Graz, kurz, zwischen zwei Terminen

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Anfangs geht es nach Gösting. Dort gibt es wenig zu erinnern, und der Kopf ist ohnehin voll mit der bevorstehenden Aufgabe. Nur ein flüchtiges Bild, aus dem Bus. Das könnte das Geschäft gewesen sein. Vielleicht. Es ist alles da, der Bach ist da, die Stufen sind da, die Tür ist da, das Tor ist da, der Hof ist da. Nur das Geschäft ist natürlich nicht mehr da, das Schild nicht und die Eisfahne nicht und die Leut’, die schon gar nicht. Vielleicht war es tatsächlich dieses Haus. Vielleicht aber auch nicht.

Viele Worte und ein paar Fotos später, ein Stündchen und ein halbes bis zum nächsten Termin. Der Busfahrer hat Spass daran, einer Ortsfremden (Ha!) den besten Öffi-Weg in die Innenstadt zu erklären. Roseggerhaus ist meine beste Option, und von dort hätt’ mir niemand erklären müssen, wie ich zum Hauptplatz komm, aber weil er so nett ist, hör ich halt fertig zu.

Vorbei am Kunsthaus-Knubbel über die Mur, da hängen plötzlich Liebesschlösser. Unglaublich viele. Schön, dass sich die Leut so lieb haben, aber seit wann heißt die Brücke denn “Hauptbrücke”? Hieß die nicht früher anders?

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Durch die enge Gasse auf den Hauptplatz, und dann die Sporgasse hoch. 40 Minuten hab ich noch, und das bringt mir ein Süppchen.

sueppchenDie freie Verfügbarkeit der früher heiß umkämpften Fenstersitze lässt mich sogar das Raucherzimmer links liegen lassen. Für das Sonntagsfrühstück hier hab ich früher die haleb Woche von Wasser und Brot gelebt. Es war irgendwie wichtig. Frühstück gäb’s heute auch noch, bis 15 Uhr.

Dann nur noch die Sporgasse hoch, vor der Paula rechts, quer durch den Stadtpark, und schon habe ich mein zweites Tagesziel erreicht. Das schreibt sich so leicht und dauert auch nur 12 Minuten, laut Google-Navigation. Wenn man aber links und rechts und oben und unten zwischen Erinnerung und Neuheit hin- und hergerissen wird, dauert es etwas länger.

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Ich werd mich bemühen! Aber es ist halt nicht immer alles einfach, 25 jahre später. Da klingt eine Gitarre, genau von dort, wo Straßensänger schon immer gesessen sind. Aber es ist ein östlich angehauchtes Volkslied, kein Rock. Da kichern ein paar Punkige, die sind so jung. Viel zu jung. Der rostige Nagel, Grund und heimlicher Star dieser Geschichte, steht jedenfalls noch. Schöner ist er nicht geworden. Und gegenüber, im Pavillon, kreist eine Weinflasche zwischen drei Gestalten, von denen eine definitv nicht Gitarre spielen kann. Das immerhin ist so, wie es immer schon war.

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Nach meinem zweiten Termin cruise ich durch die Gassen und wundere mich, wie aufwands- und absichtslos mich die kartenlose Navigation zurück zum Lebensstrang der Herrengasse führt. Unterwegs lebhaftes Kunstleben.

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In der Herrengasse verhüllte Heiligenfiguren. Ich frage mich (leise und innerlich ob der politischen Inkorrektheit), ob die Grazer Katholen vielleicht von den Taliban unterwandert sind.

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Ob unter dem gelben Mantel heilige Damen oder Herren stecken, erinnere ich allerdings nicht. Stattdessen erinnere ich den Sheriff, der auf den Kirchenstufen gern Gitarre gespielt hat, ganz und gar unheilig. Und ein paar Meter weiter geht es ja auch schon wieder viel fleischeslustiger zu.

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Ich hätte jemand anrufen können, aus den alten Zeiten, zum Kaffee- oder Biertrinken. Einen oder zwei Züge später fahren. Mal eben Erinnerungen abgleichen. Aber da sind noch zwei Artikel, die geschrieben werden sollen, da ist die Sache mit der verlorenen Spontanität, und wer weiß, ob es die alten Telefonnummern überhaupt noch gibt. Ob die Erinnerungen überhaupt abgeglichen werden wollen.

Dieses Graz ist ganz nett gblieben, denke ich jedenfalls. Die Fußgängerzone, die hat zwar, wie der Herr Sufi andernorts nicht müde wird zu betonen, auch zum Großteil die gleichen Geschäfte wie alle anderen in Mitteleuropa. aber sie fügen sich besser ein. Schreien ihre Werbung nicht so grellbunt hinaus. Vielleicht eine Vorgabe der Stadt? Jedenfalls ist es noch ganz deutlich Graz, nicht irgendwo. Und dann gibt es ja noch die Häuser, die sich nicht besonders verändert haben.

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Sauberer irgendwie, alles wirkt sauberer als damals in dieser Stadt, das würd mir auf die Nerven gehen, müsste ich hier wohnen, aber ich muss ja nicht.

Was, nur noch eine halbe Stunde bis zu meinem Zug? Da hilft nur: Musik an und ab in die Straßenbahn. Dass das altehrwürdige Annenhofkino ein großes UCI-Schild vor sich herträgt, versuche ich zu übersehen. Die neue Straßenbahnstation am Hauptbahnhof wirkt recht gelungen, nur verstellt sie den Blick auf die wunderbare Riesenuhr. Aber von innen finde ich den Bahnhof nach wie künstlerisch wertvoll.

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Am Bahnsteig serviert mir die Zufallsfunktion des MP3-Players dieses:

Das hat mir grade noch gefehlt.

Dass ich im Zug dann vor lauter Arbeitsamkeit mein traditionelles Semmeringbier verpasse, sagt mir, dass ich mich mindestens ebenso sehr verändert habe wie diese Stadt. Ob es mir nun gefällt oder nicht. Das Leben bleibt anders.

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