Die Dämmerung

Wenn es in meinem Leben etwas gibt, was den Namen Heimat verdient, dann ist es die Dämmerung.

Diese Stunde zwischen Licht und Dunkel, zwischen Hier und Dort, zwischen Sein und Schein schenkt soviel Geborgenheit, wie ich vertragen kann.

Die Dämmerung macht Fremdes vertraut, nimmt Unbekanntem die bedrohliche Schärfe, doch gleichzeitig schenkt sie dem Altbekannten einen Hauch von Fremdheit, gerade soviel, dass es nicht mehr todlangweilig ist.

Wenn Zärtlichkeit eine Farbe hätte, dann wäre es die Farbe der Dämmerung.

It’s getting late

In alten Fotos gestöbert, wollte eigentlich eins posten. Ist aber keins dabei gewesen, das richtig gepasst hätte.

Dumpf und unfroh. Die falschen Leute angemeckert und zu den falschen freundlich gewesen. Wieder mal. Verdammt.

Tranceartig geborgen im Lichtkegel meines Bildschirms.

Morgen ist auch noch ein Tag.

Logorrhoe

Immer, wenn ich ein Bier mehr trinke, als ich guten Gewissens vertragen kann, fallen mir all die Worte aus dem Mund, die ich normalerweise für mich behalte. Manche Menschen nervt das, verständlicherweise. Andere, und das verwundert mich, atmen geradezu auf: Als wäre ich, redend wie alle anderen, plötzlich normaler geworden.

Danach noch eine Katze, die schnurrend auf mir Platz nimmt, nicht ohne mit ihren Krallen meinen einzigen fashionablen Rock zu ruinieren. Macht nichts. Macht gar nichts. Schnurrt so schön.

Noch später das Frequency-Festival live auf FM4 und dazu James Bond ohne Ton.

Hatte beinahe schon vergessen, wie das ist, einen Tag lang nichts zu tun.

Dunkeltag

Morgens schon, beim Anblick meiner Chaoswohnung, beschleicht mich erste Depression. Kurzer Impuls, mich krank zu melden, nur um einen ganzen Tag zum Aufräumen zur Verfügung zu haben. Nur schade, dass ich nicht lügen kann – sonst hätte ich es glatt getan.

Zumindest ist heute Sonenbrillenwetter, da will ich doch versuchen, mich nicht darüber aufzuregen, wie der uralte weißhaarige Mann den Geigen- und den Gitarrenspieler vor der Kirche beschimpft. “Zigeunerpack, elendiges!”, aber nicht so laut dass sie es hören könnten. Zu dem Alten etwas zu sagen, wäre Verschwendung, er steht schon mit einem Fuß im Grab. Oder vielleicht hätte ich etwas gesagt, wenn mich nicht die furchtbar missgestimmte Geige jeden Morgen quälen würde.

Die Geige klingt wie eine Schleifmaschine. Die Gitarre so, als würden die Seiten ca. 5 Zentimeter durchhängen. Jeden Tag quäle ich mich an den beiden vorbei, und manchmal werfe ich einen Zehner in den Geigenkasten, in der Hoffnung, dass sie sich dann vielleicht irgendwann Instrumente leisten können, die die Vorübergehenden nicht foltern.

Im Büro ist es kalt, und die Email, auf die ich warte, kommt nicht. Mittags lasse ich das Essen ausfallen, um Einkaufen zu gehen: Eine CD und Kontaktlinsenmittel. Ich trete auf die Straße, und es ist nicht warm, aber schwül, eine dunkle, schwere Schwüle wie aus meinen Träumen. Nur schwebe ich nicht leichtfüßig hindurch wie in meinen Träumen, sondern schleppe mich schwitzend dahin. In einer Nebengasse ist ein Parkplatz frei.

Hier sind nie Parkplätze frei. Beim näherkommen sehe ich, dass eine schwarze Katze daliegt und schläft. Ich bleibe stehen, schaue und sehe, dass sie nicht atmet. Eine tote Katze, äußerlich unversehrt, gepflegtes Fell, man muss genau schauen, um zu sehen, dass sie nicht atmet, dass sie tot ist, katzentot.

