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Zu spät

Nichts mehr, nur dies: Die Schatten der Bäume, angestrahlt vom vorbeidriftenden Scheinwerferlicht, sind eine Ahnung des grünen Überschwangs von ein paar Stunden zuvor. Darüber ein Dunkel, das gegen die Stadt zu ein ferner, dann ein deutlicher, dann ein heller Schein wird. Westeinfahrt, nachts. Schönheit der Stadt.

(Und doch, abends noch, in der anderen Richtung, sonnenbestrahlte Jungblätter auf dunklen Ästen, dieses überschwengliche Glücksgefühl, der Stadt entronnen zu sein.)

Just Scribblin’ away

It’s alright, Ma…

Wenn man nun, so ganz unerwartet, im Bus nach Hause eine alte Freundin trifft & beschliesst, auf ein Bier zu gehen,

und wenn man dann so im Lokal sitzt und sich blendend unterhält und nach einiger Zeit schon das eine oder andere Bier getrunken hat,

und wenn dann der ebenfalls nicht mehr ganz nüchterne Wirt eine ganz großartige Livekassette mit Farandouri und Theodorakis auflegt,

dann weiss man, dass es höchste Zeit ist, nach Hause zu gehen.

Und dann stellt man noch fest, dass der Flipper nicht in der üblichen Ecke steht. Ich mein’, was soll das? Der Flipper, an dem ich Stunden um Stunden verbracht habe. Der Flipper, dessetwegen ich auf die eine oder andere Schachtel Zigaretten verzichtet hab, Ja, damals war es noch so: Entweder Flipper oder Zigaretten. Der Flipper hat immer gewonnen. Ein Grund, in dieses Lokal zurückzukommen, lange nachdem es seinen Zenit überschritten hatte. Aber da stand immer noch dieser Flipper, und der war besser als die Computerspiele zu Hause, und überhaupt: Das war ein Stück Glück.

Aber nicht mehr. Da biegt man ganz unschuldig um diese Ecke, hinter der, verdammt noch einmal, dieser Flipper zu stehen hat, und eigentlich ist man auf dem Weg zum Klo, und hat nur ganz leise im Hinterkopf die Frage, welches Flippermodell denn heute dort stehen wird – und dann…

… steht da keiner mehr. Stattdessen ein Videospiel, eins der dümmsten: Movie Quest. Eine Schande, und ernüchtert und um Jahre gealtert schleppt man sich in den Raum zurück, in dem das Bier langsam warm wird, aber immerhin: Immerhin spielen sie Theodorakis und Farandouri, und das heisst nichts anderes, als dass es Zeit wird heimzugehen…

Und wenn man diese Warnung überhört, und sich weiter unterhält mit einem Ohr, während das andere dieser wunderbaren Musik nachhängt, dann aber, beim nächsten Bier oder beim übernächsten, bemerkt, dass man die Musik aus der Aufmerksamkeit verloren hat und dass jetzt plötzlich der Soundtrack von “Easy Rider” erklingt, dann kann man ganz sicher sein, dass man einen Punkt erreicht hat, an dem man schon längst im Bett liegen und schlafen sollte.

Was solls.

Mödling

Da war Sonne, da war es warm, und da war ein Flieger, und da war schnelle kalte Luft. Und da waren nette Menschen. Und später war da ein Teich, und der war gar nicht so kalt, und immer noch Sonne. Und noch später waren wir in einer kleinen Stadt, die mich immer ein bisschen traurig macht, weil sie so perfekt ist und so liebevoll erhalten und so voller Schmuckstücke: und weil ich mir denke, wenn ich nicht wissen würde, dass die Welt da draussen ganz anders ist, würde ich gerne hier leben; aber weil ich es weiss, würde ich es nicht aushalten. Und da war ein erstklassiges Abendessen und eineinhalb Bier, und angenehme Gespräche, und jetzt bin ich zu müde, um noch denken zu können. Geschweige denn schreiben. Daher lass ich das jetzt auch.

#36

Bad Vöslau – Cessna 206 – Solo

Fremdes Flugzeug, fremder Schirm, fremder Landeplatz. Die Springer in Bad Vöslau sind absolut nett und hilfreich. Der Tag ist unglaublich schön, strahlendes Wetter & der Frühling hat alles Grün gemalt. Zuerst heisst es allerdings warten, anscheinend ist ein Tandemsprung als Muttertagsgeschenk in Mode gekommen. Na gut.

