Kubanischer Alptraum

Die folgende Geschichte habe ich 2002 verfasst, für irgendeinen Wettbewerb, wenn ich mich recht entsinne. Sie ist natürlich deutlich überhöht, Ähnlichkeiten zu tatsächlich stattgefundenen Ereignissen sind allerdings durchaus beabsichtigt und keineswegs zufällig.

Nach einem traumatischen Erlebnis in frühester Kindheit war es mir fast 30 Jahre lang gelungen, mich von Großhotels aller Art fern zu halten. Aber jeden von uns holt irgendwann das Schicksal ein. Mich erwischte es in Form eines Leihwagens, der nach zwei Wochen kreuz und quer durch Kuba beschloss, das sei genug, und mit einem entschlossenen metallischen Seufzer jegliche weitere Zusammenarbeit verweigerte.

Das kann schon einmal passieren. Das ist normalerweise nicht weiter schlimm. Mein Reisepartner und ich suchten ein Telefon, fanden es im örtlichen Tourismusinformationsbüro, und der Mann am anderen Ende versprach uns unter heftigen Sprachverrenkungen, für Ersatz zu sorgen, und zwar gleich morgen früh. Wir seufzten, schulterten die Rucksäcke und machten uns auf Quartiersuche.
Vielleicht hätten wir misstrauisch werden sollen, als der Beamte im Informationsbüro auf unsere Frage nach einer netten kleinen Pension nur ungläubig den Kopf schüttelte. “Sie befinden sich in Guardalavaca”, sagte er in einwandfreiem Deutsch, “Die Hotels sind am Strand.” Naiv und kommunismusgeschult wie wir mittlerweile waren, dachten wir allerdings nur, dass der Mann, der sein Geld von der staatlichen Tourismusindustrie bekam, die Gäste auch in einem staatlichen Hotel aufgehoben sehen wollte.

Es war zwei Tage vor Weihnachten. Es war sehr heiß. Die Luftfeuchtigkeit hätte jeder Kaulquappe ermöglicht, ihr Leben beschwerdefrei an Land zu verbringen. Erfolglos stapften wir von Tür zu Tür, über beinahe zerfließende Asphaltstraßen und später den angeblich schönsten Strand Kubas entlang. Wir versicherten uns gegenseitig, schon Schlimmeres erlebt zu haben, und weigerten uns noch nach dem zehnten abschlägigen Bescheid, die Hotels auch nur in Betracht zu ziehen.

Etliche Stunden begannen wir, das wahre Ausmaß der Katastrophe zu erahnen. Völlig schweißnass ließen wir uns in einem Strandcafe von einem deutschsprachigen Kellner ein deutsches Bier servieren, während ein einsamer Gitarrero auf der Terrasse auf deutsch das Che-Guevara Lied sang. Privatquartiere gab es nicht.

Einhundertundachtzig amerikanische Dollar für eine Nacht im Luxuskasten. Das war der Standardpreis im ganzen Ort, daran war nicht zu rütteln. Alles inklusive, versteht sich. Wir suchten nach Alternativen: Ein Bus in den nächsten Ort? Täglich um 8 Uhr früh. Ein Schiff vielleicht? Nur für Rundfahrten. Ob wir einen Helikopter mieten wollten, fragte der Kellner schließlich dienstbeflissen. Er könne das gerne für uns arrangieren.

Nach kurzem Blick in die Geldbörsen mussten wir uns leider gegen diese höchst verlockende Möglichkeit entscheiden. Wieder schulterten wir unsere Rucksäcke und schleppten sie und uns in das Hotel, das nicht ganz so deutsch aussah wie alle anderen. Es war voller Deutscher.

