Es schwingt, doch streckenweise ohne mich

Recht spät auf, gemütlich gefrühstückt. Heute mal landeinwärts, beschließe ich spontan. Noch Geld abgheoben. Bei der Kamera ist die Batterie alle. Shit aber auch.

Trotzdem Bus geboardet & der Leidensweg beginnt. Das liegt an einer 5-köpfigen deutschen Familie, die sich benimmt, als hätten sie die Insel gekauft. Dazu die wunderbaren Meldungen. “Jetzt schaut’s einmal aus dem Fenster, damit ihr zu Haus auch was zu erzählen habt!”

In meinen Fenstersitz zurückgeschrumpft & dabei komische Stiche an den Armen entdeckt. Sieht nach Spinne aus. Kaum habe ich sie gesehen, fangen sie auch schon zu jucken an.

In Mogan herumspaziert, sympathisch normales spanisches Dorf, fast touristenfrei. Nach einer langen Runde um die Peripherie (im Tal Richtung Meer wird gebaut wie verrückt); im Supermarkt Film & Melone gekauft. Dann Durst – leeres Touristencafe am Platzl; volle Einheimischen-Bar an der Straße, beides nicht mein Ding, zum Glück entdecke ich ein drittes: Gartencafe mit altersmäßig & geschlechtlich gemischten Besuchern. Kaffee und Wasser bestellt. Wahrscheinlich sollte ich das nächste Mal einen Milchkaffee bestellen, der kommt dann wohl wirklich schwarz.

Tagebuch nachgetragen während Millionen von Fliegen auf mir herumkrabbeln – an mir kann’s nicht liegen, ich bin geduscht. Der nächste Windstoss weht ein Blatt in meinen Kafee. Irgendwie nicht mein Tag heute.

Da kommt die weißhaarige Frau aus der Badebucht; angenehmes, stilles Zunicken, sie setzt sich hin & liest in einem Buch.

Dieser Tisch mit den Sonnenflecken, die durchs Blätterdach fallen, dazu der Blick die Straße entlang. erinnert mich an etwas, aber ich komm nicht drauf, was es ist. Halb zufrieden durch etwas, was nicht jetzt ist, aber durch das jetzt angesprochen wird.

Drüben an der Busstation staut es sich schon vor Leuten. Auch die deutsche Familie ist schon wieder da. Seufz.

An der dreieckigen Kreuzung steht ein Typ in Uniform mit Trillerpfeife und regelt den Verkehr – oder tut doch zumindest so als ob, denn um seine Signale schert sich keiner.

Eine Gruppe Radfahrer in blau-gelben Dressen, sieht aus wie ein professionelles Renn-Team, kommt die bergstraße herauf, dahinter ein Verfolgerwagen.

Die Strandfrau geht rüber in die Bar, telefoniert dann und trifft auf dem Rückweg einen offenbar Bekannten, mit dem sie plaudert.

Die Radfahrer bleiben an der Kreuzung stehen, halten Kriegsrat, dann steigen 4 wieder auf die Räder – der Rest in ein Auto. Der Bus kommt. Ich bleibe noch sitzen, schaue den Einsteigenden beim Kampf um die besten Plätze zu; erst 3 vor 2 rufe ich den Kellner zum Zahlen & steige auch ein.

Wieder versuche ich, in den Polstern zu verschwinden, und unterwegs denke ich, dass es zu den besten Momenten in meinem Leben gehört, irgendwo zu sitzen, wo mich keiner kennt, und einfach nur zu registrieren, was um mich geschieht.

Und ein Stück weiter Richtung Strand denke ich, dass das doch ziemlich seltsam ist & dass vielleicht die Deutschen, die ihren Sohn mit “Stell dir vor, was die Oma sagt, wenn sie fragt, was du gesehen hast, und du musst sagen: Nichts” hinter seinem Gameboy hervorzulocken versuchen, möglicherweise doch die normaleren sind.

Die fünf steigen in Puerto Mogan aus & werden ersetzt durch ein mittelaltes Schweizer Ehepaar, dessen frecher Teeangersohn mit der Videokamera in der Hand auf jeden einzelnen Zeh im ganzen Bus trampelt. Dazu ein schwedisches Rentnerpaar, dessen weibliche Hälfte jede Kurve mit einem Todesschrei zur Kenntnis nimmt.

Endlich erreichen wir die Haltestelle meiner Playa, ich steige als einzige aus & spüre ziemlich viele Augenpaare stichelnd im Rücken. Drehe mich um und winke freundlich, worauf sich die ganze Partie wie auf Kommando von den fenstern wegdreht.

Heiß & staubig ist es, und unten, wie samstags zu erwarten, die Hölle los. So what. Ein bescheidenes Plätzchen gesucht & erstmal ab ins Wasser, obwohl die Wellen verdammt hoch sind. Sonne und Sonne und Sonne. Längst wär’s vernünftig, den Schatten zu suchen, aber ich bringe es nicht über mich. Genieße. Dazwischen mehrmals eingetaucht. Strandwandern lohnt nicht; zu viele Leute.

Träge die diversen Cuts & Stiche auf meiner Haut in Augenschein genommen & als Beweise fürs wirkliche Leben abgelegt. Melone genossen. Zum Abschluss noch ein ausführlicherer Schwimmausflug. Rückweg durch die Brecher haarig, aber ungefährlich (mein Meer spricht zu mir).

Noch getrocknet & auf den Rückweg gemacht, wollt ich zwar noch nicht, aber die vielen Leute fressen die Magie des Platzes weg & das stört mich.

Nach Busfahrt frisches Brot, Orangen, Joghurt geholt. Geduscht. Festmahl auf dem Balkon, eine Weile gelesen, dann ins Dorf runter spaziert.

Auf dem trennenden Highway (links Touristen, rechts Einheimische) flaniert, über den Schiffsfriedhof (der eigentlich eine Werft ist, aber viel idyllischer aussieht) an der Mole entlang, die Boote bewundert. Besonders die “Thunder of Southampton”, ein wunderschön elegantes Holzboot. Ganz langsam bis nach vor zum Grünblinkleuchtturm, eine Runde ums Hotel & auf einen Drink ins Casablanca.

Vorne promenieren Urlauber & Residents, am Nebentisch erzählt ein schwedischer Segler “There I was…”-Geschichten. Obwohl ich mich ganz ausgzeiechnet fühle, scheint es irgendwie “falsch” zu sein, hier allein zu sitzen. Als würde ich als einzelne die Harmonie stören.

Auf dem Heimweg plötzlich Musik, ziemlich laut. Neugierig geworden & nachgesehen. Im Casa Verde steht einer mit Gitarre & Stimme ganz allein auf einer Bühne – der rest des Dire-Straits-Songs kommt aus der Konserve. Rührend, die einsame Gestalt hinter dem Mikro; er spielt ziemlich gut & ich bleibe ein bisschen stehen im Schatten der Büsche & höre zu; das Lokal so gut wie leer, das könnte sich noch ändern: ist ja noch früh.

Ich hab für heute genug gesehen, geh heim & lese noch ein bisschen. Dann schlafen.

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