Ich stehe noch immer da und einen Augenblick lang bin ich überzeugt davon, zu träumen, so surreal idyllisch ist diese Szene, und Autos fahren vorbei und Menschen laufen durch die Gasse, und ein kleines Kind an der Hand seiner Mutter will die Katze streicheln, es hat nicht bemerkt, dass die Katze tot ist, ich weiss nicht ob die Mutter es bemerkt hat, sie zieht das protestschreiende Kind am gestreckten Arm hinter sich her in den Supermarkt.

Und ich frage mich, ob ich etwas tun sollte, aber was gibt es da schon zu tun, die Katze ist tot und liegt doch so vertraut nach Katzenart da, und ich gehe weiter und denke darüber nach, wieso mich das so berührt, nach diesem Nachrichtenvormittag mit erstochenen Kindern in Japan und Familientragödien in Vorarlberg und was weiss ich noch allen menschlichen Tragödien, aber alles das waren nur Pixel auf dem Bildschirm, die Katze dagegen ist real.

Und es ist dieses dunkle Licht aus dunklen Träumen, eine Gewitterwolke macht das, die direkt gegenüber der Sonne hängt, die das Sonnenlicht aufsaugt und es verändert, wie bedeutungsschwer, an die Erde zurückgibt, und der einzige Optiker weit und breit hat sein Geschäft geschlossen, und die CD, die ich wollte, ist ausverkauft, und ich gehe zurück ins Büro und die Email, auf die ich warte, kommt nicht, und trotzdem wird es Abend, irgendwann.

Und dann ergibt sich, dass ich nicht wegfahren muss, heute, und das ist ein bisschen schade, denn grüne Wiese und Bäume und Grillenzirpen in der Stille wären genau das Richtige gewesen jetzt, aber es ist auch gut, denn so kann ich den Samstag auf dem Fliegerfest verbringen und den Sonntag zum Aufräumen nutzen und vielleicht, vielleicht, wenn das Wetter hält & der Zeitplan funktioniert, den einen oder anderen Sprung machen, das wäre gut.

Jemand

Jemand schaut. So als wüßte er alles. So als sähe er alles zum ersten Mal. Ich frage ihn, was er sieht. Er wendet sich ab.

Die Luft ist feucht und schwer. Das Meer bewegt sich kaum. Es sieht dicht und zähflüssig aus. Die Sonne sehe ich nicht, nur ihre Spiegelung. In Fensterscheiben, in Sonnenbrillen, auf dem Meer.

Ich möchte bleiben, bis die anderen kommen. Trotzdem gehe ich. Ich gehe mit schwerem Herzen. Am Meer entlang.

Weit draußen ein Boot. Es folgt mir nach Norden.

Es ist sehr heiss.

Endlich, denke ich.

Ein Päckchen

Da liegt, ungeöffnet und unberührt, genauso, wie der Bote es gebracht hat:

ein Päckchen.

Ich brauche es auch gar nicht zu öffnen. Ich weiss was drin ist.

Ein Buch.

Kein so-im-vorbeigehen-gekauftes Buch. Vielmehr ein langerwartetes.

Jetzt eine Hängematte, irgendwo am Wasser. Still müßte es sein.

Dann dieses Päckchen öffnen und dieses Buch herausnehmen und erst einmal die Seiten unter dem Daumen durchlaufen lassen, um den Neu-Buch-Geruch zu geniessen.

Dann alle Klappentexte, den Lebenslauf des Autors, die Werbung am Schluss, die Auflageninfos genauestens studieren.

Dann über den See schauen, und schliesslich, ganz feierlich,

die erste Seite aufschlagen.

So sollte es sein.

Ja.

Nachtwanderung

Gestern in Graz mit Freunden weg. Es wird spät und später. Irgendwann fühle ich einen deutlichen Impuls zum Aufbruch.

