Raucher oder Nichtraucher?

Die schon lange schwelende Frage (pun not intended, aber welcome) schlägt derzeit so hohe Flammen, dass ich nur ungläubig den Kopf schütteln kann. In meinem Facebook stapeln sich je mehr als 20 Einladungen zu “Alle Lokale rauchfrei” und “Wir brauchen keine rauchfreien Lokale”. Ich hab nicht vor, einer dieser Gruppen beizutreten. Rauchen oder nicht rauchen – das ist Privatsache. In meinen Augen wär es auch Privat-, oder vielleicht auch Geschäftssache, ob ein Wirt sein Lokal rauchfrei oder rauchfreundlich hält, aber da habe ich wohl die Rechnung ohne Vater Staat gemacht.

Selbst bin ich ein höchst bemüht rücksichtsvoller Raucher. Sagt zum Beispiel der Herr Sufi. Es würde mir niemals in den Sinn kommen, mir in einer Nichtraucherwohnung eine anzuzünden, und selbst in Rauch-gemischten Haushalten halte ich mich rauchfrei, zumindest bis ich die jeweiligen Gepflogenheiten verstanden habe (das sage ich so kompliziert, weil fragen hier nicht weiterbringt – kaum jemand sagt nein, wenn man fragt ob man darf. Dabei dürfte doch jeder nein sagen). Ich beachte Rauchverbots- ebenso wie “Bitte-nicht-rauchen”-Schilder, selbst wenn rund um mich schon 5 Glimmstengel qualmen. Ich bin absolut dafür, dass jeder Nichtraucher ein rauchfreies Leben führen kann. Ich bin zum Rauchen schon vor die Tür gegangen, als man bei uns dafür noch ausgelacht wurde – das habe ich in jungen Raucherjahren in Skandinavien gelernt. Selbst in Raucherlokalen lasse ich es bleiben, wenn ich ausschließlich mit Nichtrauchern am Tisch sitze. Ich schüttle indigniert den Kopf, wenn ich in Langstreckenzügen auf der Toilette Zigarettenrauch rieche. Das Rauchen ist im Zug verboten. Ich lebe damit (und genieße um so mehr die Zigarette nach der Ankunft).

Ich habe allerdings nie versucht, mit dem Rauchen aufzuhören. Aufhören interessiert mich nicht. Es gibt 4-5 Zigaretten am Tag, die sind so wunderbar, dass ich nicht die geringste Lust habe, darauf zu verzichten. Natürlich gibt es die Zielvorstellung, die anderen 15-20 aus dem Tagesablauf zu streichen, das gelingt manchmal besser, manchmal schlechter. Aber aufhören? Ohne mich.

Und ich hab es sehr, sehr satt, mich von Hinz und Kunz dafür massregeln zu lassen. Ich nehme, wie oben gesagt, gerne Unbequemlichkeiten auf mich, um den Nichtrauchern meinen Rauch zu ersparen. Das ist in meinen Augen eine selbstverständliche Höflichkeit. Aber genau das muss eben auch genügen. Die militanten Nichtraucher, und manchmal gar die Raucher selbst, führen einen nahezu biblisch anmutenden Feldzug gegen jeden am Horizont auftauchenden Glimmstengel außerhalb der dezidierten Nichtraucherzonen. Nicht rauchen ist die neue Religion. Und das, das spiel ich so nicht mit.

Top 5 der inakzeptablen Beispiele aus der letzten Zeit:

#5 In einem Konzert, in der Pause, hirschte ich quer durch das Riesengebäude zum einzigen Raucherbuffet des Hauses und zünde mir in der Warteschlange wie viele andere vor und hinter mir den lange erwarteten Glimmstengel an. Nur um von der Seite angepfiffen zu werden: “Müssen sie jetzt hier rauchen?” – Ich habe nicht geantwortet: “Nein, aber ich will. Wie ungefähr hundert andere Leute in diesem Raum auch. Wenn es sie stört, wählen Sie doch eines der zahlreichen Nichtraucherbuffets im Haus.” Aber weitergeraucht habe ich. Schweigend.