Die Maschine ist gelb und erstaunlich schnell in die Höhe zu bringen. Ich sitze am Boden neben dem Piloten und bemühe mich, ein paar Blicke auf die Gegend zu erhaschen. Schön.

Endlich Exit-Time. Freundlich dirigiert von Mike, aber trotzdem etwas ungeschickt, finde ich den Weg vom Kopiloten-Platz zur Tür. Immerhin ist die gross genug. Ich lasse mich vorsichtig hinausgleiten, heute schon genug Neues zu verkraften. Der ungewohnte Seitenwind drängt mich trotzdem in eine Art Schraube, die sich erstaunlich elegant anfühlt (da kann mir keiner widersprechen, schliesslich war ich „last out“ ;-))

Huch, so ganz ohne Kombi pfeift der Wind ganz schön durch. Bin sehr konzentriert, erst meinen Griff und dann den Flughafen zu finden. Beides im Endeffekt eigentlich ganz leicht. So ganz nebenbei tief unter mir und ein bisschen drüben noch einen Relativ-Zweier beobachtet. Sieht alles so leicht und spielerisch aus… wenn die ausführenden Personen es können!

Dann, nach dem letzten Abenteuer erst recht, etwas höher ziehen. Da ist er ja, der Goldstück-Griff. Achja, loslassen sollte ich auch.

Auf luxuriösen 1400 Metern hänge ich am Schirm, der sich recht bockig lenkt. Ein paar Meter tiefer kommt der Wind auch noch böig. Die Konzentration auf das (für meine Gewohnheiten) winzigkleine Landerechteck nimmt mir die Zeit, viel von der traumhaften Gegend zu sehen. Teiche gibt es da, und ganz weit weg die Berge und über den Bergen ein paar Wolken…

Ziehe meine Kreise und erwähle dann doch die grosse Wiese statt der kleinen zum Landen. Lieber ein paar Schritte gehen, statt mit aller Gewalt… Brauch ich gar nicht. Nach einer sauberen Landung kommt das orange Taxi.

Zu schade

Douglas Adams hat diese Welt verlassen. Dabei hatte ich immer gehofft, die fünfteilige Trilogie würde noch ein paar Teile mehr bekommen. Oder “The deeper Meaning of Liff” würde vielleicht noch mehr Tiefsinn kriegen. Wirklich schade.

Endlich ausschlafen

Hab ich gedacht. Um sieben Uhr zwanzig bin ich hellwach. Einen diffusen Traum im Kopf, in dem mir Stefan Raab sein Sweatshirt schenken will, wenn ich mit ihm ins Bett gehe. “Ich hab’s im TV getragen”, sagt er. Als ich noch überlege, wie ich sein Ansinnen ablehne, ohne ihn zu beleidigen, weil er trotz allem ein netter Kerl ist, wache ich auf.

Auf der Straße kläfft ein Dackel. Die Sonne bahnt sich ihren Weg durch die Jalousien. Immer schon ist es mir schwer gefallen, einzuschlafen, wenn ein Lichtstrahl um mich herumtanzt. Ich stecke meinen Kopf unter die Decke. Das nutzt nichts. Ich weiss, dass das Licht da draussen ist.

Eine Stunde liege ich noch so und schaffe es in eine Art gedankendurchwobenen Halbschlaf. Dann wacht der Nachbar auf. Er begrüßt den Tag mit einer HipHop Session, die mich unverzüglich in die Senkrechte befördert. Da gibt’s nur eins: Zurückschlagen. Rein mit dem selbstgebastelten Frühlings-Sampler und die Lautstärke hoch.

Und wenn ich schon an einem Samstag so unverschämt früh wach bin, kann ich genauso gut anfangen, die Wohnung zu putzen.

Song zum Tag:

Tocotronic – Morgen wir wie heute sein

Tocotronic – Morgen wird wie heute sein

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Leergeträumt

Die Nacht ist so strahlend und die Sterne sind so nah. Mein Hexenherz fliegt unterm vollen Mond. Vielleicht eine Rast im kühlen Moos. Vielleicht ein Gedanke, der sich selbstständig macht wie eine streichelnde Hand. Nice and Easy.

Schlag die Augen auf in der Dunkelheit. Die Sterne verschwunden. Mein Herz klopft ins Leere. Regen prasselt an die Scheiben. Alle Geschichten sind ausgedacht. Alle Träume ausgeträumt. Die Kopfworte sind ausgeflogen. Was bleibt da noch?

