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Es sind drei Mädchen, die an der Ecke stehen und rauchen – nein: Es sind drei Schatten mit glimmenden Glutspitzen, die an der Ecke stehen; viel zu weit weg um sie Mädchen zu nennen oder Burschen oder auch nur Menschen. Vielleicht sind es gar keine, sondern nur Reflexionen von anderem Licht und anderen Schatten auf den neuglänzenden Autoleibern, und das Kichern, das kam vielleicht von ganz woanders her.

Ich trete durch die Tür anstatt es nachzuprüfen, zu müde bin ich, zu alt; das Kichern aber folgt mir: wie in jener anderen Nacht mit den drei wirklichen Mädchen, die in einer fremden Sprache fremde Witze erzählten, damals; Witze auf Kosten der Nichtverstehenden.

Nur der Wind ist derselbe und die nassen Flecken auf der Straße: ja, die auch.

Vielleicht bin ich ja gar nicht ins Haus gegangen, sondern den Regenspuren nach an den Dreien vorbei; vielleicht dringt aus einer Ecke, die gar kein Lokal ist, sehr erstaunliche Musik; vielleicht ist dort doch ein Lokal, jetzt?

So muss es sein, sonst könnte die Musik unmöglich von Goran Bregovic kommen, den hat es doch damals noch gar nicht gegeben – oder doch, aber nicht in meinem Wissen.

Vielleicht aber ist sie auch nur ähnlich, diese Musik, oder vielleicht nicht einmal das, vielleicht nur eine Erinnerung, die sich an anderes anpasst, in dieser fiebrigen Nachmondesnacht?

Oder aber ich behaupte nur, ich wäre ins Haus gegangen, weil ich lieber nicht verlacht werden möchte von den drei gnadenlos jungen Dingern; weil ich glauben möchte, der mir nachpeitschende Pfiff aus der weitoffenen Tür des Nicht-Ecklokals wäre anerkennend gewesen anstatt spöttisch?

Oder es gibt dieses Lokal nicht einmal nicht, und ich sitze längst wieder in meinem Bürostuhl im vierten Stock; so wird es sein.

Dann hat mich auch niemand gefragt ob ich “Rauchfangkehrer” sage oder “Raubfangkehrer”; damals nicht und heute nicht. Und ich habe nicht im Vorbeigehen über die vielen Wimpel und Flaggen gestaunt, die an der Wand dieses anderen Lokals hingen; dort, wo ich die Zigaretten gekauft habe & trotz freundlicher Einladung nicht bleiben wollte: Das kann gar nicht sein. Denn die Zigaretten, die habe ich heute beim Automaten geholt, obwohl ich sie gar nicht rauchen will, sondern nur haben; eine Wohnung ohne Zigaretten erscheint auch in Bronchitischem Zustand leer, die Packung muss am Tisch liegen, dann verkleinert sich die Unruhe bis zur Überschaubarkeit.

Ich bin also nicht dort gewesen und auch nicht wieder zurückgegangen, heute; damals vielleicht: aber heute nicht.

Und ich habe nicht diese Hand genommen, nein nicht einmal damals. Habe mich nicht zur traumvertrauten Fremdmusik gedreht am ausgestreckten Arm des Anerkennung pfeifenden Fremden. Habe niemals gedacht, dass Nacht, Musik und Worte mehr Gemeinschaft herstellen zwischen uns als Worte jemals könnten.

Habe niemals Sphinx gelächelt, als er seinen Freund übersetzen ließ, ich sollte doch noch ein bisschen bleiben. Habe niemals den eigenen Klapperschritten auf dem Asphalt peinlich selbstverliebt gelauscht.

Niemals.

Und heute schon gar nicht.

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This article was written by Andrea

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