#4 In einer Pension am Bodensee ging ich zum Rauchen ganz selbstverständlich auf den Balkon, wie ich es gewohnt bin. Letzter Stock, kein Fenster, kein weiterer Balkon darüber, wo der Rauch stören könnte – selbst wenn bei den damals herrschenden Temperaturen um die 5 Grad überhaupt jemand draußen gesessen wäre. Am nächsten Tag zog mich die Hauswirtin zur Seite – “Hören Sie, bei uns wird auch am Balkon nicht geraucht!”. Natürlich ging ich fortan stattdessen auf die Straße. Und fahre dort sicher nicht mehr hin.

#3 In einem großen Park mit vielen Bänken, letzten Herbst, setzte ich mich, mit Blick in die Sonne, um die letzten Strahlen zu genießen. Von den vielen Bänken waren kaum welche besetzt, im Umkreis von 50 Metern gar keine. Ich sonnte und rauchte mit geschlossenen Augen, bis die Bank erzitterte und eine Stimme quängelte: “Machen Sie die Zigarette aus!” – Ich öffnete die Augen und erblickte eine schrumpelige Alt-Grüne (dem Outfit nach zu schließen), und rund um uns noch immer fast nur leere Bänke. “Hej, Alte! Setz dich doch woanders hin!” habe ich nicht gesagt. Aber es war das erste, und hoffentlich auch das letzte Mal, dass ich absichtlich Rauch in Richtung eines Nichtrauchers geblasen habe.

#2 Auf einer rauchfreien Party fand sich der ~ 200-Kilo-Mann, der mir auf den Raucher-Balkon nachstieg, um mir einen ausführlichen Vortrag Vortrag darüber zu halten, wie meine asoziale Zigarette das Gesundheitssystem schädigt. He! Amigo! Wir könnten eine lange Diskussion darüber führen, ob dein nicht medizinisch bedingtes Übergewicht oder meine Zigaretten ein größeres Loch ins Krankenkassenbudget schlagen (bislang bin ich, wie meine Ärztin angesichts der Blutwerte vermerkt, für mein Alter “ungewöhnlich gesund”), aber wenn du versuchst, mir physisch(!) die Zigarette aus der Hand zu reißen, dann musst du eben damit rechnen, dass ich sie stattdessen in dem letzten Stück Schokoladetorte ausdrücke, das du vor meinen bislang schokolos gebliebenen Augen rücksichtslos an dich gerissen hast. Du hattest vorher schon mindestens zwei! (Hab ich nicht gemacht. Ich hab nur geschimpft. Aber ehrlich, ich wünschte, ich hätte.)

#4 Auf einem deutschen Bahnhof, am Freiluft-Bahnsteig, standen 5 Menschen im gelb auf den Asphalt gemalten Raucherqudarat (schätzungsweise 3 Quadratmeter) und rauchten. Ansonsten war der Bahnsteig leer. Völlig leer. Weit und breit niemand in Sicht, also auch kein Nichtraucher. Da ich nicht so gern allzu nahe bei anderen stehe, stellte ich mich 1 Meter neben das Quadrat und zündete mir eine Zigarette an. Nur um von einem selbst rauchenden Typen innerhalb des Quadrats gemassregelt zu werden: “He! Sie stehen in der Nichtraucherzone!”. Hier war ich wenigstens halbwegs schlagfertig, und antwortete mit übertriebenem Wiener Akzent: “Und? Sehen Sie hier irgendwo jemand, den das stören könnt’?”

Ich gehe weite Wege, um niemanden mit meinem Rauch zu belästigen. Und zunehmend habe ich das Gefühl, dass Nichtraucher ebenso weite Wege gehen, um sich dennoch belästigt fühlen zu dürfen. Sobald sie sich belästigt fühlen, sind sie natürlich im Recht. Das bestreite ich gar nicht. Aber vielleicht müsste man nicht ganz so sehr danach suchen, belästigt zu werden?

Für lange Durstrecken, aber auch zunehmend für den normalen Gebrauch, habe ich übrigens mittlerweile e-Zigaretten. Das ist ziemlich genial. Es schmeckt, befriedigt die orale Komponente, raucht aber nicht. Es ist noch nicht ganz klar, wie ungesund das im Verhältnis zu Zigaretten tatsächlich ist, aber gegenüber dem Rauch und den vielen hochgiftigen Zusatzstoffen ist es wahrscheinlich ein Fortschritt. Nur nicht für die militanten Nichtraucher. Die sehen die orange LED aufleuchten – und fühlen sich schon vergiftet. Obwohl da definitiv gar nichts raucht.

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