Musik und Luftsprünge

Da war eine Party, und vielleicht war es zuerst mühsam, viel zu viel Business und viel zu wenig Leben aber…

…dann doch, und da waren Gitarren und da war Musik und nach einer ganzen Weile war da auch ein Mikrophon und ich habe gesungen und das war nur im Moment, denn niemand hat es festgehalten, aber das war gut so, nur vielleicht ein bisschen schade um den Text, der nie mehr wiederkommt, den Text: Der alles versteht und alles erklärt, aber eben nur im Moment. Das war schade, und das war gut.

Dann waren da noch die Kinder, die keine mehr sind: als hätte jemand unversehens die Sanduhr umgedreht, schauen sie dir plötzlich gerade ins Gesicht, denken und meinen und machen Musik. Schön…

Davor aber, davor: Im wolkenbeschatteten Sonnenlicht; im Schutz der freundschaftlichen Umgebung. Wir reden. Wir sind. Da.

be cool!
be quiet!
look.
feel.
be.

maybe.
maybe not.

no hurry.

made a mistake
once. twice.
don’t repeat it again.

be cool!
be quiet!
look.
feel.
be.

Der eine, der alle ist

Ich gehe durch eine Stadt. Eine seltsam vertraute fremde Stadt. Kopfsteinpflaster unter den Schuhen. An einem Zoo vorbei. Das Licht: Mediterraner Mittag. Hitze stört nicht. Wind vom Meer her. Irgendwo da oben gibt es eine Dachterrassenwohnung, die würde mir gehören, wenn ich hinginge. Ich gehe nicht hin.

Straßenleben. Dinge die klein sein sollten sind groß. Dinge die groß sein sollten sind klein. Jemand fängt ein Zebra in einer Kaffeedose. Er spricht eine Sprache, die klingt wie Musik. Ich kenne die Sprache nicht, aber ich verstehe sie. Das Zebra schrumpft, erklärt er mir. Deshalb muss es zum Tierarzt. Das Zebra wiehert in der Kaffeedose. Die Luft fühlt sich kurz vor dem Gewitter. Kein Wolke weit und breit.

An einem Ding, das aussieht wie eine Mischung aus Regenschirm und Flugdrachen, hängt eine Hollywoodschaukel. Es fliegt lautlos vorbei. Drei Bekannte sitzen auf der Hollywoodschaukel und winken mir , ich soll ihnen folgen. Ich laufe dem Ding nach.

Es landet in einem Garten, der überall ist. Überallhin wären es nur ein paar Schritte. Noch mehr Freunde hier. Und der eine, der alle ist. Das fliegende Spielzeug läuft mit einer neuartigen Magnettechnologie, erklärt man mir. Der Motor sitzt im Gestänge der Hollywoodschaukel. Um zu starten, zu lenken oder zu landen, muss man grosse Eisenstücke, die auf den Stangen sitzen, in bestimmte Positionen bringen. Geht ganz leicht. Verbraucht keinen Treibstoff.

Wir wollen etwas essen gehen. Wir wollen etwas trinken gehen. Auf dem Weg dorthin will ich die Freunde in ihrem Fluggerät filmen. Es sind zu viele Bäume hier, ich kann sie nicht sehen. Auf einer Stromleitung balanciert meine Familie. Ich rufe sie nicht, denke ich, sonst verlieren sie das Gleichgewicht. Ich filme sie.

Wir sitzen in einem Lokal, das zu hell ist und zu stylish. Der eine, der alle ist, erzählt. Mit jedem Satz wechselt er die Gestalt. Das beunruhigt mich nicht. Das ist schon richtig so. Während er sich verwandelt, lege ich meine Hand auf seine Brust. Die Hand spürt alle Unterschiede. Alle Ähnlichkeiten.

Währenddessen ist das Gespräch versiegt. Die anderen gehen. Wir wollen bezahlen. Wir haben schon bezahlt. Wir gehen, Hand in Hand.

Draußen im Garten, der überall ist, stimmt etwas nicht. Wo der Brunnen sein sollte, steht ein Grab. Ich gehe hin, um es mir anzusehen. Goldregen in einem Glaszylinder. Daneben ein Brief, feucht, vergilbt. Erzählt von einem Mädchen, Mitte zwanzig, die eine Krankheit hatte, die erst verblödet und dann tötet. Ein Missionar hat den Brief geschrieben. ‘Sie war wie eine Tochter für mich’, schreibt er. ‘Da war nichts mehr zu machen. Ich fahre jetzt nach Paris, dort werde ich gebraucht.’