Sehr früh schon auf dem Weg durch die Stadt fällt mir ein, ich könnte eigentlich zu Fuss nach Hause gehen. Mein Vater hat das manchmal gemacht, früher.

Interessante Idee.

Sind ja nur 16 Kilometer. Von der Stadtgrenze. Und die paar, 5 oder 6, bis zur Stadtgrenze.

Das sollte kein Problem sein.

Das schau ich mir an.

Zu Fuss durch nachtschlafende Städte, besonders durch deren Industrievorhöfe, ist immer ein eigenes Gefühl. Da wird die Welt so groß und weit. Die Luft nachtkühl und vertraut.

Ab und zu ein Auto. In den Hochhäusern am Stadtrand alles finster, bis auf ein, zwei, drei Fenster, unregelmäßig über die Riesenfassade verteilt.

Wer da so individualistisch wacht, während alle anderen schlafen, frage ich mich. Vielleicht eine Party hinter diesem Fenster. Vielleicht ein krankes Kind hinter dem anderen. Oder vielleicht nur ein schwerer Fall von Schlaflosigkeit.

Dann wird die Bebauung dünner. Hier kreuzt die Straße die Eisenbahnlinie. Der Plan in meinem Kopf sagt, an der Eisenbahn entlang ist kürzer. Der erste Zug fährt erst um 6:30. Also folge ich den Gleisen.

Bald wird klar, dass die Idee nicht die beste aller Zeiten war. Der Weg ist holprig. Grobe Steine, dunkle Schwellen. Kein Licht. Ich sehe nicht, wohin ich stolpere.

Umkehren? Niemals.

Der Himmel ist freundlich. Irgendwo, hinter den rissigen Wolken, muss ein ziemlich grosser Mond sein. Das Licht reicht nicht bis zum Boden, malt aber eine Ahnung der Landschaftskonturen an den Horizont.

Vorne drei Signale. Von weither leuchten sie rot auf der schnurgeraden Strecke, während ich erste Ermüdungserscheinungen an meinen Beinen spüre. Die Signallampen erzeugen ein Gefühl der Unwirklichkeit. Lange Zeit scheinen sie überhaupt nicht näher zu kommen. Dann sehr schnell doch. Dann bin ich vorbei, dann dieser Bahnhof.

Jetzt ist es nicht mehr weit. Zwei Bahnhöfe weiter, und schon komme ich an.

Das ist auch gut so, denn ich bin durstig. Und die Füße Schmerzen von der ungewohnt holprigen Tour.

Hier führt der Weg in den Wald. Eine ganze Weile lang. Es ist sehr dunkel. Nur die blanken Schienen leuchten aus dem dunklen Nichts.

Bis zum nächsten Bahnhof ist es weit. Weiter als ich gedacht hätte. Durch diesen Wald, der sich ab und zu lichtet, dann stehen ein paar Häuser auf der Lichtung. Beharrlich bellt irgendwo ein Hund.

Dann endlich auch dieser Bahnhof. Der letzte vor meinem. Ich bin erleichtert. Das ist zu schaffen. Denke ich.

Am Ende des Bahnhofs wieder Signale: zweimal rot, einmal weiss. Weiss? Was auch immer das bedeuten mag.

Kurz überlege ich, hier auf die Straße abzuschwenken. Da könnte man ein Auto anhalten, falls nochwelche unterwegs sind. Oder jemanden anrufen. Eigentlich habe ich jetzt genug.

Aufgeben? Niemals.

Es ist ja nicht mehr weit.

Im Osten beginnt es hell zu werden. Das ist gut: Ich sehe jetzt, wohin ich steige.

Wieder führt die Straße in den Wald. Ein richtiger Wald, diesmal, keine Lichtungen, keine Häuser. Die Strecke ist schnurgerade. Es ist, als würde ich auf der Stelle gehen. Um dieses Gefühl loszuwerden, beginne ich, meine SChritte zu zählen. 2500, und noch immer hat sich nichts verändert.

Dann, endlich, beugen sich die stählernen Mondstrahlen, zwischen denen ich gehe, in eine leichte Kurve.

