Die Bären, die Wörter, das Suchen und das Nichtfinden

Eine Stadt ein Buch

Im Standard mokiert man sich über ausufernde “Piefke-Ismen”, die ich in der dort präsentierten Dichtheit so nicht in Erinnerung hatte, und ich machte mich auf die Suche nach meinem persönlichen alten Nicht-Gratis-Exemplar, eines der wenigen (Lese-)Bücher, die ich mit reichlich Randbemerkungen versehen hatte. Als ich nämlich damals, sehr frisch in Wien, dieses Buch in die Finger kriegte (antiquarisch, und eine Randbemerkung hatte es schon beim Kauf: Neben eine Betrachtung des Wiener bzw. österreichischen Gemüts hatte jemand, mit Bleistift und in Großbuchstaben, “STIMMT NICHT!” geschrieben), erwanderte ich mir enthusiastisch die Originalschauplätze und notierte fröhlich Unterschiede und Ähnlichkeiten, die mir auffielen.

Jedenfalls: Ich suchte, fand aber nicht. Kenner meiner ganz persönlichen Chaos-Wohnung werden jetzt wissend mit dem Kopf nicken, sie tun das aber zu Unrecht: Bücher finde ich normalerweise sofort. Wenn sie denn da sind. Und dieses Buch ist definitv nicht da. Verborgt und nicht wiederbekommen, vermutlich; eine Traurigkeit, die sich auch durch ein eventuell noch erhältliches Gratisexemplar nicht beschwichtigen ließe, denn das hätte ja weder die Randbemerkungen noch die gelblichen Flecken von den Löwenzahnblüten, und die Ecken, mit deren Hilfe man besonders tolle Stellen schnell wiederfindet, die hätte es auch nicht.

Unbeantwortet bleibt somit auch die Frage, ob mir die “Piefke-Ismen” damals einfach nicht aufgefallen sind, oder ob es sich um eine neue und påtscherte Übersetzung handelt. Ich halte auch ersteres durchaus für möglich; ich bin nämlich nicht sonderlich wortempfindlich, außer dort, wo ich es bin.

Zum Beispiel würde mich das Vorhandensein von “Tüten” nicht weiter stören, solange der nordösterreichische Stil in sich geschlossen bleibt – nur wenn zB ein ur-Wiener “Sandler” eine “Tüte” mit sich herumträgt, dann klingeln die Alarmglocken.

Ähnlich unempfindlich bin ich (und das hat jetzt gar nichts mehr mit Herrn Irving zu tun) dem überall angemotzten “Sinn machen” gegenüber. “Sinn machen” klingt gut, es geht flüssig von der Zunge. Außerdem ist es, wenn auch möglicherweise nur in meiner Konnotation, nicht völlig bedeutungsleich mit “sinnvoll sein” oder “Sinn haben”. Es ist dynamischer und verlangt Handlungsbereitschaft. Anglizismus, so what? Ist nicht der erste, wird nicht der letzte bleiben. Sprache lebt, wie die Menschheit an sich, von Veränderung und Anpassung, ein Umstand, an dem die Rechtschreibreform leider völlig sinnlos vorbeireformiert hat.

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This article was written by Andrea

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