Durch die Stadt und um die Burg

Heuer besonders lange gezögert, ob ich lauschend zum Marathonlesen Rund um die Burg aufbrechen soll, weiß auch nicht; mit zunehmendem Alter machen mich solche Lese-Events irgendwie rast- und ratlos, wenn ich dort nichts zu tun habe; ganz ähnlich mit den Konzerten übrigens, wenn ich nicht wenigstens Video-Crew bin, mag ich gar nicht hingehen; der Gedanke, dass Backstage- und ViP-Bereich tabu sein sollen, deprimiert mich; Gewohnheit vielleicht oder vielleicht werde ich auch ein klein wenig überheblich, aber Pah,  mit bald vierzig sollte ich mir auch das leisten können.

Dann (natürlich) trotzdem hin, man (ich) will ja den Veranstaltern keinen Grund geben, die paar letzten Lautlese-Ecken auch noch abzuschaffen, wegen Besuchermangels womöglich, das geht nicht an.

Ich breche früh auf, drifte quer durch die Stadt. Sonne, und wo sie hinscheint, ist es sogar warm. Zeit genug und durch den geruchsintensiven Naschmarkt, ich liebe das; die Sonne steht tief und blitzt Sternreflexe in die Weingläser vor den Spezialitätengeschäften, es herrscht Vollbetrieb, es fühlt sich gar nicht wie Herbst an, mehr wie dieser allererste Frühlingstag, an dem sich alle wieder nach draußen trauen, ich weiß nicht warum. Die Früchte rot und grün und gelb, sinnlich. Ich kaufe ein paar Salzmandeln beim Perser vom letzten Mal, er schenkt mir ein paar Zitronenmandeln dazu. Menschen, Stimmung, die Musik aus den Autos: Alles stimmt.

Nur die Kärntnerstraße viel zu voll, ich hätte anders gehen sollen;  nein, da: Ein richtiger Straßenmusiker, nur Gitarre und Stimme, das allerletzte Exemplar vielleicht, ich schenk ihm mein letztes Kleingeld. Minutenlang stehe ich fasziniert am Stephansplatz und schaue den Azteken zu, die tanzend für die Rückgabe der Montezumakrone protestieren. Es sieht wunderschön aus, die starken Männer und Frauen mit Rasseln an den Knöcheln, Federschmuck auf den Köpfen, sehr ernst und sehr entschlossen.

Über den Graben, wo silberhaarige Menschen unter Topfpalmen sitzen, ein kleiner Schwenk noch über den Hof, for the good times, aber dort ist irgendeine Radiowien-Veranstaltung, wo sich ein schwarzbefrackter Playback-Boy bemüht, Frank Sinatra aus dem Grab zu singen, und – als wäre das noch nicht schlimm genug – er singt auch noch falsch. Wo doch daneben so ein interessanter Flohmarkt wäre. Es ist ein Fehler der Evolution, dass sie keine Ohrlider vorgesehen hat. Wirklich.

Dann die Burg, das übliche Setup aus Lesezelt Kinderzelt ViPZelt und Verkaufszelt, wieder keine Sitzgelegenheiten außerhalb des Lesezelts, offenbar lernen sie’s nicht mehr; die interessanten Autoren kommen auch erst später. Zwischen den Zelten eine Armee an Zettel- und Zeitungsverteilern; obwohl sie freundlich sind, erscheinen mir die mir entgegengestreckten Papiermassen wie eine Aggression, auch wenn die VerteilerInnen freundlich lächeln. Davy’s turning handouts down To keep his pockets clean.

Ich trinke ein Mineralwasser an die altehrwürdige Burg gelehnt; Touristen sitzen auf den Stufen, genießen letzte Sonnenflecken. Die Straßenbahn fährt vorbei, aus dem Zelt kommt Applaus, Herr Amanshauser läßt sich fotografieren und bedankt sich artig dafür; vorne am Ring stolpern Frauen über ihre dolchartigen Schuhspitzen, wie kann man so was anziehen? Außer den Spitzschuhträgerinnen ist alles Lächeln und Freundlichkeit. Aus einem vorbeifahrenden Cabrio dröhnt “Summer Days”. Passt.

