Reisesplitter

Ich frühstücke draußen. Der norwegische Troll von gestern Abend telefoniert so lange und so eindringlich nach Hause, dass ich mich frage, ob die Abschaffung der Roaminggebühren wirklich eine gute Idee war. Dabei bemüht er sich sehr, alle  diese für ihn fremdländischen Namen exakt und korrekt auszusprechen, Gmundén, Salskammergutt, eine eigenartige Melodie der Reiseplanung ohne Bezug zum Wortinhalt.

Seine Familie sitzt derweil drin, die sehr blonde, aber unnorwegisch breite Frau schon wieder mit den 111 Dingen beschäftigt, die man in Salzburg gesehen haben muss, der Sohn, um die 15, plakativ gelangweilt, die Tochter, um die zehn, rührt ernsthaft und still in ihrem Joghurt herum.

Nachdem ich der entzückenden Frühstücksbuffetgrazie statt des unsäglichen Hotelkaffeegeschluders einen Espresso abgerungen habe,  sieht der Tag gleich viel besser aus. Erstmals im tageslichthellen Hotelgarten, sehe ich die Schrift am Zaunpfeiler gegenüber, SEX steht da, senkrecht, in krakeligen Spraybuchstaben, in dieser ansonsten graffitimäßig völlig unverdächtigen Gegend.

Gestern Abend, am selben Tisch, auf dem selben Sessel, ein Bier und einen Fernet bestellt, was dem ansonsten sehr ernsten Nachtportier mit den comichaft schiefen Zähnen ein Lächeln und ein höchst wienerisches „Sehr wohl gnä‘ Frau“ entlockt. Den Fernet aber auch nötig gehabt nach dem wunderbar üppigen Abendessen.

Dabei die Stadt-Jugend-Zeitung gelesen, von einer vielsprachigen Klofrau schreibt man da, dann von einer Frau in meinem Alter, die irgendwo zwischen Hippie- und Sandlergemüt in den Wehrtürmen der Festung wohnt, unbeheizt im Winter, Touristen verwirrend im Sommer, und dann noch ein Artikel über ein Plätzchen im Umland, wo man nicht nur nackt badet, sondern wo sogar unsägliche Swingerdinge passieren sollen, „geleckt wird in diesem Tal nicht nur am Eis“, formuliert der Schreiberling so eindeutig wie er sich offenbar traut, und ich bin nach der Lektüre des Heftes etwas beruhigt, dass es auch in dieser Stadt nicht nur Kirchen und Touristen gibt.

Davor, auf dem Heimweg vom Business-Event,  kurz in einem Jazzclub gewesen. Zwischen all den Hotelbars und schlecht verhohlenen Puffs ein unscheinbarer Kellereingang, der Livemusik verspricht. Er sieht von innen wie von außen genau so aus wie all die Keller in den 80er-Jahren, nur ohne Rauchwolken. Die bunthaarige Kellnerin mustert mich verwirrt, für diese Kulisse bin ich eindeutig overdressed. Die Bar ist vorwiegend mit Pärchen besetzt und daher ungefährlich. Ich trinke langsam ein kleines Bier, während neben mir ein Gespräch über John Coltrane und seine Beziehung zum Existenzialismus läuft, die, wenn man dem Sprecher glauben darf, zwar nie explizit in Erscheinung trat, jedoch jedem seiner Soli unzweifelhaft zu entnehmen ist. Das jazzig bleiche Mädchen an seiner Seite nickt ernsthaft zu jedem Satz. Alles wie immer also im Jazzclub. Nur jetzt kein Foto machen, das wäre fatal für die vorschriftsmäßige Coolness. Ab und zu geht die Tür zum Nebenraum auf, wo die Livemusik läuft, die ich schon beim ersten Türöffnen abgeschrieben habe, ein Beserlschlagzeug, eine viel zu saubere Bluenote von der Gitarre, danke nein. Ehrlichgesagt zieht es mich schon wieder hinaus, bevor mein Glas halb leer ist; vieles geht ohne Rauch auch, aber Jazz und Existenzialismus und alleine an der Bar abhängen, das geht ohne Rauch definitiv nicht.