In Sonnenaufgangsrichtung zwitschern verschlafen die ersten Vögel. Eine Weile später kräht irgendwo ein Hahn. Es wird Morgen, und ein Ende der Strecke ist nicht abzusehen.

Ich bin sehr durstig. Meine Füße tun sehr weh.

Ich stehe still und horche. In einem Wald sollte es doch einen Bach geben. Hier plätschert nichts.

Es ist ja nicht mehr weit.

Das Vogelkonzert wird lauter. Der Himmel wird heller. Der Wald gibt nach und zieht sich zurück. Hier ist die Landschaft schon vertraut.

Über diese Brücke noch. Dann noch ein paar Schritte…

…diesmal zähle ich 4000 Schritte. Dann zähle ich nicht mehr: Dann sehe ich schon das rote Signal, bei dem ich vorhabe, links abzuschwenken und dem Feldweg zu folgen.

Jetzt ist es nicht mehr weit.

Denke ich.

Dann stehe ich vor dem Zaun, der da nicht sein sollte. Der Zaun, zwei Meter hoch und unfreundlich stachelig obenauf, läuft weiträumig um eine Halle. Die da nicht stehen sollte. Da sollte nämlich ein Feld liegen. quer durch, und nur mehr zehn Minuten bis nach Hause.

Denkste.

Was macht die dumme Halle da?

Meine Füße drohen, in Streik zu treten. Aufgeregt verhandeln meine durstigen Innereien mit den Aufständischen. Erfolgreich. Gemeinsam werden wir die Halle umkreisen.

Dummerweise, gleich daneben, noch ein ebenso unfreundlicher Zaun. Er umzäunt nichts.

Nur Wiese. Und ein wehrhafter Zaun drumherum.

Mir bleibt nichts anderes übrig, als die lange Runde an der Autobahn entlang zu nehmen.

Eine Maus läuft über den Weg und sitzt dann unter dem Zaun.

Endlich kommt das Haus in Sicht.

Ich leere eine halbe Flasche Mineralwasser und falle ins Bett.

Gut gelüftet. Gut trainiert.

Landleben II

Heute ist Pfingstsamstag. Ein gefährlicher Tag für Jungfrauen, zumindest in der Weltgegend, in der ich mich zur Zeit bewege. Nach einem alten Brauch werden hier in der Nacht von Pfingsamstag auf Pfingstsonntag den Häusern, in denen Jungfrauen (lies: unverheiratete Frauen) leben, Streiche gespielt.

Wenn eine Familie, die eine unverheiratete Frau in ihrer Mitte hat, unvorsichtig genug ist, nicht alles mehr oder bewegliche Gut in Sicherheit zu bringen, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass die im Garten vergessenen Teile sich am nächsten Morgen auf Dächern, in Bäumen oder am Kirchenvorplatz wiederfinden.

Und hier ist nicht nur die Rede von Gartenmöbeln oder kleinen Blumentöpfen. Die ungläubige Morgensonne durfte schon ganze Traktorenanhänger festgezurrt an die Dachschräge eines Stallgebäudes bewundern, unbestätigten Gerüchten zufolge sogar mitsamt einer Ladung Mist.

In den letzten Jahren allerdings, so eine (unverheiratete, vermutlich sogar jungfräuliche) Dorfbewohnerin, hat diese Tradition stark nachgelassen. Die männliche Jugend, so die in der gemütlichen Abendgesellschaft vorherrschende Meinung, verbringt diesen Samstag wie jeden anderen Samstag lieber in den Diskotheken der Umgebung, als das alte Brauchtum hochzuhalten.

Unbeantwortet bleibt in der Geräuschkulisse der zirpenden Grillen und klingenden Weingläser die Frage, woher denn dieser Brauch stammen mag. Stattdessen werden die besten Ankedoten aus der Zeit erzählt, als es noch echte Burschen gab. Einer sitzt in der Mitte und schweigt beharrlich auf die Frage, ob er denn damals dabei war. Und grinst.

