McGuyvers Kamera

lumix_ft1Etwa eine Woche vor dem Finnlandurlaub* war mir aufgefallen, dass wir derzeit gar keine “Nurso”-Kamera haben. Eine neue musste her.

Eine “Nurso”-Kamera ist – im Gegensatz zur “guten” – eine, die man immer dabeihaben kann, zum Beispiel während man über einen schmalen Felsgrat über dem Meer balanciert. Die wichtigste Eigenschaft einer “Nurso”-Kamera ist, dass man sich, wenn man ausrutscht und im Fallen überlegt, ob man jetzt gleich an Schädelbruch sterben oder doch eher ertrinken wird, nicht auch noch Sorgen um die Kamera machen muss – war ja eh nicht die “gute”.

Die Wahl fiel, nach heftigem Tech-Specs-Studium und ebenso heftigen Preisvergleichen, auf die Panasonic Lumix DMC-FT1. Die ist zwar für eine “Nurso”-Kamera eigentlich zu teuer, dafür aber wasserdicht bis 3m Tauchtiefe und stoßfest nach amerikanischem Militärstandard. Das sollte für alle überlebbaren Eventualitäten genügen. Im Grunde hatte ich mich schon in die blaue verguckt, da überzeugte mich der Herr Sufi, dass orange deutlich besser wäre – das Meer ist schließlich auch blau.

Das kleine Ding macht für eine Kompakte erstaunlich klare, rauscharme** Bilder (Ansicht demnächst im Reiseblog), und das “intelligent Auto” Setting ist mir fast zu treffsicher (ich mags nämlich, wenn ich der Technik überlegen bin). Die Leica-Optik tut ihr übriges – von weit (28mm) bis voll Zoom (128mm) klar bis in die Ecken. Positiv aufgefallen ist mir auch die Farbtreue bei mittleren bis schlechten Lichtverhältnissen. Außerdem kann sie HD-Video, aber das hab ich noch nicht richtig ausprobiert.

Sechs gute Tage lang gewöhnten wir uns aneinander, die Kamera und ich. An negativen Eigenschaften fand ich nur 2: Zum einen ist das Objektiv, da flach und nicht sonderlich abgesetzt, sehr anfällig für Fingertapscher (und die Bilder zeigen dann logischerweise Schlieren) (schon am zweiten Tag wurde es zum Automatismus, vor dem Abdrücken schnell mit dem T-Shirt drüberzuwischen); zum anderen behält man sie, sofern andere Personen in der Nähe sind, nie lange in der Hand (“Was ist denn das?” – “Darf ich Mal?”).

Am siebten Tag dann passierte es. Der Sufi und ich nahmen ein Nightcap am Heck des gut vertäuten Sir Francis. Die Hose, in deren Hinterntasche die Kamera steckte, war etwas eng, ich drehte mich, kam an der Reling an, spürte das kostbare Stück entgleiten, griff noch danach, hörte aber stattdessen ein “Klonk” auf der Achterplattform und ein “Platsch” in der darunterliegenden Ostsee.

Autsch.

Nun bin ich ja nicht sonderlich auf Dinge fixiert, aber die Kamera war erstens so gut wie neu, und zweitens hatte die drinnen steckende Karte 6 Tage unwiederbringlicher Urlaubsfotos drauf. Ich überlegte also nur kurz – skandinavische Nachtkälte hin, leichtes Schwipschen her – bevor ich die Kleider abwarf und einen Rettungsversuch startete. Die Ostsee war, besonders unter Wasser, pechschwarz. Des Sufis Taschenlampe war zwar überraschenderweise wasserfest, leuchtete unter Wasser aber nur so circa 5cm weit. Ich tauchte ein paar Mal und konnte dabei immerhin feststellen, dass der Boden weder schlammig noch algig, sondern felsig war – ein Glück – und dass die Tiefe laut Ohrendruck etwa 3m oder knapp darunter betrug. Nach 10 Minuten gab ich fröstelnd auf. Bei Tageslicht würde man weiter sehen.