Die Zeit reicht noch für einen Abstecher auf die Mariahilfer, was gut ist, weil ich die Sonne über-, den einbrechenden Herbst unterschätzt habe. Zwischen den Museen durch, hier liegen Sonnenanbeter hingestreckt vor Maria Theresia, auch die Radfahrer sind ungewöhnlich freundlich und entschuldigen sich zumindest, wenn sie einen fast über den Haufen fahren. (Dabei habe ich heute ohnehin die knallrote Jean an).

Kaum erträglich dagegen die Freitagabendchaos-Geschäftstraße; ich kaufe den nächstbesten Pullover und trete den Rückzug ins Museumsquartier an, wo die rosaroten Betoncouchen nicht nur zum Umziehen, sondern auch zum Kaffee einladen; nett hier, laidback, könnte man auch bleiben. Hinter meiner Sonnenbrille sicher, dass mindestens zwei der Herumhängenden überlegen, mich anzusprechen. In meinem Alter gibt das Auftrieb. Aber ich will mir ja etwas vorlesen lassen.

Erreiche, diesmal durch den Burggarten, wo noch die Erntedankbühne vom Bauernbund steht (dahinter zwei spitzschuhige Frauen, die versuchen, mit einem Tennisball Fussball zu spielen – trotz des Gelächters ein jämmerlicher Anblick) wieder das Zentrum des Geschehens. Karl Merkatz samt Tochter verläßt gerade das Zelt, ich lasse mich mit den liebenden Massen zu Herrn Hackl schwemmen, der mit Goethe beginnt (dazu bin ich ja nicht gerade hergekommen), sehr sympathisch plaudert und gekonnt den Bogen zwischen alt und neu, zwischen Wien und Piefkinesien schlägt. Zwischendrin kräht mein Handy, was mir irritierte Blicke der Umstehenden einbringt. Weniger schlimm als das vielstimmige Gedudel, das in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen aus den Hand- und Sakkotaschen um mich dringt. Finde ich.

Draußen telefonierend halte ich mich kurz, habe aber doch meinen Standplatz verloren. Macht nichts; Herr Hackl ist fertig und der Stehplatz-Menschenüberschuss im Zelt verliert sich.  Ich sinniere darüber, wie das literaturinteressierte Publikum sich auch lieber Altbekanntes vorlesen lässt als Neuigkeiten (die Umstehenden kannten die Lyrik teilweise auswendig und manche haben sogar mitgeflüstert, wie am Popkonzert), finde einen Sitzplatz und lasse mich von Martin Amanshauser in die Welt von Chicken Christl entführen. Herr Amanshauser liest, etwas atemlos, in FM4-kompatiblem Outfit, dessen Jacke ihm später zu warm wird. Die Textauszüge klingen etwas zu sehr nach 80er-Jahre-Weltverdruss (das aber sehr gekonnt), ich finde eine Zeltstange an die ich mich lehnen kann und würze mit Salzmandeln aus meiner Tasche; Herr Amanshauser will auch aus seiner Lyrik lesen (was sympathisch ist) und überzieht dabei schamlos (was vermutlich die Nachfolgeautoren nicht sonderlich sympathisch finden).

Ich nütze die Überleitung von Herrn Grissemann für eine schnelle Zigarettenpause und treffe dabei nette Menschen, es plaudert sich, so versäume ich Heinz R. Unger, schade eigentlich. Bei Margit Schreiner bin ich wieder dabei; sehr dicht der Text über Mutter-Tochter-Beziehungen im Lauf des Lebens; anstatt mich an viel zu vielen Knien vorbei zu den freien Einzelsitzen zu kämpfen, nehme ich lieber den Bretterboden (rote Hose hin oder her) und lausche. Wenn in einem ernsten Text ein lustiger Satz vorkommt, traut sich ein literarisches Publikum nicht zu grinsen, stelle ich wieder einmal ratlos fest. Ich grinse trotzdem. Weitere Bodensitzer finden sich. Der Text kreist um sich selbst, was vorgelesen sehr gut funktioniert, wenn man es kann, und sie kann.