Wir versuchten vergeblich, uns gegen die neonfarbenen Armbänder zu wehren, die man uns zusammen mit dem Zimmerschlüssel aushändigte. Ohne Neonarmband kein Essen, keine Getränke, kein Swimmingpool, kein Friseur und – natürlich – kein Zutritt zum Hotel. Falls man es denn schaffen sollte, das Hotel jemals wieder zu verlassen. An allen Ausgängen standen freundlich aber bestimmt Kubaner, die einen darauf aufmerksam machten, dass man alles, was es draußen gab, auch im Hotel haben konnte. Ganz ungefährlich und ohne dafür extra zu bezahlen. Alles inklusive. Jegliche Kommunikation erfolgte auch hier in deutscher Sprache, das versteht sich von selbst.

Wir retteten uns in einen gewissen Galgenhumor. Zappten ungläubig durch die 30 größtenteils deutschen Fernsehkanäle. Ich packte sofort alle Shampoo-, Duschgel- und Hautcremefläschchen ein, die im Bad herumstanden. Das ist sonst nicht meine Art und nur eine klägliche Art der Rache am Tourismusgeschäft, aber in dieser Situation schien es seltsam befriedigend. Die Handtücher ließ ich nur deshalb liegen, weil es zu mühsam erschien, sie für die nächsten zwei Wochen mit herumzuschleppen.

Der Balkon hatte einen wunderschönen Blick aufs Meer. Vielmehr hätte er einen wunderschönen Meerblick gehabt, wäre nicht zwischen Meer und Hotel ein riesiger Swimmingpool gewesen, an dessen Rand sich unermüdlich Touristengruppen mit ihren Animateuren abstrampelten. Wir beschlossen, das als Gratislektion in angewandter Soziologie zu betrachten, und versuchten, ein paar Drinks aufs Zimmer zu bestellen, um diese Lektion möglichst inspiriert zu studieren. Das erwies sich jedoch als nicht vorgesehen, schließlich waren alle Getränke gratis, da wäre es doch nicht zuviel verlangt, dass man sie sich selbst hole? In Kuba kann man normalerweise über alles reden – aber in Deutschland geschulte Tourismusfachkräfte sind unerbittlich. Zum Glück fand sich im Rucksack meines Reisebegleiters noch eine halbe Flasche Rum, zu der ich leicht verdrückte Limonen und eine Flasche Sodawasser beisteuern konnte.

Schon gegen Ende des zweiten Zahnputzglases mit improvisiertem Daiquiri begann der Lerneffekt zu verblassen. Stattdessen lachten wir viel. Gegen Ende des dritten Glases fragte der Balkonnachbar an, was denn so komisch wäre. Haltlos kichernd zeigten wir auf eine Gruppe von Pensionisten, die sich vor dem Swimmingpool damit abmühten, die geschmeidigen Bewegungen eines Sambatänzers nachzuahmen. Nicht jeder wäre eben für die südamerikanische Lebensart geeignet, meinte unser Nachbar humorlos, er habe sich auch bemüht, diesen Tanz zu erlernen, und jetzt hätte er dieses Gipsbein. Er habe versucht, sich den Gebräuchen des Urlaubslandes anzunähern, und das hätte er nun davon. Wir lachten so sehr, dass wir beinahe erstickten. Unten drehten sich Köpfe, und die Tänzer gerieten aus dem Takt. Der Nachbar verschwand kopfschüttelnd.

Wir ließen Limonen und Wasser weg und tranken den Rest des Rums pur. Es konnte nur besser werden. Als die Flasche leer war, warteten wir auf eine Pause in der Animationsgruppe und nutzten sie, als sie endlich kam, um laut, falsch und mit Begeisterung das Che-Guevara-Lied hinunterzuschmettern. Auf spanisch. Das brachte lachende Gesichter und begeisterten Beifall, allerdings nur vom Sambavortänzer und vom Barpersonal. Die Animierten dagegen murrten und schüttelten die Köpfe.