Und noch davor, an der Peripherie der Stadt, wo ich auf meinen Bus warte in der gewittergewaschenen Luft, die den Abend unerwartet kühl macht: keine Schönwetterwolken wie gestern, nur ein bisschen blau und viel grau da oben. Gleich neben dem Flughafen ist das, eine kleine Cessna kommt in der allerletzten Abenddämmerung herein, eine wohl letzte Commuter-Turboprop für den Tag startet kurz darauf hinaus, dann kommt mein Bus: leer. Der Fahrer wirkt geradezu dankbar dafür, dass tatsächlich jemand einsteigt und auch noch eine Auskunft braucht: wo man denn am besten Richtung Zentrum umsteigt, will ich wissen. Der Bus bleibt leer bis zu meiner Umsteigestelle. Ich verabschiede mich freundlich und bilde mir ein, ein tiefes Seufzen im Rücken zu hören. Der Berg, um den tagsüber die Paragleiter gekreist sind, die ich heute sogar ein bisschen beneidet habe, um ihre Erdferne, um ihre Flugleichtigkeit, liegt schon wieder vor mir. Jetzt aber finster und leer.

Heute also, beim Frühstück, beschließe ich aus auch mir selbst unerfindlichen Gründen, eine Stunde früher zu fahren als geplant. Vielleicht brauch ich das bisschen Hektik nach  neun Stunden Tiefschlaf. Den knapp erreichbaren Zug erreiche ich dann doch sehr locker, weil er 20 Minuten Verspätung hat. „Grund dafür ist eine Verspätung aus dem Ausland“ informiert Chris Lohner, es sind also wie üblich die Ausländer an allem schuld.

In der Bahnhofshalle fällt mir auf, dass ich meinen gestern angesichts der Gewitterwolken gekauften Drei-Euro-Schirm liegen lassen habe, entweder eh gleich nach dem Kauf im Taxi oder dann am Veranstaltungsort, ich habe also schon wieder noch immer keinen Regenschirm. Passt irgendwie.

Am Bahnsteig ein junger Rucksacktourist, der musikalisch aufhorcht, als der Railjet gegenüber mit seinem Tonleiterseufzen abfährt. Er fragt mich, ob der Sound auch wirklich vom Zug war. Ich erzähl ihm vom Sounddesign der hiesigen Züge, „fantastic!“ findet er das und fängt sofort an, die Info in sein Fon zu tippen, Notiz oder Message, in jedem Fall ist er beglückt.

Auf der Betonskelettbaustelle nebenan niest ein Arbeiter ganz oben im dritten Stock so brüllend, dass das ältere Pärchen auf der Bank erschrocken zusammenzuckt, und als dann auch noch von unten ein markerschütterndes „GESUNDHEIT!“ und von oben ein mindestens ebenso donnerndes „DANKE!“ folgt, schauen sie sich vollends verunsichert um und beruhigen sich erst, als sie mein Kichern sehen. Es könnte luxemburgisch sein, was die beiden sprechen, höre ich später beim Einsteigen; zumindest ist es dieselbe irgendwie vertraute Lautfolge und insgesamt dennoch unverständlich, wie ich es vom Luxemburgischen erinnere.

Im Zug dann, schnell und kühl und leise und sonnengeschützt, das passt zu meiner Reise aber nicht zu meinem Gemüt. Bummeln sollte der Zug jetzt, die Fenster sollten aufgehen und einen Schwall Luft hereinlassen, der nach heißem Stahl und teerigen Schwellen riecht, jemand sollte ganz unerlaubt mittelmäßige Musik laut über einen blechernen Lautsprecher abspielen, und dann sollt der Zug natürlich nach Süden fahren, ganz weit nach Süden, anstatt recht nah in den Osten.


Stattdessen halt wieder. Nur heim.

In Wien weht heißer, trockener Wüstenwind. In der Bahnhofshalle verteilt einer  schnellkochenden Uncle Ben’s Reis. Von allen Dingen, die man auf einem Bahnhof verteilen könnte, erscheint mir Reis das absurdeste, und doch findet er reißenden Absatz. Ich nehm mir auch ein Packl mit.

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