Auf dem Brief ist ein Bild des Missionars, schwarzweiß. Kein Bild von dem Mädchen. Aus irgendeinem Grund weiss ich, dass sie blond und langhaarig war. Das Bild vom Missionar ist aus dem 19. Jahrhundert. Ich verstehe, dass das eine sehr alte Geschichte ist.

Neben dem Grab ein Hebel. Wenn ich ihn umlegen würde, würde ich ein anderes Grab sehen. Die Gräber auf diesem Friedhof liegen nicht nebeneinander, sondern hintereinander in der Zeit.

Ich drehe mich um und gehe. Der eine, der alle ist, ist verschwunden. Auch sonst ist der Garten leer. Das Insektensummen verstummt. Alle Bänke, Denkmäler, das Grab verschwinden. Nur mehr Wiese und Bäume. Das Licht wie kurz vor dem Dunkelwerden in einem nordischen Sommer. Die Tore, die aus dem Garten überallhin führen, sind versperrt, versiegelt. Langsam verstehe ich, dass ich tot bin.

Nichts verstanden

Nichts verstanden.

Gar nichts. Viel zuviel. Flucht.

Sorry.
Oder auch nicht.

Feuer & Eis

Manchmal ist das Leben scharf und klar wie ein Sprung ins Kaltwasserbecken. Dann wieder verwischt und verwirbelt wie die Luft über einem Feuer.

Sich davonstehlen. Durch die laue Frühlingsluft. Zigaretten holen gehen und nie wieder zurückkommen. Warum eigentlich nicht? Einfach immer weiter gehen. Bis die Wörter keine Last mehr sind.

Wie konnte ich nur jemals einen laufenden Fernseher ertragen?

Die Worte kehren zurück

Sie klopfen vorsichtig an die Tür meines angenehm ruhigen Gehirns, als das Auto mit vier sonnenmüden Neo-Fallschirmspringern von der Flugfeldzubringergasse in die Hauptstraße einbiegt.

Während draußen eine Sonne leuchtet, als hätte sie in der viel zu langen Regenzeit Energie für drei Glutbälle aufgestaut, während wir vier unser heutiges technisch bedingtes Nichtspringen mit einem kräftigen “Scheiße” abhaken, während das Auto sich Meter um Meter in Richtung daily Life bewegt, klopfen und poltern die Worte, die ich nicht haben will, jetzt noch nicht, und schließlich treten sie die Tür ein und fläzen sich in meine Gehirnfalten wie in ein altes Sofa.

Draußen Wiesen und blühende Bäume. Soviel Grün: So viele Sorten Grün. Bäume blühen in weiß, in rosa. Und die Bewegung ist gut. Es ist gut, durch dieses üppig feuchte Grün zu fahren, die Fenster weit offen, Fahrtwind und Stille, und die Worte, die sich räkeln und strecken, bevor sie sich zu Sätzen ballen, die mir Wort um Wort die Illusion der Freiheit rauben.

Wir fahren, wir fahren. Draußen der Tag, hinter der Sonnenbrille dunkle Nacht. Die letzten Begegnungen werden ausgetauscht, die letzten Grüße ausgerichtet. Dann wird es still im Wagen. Wir fahren.

Ein Stück Sonne ist in einen Teich gefallen, dir Birken zeigen erstes Blattgewand. Dann eine Stadt mit bunten Straßenbahnen. Ein Wäldchen, eine Burg. In jeder Wiese möchte ich liegen, in jeden Teich möchte ich springen, in jedem Birkenwäldchen spazierengehen.

Wir sind ein Stück in die falsche Richtung gefahren, ein gutes Stück. Das ärgert einen, der fahren muss. Das stört eine, die ankommen will. Das langweilt eine, die nicht im Auto sitzen will. Mir ist es recht. Wenn ich nicht ankommen muss.

Jetzt klopfen Bilder an die Türe. Das will ich schon gar nicht. Schicke die Wörter, um die Bilder draußen zu halten. Sperre die Augen auf. Da, ein Maibaum mit bunten Bändern. Hier, ein Dorf, eine Band hat eine Musikanlage aufgebaut, Leute stehen unschlüssig herum, ein Bier in der Hand. Schon bin ich woanders.

Können wir nicht hier stehenblieben, denke ich. Die Jungs mit den Gitarren haben cool ausgeschaut. Ein Nachmittag auf einem fremden Dorfplatz, ein Bier in der Hand, Die Band wird vermutlich unsägliche Musik machen, aber wen stört das schon, mit Sonne im Gesicht und gesichertem Biernachschub. Ich sage nichts. In fremder Musik liegt keine Stille mehr.