Schämen sollten wir uns, schimpfte eine unvermittelt auf einem anderen Balkon aufgetauchte Oma mit Berliner Akzent, die armen unterdrückten Kubaner mit diesem kommunistischem Gebrüll zu beleidigen. Ob wir denn gar kein Fingerspitzengefühl hätten im Umgang mit einem fremden Land? Unseren Einwand, wir wären schon ein bisschen herumgekommen und hätten den einen oder anderen Kubaner recht begeistert über sein Land im allgemeinen und Che Guevara im Besonderen reden hören, wischte sie souverän vom Tisch: Sie komme schon seit sieben Jahren regelmäßig hierher und wisse, wovon sie rede. Wo sie denn überall gewesen wäre in diesen sieben Jahren, wollten wir wissen. Nun, immer in diesem Hotel, ein besseres könne sie sich nicht vorstellen. Wir warteten etwa zehn Sekunden lang auf die Pointe, dann erkannten wir, dass es gar kein Scherz war. Ich lachte los, mein Reisebegleiter murmelte etwas wie: “Oh, wir haben eine echte Expertin kennengelernt!” dann lachte er auch. Die Oma drohte uns elegant mit dem flugs entwurzelten Sonnenschirm, was durchaus für die ganzheitliche Wirkung eines regelmäßigen Aktivurlaubs spricht.

Ein strategischer Rückzug ins Zimmer schien angebracht. Ein Glück, wie sich zeigte, denn nur so bemerkten wir, dass es bereits 20 Uhr war. Abendessen gab es nach mitteleuropäischer Art bis um 20:30. Wir schütteten uns ein paar handvoll kalten Wassers ins Gesicht und versuchten, möglichst unauffällig zum Speisesaal zu gelangen. Während wir ans Geländer geklammert die spiegelglatte Marmortreppe ins Untergeschoss meisterten, wunderten wir uns über verzweifelt klingende spitze Schreie.

Am Fuße der Treppe hing ein großes Transparent, das in roten Lettern verkündete: “Heute Asien-Abend”. Zur Unterhaltung des nicht-zahlenden Publikums hatte man am Eingang des Speisesaals ein paar Matten aufgelegt, auf denen sich Vorzeige-Asiaten in fernöstlichen Kampfsportarten übten. Daher die Schreie. Obwohl ich selbst nie über den gelben Gürtel hinausgekommen bin, konnte ich sehen, dass es sich um hoffnungslose Stümper handelte. Ich warf meinem Begleiter die Jacke zu und konnte drei der Kämpfer aufs Kreuz legen, bevor mich ein vierter von hinten erwischte und in einen ganz und gar unasiatischen Schwitzkasten nahm. “Wir nicht machen Karate hier!” flüsterte er angestrengt in mein Ohr, “Wir machen Show!” – “Bis jetzt vielleicht” antwortete ich halblaut und ließ ihn gekonnt über meine Schulter auf die Matte klatschen. Das Publikum applaudierte. Ich stand alleine in der Mitte der improvisierten Arena und wippte in den Knien wie Oliver Kahn im Tor. Ein Manager im schwarzen Anzug näherte sich. Er kam auf mich zu und schüttelte meine Hand, was ich geistesgegenwärtig dazu benutzte, ihn auch noch aufs Kreuz zu legen. Er rappelte sich auf und versuchte, sein schmerzverzerrtes Gesicht unter einem Grinsen zu tarnen. “Darf ich ihnen vorstellen” sagte er zum Publikum gewandt und eifrig darauf bedacht, den Abstand zwischen mir und ihm nicht unter zwei Meter schrumpfen zu lassen, “unser Special Guest heute Abend, Miss Werfende Amazone!”. Ein tosender Applaus folgte, und der Manager nutzte die Gelegenheit um mir flüsternd zu erklären, dass er mich verhaften lassen würde, wenn ich nicht sofort verschwände. Ich hatte keine Lust auf ein kubanisches Gefängnis und verschwand. Es war ohnehin Zeit zum Abendessen.

