Öffentlicher Verkehr

Ich habe mich seit früher Kindheit mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortbewegt als mit den diversen familieneigenen Autos. Ich habe grundsätzlich überhaupt kein Problem damit, zu einer Haltestelle oder einem Bahnhof zu gehen, mich dem Fahrplan anzupassen (den zu lesen ich in den seltsamsten Sprachen gelernt habe), oder auch mal ein bisschen zu warten oder mit einer Verspätung zu leben, die ohnehin selten mehr als ein paar Minuten beträgt. Die Öffentlichen, zumindest hier in Österreich, sind deutlich besser als ihr Ruf.

Umso weniger verstehe ich das Entsetzen meiner offenbar bis zur Gehirnwäsche autogeschädigten Freunde und Bekannten. Spricht man ein simples “Ich geh dann zum Bahnhof” oder “Ich komm dann mit dem Bus nach” aus, weiten sich die Pupillen, hektisches Überlegen setzt ein, der oder die Angesprochene bietet in der Regel sofort an, sich selber ins Auto zu setzen um einen ans Ziel zu bringen oder beginnt zumindest hektisch im Handy nach einer Alternative zu suchen. Ich kenne mittlerweile die Symptome der übertragenen Auto-Verlustangst und beeile mich, ein “Ich fahre gern mit dem Zug/Bus” hinzuzufügen. Die Reaktionen reichen von simplem Unglauben bis zur lauthalsen Erklärung, ich müsse “vollkommen wahnsinnig sein” oder zumindest “viel zu viel Zeit haben”.

Das mit der Zeit ist aber so eine Sache. Gerade, wenn es mir wichtig ist, pünktlich irgendwohin zu kommen, lehne ich nach Möglichkeit jede angebotene Mitfahrgelegenheit vehement ab. Der begeisterte Autofahrer kommt nämlich fast immer zu spät. Mit einem beruhigenden “fahr ich dann halt ein bisschen schneller” gönnt er sich “noch 10 Minuten Ruhe” vor der Abfahrt, muss unterwegs hier noch etwas erledigen, dort einen neuen Schleichweg ausprobieren – und das sind nur die psychologischen Gründe. Jeder Stau – auch und besonders der am Freitagnachmittag auf den Ausfallstraßen – kommt völlig überraschend, “diese Umleitung war aber gestern nicht da”, und nein, der Fahrer hatte natürlich bisher noch nie Probleme, in der Hauptgeschäftszeit auf der Mariahilferstraße einen Parkplatz zu finden.

Die angeblich verlorene Zeit kann ich im Zug auch nutzen, wenn ich sie brauche – im Gegensatz zum Autofahrer, der seine Aufmerksamkeit auf die Straße zu richten hat. Muss ich nicht arbeiten, lese ich auch lieber im Zug ein Buch, als mir im Auto ein Hörbuch anzuhören, oder ich höre Musik, lasse die Landschaft an mir vorbeiziehen und entspanne mich, anstatt mich hektisch über den “langsamen Trottel da vorne”, den “Idioten, der keinen Blinker hat”, den “Sonntagsfahrer mit Hut” oder die “typische Frau am Steuer” zu echauffieren.

Ehrlich, es lebt sich ziemlich gut ohne Auto. (Obwohl ich ja jetzt eigentlich eines habe, aber das ist eine andere Geschichte…) Autos sind praktisch, wenn man etwas Großes zu transportieren hat, wenn man für eine 5-köpfige Familie einkaufen muss oder wenn man sich für einen Campingurlaub entscheidet. Autos machen Spass, wenn man an einem Sommersonntag über wenigbefahrene Landstraßen cruisen kann und nach Lust und Laune mal hier eine Wiese, mal dort ein Gasthaus testen will (vorausgesetzte man schafft es, für diese Zeit sein ökologisches Gewissen abzuschalten). Im Alltag aber sind Autos Mühsal und Plage, und ich kann einfach nicht verstehen, dass manche Menschen lieber freiwillig Tag für Tag in die Arbeit stauen, als sich gemütlich in den Zug oder in die S-Bahn zu setzen. Und billiger ist das Autofahren, zumindest übers Jahr gerechnet, ganz bestimmt auch nicht.

Ausgelöst wurde diese Grundsatzerklärung übrigens von dem völlig entsetzten Gesichtsausdruck meines autofahrenden Zug-Zubringers heute, als der Bahnhofsvorsteher mich darauf aufmerksam machte, dass ein Teil der Strecke als Schienenersatzverkehr geführt wird – man muss also an einem Bahnhof in den Bus umsteigen, und an einem anderen wieder zurück in den Zug. So what? Mein Gepäck bestand aus einem Rucksack, der außer einer Mappe mit meinen Texten gerade Mal noch einen Pullover, ein Buch und ein Getränk enthielt, außer dem immer präsenten “Überlebenspack” (Taschenmesser, Block, Kugelschreiber, Handy und Geldtasche). So umsteigen tut nicht weh, wirklich nicht.

Erinnert hat mich das auch an eine Freundin von mir, die leicht außerhalb wohnte (und vielleicht noch wohnt, ich habe sie länger nicht mehr gesehen). Als ich mich nach dem ersten Besuch mit den Worten “Ich geh dann Mal zum Zug” (keine 10 Minuten bis zum Bahnhof) verabschieden wollte, redete sie so lange intensiv und überzeugt auf mich ein, sie würde mich natürlich zum Bahnhof fahren, bis ich zustimmte. Ich hatte das Gefühl, sie wäre sonst beleidigt. Bei mehreren Besuchen mit mehreren Diskussionen spielte sich das dann ein. Es schien ihr wichtig zu sein, mich zum Bahnhof zu fahren, und ich wehrte mich nicht mehr, obwohl ich so einen Spaziergang eigentlich genieße. Irgendwann dann saßen wir mit mehreren Leuten bei ihr auf der Terrasse, und ich sprach vor meinem Aufbruch zum Zug über mein glücklich autofreies Leben – worauf sie zynisch meinte “Eh klar, weil du immer einen Trottel findest, der dich herumführt, wenn’s nötig ist – so wie mich jetzt”.

Ich verzichtete darauf, das weiter zu diskutieren, und habe sie einfach nicht mehr besucht. Überzeugte Autofahrer sind ein unlogisches Volk.

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