Rund um Zarsis, zu Fuss

Der Tag dämmert im Halbschlaf herauf, und schließlich scheint die Morgensonne durch den Vorhang. Wir hängen noch im Bett herum, denn wir haben das Frühstück aufs Zimmer bestellt, und das erst für 9 Uhr.

Mit Blick aufs Meer sitzen wir dann auf dem Balkon und tafeln. Und was machen wir mit dem Tag? Zuerst einmal einen kleinen Spaziergang am Meer entlang.

Auf dem Balkon war Bikini-Wetter, aber sobald man den halbrunden Windfang des Hotelkomplexes verlässt, pfeift ein heftiger Wind um die Ecke und verlangt nach Pullover und Windjacke. Solchermaßen ausgerüstet, wandeln wir wie einige andere am Strand, ich ohne Schuhe und bis zu den Knöcheln im Meerwasser, was meiner von unten halbdurchnässtren Jean einen verwegenen Eindruck verleiht.

Der Sufi, unser Pferdefreund, ist hier in seinem Element. Er spricht und flirtet mit seinen vierbeinigen Freunden, und ich sitze und schaue aufs Meer, das mir langsam wieder entgegenkommt, vorsichtig die gestrige Scheu ablegt, und dann flüstert und kichert es mit mir und spielt mit meinen Zehen und wirft mir seine Schätze vor die Füße, und ich bin beruhigt und zufrieden.

Und weiter spazieren wir, da kommt eine Landzunge, leicht felsig, und da ist eine windgeschützte Bucht, ein paar Fischerboote liegen da und weiter im Südosten sind ein paar Netze ausgelegt, und der Sufi döst am Wasser und ich lasse mich hypnotisieren von den vielen tausend Minisonnen auf dem Wasser.

So vergeht eine Weile, bis wir weitergehen, immer weiter am Wasser entlang, kein Sandstrand mehr jetzt sondern eine Kraterlandschaft, und dann doch wieder Sand, nein: die leeren Schalen von Tausenden von winzigen Meerestieren, man kann sie aufheben und wie Sand durch die Finger laufen lassen, man geht darauf und zerkleinert sie noch weiter, ein Friedhof der Namenlosen wird zu Sand.

Dann wenden wir uns landeinwärts, vielleicht finden wir etwas zu essen. Noble Villen stehen hier, mit Türmchen und riesigen Terrassen auf 3 Ebenen, mit parkähnlichen Gärten, aber auch hier sind die Palmen staubig und die Agaven schmutziggrau, und über uns türmen sich Wolken, aber auch heute lassen sie die durstige Erde an ihrem Reichtum nicht teilhaben.

Ein Tunesier, der in einem der Gärten arbeitet, erzählt uns ungefragt, dass diese Villa Einem Deutschen, jene einem Schweizer gehört, noble Herren allesamt. Die Illusion, hier lebe eine Einheimische Elite, ist somit nachhaltig zerstört.

Wir schlagen uns in die Felder, über die dammartigen Trennwege gelangen wir auf einen Feldweg, an dem die etwas weniger noblen Häuser stehen, die wohl den wirklich Einheimischen gehören, und der Feldweg wird eine Straße, und die vereinzelten Häuser werden zu einem Dorf, in dem die Menschen uns mit Neugierde betrachten, ohne uns anzusprechen.

Der Sufi hat am Strand die Socken ausgezogen und unterwegs einen davon verloren, und die Frauen in ihren bunten Tüchern kichern und zeigen auf seine nackten, weißen Zehen.

Viele Schritte weiter hat auch dieser Ort einen Kern mit Schule, Moschee und Geschäften. Hier gibt es keine Garküche, wie der Sufi sie gerne hätte, aber ein kleines Geschäft mit Sandwiches, und wir bekommen jeder einen Teller mit den kleinen, scharfen einheimischen Würstchen und Pommes Frites und Salat, und dazu ungefragt serviert ein Getränk namens Boga, das ungefähr so schmeckt, als hätte man eine Packung Hubba-Bubba Erdbeerkaugummi in Cherry Coke aufgelöst. Der Sufi verzieht angeekelt das Gesicht, aber mir lässt dieser Geschmack eine fast vergessene Kindheitswelt aufsteigen, und die trinke ich mit Behagen.

Während wir unseren Hunger stillen, ist die Schule aus, und die Kinder drängen sich in der Imbissstube, um die hier anscheinend seltene Erscheinung zweier Ausländer zu betrachten, der eine davon mit nackten, weißen Zehen. Sie kichern und zeigen, und die gewiefteren tun so, als hätten sie hier zu tun, den Boden aufkehren zum Beispiel oder die Theke putzen.

Der Besitzer verlangt einen ziemlich unverschämten Preis, und wir kichern, und er lacht auch und ist sofort bereit, mehr herauszugeben, und dann gehen wir, und der Sufi hat genug davon, dass alle über seine Zehen lachen, und geht in ein Geschäft, um Socken zu kaufen, und tatsächlich kriegt er graue Socken mit der Aufschrift Pierre Cardin, und die kosten 1 Dinar, das sind 10 Schilling, und draußen vor der Tür zieht er unter den Blicken der mittlerweile vollständig versammelten Dorfjugend die Socken an.