Ich schaute mich nach meinem Begleiter um, konnte ihn jedoch vorerst nirgends entdecken. Um möglichst viel von dem teuren Aufenthalt zu haben, nahm ich mir am Anfang des Buffet-Marathons gleich zwei Teller und versuchte, sie gleichmäßig zu füllen. Während ich noch überlegte, was denn das asiatische an den gegrillten Geierherzen sei und ob sie geschmacklich neben dem gebratenen Hammelrücken nicht völlig untergehen würden, entdeckte ich meinen Begleiter, der hinten in der Grill-Abteilung einem arabisch geschminkten Kubaner zu erklären versuchte, wie man Grillfleisch richtig zubereitet. Ich umrundete die welke Salat-Bar und kam gerade noch rechtzeitig, um das Fazit der Unterhaltung zu hören. “Wir haben keinen Chili hier”, sagte der Grillchef, dem in der Hitze die Schminke in das Grillgut tropfte, “die Deutschen essen nicht gern scharf.” – “Aber Asia-Grill muss scharf sein!” – “Nicht wenn die Deutschen essen.” – “Aber ich bin kein Deutscher!” – “Warum sind sie dann hier?”
Das konnten wir auch nicht erklären. Ich half meinem mittlerweile hilflos schluchzenden Reisebegleiter zu einem freien Tisch und teilte meine kulinarische Beute mit ihm. Der eifrig herbeieilende Kellner fragte “Bier?”. Ich nickte ergeben. Mein Begleiter dagegen war noch immer nicht bereit, sich in sein Schicksal zu ergeben. Er wischte sich Tränen ab und bemühte sich um Fassung. “Rum!”, sagte er dann bestimmt, “Fünfzehnjährigen. Pur. Kalt.”

Der Kellner schüttelte entschieden den Kopf. Rum gab es nur an der Bar. Und höchstens siebenjährigen. Fünfzehnjährigen gab es auch, aber den musste man extra bezahlen. Irgendwo hat auch “Alles inklusive” seine Grenzen. Das müsse man doch verstehen?

Man musste nicht. Mein Begleiter überschritt die hauchdünne Grenze zwischen Unglauben und echter Verzweiflung und erhob sich, um eine Rede zu halten. Ob irgendeiner der Anwesenden sich tatsächlich in Kuba wähne, fragte er mit saalfüllender Stimme und traf auf nichts als verwirrtes Schweigen. Dass die meisten Kubaner in ihrem ganzen Leben nicht soviel Essen sehen würden, wie hier an einem einzigen Abend überbliebe, übertrieb er leicht. Warum sie denn für den Aufenthalt in einem Hotel, das sich bemühe, so belanglos wie möglich zu sein, ein Vermögen ausgäben, fragte er die beharrlich schweigende Menge. Schließlich könnten sie dasselbe Essen, dieselbe Animation und einen wesentlich strahlend blauen Swimmingpool auch wenige Kilometer von zu Hause haben?
Ich sah aus dem Augenwinkel den Manager heranschleichen, der mich von weiteren Karate-Heldentaten abgehalten hatte, und versuchte, meinen Begleiter durch Zupfen am Ärmel auf die Gefahr aufmerksam zu machen. Vergeblich. Er war richtig in Fahrt gekommen und kletterte auf den Tisch, damit man ihn auch vom letzten Winkel des Saales aus sehen konnte.

“Ich habe einen Traum”, fuhr er fort und wechselte damit ansatzlos Nation und Zeitalter, “einen Traum, den viele von euch vielleicht für weit hergeholt und utopistisch halten. In meinem Traum reisen die Menschen, um etwas über die Welt zu erfahren. Sie reisen, um zu sehen, wie man anderswo lebt. Sie reisen, weil sie wissen wollen, wie man das Leben außerhalb ihres kleinen vertrauten Lichtkreises verbringt.”

