Mal; endlich ist es ganz still und auch die Hunde verstummen, unten, einen Augenblick lang.

Dann setzt der Muezzin ein, die Stimme trägt weit in die Wüste hinaus und in die Berge hinein, die kleinen mageren Wölkchen tiefrot, ins Lila spielend, alles magisch fremd und doch gleichzeitig aus einer inneren Tiefe vertraut, ein paar Minuten nur, unendlich kostbare Zeitspanne, in der die Welt ganz unvermittelt rein und liebenswert erscheint.

Fast widerwillig den Ausguck verlassen und wieder runter ins Dorf geschlendert, eine Zigarette noch, vor der Abfahrt, ach ja, Oliven gibt es auch und Nüsse und irgendwer hat noch ein Bier.

Die Fahrer unendlich erleichtert als wir endlich bereit sind, einzusteigen; die Nachspielzeit ist fast vorbei, noch immer steht es eins zu eins, die Radiostimme überschlägt sich mehrfach, während draußen in der Dämmerung die Berge in eine Ebene übergehen. Es ist ein gutes Jahr, hier wächst Gras, sogar kleine Teiche sind zu sehen von der Straße aus, bevor es sehr schnell dunkel wird.

Halsbrecherisches Tempo, jeder Schrei aus dem Radio läßt offenbar das Gaspedal noch tiefer nach unten sinken; Hinten werden Geschichten erzählt, dann eine Vollbremsung wegen querender Kamelherde. Ob sie gewonnen haben, frage ich den Fahrer nach einem besonders heftigen Gebrüll aus dem Lautsprecher; der Fahrer hat die Hände nach oben gerissen und wieder auf das Lenkrad geklatscht, bei Tempo 100 auf der Wüstenpiste; “pas encore” gibt er kurz angebunden zurück, es klingt, als wäre es nur eine Frage der Zeit.

Hinter der flachen Weite tauchen Lichter auf; die Geschichten im Jeep sind wenig appetitlich, Skydiver eben, noch eine Vollbremsung, diesmal stehen zwei Polizisten mitten im Nirgendwo und achten auf das Einhalten der Geschwindigkeitsbegrenzung; ein Begrenzungsstein im scharf abgeschnittenen Schweinwerferkegel sagt 16 km bis Tozeur, dann endlich: Das Mikrophon am anderen Ende des Radios scheint zu explodieren, unser Fahrer schaltet die Warnblinkanlage ein und beginnt rhythmisch zu hupen, und wer von den Insassen annahm, wir wären bisher schnell gefahren, wird eines Besseren belehrt. Sie sind im Finale, nach dem Elfmeterschießen, wir fahren mit über hundert Sachen durch ein Dorf, in dem Passanten links und rechts der Straße jubeln und winken; wir jubeln natürlich mit, die Jeeps, nun wieder auf der Landstraße, überholen sich ohne Rücksicht auf Verluste gegenseitig, immerhin mit Warnblinkanlage, ein Schlagloch bringt das Gehupe aus dem Takt, auch schon egal, jetzt fahren wir nach Tozeur hinein und hier sind mindestens 3x so viele Leute auf der Straße, wie die Oase Einwohner hat, zu Fuss in Autos auf Mopeds, ein musikalisches Chaos, lachende Gesichter, tunesische Fahnen, und die Polizisten winken freundlich zu den Fahrern, die auf der völlig falschen Seite des Freeways fahren. Zwischendurch ein Stau, man tanzt an uns vorb ei, wir halten die Daumen aus den Fenstern, Männer Frauen Kinder: alles ist auf der Straße, hier müßte man jetzt aussteigen und mitleben, denke ich, aber ich tue es nicht, und die anderen auch nicht, und wir erreichen den Hotelbezirk, wo es plötzlich sehr still ist und eine Touristenfamilie sehr irritiert unseren immer noch hupenden Jeep voller lachender Gesichter anstarrt, und am Sonntag geht es gegen Marokko oder vielleicht auch gegen Mali, sagt der Fahrer und streckt mir beim Aussteigen die Hand zum High Five hin, und von unten von der Stadt hört man das Glück noch bis weit in die Nacht hinein.

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One thought on “Chebika, revisited”

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