Der letzte Sommertag des Jahres

Gestern erst weit nach Mitternacht ins Bett, gerade noch die traurige Nachricht von Steve Jobs Tod mitgekriegt. Im ersten Augenblick an einen dummen Scherz gedacht, wegen der iPhone4S-Geschichte, aber es war schon auf allen Portalen. Es wird viel gestorben, dieses Jahr, dachte ich auf dem Weg ins Bett, wieder einmal, wie schon zu oft. Zu oft in diesem Jahr.

Too Many, Too Sad

Ich schlief schlecht ein, nicht wegen der Nachricht, sondern weil ich im Kopf noch meine monströse ToDo-List für den Morgen wälzte, die sich auch mit hoher Disziplin und viel Glück nur schwer ausgehen konnte. Dazu unbezahlte Rechnungen und überfällige Entscheidungen und nicht erledigte Telefonate, was man halt so denkt, wenn man eigentlich schlafen will. Aber irgendwann schläft man doch.

Der Wecker, dem meine temporäre Schlaflosigkeit egal ist, klingelt gnadenlos um 8. Ein seltsamer Traum mit überlaufenden Waschbecken und großelterlichem Elend, aufgelockert durch eine sonnige Fährenfahrt und einen anstrengslosen Körperflug entkommt mir im Detail, bevor ich ihn protokollieren kann. Die integrierte Wetterstation zeigt bereits um diese Zeit 27 Grad. Na gut, vormittags liegt der Außenfühler in der Sonne, aber trotzdem stark – für Anfang Oktober. Ich mache Kaffee und dann das Fenster auf und denke, während der Computer hochfährt, dass es vielleicht das letzte Mal in diesem Jahr ist, dass ich ärmel- und sockenlos unbeschwert das Fenster offen stehen lassen kann. Wenn der Wetterbericht stimmt. Er dürfte stimmen. Natürlich darf man sich nicht beschweren, denke ich, während ich mich mit Kaffee zum Schreibtisch setze, wenn es Anfang Oktober dann wirklich mal weniger als 20 Grad hat, aber andererseits, der Sommer war ja nicht so richtig, dieses Jahr, da kann doch wenigstens der Herbst… und innerlich beschwere ich mich doch, bitterlich, bis die Routine meine Gedanken in ihre Umlaufbahn zieht und nach einer stark abgekürzten Runde durch News und Netzwerke nur noch Arbeit auf dem Plan steht.

Der erste wesentliche Punkt ist mittags endlich erledigt, und kurz überlege ich, den Rest der Liste sein zu lassen und doch noch einmal zumindest die Zehen ins Wasser zu halten, warum nicht, WTF, das Leben ist kurz und ab einem gewissen Alter bereut man nur noch, was man nicht gemacht hat. Aber so etwas denkt man ja immer nur und tut es dann nicht, ich zumindest. Stattdessen eine Runde hier in der Gegend gedreht, ein bisschen Bewegung, ein bisschen Sonne, ein paar Fotos. Bei Annäherung eines für Stadt-Verhältnisse viel zu schnellen Jaguars an den Zebrastreifen, den ich gerade überqueren wollte, lächelnd betont langsamer gegangen, damit er extra bremsen muss. Erst ein paar Straßen später daran gedacht, dass er ja auch nicht hätte bremsen können. In gewissem Sinn ein Fortschritt, die Abfolge dieser Gedanken, für mich.

2011-10-06

Dann noch ein halbes Stündchen im Park gelesen, die Sonne superwarm auf meiner Haut. Hätte ich mehr Zeit gehabt, wäre ich bald in den Schatten gegangen.

Bilder, nicht fotografierte:

  • Die Frau, die im schäbigen Gastgarten der schlimmsten Säuferhütte des Bezirks in makellosem Business-Kostüm das Zeit-Magazin las, ein Glas Rose auf dem Tisch (vielleicht wars auch Schilcher), in dem die Sonnenreflexe tanzten.
  • Der riesige Hund, der ausgerechnet auf dem Zebrastreifen kacken musste; es dauerte, die Ampel wurde rot, die Gegenrichtung grün, der Hundehalter verzweifelt, erstaunlicherweise beschwerte sich kein Autofahrer, nur leises Lächeln allseits, bis das Geschäft erledigt war.
  • Die Tafel “Sturm’Zeit is’s” vor einem Lokal und mein Gedanke, dass eine Zeit mit solchen Apostrophen unmöglich die meine sein könnte.
  • Der alte Mann mit dem amputierten Bein, der jammer-bettelnd auf dem Gehsteig saß, aber wütend ausspuckte, als ihm eine Frau ein paar Kupfermünzen in den Hut warf.
  • Der junge Mann auf der Parkbank neben mir, der ein langes Telefongespräch führte und dabei seinen Körper mehr und mehr in sich selbst verknotete, während seine Seite der Konversation nur aus “Na”, “Na geh”, “Na wirklich ned” und “Na geh bitte” bestand.

2011-10-06_1

Dann brav zurück nach Hause zur Arbeit getrottet, immer noch warm, immer noch bei offenem Fenster. Noch schnell Wäsche gewaschen, die ab morgen ja wieder länger zum Trocknen brauchen wird, also wenn es stimmt, dass der Sommer jetzt vorbei ist, aber – es wird wohl stimmen. Brav weitergearbeitet, bis es Abend wird.

Statt des 3-Mobilfernsehens, das seit dem Relaunch mehr zickt als läuft, dank des Herrn Sufis Einkaufslust The Lost Notebooks of Hank Williams aufgelegt und ein bisschen in Bildern und Netzen gestöbert. In all ihrer Old-fashioned-Country-lastigkeit passt die uber-schmalzige Musik fast schon zu gut in die Nacht. Highlights fürs erste: Bob Dylan, Sheryl Crow (erwartungsmäß), Norah Jones (nicht erwartungsgemäß).

Dann noch diverse Nachrichten nach-geschaut, alles Wesentliche ohnehin schon mitgekriegt. Die schwedischen Nachrichten, die machen übrigens mit 13 Minuten Literaturnobelpreis auf und alles andere kommt erst danach. Bin auf gerührte Weise begeistert. Den Literaturnobelpreisträger Tomas Tranströmer gegoogelt und für sympathisch befunden.

Jetzt noch unter die Dusche und die Haare bei offenem Fenster lufttrocknen, – weil ich es kann. Vielleicht schlafe ich aus demselben Grund heute bei offenem Fenster. (Aber dann morgen wieder diese Baustelle, diese verdammte ewige Baustelle).

2011-10-06 14.08.33

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