Erstes (und wahrscheinlich einziges) Coverfoto der Chronistin

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1986 hatte einen wunderschönen Frühsommer. Ihr erinnert euch vielleicht? Es war das Jahr der Tschernobyl-Katastrophe. Dieses Bild “on the Cover of the Kleine Zeitung” entstand circa einen Monat nach dem Blowup, hatte aber – bis auf den nachträglichen Bildtext – nicht das geringste damit zu tun. Und hier ist die Story dahinter:

Neben den Grazer Stadtpark-Brunnen stellte Serge Spitzer 1985 im Rahmen des steirischen Herbstes den “rostigen Nagel”. Der Rostige Nagel stieß auf großen Widerstand in der konservativen Grazer Kulturbevölkerung, und so sollte an jenem Morgen, dem 13. Mai, eine große Demonstration gegen diesen “Schandfleck” stattfinden.

Die Sache mit dem Nagel war etwas kompliziert. Ich fand ihn auch potthässlich, und außerdem hatten wir verspätete Hippiekinder, die wir damals die Wiesen rundum bevölkerten, wegen der malerischen Schräge auch immer wieder Sorge, dass uns das Ding irgendwann auf den Kopf fallen könnte. Andererseits aber waren die Konservativen gegen das Kunstwerk, also mussten wir, zumindest prinzipiell, dafür sein. Im Grunde hielten wir uns raus.

Die groß angekündigte Demonstration bestand aus nicht ganz 20 Leuten, die das kulturelle Kuckucksei mit Leitern bestiegen und mit weißen Leintüchern behängten. Es war recht früh am Morgen, so acht oder neun Uhr.

Moment, ich muss doch noch ein bisschen weiter ausholen. Ich “wohnte” damals in einem Zimmer von etwa 8 Quadratmetern, mit – immerhin – fließendem Kaltwasser innen und Klo am Gang. Genaugenommen wohnte ich dort nicht – ich schlief dort. Denn zwischen Aufstehen und Bettruhe lebte ich – mit Anderen, die in ähnlichen Verhältnissen vegetierten – auf Parkwiesen, wenn es warm und trocken genug war, und in Kaffeehäusern, wenn es regnete oder fröstelig war. Abgesehen von spärlichen Stunden in Hörsälen oder etwas häufigeren in der UNI-Bibliothek lebten wir eigentlich auf der Straße. Die Fähigkeit, an einem Kaffee oder einem Bier einen halben Tag lang zu trinken, hatten wir alle perfektioniert, die ewigen Studenten ebenso wie die Straßenmusiker und -maler, die Schmuckverkäufer und die Einfach-Nur-Schnorrer.

Ich liebte dieses Leben. Ich war niemandem Rechenschaft schuldig und musste niemanden um Geld bitten, gelegentliche Kellnerinnenjobs und saisonale Schmuckverkaufsstand-Aushilfe-Jobs reichten vollauf. Irgendjemand hatte immer etwas zu kiffen dabei. Zukunft? Pah, es gab keine Zukunft. Entweder es würde einen Atomkrieg geben, oder die Umwelt würde kollabieren, lange bevor einer von uns es ins Rentenalter schaffen würde. Und falls es wider Erwarten doch eine Zukunft geben sollte, dann würden wir es schon irgendwie schaffen. Darüber nachzudenken lohnte jedenfalls nicht.

Dann Tschernobyl.

Obwohl wir alle immer ständig von der Möglichkeit eines solchen Unfalls sprachen, fast ebenso oft wie vom drohenden Atomkrieg, war es ein Schock. Ein Schock, den wir einander in seltsam triumphierenden Tonfall mitteilten: Hatten wir es nicht vorhergesagt? Hatten wir es nicht immer schon gewusst?

Wir hatten. Wir hatten recht behalten. Hätten “sie” Mal auf uns gehört, dann hätte das nicht passieren müssen. Schwacher Trost.

An unserer Lebensart änderte das nichts. Wir lagen weiterhin im wunderbar grünen Frühlingsgras, kauten Sauerampfer, wenn wir durstig waren und nichts zu trinken hatten; wir rauchten die Joints, wie sie vorbeikamen, ohne zu fragen, wo das Kraut gewachsen war. Nicht, dass uns die Sache mit der Strahlung nicht bewusst gewesen wäre – sie war uns einfach völlig egal. Das lag zum Einen an unserer Überzeugung, dass Tschernobyl nur der Anfang gewesen war – und irgendwann, bald, ohnehin alles in die Luft gehen würde. Zum Anderen an der Überzeugung, dass all diese Strahlung zwar gefährlich und möglicherweise tödlich sein könnte – aber nicht für uns. Wir waren jung. Wir waren stark. Wir hatten Recht gehabt mit unseren Warnungen, wir würden weiter recht behalten – und wir waren unbesiegbar. So einfach war das…

Zurück zu jenem Morgen.

