Der wirre Kampf ums Binnen-I

Einen Sommerloch-Stopfer nennen es die einen, eine Verwirrung der feministischen Trittbrettfahrer im Windschatten des Volks-Rock’n Hollers die anderen – Fakt ist, seit den 80ern wurde nicht so viel um weibliche Formen in der Sprache gestritten wie letzte Woche im Internet.

In der lebendigen gesprochenen Sprache ist mir das Gendern eigentlich ziemlich egal, und dasselbe gilt für persönlich geschriebene Sprache wie Briefe, Emails und Ähnliches. Ich werde auf die Frage „Sie sind Journalist?“ mit genau so freundlichem Nicken reagieren wie auf die Frage „Sie sind Journalistin?“. Vermutlich würde es mir in einem Gespräch nicht einmal auffallen, außer Feminismus ist als Thema vorgegeben. Selbstverständlich ist (ich erwähn“s nur, weil die Diskussion dermaßen ideologisch aufgeheizt geführt wird) die Kunst von jeglicher Forderung nach Sprachnormen ausgenommen, das gilt nicht nur, aber eben durchaus auch für Gendering. Anders sehe ich die Lage in der Gesetzessprache, und in allen Formen der offiziellen Kommunikation, die nicht momentan und nicht spontan ist. Dort erwarte ich, dass die weibliche Form explizit genannt wird, in welcher Form auch immer. Wer das unterlässt, ist entweder faul oder gender-reaktionär.

Aber, im Grunde ist das eine akademische Diskussion, und solche lasse ich bevorzugt links liegen. Was mich hingegen immer wieder ganz real aufregt, sind die hanebüchernen Argumente, mit denen man uns Frauen – huschhusch! – zurück in die sprachliche Unsichtbarkeit treiben will. Die Argumente, aufgedröselt:

  1. Ja, aber… es gibt doch viel Wichtigeres!
    Dieser Satz ist, egal in welcher Diskussion, egal zu welchem Thema, ein Möchtegern-Shutup-Argument – und jedesmal wieder mein meistgehasstes. Aus 2 Gründen:
    – Es impliziert, dass sich ein Mensch nur zu einem Thema engagieren kann. WTF? Ich kann gleichzeitig gleichen Lohn für gleiche Arbeit fordern und trotzdem ein Fan der weiblichen Sprachform sein, übrigens kann ich außerdem noch gegen den Krieg und für ein bedingungsloses Grundeinkommen argumentieren.
    – Egal worüber man redet, es gibt immer irgendetwas Wichtigeres. Sollen wir jetzt alle dauerhaft den Mund halten? („Mist, ich hab im Supermarkt keine unbehandelten Zitronen für die Bowle bekommen!“ – „Hör mal, es gibt Wichtigeres. Die Kinder in Afrika hungern!“)
  2. Die Frauen sind in der männlichen Form ja eh mitgemeint
    Herzlichen, wenn auch sehr ironischen Dank. Ich existiere, und ich darf mir erwarten, auch direkt gemeint und angesprochen zu werden. Wenn das zu mühsam ist, was soll dann erst aus anderen legitimen Forderungen der Frauenbewegung werden?
  3. Die männliche Form ist grammatikalisch geschlechtsneutral
    Das ist zwar inhaltlich dasselbe wie 2.), aber argumentativ etwas komplexer: Spicht man etwa von „Studierenden“, dann ist die Annahme korrekt, das Wort ist geschlechtsneutral anwendbar. Spricht man hingegen von „Studenten“, dann ist die beschworene „Geschlechtsneutralität“ das klassische Beispiel eines gesellschaftlichen Konstrukts – die Frauen sind, siehe oben, „mitgemeint“. „Der Student“ ist nun einmal ganz eindeutig männlich, da beißt die Maus (hoffentlich!) nix ab.
    Im Plural: „Die Studenten“ – nun ja. Es ist der Plural der männlichen Form. Im Französischen gibt es dafür eine explizite Regel: Sobald einer aus der gemeinten Gruppe männlich ist, ist die männliche Form des Wortes anzuwenden. In der deutschen Sprache gibt es eine solche Regel nicht. Das könnte man als Chance sehen!
  4. Das Binnen-I ist hässlich!
    Kein Problem, man darf auch „Studenten und Studentinnen“ schreiben!
  5. Ich schreibe, wie“s mir passt!
    Finde ich voll OK – außer natürlich, du schreibst Gesetzestexte, amtliche Schriftstücke oder anderes Offiziöses. Siehe Einleitung! Im Journalismus wäre es in Sachen Vorbildwirkung natürlich wünschenswert, dass sich mehrgeschlechtliche Formulierungen durchsetzen, aber auch da würd ich dem oder der Einzelnen nichts vorschreiben.

Abschließend (ist ja eh schon fast ein Roman) – ich war viele Jahre lang auch der Meinung, dass Gendering in der Sprache völlig irrelevant ist – ungefähr genau so lange, wie ich „stolz“ darauf war, viele „unweibliche“ Dinge genau so gut oder besser zu beherrschen wie/als ein Mann(TM). Aber irgendwann stören die fehlenden Selbstverständlichkeiten:

  • Warum muss ich ständig BEWEISEN, dass ich mit Computern umgehen kann, wenn ich das seit 20 Jahren erfolgreich TUE?
  • Warum muss sich ein Freund von mir ständig hüscherln lassen, weil ER strickt wie ein/e Weltmeister/in?

Sprache ist ganz eng verwandt mit Bewusst-Sein, und ich bin mittlerweile überzeugt davon, dass die konsequente Verwendung einer Sprache, die explizit beide Geschlechter mit einschließt, für die Gleichberechtigung essentiell ist.

Nur mal so als Gedankenexperiment: Wie würden sich die Männer fühlen, wenn wir die grammatikalisch männliche Form aus der offiziellen Sprache streichen? Immerhin war die ja jahrhundertelang Standard, als Ausgleich könnten wir die nächsten hundert Jahre lang die weibliche Form als Standard verwenden?

Na, liebe Leserinnen, was haltet ihr davon?

(Und, liebe Leser, habt ihr euch gerade eben „mitgemeint“ gefühlt?)


‚paar Links dazu:
Bastian Sicks dahingeschwurbeltes Interview und die hervorragende Antwort des Sprachlogs
A bisserl polemisch im Standard, aber samma sich uns ehrlich, die andere Seite hält sich ja auch nicht zurück

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This article was written by Andrea

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