Dylan in Wien: Rock’n Roll from Hell

Durchaus bemüht, nichts zu erwarten, erwartet man natürlich doch. Aus den bisherigen Konzertberichten der Tour so ziemlich das Schlimmste. Dekonstruktion ist das neue Lieblingswort der Dylan-Gemeinde; die zieht sich auch durch. Allerdings über weite Konzertstrecken dicht gefolgt von Rekonstruktion – die bisher keiner erwähnt hat.

“Ladies & Gentlemen, please welcome…” der übliche Columbia-Jahrmarktschreier hat seiner Litanei noch ein paar neue Superlative hinzugefügt, das Intro ist lang genug, um gemütlich den Sitzplatz zu erreichen, und endet auf einem hochgezogenen “…Mr. Booooob Dylan”. Die Musiker haben derweil im Dunkeln ihre Plätze eingenommen, es gibt keine Pause für Willkommensapplaus, und was immer ich erwartet habe: Old School Rock’n Roll war es nicht.

Auf der Hühnerleiter, auf der unsere Plätze liegen (weil die Stadthalle ihre Briefe nicht adressieren kann, oder der Briefträger sie nicht zustellen; im zweiten Anlauf war nichts besseres mehr da) hat man immerhin guten Überblick; die Bühnendeko ein halboffener Samtvorhang, der mit Licht eingefärbt wird; häufig rot, aber auch blau, dazwischen Lichtspiele: Theaterartig & das passt.

Stagerush schon beim zweiten Song; ich versuch’s auch, muss schließlich wissen wer wann welche Gitarre spielt, wer wann mit wem kommuniziert, was man halt wissen muss bei so einem Konzert. Strande in der zweiten Reihe mit gutem Blick auf Dylan, Recile und Koella; Garnier und Campbell bleiben mir meist hinterm Lautsprecherturm verborgen. Der Versuch, das zu ändern, bringt nur ein äußerst schmerzhaftes Zusammentreffen meines Schienbeins mit der Sitzreihe, was mir den Rest von Baby Blue (nachdem ich es endlich erkannt habe) nachhaltig vermiest.

Aber zurück auf die Bühne. Allerorten liest man von einem gut gelaunten Dylan, den ich da oben nicht sehen kann; vielmehr sehe ich einen grimmig entschlossenen, sehr konzentriert & intensiv interpretierend während der Gesangspassagen, ansonsten eher abwesend; zwischen den Songs ein paar Schritte zu den Gitarristen oder zum Drummer, Kommunikation wohl, während der Solos der anderen mal tanzschreitend quer über die Bühne, wirkt fast betrunken stellenweise. Der eine oder andere Grinser, der auch Grimasse sein könnte, ok, aber nach Spass sieht das nicht aus.

Und nach Spass hört es sich auch nicht an; es ist eine wilde, fast wütende Energie, die sich von der Bühne her ausbreitet; die Vocals (nur von Dylan selbst, keine zweiten Stimmen von den Musikern) klar und deutlich & in manchen Passagen ohne jede Rücksicht auf die Songstruktur & Rhythmik. Auch das Piano wird akzentuierend eingesetzt, manchmal spielt Dylan gegen die Band anstatt mit ihr; manchmal ist das erkennbar Absicht, manchmal weiß man es nicht so genau. Die Harmonika recht erratisch & bis auf 2 kurze Passagen eher lustlos. Dass die Band den Sound dennoch (fast) immer zusammenhält, liegt vorwiegend am unerbittlich grandiosen Drummer & am Bassmann.

Selber bin ich überrascht bis verblüfft & erst bei Hattie Carroll so richtig dabei, grandiose Version übrigens; keine Spur vom wehmütigen Original, sondern ein frischer junger Zorn, der da wütet; wie auch das neue “It’s alright, Ma” unmissverständlich klar macht, dass an der Geschichte überhaupt nichts “alright” ist.