Landleben

Hier ist endlich der Rasen gemäht, sogar zu den erlaubten Zeiten. Leichte Erschöpfung und ein schlechtes Gewissen: Ich bin ein Killer. Während ich meine schnurgerade Schneise durch das Gras ziehe, sehe ich buntes Geflatter. Aber bis der Sehreiz den Arm erreicht, ist der Schmetterling schon zerschmettert und aufgesogen. ob ich mit dieser Schuld weiterleben kann?

Schön und sonnig hatten wir es hier. Trotz gegenteiligen Wetterberichts. Es ist allerdings, wie man in den Nachrichten sagen würde, “etwas zu kühl für die Jahreszeit”.

Blixa Bargeld ohne Hut

Nick Cave liebt Wien. Hat er einmal gesagt.

Und Wien liebt Nick Cave. Das konnte man beim Konzert in der Stadthalle ganz deutlich spüren.

Die Intimität kürzlich gehörter Kleinclub-Auftritte geht natürlich in diesem Rahmen verloren. Aber der Meister der dunklen Gruftgesänge hat eindrucksvoll bewiesen, dass er auch einen großen Raum mit seiner Austrahlung füllen kann.

Highlights des Konzerts:

“God is in the House”, brüchig-zart und mit schön gesetzter Ironie

“The Weeping Song”, im Duett mit Blixa Bargeld

“The Mercy Seat”, stark akzentuiert und mit noch mehr Energie als beim letzten Mal

und der Schlusssong, vermutlich neu, es wird ein Roadie auf die Bühne beordert, der den Text in Augenhöhe bereithält.

Der Sound war leider nicht ganz lupenrein, darunter hatte besonders die Geige zu leiden, aber auch die eine oder andere zarte Gitarre.

plötzlich sehnsucht | nach jenen Tagen:

sitcoms waren noch
ein fixpunkt des tages

und

SC2000 war das faszinierendste Spiel
aller zeiten
aber zu zweit
hat man lieber flipper gespielt

und

es war ein frühsommer,
genau wie jetzt

und

ich hatte grade meine ersten
rollerskates gekauft

und

nach der anstrengenden runde
am bach entlang
war es zeit für roseanne

und

das büro, in dem
ich damals gearbeitet habe
hatte keine klimaanlage
bis zu dem tag
an dem der server zu rauchen anfing

und

ich dachte
es würde ewig
so weitergehen

genau so

mit diesem riesigen
offenen fenster
und dem
entfernten strassengeräusch
an dem man so gut
die uhrzeit
hören konnte

und

der tisch war rot
und die katzen
waren zufrieden

und ich

auch

naja

vielleicht war ich
nicht ganz
so stark damals
und bei weitem
nicht so frei

aber

alles ringsum
schien so selbstverständlich
vor allem die dinge
um die ich heute kämpfen muss

und

vieles, was ich
geworden bin
ist gut
aber manches
hätte ich bleiben sollen

aber

man kann sich’s halt
nicht immer
aussuchen

und

vielleicht
ist das gut so

in dieser nacht

Tage in Klatovy

Die Stille am Morgen und das helle Sonnenlicht. Stark der Geruch nach feuchtgewordenem Heu.

Zum Frühstück wird wenig geredet, nur die Kinder sind schon quietschlebendig. Das bleiben sie den ganzen Tag.

Während meine Kaffeetasse noch halbvoll ist, startet die Pink zur ersten Load. Die Stille jäh durchbrochen, Abgase ziehen durch die Morgenluft. Alle Köpfe im Restaurantgarten drehen sich. Allgemein bewundert: Die, die jetzt schon einsteigen.

Der Himmel färbt sich zum ersten Mal bunt, und da hält es mich nicht mehr beim Frühstück. Richtung Manifest und die Karte durchgezogen, gemütlich die Sachen zusammensuchen, checken und fertigmachen.

