No Politics & 1 ungelöstes Rätsel meiner Jugend

Die “treue Leserin” H. fragt per Email an, warum hier nichts zu den Attentaten in Madrid steht. Herzchen, die Nachrichten sind dort, und ansonsten fällt mir auch nichts dazu ein.

Nein, das war gelogen. Mir fiele eine ganze Menge dazu ein – aber ich bin so zornig, dass ich überhaupt keine Lust habe, zu reflektieren. Es macht mich zornig, dass Menschen sich anmaßen, über Leben und Tod von anderen zu entscheiden. Es macht mich zornig, dass Menschen nichts Besseres zu tun haben, als ein solches Ereignis politisch und sogar wirtschaftlich zu instrumentalisieren. Es macht mich zornig, dass “man” gar nichts tun kann. Überhaupt nichts. Außer vielleicht im kleinen Kreis für den Weltfrieden zu spielen, und das ist nun mal gar nichts. Außer, man glaubt an die Kraft der positiven Schwingungen, ein Glaube, den ich parallel zum Verblassen meiner verspäteten Hippie-Kleider verloren habe.

Nicht verloren habe ich übrigens ein tiefes Misstrauen gegen die Überwachungsmechanismen, gegen die jede resistance unter diesen Umständen futile ist; aber selbst dabei ist mir die Lust zu diskutieren längst vergangen. “Was soll ich gegen ein paar Kameras haben, ich tue doch nichts Unrechtes” – jaja, wie du meinst. Ich halte es da eher mit Enzensberger; und nein: ich tue auch nichts Unrechtes, nicht einmal etwas Illegales, von der einen oder anderen roten Fußgängerampel mal abgesehen, aber wer weiß schon, was man morgen beschließt, als Unrecht zu definieren? Vielleicht würde es mir leichter fallen, Kameras und Ähnliches zu akzeptieren, wenn ich glauben könnte, dass sie irgendetwas ändern können – aber “die Terroristen” sind schlauer, sind schneller, und wenn du eine Kamera aufstellst, sind sie schon längst anderswo.

Mehrmals bei den Sicherheitsdiskussionen der letzten Tage an eine Begebenheit gedacht aus einem anderen Leben, so fühlt sich das zumindest heute an.

Es muss 1987 gewesen sein, da fuhr ich in meinem Hippiekleidchen mit meinem langhaarigen Freund M. in seinem Hippiejäckchen nach Wien. Per Autostopp. Wir müssen, je nach Standpunkt, fürchterlich oder aber auf rührende Weise deplaziert ausgesehen haben, aber wir fühlten uns stark und sicher in unserer blickdicht aufgebauten nicht-Idylle. Wir standen an der Grazer Nordausfahrt (”…an der Autobahn nimmt dich ohnehin keiner mit”, meinte M.), schon eine ganze erfolglose Weile lang, und hielten unser Schild in den lauen Tag. Als ich schon entnervt zur nächsten Telefonzelle zurückstapfen wollte, um von entfernten Bekannten das Zugfahrgeld zu borgen, bremste plötzlich ein dunkler BMW neben uns. Nicht irgendein BMW, sondern ein funkelnagelneuer. Luxusklasse. Wir schluckten und liefen los, voll darauf gefasst, dass der Fahrer – wie bereits erlebt – gleich wieder Gas geben und uns den Stinkefinger zeigen würde. War aber nicht so. Als wir den Wagen erreicht hatten, entriegelte er die Türen und ließ uns einsteigen.

M. war dran mit “Kommunikationsdienst”, so nannten wir die leider oft undankbare Aufgabe beim Stoppen, sich mit dem Fahrer zu unterhalten. Wer Kommunikationsdienst hatte, saß auf dem Beifahrersitz, und wir achteten genau darauf, uns darin abzuwechseln.

M. nahm also folgerichtig die Vordertür, ich die hintere, und war etwas verblüfft über das Gepäck am Rücksitz, das der Fahrer von vorne auf Seite räumte, wobei er mich aufforderte, ihm dabei zu helfen. Zwar hatte ich mit Computern damals überhaupt nichts am Hut, hatte aber genug davon gesehen, um zu bemerken, dass die Ausrüstung, die da recht achtlos auf die Seite geschoben wurde, genau so neu und luxuriös war wie der Wagen. 2 PCs, ein Drucker, und etliches an Kleinteilen, die ich damals nicht identifizieren konnte. Ganz zu schweigen von dem Funktelefonkoffer, vorne. 1987.

Der Fahrer, Mitte 30, den elegantesten Anzug an, den ich bis dahin in der Realität gesehen hatte, grau, aber nicht fadgrau sondern schimmergrau, weißes Hemd, dezente Krawatte, Seide und Satin würde ich heute sagen, der Anzug also. Auf jeden Fall stank die ganze Kiste nach Geld. Nach viel Geld. Nach einem für uns damals unvorstellbaren Riesenhaufen Geld.