Wir kaufen Chips und Cola an einer winzigen Tankstelle. Keine tschechische Krone zur Hand, da muss die Visakarte ran. Für Chips und Cola. Das verstört mich, sodass ich kurz an einer Rede über richtiges Reisen feile. Ich sage nichts. Die Fenster offen, die Straße jetzt für höhere Geschwindigkeiten geeignet. Der Fahrtwind übernimmt das Reden.

Der Fahrtwind sagt: Hier bist du also wieder. Und lacht. Ich schliesse die Augen, will nichts hören. Er lacht. Letzten Samstag, sagt er, als ihr hier angekommen seid. Du: Nervös und zerfahren. Seit Wochen ohne Bezug zu deinem Leben. Jede Aufgabe wie ein lästiges Hautjucken. Jedes Gespräch wie das Geräusch einer Kettensäge um 6 Uhr früh.

Dann kommst du an und es regnet. Aber das macht gar nichts. Es genügt, dass dieser Flieger dasteht, flugbereit. Es genügt, dass die richtigen Leute die richtigen Dinge sagen. Es genügt, dazustehen und zu warten, ob es noch aufklart. War doch so? Und dann klart es tatsächlich auf, der erste Sprung. Nicht ganz so toll: Zu lange her. Zuviel Wasser in der Luft. Aber noch am selben Tag der zweite. Da war doch die Welt in Ordnung?

Als ich nicht antworte, nimmt er mir kurz den Atem. Nur zur Erinnerung, sagt er.

Fast in Ordnung. Ich habe alles verstanden. Ich habe nichts verstanden. Alles stimmt, und doch nicht ganz. Ich lerne, was ich längst weiss. Es fühlt sich anders an.

Ich bin nicht mehr die die ich war: Belangloses Zeug. Wie geht das? Als hätte ich ein unsichtbares Tor durchschritten, an dem meine Haut ausgetauscht wird. Und wieder zurück. Dazwischen ist alles einfach. Oder doch fast. Davor und dahinter überholte Wichtigkeiten.

Nichts ist schwieriger: als zu wissen, was man will. Nichts schwerer zu ertragen: als das zu haben, was man wollte. Der Himmel Blau wie zersprungenes Glas. Wir fahren und das ist gut: Überall ist es besser, wo ich nicht bin.

Draußen ein See. So viele Seen hier. Dieser See hat eine Insel in der Mitte, leicht zu erschwimmen vom Ufer aus. Auf dieser Insel werden Geheimnisse ausgetauscht, erste Küsse geteilt. Die Kinder schwimmen dahin, um sich dem Müssen zu entziehen. Ich bin sicher, dass es so ist. Wenn das Wasser erst einmal wärmer wird. Heute liegen See und Insel verlassen im Sonnensplitterlicht. Nur die Frösche quaken. Weil sie vögeln wollen.

Und wieder blühende Bäume. Ich bin ganz ruhig. So soll es bleiben. Wir fahren. Ein Traktor auf einem Feld, und nichts als Sonne und Farben. Ein Hund läuft einen Feldweg entlang, mit flatternden Ohren. Niemand weit und breit. Das Land sieht aus, wie es bei uns auch aussieht. Die Leute in den Gärten auch. Die Dörfer nicht.

Dann der erste Baggersee, der zweite. Ein Campingplatz. Die Grenze. Dahinter eine Zigarette. Wir sind das letzte Auto, bevor er zumacht, sagt der Beamte. Dass es noch Grenzstellen gibt, die über Nacht zumachen, ist erstaunlich.

Wir fahren, jetzt im Abendlicht. Das Grün der Felder wird noch grüner. Auch diesseits der Grenze in jedem Dorf ein Maibaum. Rotweissrote Fahnen in den Fenstern. An der Straße ein Fußballplatz: Die Kinder kicken. Ein paar Eltern schauen zu.

Dieser Moment gestern: Im Stich gelassen von meiner Hand, die den gewohnten Schirm nicht ans Tageslicht bringt. Mein ich wird immer kleiner, während ich suche und suche, und dann weiss ich, dass ich etwas tun muss, bevor ich in mir verschwinde. Die Reserve erblickt das Tageslicht. Ich bin wieder da.