Ich bin so still hier. Als hätte ich die Worte am Schranken abgegeben, schweigen sogar die Geschichten in meinem Kopf. Sie sind überflüssig. Keine Tagträume als Flucht aus dem Ewiggleichen. Kein Hirngespinste um den Tag zu würzen. Kein ständiges Feilen an Texten, die zu schreiben ich keine Zeit habe. Hier ist immer jetzt.

Der Aufruf: In 10 Minuten geht meine Load.

Spätestens dann, wenn ich die Beingurte festziehe und das Gewicht des Schirms auf dem Rücken spüre, ändert sich das Schauen. Die Welt wird klarer, schärfer. Das Licht irgendwie heller. In Gedanken nochmal alles durchgehen: Habe ich alles überprüft? Nichts übersehen? Gut: dann los.

Draußen versammeln mit den anderen. In kurzen Sätzen wird die Exitreihenfolge festgelegt. Da landet die Pink. Je nach Teilnehmern und Andrang im Laufschritt oder gemütlich wird die Blechkiste erobert. Dicht an dicht, oder in lückenhaften Reihen sitzen die Springer. Jeder sucht sich seinen Gurt für die ersten 300 Meter. Dann an den Start rollen. Das Motorengeräusch ändert sich. Die Ruckelei auf der Rasenpiste wird schneller, härter. Hört plötzlich auf. Unter den Fenstern in der Heckklappe seh ich den Boden vorbeiziehen. Hier herrscht meistens Stille, Bewegungslosigkeit.

Wenn der Höhenmesser 300 Meter zeigt, kommt Bewegung in die Masse. Gurte werden losgeschnallt, Helme abgenommen. Man spürt allgemeine Erleichterung.

Ein kurzer Rundblick enthüllt Eigenheiten. Die meisten sitzen still, konzentriert, nach innen gekehrt. Manche reissen Witze. Ab und zu ist eine wilde Truppe dabei: das gibt einen kurzen „Schlachtgesang“. Die großen Augen der Schüler. Einer putzt den ganzen Steigflug lang an seiner Brille herum. Eine versucht, eine Stellung zu finden, in der sie mit niemandem auf Tuchfühlung ist (ein hoffnungsloses Unterfangen in einer vollen Skyvan). Einer sitzt bequem zurückgelehnt, mit geschlossenen Augen, als würde er schlafen. Einer der allercoolsten hat heute ziemlich zittrige Finger. Kameraleute checken ihre Geräte noch ein letztes Mal durch. Einer hat sich vor dem Einsteigen noch schnell ein Eis geholt. Ganz hinten, wo die größten Gruppen sitzen, werden Formationen durchgesprochen. Vorne gehen AFF-Lehrer mit ihren Schülern noch einmal den Level durch. Durch das Motorengeräusch klingen die gerufenen Wortfetzen wie Funksprüche.

Ich wüßte nicht zu sagen, wie lange diese Himmelfahrt dauert. Es ist, als wäre die Zeit aufgehoben auf dem Weg zwischen 300 und 3500m. Manchmal ist der Aufstieg so selbstverständlich, so normal wie eine innerstädtische Busfahrt. Manchmal habe ich ein paar Schmetterlinge im Bauch. Meine Aufmerksamkeit verteilt sich auf zwei Gebiete: Einerseits versuche ich, zu verinnerlichen, was ich vorhabe in dieser kurzen Frei-Fall-Minute nach dem Exit. Andererseits darauf, alles mitzukriegen, was rundherum vorgeht.

Dann, irgendwann, stehen die ersten auf. Zuerst die Tandems: Die Passagiere werden gut festgeschnallt. Die anderen setzen Brillen und Helme auf, stehen auch nach und nach auf. Man sortiert sich nach der ausgemachten Exitreihenfolge oder nimmt letzte Änderungen daran vor.

Die Nadel des Höhenmessers überschreitet zögerlich die 4000 und beginnt wieder bei 0. Bei einem meiner ersten Aufstiege war das eine Schrecksekunde, ich dachte einen Moment lang, der Höhenmesser ist kaputt. Jetzt warte ich aufs rote Licht.