Danach Rosa Pock, “eine lebende Legende!” flüstert es hinter mir ehrfürchtig, nicht ohne den Zusatz: “die Frau vom Artmann.” Das Publikum wechselt etwas, ich ergattere einen Sitzplatz. Leider einen mit Gittersäule vor dem Gesicht. Aber besser als ein stetig abkühlender Hintern. Die “kleine Familie” begeistert mich nicht so sehr, aber der Vortrag ist gut, und mein Hintern wird langsam wieder warm. Dass es später wird, merkt man an den Stereoanlagen der Autos am Ring, die im Vorbeifahren (ump-ump-ump) teilweise die ohnehin schwächliche Verstärker-Anlage übertönen; falsch, schwächlich ist nicht die Anlage, schwächlich sind offenbar die Mikros, die teilweise erbärmlich krächzen und von herbeieilenden Technikern immer mal wieder neu eingerichtet werden, und das, obwohl hinten ein ganz ordentliches Mischpult steht. Und die Lautsprecher sehen auch mächtig aus. Zumindest dürfte den Autoren auf der Bühne warm sein, denke ich – ein bisschen neidisch – mit Blick auf die Scheinwerfer. Mir bleibt nur, mich tiefer in meine Jeansjacke wickeln. Ich friere trotzdem, während Frau Pock sich literarisch im Ausverkauf herumtreibt und den offenbar unvermeidlichen erfolgreich ausgewanderten Onkel der Familie willkommen heißt.

Anschließend, von Herrn Grissemann ungewöhnlich überschwenglich angekündigt, Doron Rabinovici. Er hat zur gleichen Zeit wie ich Geschichte studiert, denke ich, während sich von der Bühne her eine spannende Geschichte um einen jüdischen Gehirnspezialisten dreht, der zur Behandlung eines gedächtnisverlorenen Altnazis herangezogen wird. 1987 war Doron feuriger Redner beim Unistreik, heute verliert sich seine Geschichte in die ungewohnt humorvolle Schilderung einer jüdischen Gedenkveranstaltung, lesenswert. Zeitläufte.

Dann kommt Elfriede Hammerl, die theoretisch meine vollste Unterstützung hat, deren Texte mir aber praktisch schwer auszuhalten sind; außerdem bin ich durstig und brauche dringend eine Zigarette. Folge daher dem Vortrag auf dem viel zu leisen Fernseher des ViP-Zelts; es geht um eine Frau, die neben einem schnarchenden Mann in einem Bett liegt und sich fragt, warum sie nicht in einem anderen Bett neben einem anderen Mann liegt (der vermutlich auch schnarcht, aber das ist nur ein Gedanke von mir.) Die Plüschpantoffeln sind deutlich des Realismus zuviel. Mir zumindest. Hier draußen ist es eiskalt geworden. Ich wechsle ein paar Worte hier und da, schrumpfe dabei immer tiefer in die Jacke, versuche es dann nochmals im Zelt.

Die Jeansjacke wird nicht wärmer, am Verpflegungsstand gibt’s keinen Tee, und Frau Hammerl will einfach nicht aufhören zu lesen. Die Krimischiene wollte ich unbedingt noch mitnehmen, insbesondere neugierig auf Thomas Wollinger, dem die PR des Verlags offenbar nicht genügt, sodass er seinen Roman, auf Bierkisten stehend, den Vorbeigehenden anpreist, unterstützt von Mit-“Archäologen”, die in einer Hand das Buch, in der anderen Säcke mit “Ausgrabungsstücken” halten. Faszinierend. Aber es ist (habe ich das etwa schon erwähnt?) saukalt, und ich habe mein letztes Taschentuch verschneuzt.

Daher heimwärts gewandert, schnell genug, um dabei warm zu werden; erst etwas bedauernd, dann aber in kontemplativer Rückschau sehr zufrieden mit diesem Tag; außerdem könnte ich ja morgen nochmals hingehen, ach was: wenn ich wollte, könnte ich mir einen ordentlichen Pullover schnappen und gleich wieder hingehen! – Aber dieser Gedanke verliert sich unterwegs oder spätestens, als ich, eigentlich auf die Mitternachtsnachrichten eingestellt, den Fernseher aufdrehe und von einer erfrischenden Dusche gitarrenlastigen Hardrocks begrüßt werde. Somehow perfect, das und überhaupt: Der ganze Tag, viel über Vieles nachgedacht und trotzdem zufrieden geblieben und der (seltenen) festen Überzeugung, dass ich dieses mein Leben mit keinem anderen tauschen würde, nicht um viel Geld, und: nicht um die Burg.

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This article was written by Andrea

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