Es gab einen kläglichen Zwischenapplaus vom Tisch eines verwirrt dreinschauenden Ehepaars, vermutlich Lehrer aus irgendeiner Waldorfschule. Der Hotelmanager war bereits sehr nahe gekommen und winkte einige Kellner zu sich. Mein Reisebegleiter war für die Welt verloren. Ich versuchte, mich zwischen ihn und die herannahende Meute zu stellen. Völlig enthemmt fuhr er fort:

“Solange ihr in diesem Hotel bleibt, habt ihr euer eigenes Wohnzimmer gar nicht verlassen. Geht hinaus und redet mit den Leuten. Sie beißen nicht. Sie werden mit euch reden. Es mag euch vielleicht als Wagnis erscheinen, aber es lohnt sich. Glaubt mir! Ihr werdet…” – Er konnte seinen Satz nicht vollenden. Zwei Kellner zerrten ihn vom Tisch. Ich versuchte einzugreifen, doch irgendjemand hielt mich von hinten eisern umklammert. Während sie uns aus dem Speisesaal führten, trat und schlug mein Begleiter wild um sich, was ihm ein blaues Auge einbrachte. Ich dagegen ließ mich widerstandslos hinausbringen. Ich habe ein gutes Gespür dafür, wann ich endgültig verloren habe. Wir hatten spätestens dann verloren, als die Menge im Speisesaal den eingreifenden Kellnern applaudierte.

Zu meiner Überraschung brachten sie uns nicht ins Gefängnis, sondern nur in unser Zimmer zurück. Mein immer noch strampelnder Begleiter wurde durch einen gezielten Fausthieb auf die Schläfe außer Gefecht gesetzt. Ich stellte mich ohnmächtig und entging dadurch weiteren Verletzungen. Man warf uns aufs Bett und ließ uns allein. Ich wartete eine Weile. Der flache Atem meines Begleiters ging langsam in ein zufriedenes Schnarchen über.

Ich war nicht bereit, es dabei bewenden zu lassen. Schließlich hatte ich 180 Dollar für diese Nacht bezahlt und Anspruch auf Unterhaltung. Ich wollte mich zur Tür hinausschleichen, musste jedoch feststellen, dass diese von außen versperrt war. Mit Hilfe zusammengeknoteter Leintücher und Vorhänge gelang es mir, mich zum Swimmingpool hinunterzulassen. Unverletzt angelangt holte ich mir zuerst einmal einen Achtelliter unverdünnten Rum – dreijährig, alles andere wäre aufgefallen – ließ mich am Swimmingpool nieder und sann auf Rache.

Da saß ich nun, den halben Mond vor Augen, der in der ungewohnten Lage mit der Rundung nach unten aussah wie ein Nachttopf ohne Henkel. Das Rudel deutscher Touristen, das hinter mir die Bar leerzutrinken versuchte, hatte dazu seine eigenen Theorien. Die Meinungen reichten von simpler optischer Täuschung bis zu einem prophetischen Zeichen des nahenden Weltuntergangs. Faszinierend.
Wenn ich McGyver wäre, dachte ich, dann wüsste ich, wie ich jetzt zu einer Bombe komme, die den ganzen unseligen Schuppen in Schutt und Asche legt. Stattdessen trank ich langsam meinen Rum leer, und dann noch einen und noch einen, so lange, bis ich beinahe handlungsunfähig war.