“Don’t think twice” funktioniert auf diese Art weniger gut, für mich zumindest. Es ist eine Version, die sich nicht recht entscheiden kann zwischen bitterem Abgesang und unbeschwerter Nachlese. Dann schon lieber das wildgewordene “Things have changed”, dem der Dreck aus dem Blues-Sumpf so gut steht, dass ich die cleane Originalversion am liebsten nie wieder hören möchte. Das findet wohl auch der junge Mann in der ersten Reihe, der mir zum Refrain “Things have changed” entgegenbrüllt &  mir die Hand zum High-Five hinstreckt; was er damit genau ausdrücken wollte, weiß ich nicht, er hat aber sehr glücklich gewirkt. Tempo & Stimmung halten durch “Most likely”; aber dann.

Wenn “Make you feel my love” tatsächlich noch ein Liebeslied ist, dann ist es eine Hassliebe, die – kontrapunktisch zu den Lyrics – verletzen will, um sich bemerkbar zu machen; die Band wird insgesamt leiser, tritt eine Spur zurück hinter das Stimm-Spiel, das vor dem roten Vorhang auch ein vertonter Theatermonolog sein könnte; Schweißtropfen fallen auf das Piano & einen Moment lang bin ich mir ganz sicher, dass diese zynische Intensität dem Publikum gilt; diese “warm embrace” mit dem Messer in der Hand: eine Liebe vielleicht, aber eine ganz und gar unfreiwillige.

Irgendwas treibt mich zurück auf meinen Sitzplatz & “Tweedle Dee” nimmt das Tempo wieder hoch, geht aber an mir vorüber, weil ich noch diesem anderen Gefühl nachhänge. “Every Grain of sand”, das ich unbedingt einmal live hören wollte, verstolpert sich etwas in der Rhythmik, beabsichtigt aber nicht wirklich begeisternd. Honest with me ein absolutes Highlight, hier beginnt vielleicht der erwähnte Spass, wenn auch grimmig. Der Tambourine Man macht einen eher verstörten Eindruck, der bei mir ein “Er kann machen was er will, das Publikum klatscht trotzdem”-Gefühl hinterläßt.

“Summer days” macht diesen Tiefschlag ganz schnell wieder vergessen. “I know a place where there’s still something going on”, und das ist genau jetzt, genau hier. Über die transzendent-jazzige Originalversion donnert der Bulldozer Rock, fast ohne Roll, solche Nummern in bestuhlten Hallen zu spielen, wo man sich schon beim Kniewippen blaue Flecken holt, müsste verboten sein. Der Song ist eine Zeitmaschine, endlos und doch nur ein paar Augenblicke lang, und zwischen Schlagzeug & Gitarre verfangen sich die Jahrzehnte und geben ihr Bestes.

Dann Schluss mit Programm, Herr Dylan winkt seine Musiker zu sich & da stehen sie, alle 5, lächelnd, ohne Verbeugung, Dylan wippt in den Knien & klatscht ein bisschen dem Publikum zurück. Finster wird’s und sie lassen uns auf die Zugabe warten, lange genug um nochmal vorzuspazieren, Richtung Bühne, alles sehr gesittet, auch jetzt noch geht es locker bis in die dritte Reihe, ganz ohne Drängelei.

3 Nummern Zugabe wie aus einem Guss, die Katze im Brunnen schläft nicht, sie hat Krallen und Zähne und deutlich Spass daran, sie einzusetzen. Like a Rolling Stone etwas weniger stürmisch aber sehr intensiv, und dann, “All along the watchtower”, da darf Mr. Koella nochmal so richtig in die Seiten greifen; Jimi lächelt im Hintergrund aber sonst lächelt keiner, es ist geballte Energie gegen die Welt, wie sie geworden ist.

Und das wars dann, noch einmal alle 5 in einer Reihe wie siegreiche Helden aus einem Epos, Licht aus & dann das Saallicht an; versonnen & hochgepowert & gar keine Lust auf das “After Show Service” im Chelsea, aber nach einem stillen Bier anderswo trotzdem hin & es war dann doch ganz nett, auf jeden Fall besser als früh schlafen zu gehen nach so einem Konzert.

& andere sehen das übrigens ganz anders.

Medien-Nachlese:

Angenehme Ironie beim Kurier

Lesenswertes über das Grazer Konzert im Standard

Blabla mit Forum beim ORF Wien

Die Presse (die Presse!?!): Wo der Hammer hängt

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