M., der mit dem Fahrer die unumgänglichen Eingangsphrasen wechselte, woher, wohin, warum, warf mir über die Schulter einen aufgeregt-fragenden Blick zu, wir waren gut im Blicke-lesen, und wussten, dass wir uns beide fragten, ob der Fahrer denn so naiv war oder so selbstsicher. Schließlich hatte er eben eine Neuausgabe von Bonnie und Clyde aufgelesen – wir hatten zwar nie etwas derartiges getan, aber oft genug darüber geredet, was wir alles tun könnten, wenn wir nur wollten.

Auch ich konnte allerdings nur die Brauen zucken und warten, ob sich das Rätsel lösen würde. Aber es löste sich nicht, sondern wurde dichter. Anstatt wie üblich wegzudösen, brachte ich mein Ohr möglichst dicht an die Konversation vorne.

Wie der Mann auf das Thema RAF kam, weiß ich nicht mehr, aber ich weiß noch sehr gut, wie interessiert und suggestiv er uns fragte, ob es nicht an der Zeit wäre, wieder einmal… M. und ich brauchten uns nicht anzusehen, um einander vor der Falle zu warnen; natürlich hatten wir nebst vielen anderen Aktionen auch solche diskutiert, keine Bombenattentate, sondern Farb-Attentate – auf den Uhrturm zum Beispiel – und Stink-Attentate – eine Ladung Quargel in den Landtag, in dem die F schon damals gefährlich stark war. M. hielt sich gut in der Diskussion, die sich in Richtung Revolutionstheorien bewegte und – vom Fahrer ausgehend – immer wieder einmal das Thema Anschläge streifte, auf das M. aber nicht einging.

Mittlerweile hatten wir den Gleinalmtunnel erreicht, und der Fahrer, als hätte er auf den Schutz der Tunnelwände gewartet, legte richtig los. Wenn er sich die Politik so ansähe in diesem Land, man sollte ja wirklich, eine kleine Bombe hier oder da könnte auf keinen Fall schaden, und die Materialbeschaffung wäre ja das geringste Problem, schwieriger werde es schon, von dort wegzukommen, wo man zugeschlagen hätte; im Gegensatz zu den religiös motivierten Gruppierungen würde man ja doch am Leben hängen, nicht wahr; ein Jammer sei das, dass der Terrorismus in Österreich kein Hinterland hätte so wie in Deutschland, in Tirol vielleicht, das müsste man sich ansehen… Er hatte sich in Rage geredet, dabei die Krawatte gelockert, entweder war er ein guter Schauspieler oder er meinte, was er sagte, wir etwas hilflos und immer bemüht, die Diskussion zurück auf theoretischen Boden zu lenken. Da hatten wir nun unsere Rebellen Mentalität um die Ohren geschlagen bekommen und wussten nichts darauf zu erwidern.

Der Tunnel zu Ende, der Fahrer schwieg einen Augenblick und meinte dann, es sei schon recht, dass wir nichts dazu sagten, man könnte ja nie vorsichtig genug sein…

Das Funktelefon klingelte, und er führte eine Unterhaltung mit vielen technischen Ausdrücken, aus der ich mir nur den Satz “Nein, Kiew hat sich noch nicht gemeldet” merken konnte. Vorsichtigen Fragen, was es denn mit den Computern und dem anderen Zeug auf sich hätte, wich er aus, und auch auf Fragen nach seinem Beruf gab er keine richtige Antwort, “Technik eben” sagte er.

Bei Mürzzuschlag hieß er uns aussteigen, er sei hier bei seiner Schwester auf einen Kaffee eingeladen, wenn wir aber in einer Sunde noch da wären, würde er uns gern nach Wien mitnehmen, wir dankten und winkten und waren in einer Stunde nicht mehr da; ich glaube, es war ein Pfarrer im VW-Käfer, der uns weiter mitgenommen hat, mit den Opferstockeinnahmen offen in einem Plastiksack zu Füßen des Beifahrers, aber das kann auch ein anderer Trip gewesen sein.

Jedenfalls haben wir später noch lange darüber diskutiert, wer das nun wirklich gewesen sein könnte, ein Staatspolizist, der uns zu provozieren versuchte? Wir konnten uns nicht vorstellen, dass es so gut betuchte Staatspolizisten geben sollte. Und was hätte der gerade mit uns zu schaffen? Ein Geheimdienstler vielleicht? Aber auf welcher Seite? Ein Businessman mit anarchistischen Tendenzen? Aber welcher Geschäftsmann würde für die RAF sprechen?

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