Mein erstes Hörbuch

Ja, ihr habt richtig gelesen: Bis zum gestrigen Tage ist mir noch kein Hörbuch an meine Ohren gekommen. Das lag vermutlich an meinem tiefen Misstrauen gegen diese neumodische Literaturverwertung – ein Buch hat schließlich aus Buchstaben zu bestehen, wie schon der Name sagt. Außerdem lese ich am liebsten selbst vor, anderen zuhören, das kann manchmal sogar eine Qual sein. Natürlich hatte ich Märchenplatten, damals in meiner Kindheit, aber die waren mit Geräuschen und Musik eher hörspielartig gemacht. Daher: Kein Hörbuch.

Aber Geschenke soll man schätzen, also lud ich gestern, bevor ich in den Zug stieg, den ersten Teil von Tjuvarnas Marknad auf meinen .mp3-Player, und als der Zug losfuhr, drückte ich entschlossen auf “Play”.

Nachdem ich mich auf das mir in gesprochener Form doch eher fremdgewordene Schwedisch eingehört hatte, und nachdem ich dem .mp3-Player die random-Funktion abgewöhnt hatte, fand ich es eigentlich sehr nett. Angenehme Sprecherstimme, nicht zu schnell, nicht zu langsam, nicht zu eintönig und nicht überdramatisiert. Man erzählte mir eine gute Geschichte – und ich konnte gleichzeitig draußen vor dem Fenster nach ersten Frühlingsanzeichen Ausschau halten. Ich fand langsam Gefallen an dem mir bislang so fremden Konzept und hörte begeistert weiter zu.

Nach einer Weile allerdings bemerkte ich, dass mich die Frau am Sitz gegenüber anstarrte. Nicht so direkt, sondern eher aus den Augenwinkeln, aber sehr intensiv. Sie wirkte leicht beunruhigt. Ich schaute an mir herunter, in der Befürchtung, das Ketchup meines Hotdogs wieder einmal über die Kleidung verteilt zu haben – nichts – prüfte im Fenster, ob es vielleicht am Kinn saß – auch nichts – und checkte in weiterer Folge möglichst unauffällig, was denn an mir so unangenehm auffällig sein mochte, dass dieses Starren kein Ende nahm – bis hin zu meiner letzten Vermutung, vielleicht habe ich Hundescheisse an den Schuhen? – Ebenfalls Fehlanzeige.

Die Frau hatte sich, während sie starrte, langsam bis an den Rand ihres Sessels geschoben und wechselte schließlich, beinahe fluchtartig, die Sitzgruppe. Vielleicht lag es ja an ihr und nicht an mir? Ich zuckte die Schultern und genoss die neugewonnene Beinfreiheit, spulte das Hörbuch ein Stück zurück, da ich abgelenkt gewesen war, und ließ weiterhin die Landschaft an mir vorüber und die Geschichte in meine Ohren fließen.

Bis mir plötzlich auffiel, dass ich kicherte. Natürlich kicherte ich, das war nämlich gerade ein ziemlich witziger Satz gewesen, da in dem Hörbuch. Ich fokussierte meine Aufmerksamkeit auf mein Benehmen anstatt auf mein Aussehen und stellte fest, dass ich, ganz so als würde ich einem leibhaftigen Erzähler zuhören, meine Mimik entsprechend der Geschichte änderte, von Stirnrunzeln bei rätselhaften Ereignissen über ein wissendes Mundverziehen bis hin zum Kichern, das der armen verängstigten Frau wohl den Rest gegeben haben musste. Sie hielt mich bestimmt für einen hoffnungslosen Fall aus der Nervenklinik. Bei Stellen, an denen ich der nicht mehr ganz so vertrauten Sprache nicht ganz folgen konnte, ertappte ich mich dabei, mit hängender Unterlippe in die Luft zu starren – vermutlich der grenzdebilste Ausdruck, den jemand mit durchschnittlichem IQ überhaupt im Gesicht haben kann.

Peinlich, höchst peinlich. Ich verwendete die nächsten 10 Minuten darauf, ein Hörbuch-Pokerface zu entwickeln, was mir allerdings etwas den Spass an der Sache nahm. Es dauerte weitere 10 Minuten, bis ich äußere Stoik und inneres Vergnügen unter einen Hut brachte. Ich schätze ich bin jetzt Hörbuch-fit.

Nur das Kichern an den lustigen Stellen, das kann ich mir irgendwie nicht abgewöhnen.