Strahlung hin, Strahlung her – diese junge Dame lernt für diverse Prüfungen gern im Grünen. Und weil man ja derzeit nicht im Gras liegen soll, nahm sie eine Bank im Grazer Stadtpark in Beschlag. Dazu Sonnenschein und romantische Musik. Da bekommt man fast Lust, ein wenig mitzulernen.

So harmlos liest sich der Bildtext. Tatsächlich war ich an diesem Tag sehr früh in den Park gekommen – die Wiese war einfach noch zu kühltaufeucht, um sich gemütlich flachzulegen. Und der Rest meiner Clique war noch nicht da. Und die Demo gegen den rostigen Nagel bot immerhin etwas Zerstreuung. Gelernt habe ich auch keineswegs, vielmehr formulierte ich an einem kitschigen Liebesbrief herum, obwohl ich heute nicht mehr genau weiß, an wen der gehen sollte (die Herzschmerzgründe wechselten so schnell, damals), und die Musik war vermutlich weniger “romantisch” als “klebrigsüß”. Wobei die Grenze natürlich fließend ist.

Der Fotograf, Harry Stuhlhofer, war abkommandiert, die Protestaktion gegen das umstrittene Kunstwerk “Rostiger Nagel” abzulichten, fand diese aber offenbar ebenso lächerlich wie ich. Er kreiste eine Weile um den Event, kreiste sich dann näher an mich heran, blinzelte ein bisschen in meine Richtung, erst ferner, dann näher, und fragte mich schließlich – nicht, ohne sich korrekt als Fotoreporter der Kleinen Zeitung vorzustellen – ob er mich fotografieren und das daraus resultierende Foto anschließend veröffentlichen dürfte. “Klar” nickte ich sehr cool, und erzählte ihm auf seine Nachfragen freundlich, dass ich Geschichte studiere und für meine Sommerprüfungen lerne. Es klickte 1-2, vielleicht 3 Mal, ich hielt das fälschlicherweise für einen gut getarnten Annäherungsversuch und lächelte weise und abgeklärt, folgte freundlich seinen Haltungsanweisungen (beachte die lässige aber völlig funktionslose Hand auf dem Kassettenrekorder!) und war etwas überrascht, als er sich ohne weiteres bedankte und verabschiedete.

“Vielleicht ein plötzlicher Anfall von Schüchternheit” mutmaßte ich, als ich später meinen endlich erschienenen FreundInnen davon erzählte. Wir lachten herzlich und dachten nicht weiter darüber nach.

Was sonst noch an diesem Tag geschah, weiß ich nicht mehr. Wir machten wohl unsere übliche Stadtpark-Schlossberg-Abendlokal-Runde. Vielleicht war es der Tag, als ich nach einem Mega-Joint aus dem Kinderkarrusell gefallen bin und mich, die ganze rechte Seite blutig zerschrammt, weigerte, mich verarzten zu lassen, weil das einen Krankenschein verlangt hätte, den ich ohne Kontakt zu meiner Großmutter nicht hätte bekommen können. Vielleicht auch war es der Tag dieser viel sanfteren Geschichte. Wahrscheinlich aber weder noch, wahrscheinlich war es ein ganz normaler Tag ohne weitere besondere Vorkomnisse, und abends lag ich entweder in meinem eigenen viel zu weichen oder in einem fremden, zärtlicheren Bett.

Am nächsten Morgen jedenfalls war ich, ganz normal und wie eben damals jeden Tag, auf dem Weg durch die Herrengasse und anschließend durch die Sporgasse in “unseren” Stadtpark, als ich einen Freund traf, der mir auf 20m Entfernung zurief “Hej Svensk” (so mein Real-World-Nickname damals) – “du bist auf der Kleinen Zeitung!” – Ich hielt das für einen Joke, so einen, wie wir sie tagtäglich miteinander machten. Natürlich kannte er, wie alle anderen näher und entfernter Bekannten, die Story vom Vortag. Perfekte Umsetzung. Nur unter lachendem Protest ließ ich mich in die nächste Zeitungs-Verschleißstelle ziehen, in der ich…

…mich selbst auf dem Cover bewundern konnte. Falls man bei einer Kinnlade, die klappernd irgendwo in Kniehöhe aufschlägt, von bewundern sprechen kann. Sekunden zogen sich zu innerlich empfundenen Stunden, sogar die Kassenkraft kombinierte “Des sind ja sie!”. Ich flüchtete, ohne die Zeitung zu kaufen, und entschuldigte mich innerlich beim Fotografen für meine Verdächtigungen vom Vortag. Obwohl mich viele Freunde und Nicht-Freunde darauf ansprachen, war ich zu verblüfft und später zu verlegen, um mir mein eigenes Exemplar zu sichern – und so ist es nur dem langjährigen Kleine-Zeitung-Abonnement meiner Großeltern zu verdanken, dass ich dieses Cover heute auch vorzeigen kann.

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