Da ist es schon. Die Tür geht auf. Ein Schwall kalter Luft, mehr Licht, und das Geräusch der Motoren wird lauter. Die erste Gruppe stellt sich in Position. Das Licht schaltet auf weiss. Und dann Grün. Lauthals wird eingezählt. Mit einem kräftigen Wippen des Fliegers verschwinden die ersten im Nichts. Die nächsten. Dann ist meistens schon genug Freiraum, um die Exits richtig zu sehen.

Jetzt ich. Manchmal ist genug Platz, um sich mit Anlauf in die Luft zu werfen. Manchmal rücken die Verbliebenen so dicht auf, dass nur ein Schritt bleibt. Und manchmal werd ich auch geschubst.

In dieser seltsamen Exit-Rolle unter dem Flugzeug, die ich nicht mehr los werde, auch wenn ich ganz anders aussteigen will, versuche ich, einen Blick auf die Nachkommenden zu erhaschen, und meistens gelingt mir das auch. Vielleicht noch schwerer zu fassen als das Springen selbst ist dieser Anblick: Wenn jemand in dieser Tür steht, grinsend oder konzentriert, und mir nachschaut und wartet, bis ich in sicherer Entfernung bin.

Und nun zu dem, was ich mir vorgenommen habe. Kontrollierte Bewegungen ausserhalb der Bauchlage sind gar nicht so einfach, andererseits machen die unkontrollierten manchmal unheimlich viel Spass. Manchmal lasse ich es auch bleiben und schaue nur. Oder geniesse die Geschwindigkeit. Anfangs, bei den ersten Sprüngen, hätte ich mir nie gedacht, dass man soviel sehen kann während des Fallens. Oder sich die Brille richten, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Oder die Höhe abschätzen und beim Vergleich mit dem Höhenmesser festzustellen, dass die Schätzung richtig war.

Trotzdem bin ich konditioniert. Regelmäßig bei 1500m klingelt der Alarm im Hirn, der sagt, ich sei schon viel zu tief. Dann wird es manchmal richtig schwierig, die 500m noch abzuwarten.

Schirmöffnungshöhe: Das ist mit Handdeploy ganz etwas anderes als mit dem Ripcord. Irgendwie liegt in der Bewegung, mit der ich den Hilfsschirm in den Wind werfe, mehr Sinn. Mehr Logik. Irgendwie fasst dieser Moment noch einmal zusammen: Die ganze Freude, die ganze Lust: von 4000 auf 1000m – und das Glück, es immer wieder tun zu können.

Am Schirm erstmal umschauen: Wo bin ich? Wo sind die anderen? Und dann, je nachdem, gemütlich herumkurven oder recht gerade den Platz ansteuern. Ganz still ist es plötzlich, und auch das liebe ich. Für viele ist die Schirmfahrt nur ein notwendiges Übel auf dem Weg von oben nach unten. Ich will beides: Das intensive, rauschende Glück im Freifall und die ruhige Freude beim Dahinschweben.

Nur nicht zu lange drin verlieren und die Landestelle nicht mehr erreichen. Auch schon passiert.

Mit ständig wechselnden Schirmen ist es nicht ganz so einfach, abzuschätzen, wie schnell ich wo sein werde. Deshalb lande ich meistens in sicherer Entfernung von allem Trubel.

Den Schirm einsammeln und dann der Rückweg, warm ist es herunten und die Wiese riecht noch immer frisch gemäht. Drüben steigen die nächsten in die eben gelandete Pink, und ich kriege das Grinsen nicht aus dem Gesicht. Andererseits: Warum sollte ich?