Halbherzige Tauchversuche nach dem Frühstück blieben ohne Ergebnis. Der Skipper versuchte, mich schonend darauf vorzubereiten, dass die Kamera, auch wenn wir sie fänden, wohl kaum mehr funktionieren würde. Ich war ganz seiner Meinung. Die Wasserdichte war für eine Stunde garantiert, nicht für knapp 12. Mehr Hoffnung hatte ich für die Speicherkarte. Die Bilder der vergangenen Woche. Also, vorausgesetzt, dass kein Kriechstrom…

Wir gingen die Sache strukturierter an. Ein Stein am Meeesgrund, vom Skipper mit einem Seil am Boot vertäut, sollte bei der Orientierung helfen. Der Sufi teilte, ausgehend vom selbigen und unter Berücksichtigung der wahrscheinlichen Fallkurve (ich hatte die Richtung gesehen), die abzusuchende Fläche in Planquadrate ein. Er fing an. 8 oder 10 vergebliche Tauchversuche später war ich dran.

Ein seltsames Gefühl.

Einerseits war ich ganz sicher, dass die Kamera da war, höchstens eine Armlänge vom Stein entfernt. Außerdem hatte ich sie, im Bett, im Traum, genau liegen gesehen – überzeugt, dass ich sie finden würde, wenn es nur ein wenig Licht gäbe, da unten. Und Licht gab es ja jetzt. Andererseits schien das Unternehmen bei Tageslicht eher hoffnungslos. Und Angst hatte sich auch eingeschlichen, seltsam eigentlich. Weder mitten in der Nacht noch bei den vormittäglichen Versuchen hatte ich Bedenken gehabt, nur jetzt… Aber dann, der Herr Sufi hatte sich so tapfer in die Fluten geworfen, da kann ich doch nicht…

Ich tauchte also nach Planquadrat, sah zwar den Boden, aber nur knapp vor mir, 15cm vielleicht. Das mulmige Gefühl wurde stärker. Ich blieb nicht bis zum Ende der Luft, sondern tauchte vorher auf. Wie aufgeben, ohne den Stolz zu verlieren? Mir fiel nichts ein. Ich tauchte wieder, ohne Gedanken an Planquadrate und Fallkurven, einfach am Seil entlang, öffnete unten die Augen, drehte mich einmal um den Stein mit dem Seil.

Da lag die Kamera. Orange glänzend in der Unterwassersonne.

Ein Moment, von dem es logischerweise kein Foto gibt, was ich aber eh nicht brauche, weil das Bild im Kopf bleibt. Nur ein Griff, 10 cm vor meiner Nase. Und verblüfft damit auftauchen.

Sauber abgespült (auch die Ostsee ist salzig) und trockengetupft wollte ich die Kamera erstmal ordentlich durchtrocknen lassen. Das Argument, dass etwa eingedrungenes Wasser auch jetzt noch die Speicherkarte beschädigen könnte, war aber überzeugend. Ich öffnete also das Karten- und Akku-Fach. Die Dichtung machte leise “pffft” und zeigte leichte Wasserspuren innen. Kontakte von Karte und Akku waren aber trocken. 10 Minuten später waren die Bilder aufs Netbook überspielt, ich zufrieden, und die Kamera hing weitertrocknend in der Sonne.

Allen Ungeldudigen zum Trotz ließ ich noch ein paar Stunden Wind durch die offenen Karten- und Anschluss-Fächer streichen, bevor ich bereit war, einen Funktionstest zu versuchen. Der Skipper war sicher, dass dieses Gerät nie wieder “Klick” machen würde, der Herr Sufi hielt mutig dagegen. Die Skipperin enthielt sich der Stimme. Ich glaubte auch nicht an das Wunder, wettete aber nicht mit. Gegen Abend schließlich setzte ich Akku und Karte wieder ein und drückte den Power-Knopf.

Und, was soll man sagen? Ein fröhliches “Blilip” verkündete grundsätzliche Aufnahmebereitschaft. Ausführliche Tests ergaben, dass sämtliche Funktionen funktionierten. Auch der Rest des Urlaubs wurde nicht nur von der “guten”, sondern auch von der “Nurso”-Kamera festgehalten.

Wow.

Vor dem nächsten Wassereinsatz werde ich aber vorsichtshalber die Dichtungen überprüfen lassen.

* Sortieren und Bearbeiten der Bilder dauert noch ein bisschen, ebenso wie die genauen Fahrtwege… sorry, Herr Sufi!
** Zum Verkauf bei Agenturen reichts zwar ohne Bearbeitung nicht ganz, das kann man in der Klasse aber auch nicht erwarten.

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This article was written by Andrea

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