Ein Schwank aus meiner Jugend, oder: warum frau es für sich behält (#metoo)

Ich war ungefähr 20, und es war einer meiner allerersten Jobs, in einer Import-und Großhandelsfirma eine Produktdatenbank zu konzipieren, aufzubauen und die MitarbeiterInnen im Umgang mit dem neuen System zu schulen. Eines schönen Tages stand ich also in beratender und beobachtender Funktion neben einem Außendienstmitarbeiter, der seinen neuen PC malträtierte, als der sich plötzlich umdrehte und verlangte: „Geh, Schatzi, machst ma an Kaffee?“.

Ich hatte den Typ am selben Tag zum ersten Mal gesehen, wir waren nicht per Du, der allgemeine Umgangston in der Firma war keineswegs flapsig. Noch bevor ich mich von meiner Verblüffung in irgendeine Reaktion retten konnte, setzte er hinzu: „Mit Milch, ohne Zucker“ und gab mir dazu einen Klaps auf den Hintern.

Es gehört zu den wenigen Dingen in meinem Leben, die ich wirklich bereue, nicht sofort mit einer ebenso kräftigen Ohrfeige geantwortet zu haben. Aber dazu war ich in dem Moment einfach zu schmähstad. ich ging, nicht in die Küche um Kaffee zu kochen, sondern ins Lager, um mich einem anderen Aspekt meiner Aufgabe zu widmen.

Am nächsten Tag wurde ich zum Chef zitiert; der Mitabeiter hatte sich über meine Unfhöflichkeit beschwert, weil ich ihm nicht einmal einen Kaffee machen wollte. Den Chef immerhin brachte ich zum Nachdenken: Mit der Frage, ob ich meine Zeit, mit merkbar höherem Stundenlohn als der Beschwerdeführer, tatsächlich aufs Kaffeekochen verwenden sollte. Er kam zu dem Schluss, ich sollte nicht.

Den Klaps auf meinen Hinten hab ich nicht thematisiert, bis zu diesem Blogeintrag nicht. Weder dem Chef noch dem Klapser gegenüber, und auch später, wann immer ich die Geschichte vom Kaffeekochen erzählte, ließ ich den Klaps weg. Zu widerwärtig war das Gefühl schon beim Gedanken daran. Das Gefühl von ohnmächtiger Wut, von Erniedrigung und Hilflosigkeit hätte die Geschichte, in der ich ja letzendlich „gesiegt“ hatte, unweigerlich unschön befleckt.

Und, ich bin doch kein Opfer!

Es war das erste Mal, dass ich zu spüren bekam, was es heißt, sich als Frau in einer Männer-Arbeitswelt zu behaupten, aber es war bei weitem nicht das einzige Mal. Die Skala reicht vom Chef der ohnehin nur wenige Monate lang erfolgreichen Software-Klitsche, der meinte, ich könnte mir ja doch einmal etwas Hübscheres anziehen (als meine schwarze Jean mit Bluse, während die Jungs dort alle mit Cargohosen und T-Shirts herumliefen) über den Auftraggeber in meiner Freelance-Zeit, der die Forderung nach mehr Honorar bei einem ausgeuferten Projekt mit einem süffisanten Grinsen und der Meldung „Da müssen Sie sich aber schon etwas Besonderes einfallen lassen“ beantwortete, bis hin zum „Kollegen“, der mir im Lift übergangslos die Zunge ins Ohr steckte und auf meine wenig erfreute Reaktion meinte, ich solle doch froh sein, wenn jemand so ein schiaches Luder pudern will.

Alle diese und weitere unerzählte Vorfälle haben zwei Dinge gemeinsam: Zum einen fehlte den ausübenden Männern jegliches Unrechtsbewusstsein, sie fanden ihr Verhalten normal und vergnüglich. Zum anderen  behielt ich, immer, mein Unbehagen und meine Gefühle für mich, konterte höchstens mit einer „frechen“ Meldung, die ich so harsch formulierte, wie ich in dem Moment konnte,

weil, ich bin doch kein Opfer!

Mit der Zeit kam zu diesem rein emotionellen Grund auch noch die Erfahrung. Die Erfahrung zu sehen, was Frauen aushalten müssen, wenn sie das Problem thematisieren. Die Schlampe, hätte sich halt anders anziehen wollen, will nur abcashen, es ist ja eh nie passiert, sie macht das eh nur aus Rache, weil eben nicht passiert ist, was sie gerne wollte.  Es war einfacher, die Übergriffe wegzustecken, als sich einem solchen Spießrutenlauf auszusetzen.

Und mit jedem Mal, wenn so etwas passiert, wird es ein bisschen normaler. Irgendwann überschreitet man selbst die Grenze. Formuliert, wenn auch nur in Gedanken,  ein abgeklärtes „was hast du denn erwartet?“ wenn eine Kollegin das Angebot annimmt, sich nach Hause chauffieren zu lassen und feststellen muss, dass der Chauffeur sie nur ungern aussteigen lässt. Denkt sich ein „No, sei ned so empfindlich“, wenn nach einem vorgeblich unabsichtlichen Busengrabscher die Tränen fließen. Hat frau schließlich alles selbst schon erlebt, und frau hat danach nicht geweint.

Und nicht zuletzt deshalb ist es ganz ganz wichtig, sich immer wieder daran zu erinnern: Alle diese Dinge sind nicht normal. Sie sind nicht in Ordnung.

Nichts davon ist in Ordnung. 

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This article was written by Andrea

3 thoughts on “Ein Schwank aus meiner Jugend, oder: warum frau es für sich behält (#metoo)”

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