Wir fahren. Wir fahren an dem Feld vorbei, an dem ich vor langer Zeit schon im Dunkeln vorbei gefahren bin. Damals steigt jemand mitten auf der Straße in die Bremse. Da liegt eine Adlerfeder auf dem Feld, sagt er. Blödsinn, sage ich, es ist stockfinster. Wir nehmen die Taschenlampe, klettern über die Böschung, gehen über einen Feldweg, ein paar Schritte in ein Feld hinein. Da liegt eine Adlerfeder. Die Hand hebt die Feder auf, steckt sie ein, knipst die Taschenlampe aus, legt sich um meine Schultern. Siehst du? sagt die Stimme im Dunkeln. Jedesmal, wenn ich hier vorbei fahre, denke ich an die Adlerfeder. Und an die Hand. Der Platz ist leicht zu erkennen an einer markanten Pappelgruppe. Die Hand habe ich gestern vermisst.

Wir fahren. Gleich sind wir in Wien. Die Sonne geht unter. Verabschieden und zur U-Bahn gehen. Hinter den Hochhäusern das letzte Abendrot. Versteht denn niemand, wie die Stadt die Menschen verstört? Innen auf meinen Augenlidern noch das Grün von der Fahrt. Ich bleibe ruhig.

In der U-Bahnstation lästert einer: “Scheiß Freaks!” – Ob er meine Frisur meint oder mein buntes Tuch? Ich drehe mich um und lache. Ein Junge, vielleicht 15, vielleicht 16. Mit beiden Fäusten geht er auf mich los. Nein, das tut er nicht. Es steht nur in seinem Gesicht.

Die U-Bahn, die Straßenbahn. Auf der Rolltreppe einer, völlig alleine, breitet die Arme aus und ruft: “Das ist doch alles vollkommen unfassbar!” – Genau so ist es, denke ich.

Wetter

Millionen von Sternen am Himmel & die Frösche balzen. Was für ein Wetter das heute war. Kurzhosenwetter, Augenzumach- und Zurücklehnwetter. Endlich wieder das Gefühl, den ganzen Tag unter freiem Himmel zu verbringen. Sogar im freien Himmel!

Sorry, no more. Mir geht’s ausgezeichnet, bis auf eine winzige Kleinigkeit. Und die ist nicht mehr wichtig.

#35


Meine erste – ooops – Reserve

Klatovy – Skyvan – Solo

Nach ausführlicher Handdeploy-Einweisung mein erster Sprung mit ebendiesem. Brav mache ich nach dem Exit meine Scheingriffe und habe drei Mal das Ding in der Hand. Na dann. Entspannt fallen. Sicherheitshalber etwas höher ziehen, hat’s geheißen. OK, dann halt bei 1700 wie in AFF-Zeiten. Entspannt greife ich dorthin, wo das Ding eben noch war. Da ist nichts.

No Stress, ich bin ja hoch genug. Zurück in die Ausgangsposition. Zweiter Versuch.

Nichts.

Ganz cool bleiben. Streck die Finger aus, weit kann er ja nicht sein. Notfalls am Gurt entlang in Richtung Container, hat’s geheißen.

Nichts.

Versuche, nach unten zu schielen, um zu sehen, wo meine dumme Hand sich herumtreibt. Verliere das Gleichgewicht & falle kopfüber. Versuche, mit der linken Hand wieder das Gleichgewicht zu finden, während die rechte mittlerweile doch recht panisch an allen möglichen Stellen herumsucht, nur anscheinend nicht an der richtigen.

Wo bin ich eigentlich? Versuche, auf den Höhenmesser zu schielen, die Nadel zittert dort, wo sie in meinem Freifall definitiv nicht hingehört.

Die Welt um mich herum ist verschwunden, und ich schrumpfe auch schon. Die Hände fliegen ganz von selber an die anderen Griffe, rechts trennt, links öffnet die Reserve.

Trennen wäre nicht nötig gewesen, denke ich sofort, dann macht es einen kräftigen Ruck & über mir erstreckt sich ungewohntes Weiß. Ich atme. Die verschwundene Welt entfaltet sich wie ein Schmetterling.

A propos Schmetterling: Da flattert was. Das muss das Freebag sein. Ihm nach oder in Richtung Flughafen? Griff zu den Steuerleinen. Mensch, das Ding lenkt sich träge. Dann doch lieber Richtung Flughafen, da ist mehr freies Feld. Wenn die Reserve schon so schwer zu lenken ist, wie soll ich sie dann flaren? Aber das erübrigt sich, die Landung ist auch so butterweich.

Ziemlich still [halb noch erschrocken, halb geniert] lasse ich mich von Klaus zurückchauffieren.

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