Zwei der drei Hotelbars hatten bereits geschlossen und ich war auch schon ziemlich dicht, als sich ein lallender Deutscher unbeholfen auf den Liegestuhl neben meinem warf. “Wunnerbares Land, dieses Kuba”, nuschelte er, “Nur schade dass es keine willigen Weiber gibt hier, ne?” – Ich versuchte, ihm zu erklären, dass es jenseits der Hoteldrehtür jede Menge williger Weiber geben würde, die müssten ja schließlich auch von etwas leben, aber das brachte ihn richtig in Rage. Er hätte einen Freund, erzählte er, mühsam die eigene Sprache meisternd, der wäre im Vorjahr hier gewesen und hätte es probiert. Rauszugehen aus dem Hotel, also, hätte er probiert, der Freund. Und hätte auch gleich, ne, so eine Kubanerin gefunden. Hätte sich wunderbar unterhalten mit der Tante, ne? Und gegessen und gesoffen, und dann irgendwann Filmriss, ne? Und weisse, was passiert ist? – Ich wußte es nicht – Iss am nächsten Tag aufgewacht, am Strand, ne, ohne Brieftasche und mit ‘nem blauen Auge, ne? Scheißland, wo so was passieren kann, ne?

Mit Rücksicht auf meinen wenig kommunikationsfreudigen Zustand verzichtete ich auf einen Kommentar zu dieser wahrlich haarsträubenden Geschichte, etwa dass einem dasselbe auch auf der Reeperbahn passieren könne. Gerade eben hatte ich den Hotelmanager auf der anderen Seite des Pools erblickt. Er hatte mich auch gesehen und versuchte nun, den Pool zu umrunden, um mich zu erreichen, bevor ich weiteren Schaden anrichten konnte. Ich spielte ein Weilchen mit und lief rund um den Pool, sodass immer eine blauschimmernde Wasserfläche zwischen ihm und mir war. Und baden nach zwanzig Uhr war laut Hotelordnung schließlich verboten, ne?

Nach einer Weile gab ich einem dringenden Bedürfnis Ausdruck, zog meinen Rock hoch und pinkelte in hohem Bogen in den Swimmingpool. Das Stehendpinkeln habe ich lange geübt, falls ich eines Tages nach Afrika fahren sollte. Ich bin zwar nie nach Afrika gekommen, aber so war es doch noch zu etwas nütze.

Natürlich gab diese Laufpause dem Hotelmanager die Chance, mich zu erwischen, aber ich war auf der Hut und trat im entscheidenden Moment einen Schritt zur Seite, sodass er mit einem Aufschrei im nun gar nicht mehr sauberen Poolwasser landete. Das soll für heute Abend genügen, dachte ich und kletterte an den Leintüchern hoch in unsere Burg. Vom Balkon aus beobachtete ich, wie man den um sich schlagenden Manager aus dem Pool zog. Trotz seiner verzweifelten Beteuerungen, er sei ein Angestellter dieses Hotels und nicht ein illegal nachtbadender Hotelgast, führte man ihn gnadenlos ab. Ich war sehr zufrieden.

Mein Reisebegleiter drinnen im Zimmer schnarchte immer noch friedlich, und ich legte mich ebenso friedlich dazu, ohne dem Gebrüll unter unserem Balkon weitere Beachtung zu schenken.
Sehr früh am nächsten Morgen klingelte das Zimmertelefon. Unser Ersatzwagen sei jetzt hier, ob wir ihn selber übernehmen wollten oder ob die Rezeption das für uns erledigen sollte?
In Rekordzeit waren wir in unseren Kleidern und mit dem nun leider rumfreien Gepäck auf dem Weg aus dem proklamierten Paradies. Wo wir denn so eilig hinwollten, fragte uns beim Auschecken ein tagesaktueller und daher nichtsahnender Hotelmanager. Nach Santiago, antworteten wir. Entsetzt schlug er die Hände zusammen: Santiago sei gefährlich und völlig ungeeignet für Touristen, sagte er, das sollten wir uns noch einmal sehr gut überlegen, dort könnte man ganz leicht zusammengeschlagen werden – er warf einen vielsagenden Blick auf das blaue Auge meines Begleiters – oder Schlimmeres…

Frühmorgendlich weise lächelten wir nur und verließen Hand in Hand das Kriegsgebiet. Draußen vor der Drehtür wartete Kuba. Alles inklusive.