Hier und da, auf dem Weg zur Packhalle, fragt jemand wie’s denn war. So wie ich auch frage, wenn mir einer mit dem Schirm entgegenkommt. Kurzes Geplauder, „gelungen“ oder „nicht gelungen“ oder irgendwelche besonderen Vorkommnisse. Oder ganz einfach: „Schön!“

In der Packhalle läuft die ewiggleiche CD, angenehmer Rock, und ich habe noch immer nicht gefragt, was das ist. Dazu Formations- oder Freifallervideos, frisch vom letzten Sprung. Da ist entweder Platz, den Schirm zu packen, oder auch nicht. Wenn’s nicht gleich geht, ein bisschen rumstehen in der Sonne oder den Videos zuschauen. Gesprächsfetzen, Freifaller und RW-Gruppen besprechen ihren nächsten Sprung, Schüler hängen begeistert oder ängstlich oder erschöpft herum oder sie kriegen das Packen erklärt, und manchmal stehen Tandempassagiere großäugig mittendrin.

Packen: Immer noch ächzend den vielen Stoff in die kleine Tasche quetschen, sich dabei erinnern, dass diese Aufgabe vor gar nicht allzulanger Zeit unlösbar erschien. Verschwitzt und zufrieden das fertige Paket in Sicherheit bringen für den nächsten Sprung.

Und dann? Am besten gleich noch einmal. Danach vielleicht ein bisschen in der Sonne liegen, faul den Aufrufen für die nächsten Loads lauschen, Schirme schweben vom Himmel und voll ausgerüstetete Springer gehen zur Einstiegsstelle. Die Kinder spielen Springen, mit Spielzeugflugzeugen oder am richtigen Exit der alten Pink.

Sonne macht durstig, also vielleicht ein Cola aus dem Restaurant. Dann wieder ab nach oben.

Plötzlich ist Abend. Warum jetzt schon? Vor dem Manifest knallen die Sektkorken, die Pink geht schlafen und das Lagerfeuer vor dem Grillpavillon ist auch schon angeheizt. Die besten und die schlimmsten Erlebnisse werden so lange ausgetauscht, bis jeder alles weiss.

Zufrieden, müde. Ziemlich hungrig. Im Restaurant trifft man alle wieder. Kerngruppen und Tischwanderer, und alle Gespräche drehen sich nur um das eine (das Springen, natürlich). Dazu das eine oder andere Bier oder ein Glas Wein, je nach Geschmack und Tagesverfassung.

Dann ist es Zeit fürs Bett. Der Rückweg durch die taufeuchte Wiese, und Tag für Tag ein Sternenhimmel wie zum Angreifen. Vielleicht klingt aus einem Zelt noch Musik, vielleicht sitzen noch ein paar am Lagerfeuer. Wollte ich nicht noch? Diese Email schreiben? Das oder jenes im Weblog notieren? Ach was. Morgen ist auch noch ein Tag.

Der nächste Tag

Heimkehr

Sonnenverbrannt und mittlerweile ausgeschlafen trete ich wieder in die Fußstapfen des Alltags. Schöne Tage: Das waren wunderschöne Tage. Luft und Licht und nette Menschen. Schon lange nicht: Schon sehr, sehr lange ist es mir nicht so rundherum gut gegangen. Ohne Einschränkung.

Normalerweise gibt es ja dort ein 10MBit-Netzwerk, aber das wollte diesmal nicht so recht. Hat mich, ehrlich gesagt, auch nicht gestört. War gut so. Weit weg von allem, und die Videoscreen zeigte, wenn überhaupt, Bilder von Freifallern. Oder MTV. Keine Nachrichten, keine Welt ausserhalb des kleinen Flugplatzes. Sehr gut so.

Jetzt aber hätte ich viel zu erzählen, aber da ist ein Haufen Dinge, die zuerst erledigt werden wollen. Und vieles gäbe nachzulesen, aber auch dazu erstmal keine Zeit.

#49

Klatovy – Skyvan – Solo

Erstmal auf den Bauch geworfen, um Markus, Jürgen und den Dritten beim Stern zu beobachten. Sieht erstaunlich stabil aus, was die da machen.

Danach nochmal das Sitzen geübt. Geht ja fast, nur rudere ich dabei ziemlich viel mit den Armen. Bin froh, dass mir keiner zuschaut, sieht wahrscheinlich aus wie ein orang Utan am Häusl. Mit diesem gedanken hänge ich kichernd am Schirm.