..etwas sagen. Obwohl es natürlich schwierig ist, zu einer Sache wie Winnenden überhaupt irgendwas zu sagen. Allein schon deshalb, weil alles, was man sagt, entweder irgendwie zynisch oder künstlich weinerlich mitbetroffen klingt. Übrigens ein Wort, dass mir schon wieder viel zu oft von den viel zu falschen Leuten zu Ohren gekommen ist. Betroffen sind nun Mal (und das gilt jetzt nicht nur für diese tragische Geschichte, sondern auch für viele andere tragische Geschichten), betroffen sind nun Mal nur die Betroffenen. Zu behaupten, ich wäre betroffen, wäre nicht nur gelogen, sondern auch vermessen – mein Gefühl ist, dass jeder, der sich von einer solchen Tat betroffen gibt, obwohl er es nicht ist, den tatsächlich Betroffenen etwas sehr Persönliches wegnimmt.

Betroffen bin ich also nicht. Ich bin schockiert. Ich bin entsetzt. Ich bin verblüfft. Aber ich bin nicht betroffen. Glücklicherweise bin ich nicht betroffen.

Schockiert, entsetzt und verblüfft bin ich, weil ich mir das einfach nicht vorstellen kann, Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand eine Waffe nimmt und hinausgeht und losschießt. Auf Menschen schießt. Ich kann mir nicht vorstellen, das zu tun, und ich kann mir nicht einmal vorstellen, wie es jemand anders tut. Da ist ein Loch in meiner ansonsten ausgezeichnet entwickelten Vorstellungskraft. Ich hab das versucht, nicht aktuell, aber zu anderen Gelegenheiten, wenn ich zum Beispiel gedacht habe, es wäre ja vielleicht interessant, eine Geschichte über einen skrupellosen Mörder zu schreiben. Ich schaff’s nicht. Ich komm nicht rein, in so ein Gehirn, auch wenn ich mich bemühe.

Ich komm nicht rein, obwohl ich auch ganz gern Mal mit der Maus ein paar bedrohliche Gestalten abknalle, egal, ob das Pixelblut nun rot oder grün ist. Ich komm nicht rein, obwohl ich durchaus schon reale Waffen in der Hand hatte und Spass daran, in die schwarze Mitte der Zielscheibe zu treffen. (Der Knall, der Schlag im Handgelenk – sattes Gefühl!) Ich komm nicht rein, obwohl es durchaus Zeiten in meinem Leben gegeben hat, wo ich mit allen angeblichen psychologischen und sozialen Voraussetzungen geschlagen war.

Aber eine tatsächliche Waffe auf einen tatsächlichen Menschen zu richten und dann abzudrücken, das ist mir einfach nicht vorstellbar. Nicht einmal dann, wenn ich mir im Fadenkreuz jemand grundbösen oder grundverachtenswerten imaginiere. Ganz ehrlich gesagt: Nicht einmal Hitler. (Außer natürlich, er erscheint gepixelt vor meinem Pixel-Fadenkreuz.) Nicht einmal dann, wenn ich dort an die Zielscheibe jemanden hinstelle, der mich ganz persönlich extrem verletzt hat. Sorry. Es geht einfach nicht.

Was also soll man verbieten?
Waffen. Waffen zu verbieten, wäre sicher ein Fortschritt. Ich meine, wenn jemand, der auf diese Art und Weise ausflippt, keine Pistole zur Hand hat, was würde er tun? Wie viele “Feinde” könnte er (oder sie) mit einem Messer niedermetzeln, bevor ihm jemand ein Stück Holz über den Kopf zieht? – Ohne Schusswaffen kein Massenmord. Also weg mit den Waffen! – Andererseits, wer wirklich will, kriegt Waffen, auch wenn sie verboten sind. Aber immerhin, keine verfügbaren Schusswaffen: Das verhindert plötzliche, unüberlegte Ausbrüche.

“Killerspiele”. Ich weiß nicht. Ich glaube nicht. Ich bin schon reichlich oft bei Ego-Shooter-Parties mitten mit dabei gewesen. Man hilft sich mit der Technik, man veranstaltet ein Pixel-Gemetzel auf dem Schirm, man beschimpft einander heftigst – und fragt nach vollbrachtem Pixel-Blutbad “Gemma auf a Bier?” – Auch wenn’s für nicht-Beteiligte vielleicht seltsam klingt, das ist eine höchst soziale Angelegenheit. Nicht viel anders als Preis-Schnapsen, es macht nur mehr Spass. – Nicht auszuschließen ist allerdings, dass solche Spiele jemanden, der schon “an der Kante” steht, über den Rand treiben… aber die Ursache sind sie sicher nicht.

Drogen. Sind eh verboten. Und außerdem viel eher an Selbstzerstörung als an Massakern schuld.

Mobbing. Ist eh verboten. Hat’s außerdem schon immer gegeben, wenn auch nicht unter diesem Namen. Menschen sind grausam, Kinder besonders. Meistens so lange, bis es sich einmal gegen sie selbst wendet. Klar, die Welt wär besser ohne, aber loswerden werden wir’s wohl nicht.