Im Fitnesscenter (jaja)

Als ich heute so friedlich trabend auf dem Cross-Trainer stand, bereits am Abkühlen, Schweiß am Trocknen, hörte ich eine Stimme. “Hopp hopp hopp!” – Ich fühlte mich erst nicht angesprochen, es war voll wie immer montags, Geräusche und Gespräche aus allen Richtungen, aber der Stimmeninhaber trat von links in mein Blickfeld und übertönte jovial mein Hörbuch. “So wird das aber nix mit der Traumfigur. Schneller treten!”

Ich war erst Mal verblüfft, noch nie hat mich hier jemand angesprochen, höchstens angelächelt, und auch das nur im Frauenraum, wenn sich Blicke ungewollt und unerwartet im Spiegel trafen. Ich schaute auf das kurze, kugelrunde Männchen, dem die Stimme gehörte, versuchte, es wegzublinzeln, konnte mich aber dem auffordernden Blick nicht entziehen, ohne das Treten vorzeitig abzubrechen. Ungewöhnlicherweise fiel mir eine schlagfertige Gegenfrage ein. “Warum sollte ich mich für deine Traumfigur interessieren?” – Das erwirkte eine seltsame Mischung aus überraschtem Brauenhochziehen und gewolltem Grinsen in seinem Gesicht, aber er erholte sich schnell. “Mit Größe 46 kriegst jedenfalls keinen Mann.”

Die doppelte Fehleinschätzung schmerzte zwar, was mich nach einem Moment des Nachdenkens viel mehr schmerzte, war mein dringendes Bedürfnis, sie zu korrigieren. Anders ausgedrückt: Wäre ich nicht etwas außer Atem gewesen, hätte ich sofort erklären müssen, dass ich
a) Größe 42, nur selten obenrum 44 trage, und
b) bereits einen wunderbaren Mann habe, vielenherzlichendank.

Zum Glück für mein späteres Selbstbewusstsein fehlte die Luft zum sofortigen Widerspruch, der Moment des Sauerstoffsparens geriet zur Nachdenkphase, und ich antwortete schließlich betont lässig (aber durchaus wahrheitsgemäß): “Ich bin nicht zum Abnehmen hier, sondern für die Ausdauer.” – “Jaja”, grinste er, “wird schon” und legte einen Flyer über mein Display, auf dem ein Schlankheitsmittel beworben war, dessen Namen ich auch in meinem Email-Spam regelmäßig lese. Mit einem ekelhaft anzüglichen Zwinkern trat er den Rückzug an, offenbar um sich ein neues Opfer zu suchen.

Die restlichen 2,5min Countdown auf der Maschine waren begleitet von multiplen WTFs in meinem Kopf. WTF wie in “WTF bildet der Typ sich ein”, “WTF hat das mit mir zu tun”, und sogar “WTF mach ich eigentlich hier?”

Zumindest letzteres kann ich mir, geduscht und abgekühlt, eindeutig und zweifelsfrei beantworten: Ich will nächsten Sommer keine 3 Tage Muskelkater mehr kriegen, falls ich wieder in die Lage kommen sollte, 500 Meter rudern zu müssen (oder zu wollen). Ich will nicht mehr schweißgebadet und außer Atem sein, nur weil ich 100 Meter zur Straßenbahn sprinte. Ich will meinen Zwei-Wochen-Urlaub-Rucksack wieder nach Hause in den 4. Stock tragen können, ohne dass ich auf jeder Etage kniezitternd und schnaufend Pause mache. Das sind die drei Gründe, warum ich mich im Fitnessstudio angemeldet habe (na schön, wenn sich dabei das eine oder andere Kilo verabschiedet oder in ansehnlichere Regionen verschiebt, hätte ich nichts dagegen, aber Abnehmen allein wär keine Motivation), und entgegen meinen Erwartungen läuft es bisher ziemlich gut. Mein Körper nimmt die tägliche Bewegung überrascht, aber wohlwollend zur Kenntnis, und obwohl der Entschluss (und der Vertrag) noch kein ganzes Monat alt ist, fehlt mir etwas, wenn der grausame Arbeitsalltag mir diese körperlichen 90 Minuten verwehrt. Aber die innere Erfahrung der neuen Körperlichkeit wär eigentlich Stoff für einen ganz eigenen Eintrag.

Zum Glück für mich und das Fitnesstudio war die Tante an der Rezeption sofort ganz Ohr, als ich ihr von dem unverschämten Eindringling erzählte. “Was, der hat doch längst Hausverbot!” schimpfte sie und griff nach dem Telefon, um die Security auf den Giftzwerg anzusetzen. Gut so; jede andere Reaktion hätte mich wahrscheinlich für immer vertrieben.

Zum Nachdenken blieb trotzdem reichlich Stoff, zB:

Warum, wie, und aus welcher seltsamen Geisteshaltung heraus fällt es einem wildfremden Menschen ein, ein Urteil über meinen Körper abzugeben? – Seine Motivation ist klar, er will sein Mittelchen verkaufen. Warum aber glaubt er, selbst mit einer Rundlichkeit weit jenseits der Norm ausgestattet, mir (oder jeder anderen Frau jenseits von Größe 36) mit zwei, drei unverschämten Sätzen einen Bedarf nach einem künstlichen und vermutlich gesundheitsschädlichen Schlankmacher vermitteln zu können? Warum (und das ist jetzt ein bewusst naives Warum) glaubt er, voraussetzen zu können, dass ich an einem angeblichen Normkörper interessiert sein könnte?

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Auf einer anderen Ebene ähnlich meine Erfahrung mit Chello, die mir seit Monaten einen Umstieg auf Digital-TV schmackhaft machen wollen. Das aktuelle Angebot ist unverschämt günstig, also rief ich die angegebene Nummer an, um “ja” zu sagen. Den angebotenen Techniker (kostenpflichtig) lehnte ich ab und entschied mich für die zugeschickte Selbstinstallations-Variante. Antwort in der Auftragsannahme: “Na, haben Sie wenigstens einen Freund, der Ihnen beim Installieren helfen kann?”

Es ist übrigens, das sei auch einmal ganz deutlich angemerkt, ein durch und durch schönes Gefühl, einen Sufi zu “haben”, der zum Bericht des Telefonats herzlichst lacht und anmerkt: “Du hättest sagen sollen, ‘wenn ich ihm genau sage, was er wo anstecken soll, dann wird es schon klappen’.” Herzerfrischend, aber gesellschaftlich leider wenig relevant.

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This article was written by Andrea

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