Die seltsamen Zufälle des Lebens

Wie aufmerksame Leser und sonstige Freunde wissen, verbringe ich zurzeit freie Minute damit, alte Videos zu digitalisieren und zu verwerten. Und in den letzten paar Tagen waren das hauptsächlich die Videos aus Krk dran – spannend. Die digitale Kamera ganz neu in meinen, unseren Händen, die Kassetten endlos, die Experimente… nunja.

Das Video, das zum heutigen Tagesabschluss gecaptured wurde, enthielt vor allem einen netten Abend. In einem Strandcafe spielte, April, Vorsaison, einer der Gäste oder möglicherweise auch der Wirt, auf einer Gitarre mediterrane Volkslieder, der Grossteil des Lokals sang mit, und die Kamera, die stand auf dem Tisch und lief. Das Motto des Abends war “laut, falsch und mit Begeisterung”, und…

Naja, hier sind zwei kleinere Einwürfe angebracht. Zum einen: Mediterrane Volkslieder, sowas gibt’s ja eigentlich nicht. Das ist nämlich mein selbstkreierter Begriff für die Songs, die man in den 60er und 70er-Jahren in jeder Strandkneipe zwischen Lissabon und Izmir hören konnte. La Paloma, ade. Marina, Marina, Marina. Ave Maria. Tatsächlich: Sogar Ave Maria. Im vorliegenden Fall gewürzt durch kroatische Volksweisen. Um ehrlich zu sein, die waren eigentlich das beste daran. Und zum anderen: Laut, falsch und mit Begeisterung ist gemein. Gesungen haben nämlich fast alle richtig. Nur die Gitarre war schmerzhaft verstimmt.

Zurück zum Thema. Im Normalfall bin ich die erste, die man in solchen Momenten flüchten sieht. Dass das an jenem Abend nicht geschah, ja, dass ich nicht nur sitzen blieb, sondern dass sich zum Gesang des Nebentisches nicht nur wieder und wieder des Sufis sonorer Bariton im rechten Kanal, sondern zuweilen auch mein etwas unsicherer Alt im linken gesellt, erklärt sich binnen weniger Videominuten – es ist des Sufis Zeigefinger, der sich etwas ziellos in den Blickbereich der (zwischen uns am Tisch stehenden und quasi heimlich aufnehmenden) Videokamera schiebt, während die sufische Stimme bei einem für die Kamera unsichtbaren Kellner “dva slivovica und mineralna voda, bitte” bestellt. Und das, ja, nicht nur einmal, sondern so etwa nach jedem zweiten Song.

Ein Dokument also, für das man sehr viel Geld zahlen würde, um zu verhindern, dass es veröffentlicht wird. Ehrlich.

Kein Wunder, dass mir nach etwa der Hälfte dieser imagetechnischen Katastrophe die Zigaretten ausgingen. Vier Stockwerke runter, und der Automat hat kein Wechselgeld. Was nun? Richtig, die Klapsmühle gegenüber.

Nun hab ich ja in meinen Jahren hier im Grätzel bei meinen sporadischen Kurzbesuchen in der Klapsmühle schon einiges seltsames erlebt, vieles wechselt dabei auch, aber eines bleibt unerschütterlich gleich: Die Musikkulisse besteht entweder aus Radio Arabella – oder aus Krone Hit Radio. Was anderes gibt’s dort nicht. Gab’s noch nie.

Bis heute.

Denn da sass ein mir unbekannter mit verstimmter Gitarre und schmetterte ein Wienerlied, und der ansonsten unerschütterliche Koberer, der sang mit feuchten Augen mit.

…und jetzt muss mir nochmal einer die Sache mit dem Zufall erklären, den es nicht gibt.

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