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Die Sache mit der Krise

Als ich diesen Beitrag in Claudias Sammelmappe las, entfuhr mir, ich muss es gestehen, ein leicht genervtes “Ach!”. Das spricht jetzt weniger gegen den Beitrag an sich, sondern hat viel mehr mit einem der grundlegenden Unterschiede zwischen Deutschen und Österreichern zu tun. Während unsere nördlichen Nachbarn dazu neigen, vor allem schlechte Prognosen immer sehr ernst zu nehmen, ist der Österreicher eher geneigt, die Dinge auf sich zu kommen zu lassen – denn das tun sie ohnehin, und wie es wirklich wird, weiß man erst, wenn die Zukunft da ist. Wo im ZDF ein Nachrichtensprecher mit besorgtem Gesicht konstatieren könnte: “Die Lage ist ernst, sehr ernst”, zwinkert der Österreicher ein “Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.” – und kommt er gar noch aus Wien, könnte es passieren, dass er dazu grüßend sein Weinglas hebt und leise anfängt, die Geschichte vom lieben Augustin zu singen. Wird schon irgendwie weitergehen. Irgendwie ist es immer noch weitergegangen.

Aber was ist denn nun mit der Krise? – Tja, wenn ich das so genau wüsste, könnte ich mich wohl vor Fernsehterminen kaum retten. Ich meine aber, dass wir es mit mindestens zwei Krisen zu tun haben. Eine, die längst da ist, aber kaum wahrgenommen wird, und eine ganz andere, die uns noch nicht richtig erreicht hat, aber bereits jetzt zur finanziellen Apokalypse hochgehyped wird.

Die vorhandene, heimliche Krise trifft die Kleinen, oder besser, hat sie längst getroffen. Wer, aus welchen Gründen auch immer, keine Arbeit hat oder nur solche, deren Bezahlung knapp das Existenzminimum erreicht, dazu vielleicht noch ein paar Kinder und/oder eine Krankheit (nicht vergessen: Kinder sind unsere Zukunft, und Krankheit kann jeden treffen) der findet sich schnell in den Caritas-Supermärkten für abgelaufene Ware wieder und muss um das Dach über seinem Kopf bangen. Definitiv keine Sorgen muss er sich dagegen um den Benzinpreis machen, denn Auto hat er ohnehin längst keines mehr. Der Staat, oder besser: Die Staaten zucken bedauernd die Schultern und empfehlen, sich mehr anzustrengen – das Steuergeld wird woanders gebraucht, für Verwaltung, für Wirtschaftssubventionen und neuerdings halt auch für marode Banken. Zu dem Thema habe ich ja vor Jahren schon Mal etwas geschrieben, an der Aktualität hat sich bis heute nichts geändert.

Die Hype-Krise dagegen, die trifft – tja, bis jetzt trifft die hierzulande niemanden persönlich. Die vielbeschworene Blase, die geplatzt ist, hat eine Krisen-Blase ausgelöst, in der alle panisch herumstrampeln, weil die verlorenen Zahlen so hoch sind, dass sie “ein normaler Mensch gar nicht begreifen kann” (O-Ton Fernseh-Experte, der sich offenbar nicht zu den normalen Menschen rechnet). Aber was ist eigentlich passiert? Banken und Staaten haben anderen Banken Geld geliehen, das sie gar nicht hatten, in der Hoffnung, dass die Zahlen in den Büchern auf dem Bildschirm am Ende der Transaktion hinten ein paar Nullen mehr haben. Eine Art Termingeschäft, nur ohne Ware. Die endgültige Perfektion der abstrakten Geldwirtschaft. Mit anderen Worten: Es wurde Geld herumgeschoben, von dem man hoffte, dass man es irgendwann einmal bekommen würde. Dummerweise fehlte den vielen Nullen hinten irgendwie plötzlich die führende 1.

Mal sehen. Wenn ich morgen losgehe und mir mit meiner Kreditkarte die neue Flaggschiff-Canon mit 5 Objektiven hole, weil ich der Meinung bin, dass ich am Mittwoch ohnehin im Lotto gewinne, dann kriege ich aller Wahrscheinlichkeit nach Probleme. Vielleicht kann ich sogar ein, zwei Monate lang fotografieren, bevor mich die Wirklichkeit einholt – aber die wird dann wohl so aussehen, dass nicht nur die Kamera weg ist, sondern auch die Kreditkarte, strafbar habe ich mich auch gemacht, und irgendwelche Kredite oder sonstigen finanziellen Veträge kann ich mir für viele Jahre nur noch aufzeichnen.

Wenn dagegen eine Bank ganz ähnlich handelt, dann läuft sie zum Papa Staat, der schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, jammert ein bisschen (“Kindchen, was hast du denn nun wieder angestellt?”) und leert dann den Sparstrumpf. Auf dass alles so weitergehen kann, wie es immer schon war.

Das Interssante daran ist ja vor allem, dass Banken und Wirtschaftsfachleute, die Jahre und Jahrzehnte lang gewettert haben, der Staat möge sich nicht überall einmischen, wir brauchen freieren Handel und eine freiere (Markt)Wirtschaft, alles andere wäre Sozial- wenn nicht gar Kommmunismus – dass genau dieselben Banken und Fachleute jetzt der Meinung sind, der Staat müsse eben genauer regulieren und kontrollieren, dann könnte sowas nicht passieren. Tja. Was denn nun?

Ist doch ganz logisch und wunderbar zynisch:  Gewinne sind immer ein Verdienst der Experten, die alles richtig geplant und gemacht haben. Daher steht das gewonnene Geld zur freien Verfügung der Gewinnenden. Die Verluste dagegen, die waren nie vorhersehbar, und deshalb muss der Staat ran – und damit der Steuerzahler. Kein Wunder, dass an den Sozialleistungen gespart werden muss. Man muss schließlich Prioritäten setzen. Und der Verantwortliche für die Verluste, falls sich denn einer finden lässt, wird vielleicht sogar, wenn er sich nicht geschickt herausreden kann, in die Wüste geschickt – aber natürlich nicht ohne saftige Abfindung. Wasser ist schließlich teuer in der Wüste.

Das Geld der Mittelschicht, soweit es als Sparanlage oder Altersvorsorge in den jetzt luftleeren Fonds angelegt wurde, wird sich langfristig durch die großzügigen Staats-Gesten wieder erholen (Risiko-Anlagen ausgenommen, aber dazu fällt mir ohnehin nur “selber schuld” ein). Während also die erste, die leise Krise die kleinen und gesellschaftlich Schwachen trifft, wird die zweite, die große Luftblasenkrise vor allem… ja genau, die kleinen und gesellschaftlich Schwachen treffen. Was für eine Überraschung.

Wie weit die papierenen Millionenverluste sich auf die reale Wirtschaft auswirken, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob das konsumierende Volk weiter konsumiert – oder sich angesichts der knallbunten Panikmeldungen auf seinen neu gestrickten Sparstrumpf setzt. Hierzulande mache ich mir da keine Sorgen. Es wird schon irgendwie gehen. Ist ja noch immer irgendwie gegangen.

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