Nach Osten

Im fahrenden Auto eine Flasche Wein zu öffnen und die kreisen zu lassen, im vorliegenden Fall zwischen Fahrer und Beifahrer, also weniger ein Kreis als ein hin und dann wieder her, das entspricht deutlich nicht meinem Alter. Ich meine, so etwas macht man mit 20, mit Begeisterung, oder mit 30, leicht beschämt. Mit 37 macht man so etwas nicht mehr. Eigentlich. Außer.

Bratislava. Auch so ein Fall. Vor 10 Jahren sind alle nach Bratislava gefahren. ich aber nicht. Ich war dort noch nie. Außer eben: vorgestern.

Dabei ist es nicht weit. Ostnordost, autobahnwärts, vorbei am Heidentor und am Spitzerberg und dann über die Grenze, nichts dabei außer dass sie einem da drüben jederzeit sofort alles klauen was 4 Räder hat, da muss man vorbeugen, kein Problem, ab mit dem Bulli in die Garage.

Und dann, so nah an zu Hause und doch ganz fremd, auf beiden Beinen durch die Stadt. Moment. Da fehlt was. “Ab mit dem Bulli in die Garage”, das sagt nichts drüber aus, wie die 10 Uniformierten unseren Wagen bewachen. Wie man eben mühsam zwischen versetzt angeordneten Betonblöcken durch diese Garage erreicht, misstrauisch beäugt von oben und von unten und von allen Seiten, und dann erstaunt feststellt, dass die meisten Wagen in der Garage Slovakische sind. Gehobene Slovakische.

Von da ab zu Fuss. Die Strassenbahnen entlocken mir Begeisterungsschreie. Deutsch will keiner so recht sprechen, außer den ganz Alten.  Mauern, Bahnen, Wände voller Graffiti. Das hat etwas mit Rockmusik zu tun, mit dieser eigenartigen osteuropäischen Rockmusik, finde ich, kann es aber nicht recht begründen. Festmachen.

Der Sufi, unbeirrt auf der Suche nach seinem Bett. zwei mal zwei Meter. Gibt es hier genau so wenig wie zu Hause. Dafür eben sehr hilfreiche Anrainer. Und Graffitis. Und Straßenbahnen. Und einen Drink, der aussieht wie Cola, aber nach Karamel schmeckt.

Globalisierung ist gut, wenn sie so aussieht, dass ich in einem Cafe in Bratislava bei kubanischer Musik italienischen Espresso trinke und russische Zigaretten rauche.

…notiere ich, aber da sind wir schon unzählige 70er-Jahre-Sofas weiter und durch dieses Kaufhaus gestromert, in dem der Sufi endlich die Fischpaste seiner Kindheit wiederfindet, die dann doch nicht so gut war; egal: die Leute sind alle ziemlich gut angezogen, was für ein Kontrast zu den verfallenden Industrie- und Wohnbauten, wir, normaler Wien-Stil, deutlich underdressed.

Auch der berühmte Corso erweist sich, sei es wegen der Weltpolitik oder wegen der Wetterlage, als ernüchternd unterbesucht. Na gut, dann wieder nach Hause.

Halt: Schon bei der Ankunft ist mir da ein Pub aufgefallen, eines von denen, die es überall gibt, aus fremdstädtischer Klonot waren wir da zuerst schon mal drin und haben einen Kaffee getrunken und Zigaretten gekauft, da möcht ich jetzt nochmal rein: Na meinetwegen sagt der Sufi, und prompt fallen wir dort hinein, mitten in den Soundcheck einer lokalen Ostrock-Band. Darauf könnte man meistens gut verzichten: Aber heute nicht.

Heute rundet der Sound den Kreis der Fremdvertrautheit bis es nicht mehr wehtut, bis wir dort zu Hause sind so wie in Sufis Erzählungen, in meinen Träumen, und nur weil es vernünftig ist fahren wir dann irgendwann: doch.

Durch die Nacht. Über die Grenze. Sogar einen Stempel haben sie für uns. Und ich hab eine neue CD, grade eben eingetauscht, und die passt so wunderbar, dass ich sage: Jetzt würde ich gern einen Schluck Wein trinken.

Na mach doch, sagt der Sufi, und ich öffne mühsam die slovakische Flasche. Und alles passt und alles stimmt. Wunderbar.

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