Dann gehen wir in die Richtung, in der wir das Hotel vermuten, und eine ganze Gruppe von Kindern läuft mit uns, zuerst nur kichernd, dann, mutiger geworden von unserem freundlichen Lachen, um Stylos und Dinar bettelnd, und ein besonders verwegener fängt an, uns hinter unserem Rücken zu verarschen, und ich denke kurz an die Kinder aus dem „Herrn der Fliegen“, und dann öffnet der Sufi die Wasserflasche und verpasst dem größten eine Dusche, und die anderen lachen und die Meute zerstreut sich.

Das Dorf wird dünner und hört dann ganz auf, und wir gehen den sandigen Weg entlang durch die Olivenplantagen. Wir sind nicht ganz sicher, in welche Richtung wir gehen müssen, aber wir gehen. Die Sonne scheint, aber hinten am Horizont, vermutlich über dem Meer, dunkle Wolken. Die silbrigen Unterseiten der Olivenblätter glänzen in der Sonne, und wir gehen die Straße entlang, und die Farben sind unwirklich, rötliche, gelbliche Erde und das grün der Bäume und das Blau des Himmels, und die Wolken am Horizont strahlen in einem tiefen dunkelblau, nur die Ränder sind weiß und werfen sich auf wie die Rüschen an einem Himmelbett, wenn der Wind durchs offene Fenster streicht.

Und viel, viel später erreichen wir eine geteerte Straße, und ich habe keine Ahnung mehr, wo wir sind, und der Sufi tut so als hätte er eine, aber das alles macht nichts aus, in einem der Olivengärten arbeitet eine alte Frau, wir grüßen und sie nickt uns zu. Der Sufi hält ein Auto an und fragt, ob das denn der richtige Weg sei, ja, bestätigt der Aufgehaltene, und dann geht der Sufi weiter, auf das Meer zu das schließlich am Horizont auftaucht, aber…

 

Ich bleibe auf dieser Straße, zwischen den Olivenbäumen, die so weit auseinander stehen, dass sich kein richtiger Schatten bilden kann, und ich gehe den ganzen Tag und die ganze Nacht und noch einen ganzen Tag, ohne müde zu werden. Und langsam, kaum merklich, verwandelt sich meine Goretex-Jacke in eine Wolldecke, in die ich mich hülle in der Kälte der Nacht, und meine Turnschuhe werden zu Ledersandalen, und ich gehe ohne Eile auf dieser Straße, an der sich nichts verändert, endlose Reihen von Olivenbäumen, und ab und zu steht jemand in einem dieser Gärten auf sein Arbeitsgerät gelehnt und nickt mir zu, wenn ich ihm winke, ohne meinen Schritt zu verlangsamen.

Ich gehe unter den Sternen, die mir vertraut sind und die mir die Richtung weisen würden, wenn die Straße enden würde, aber sie endet nicht, und ich gehe in einen blutroten Sonnenaufgang und ich gehe unter der Sonne, und am Abend des zweiten Tages beginnt es zu regnen, aber das stört mich nicht, ich gehe weiter auf dieser Straße, und meine Haare sind lang geworden und hell. Und dann hört der Regen wieder auf, und die nassen Bäume glitzern, und die Sonne lacht hinter den Wolken hervor und trinkt sich satt an den Wasserlacken, bevor sie wieder untergeht, und dann gehe ich ein paar Schritte von der Straße ab und wickle mich in meine Decke und zusammengerollt unter einem freundlichen Olivenbaum schlafwache ich ein paar Stunden, ich bin nicht müde, nicht durstig und nicht hungrig, und als der Morgen kommt, höre ich einen Pferdewagen, und der bleibt neben mir stehen, und man fragt mich, ob ich mitfahren will.

Ich steige auf den offenen Wagen und gehöre dazu, denn da ist ein Barde, ein schöner, ruhiger Mann mit einem traurigen Lächeln in seinen Augen, und er hat eine wunderschöne Frau mit schwarzen lockigen Haaren und tiefbraunen Augen in der Form von Mandelkernen. Und da ist ein Geschichtenerzähler, der sein Geheimnis bewahrt, und da ist ein Gaukler, ein schlacksiger Junge, und seine Freundin, fast noch ein Kind.

Sie kommen nirgendwoher und sie fahren nirgends hin, und ich habe auf sie gewartet unter diesem Olivenbaum, und wir fahren die Straße entlang, diese Straße, die sich niemals verändert, und ich höre den Geschichten zu und ich lache mit ihnen und erzähle wer ich nicht bin, und der Tag vergeht und die Straße zieht unter uns dahin, und dann kommen wir in ein Dorf.

Mitten auf dem Dorfplatz bleiben wir stehen, und der Junge und seine Freundin jonglieren mit Bällen und Keulen, und sie tanzen zur Laute des Barden, und die Frau des Barden schlägt die Schellen, und dann verkauft sie bunte Tücher und lange Halsketten, die im Wind klingen und duftende Fläschchen für die Frauen.

Und es wird Abend, und wir werden in die Dorfschenke geladen, und ich singe mit dem Barden, dessen Stimme die Sehnsucht der Menschen weckt, und die Lieder erzählen von einer Welt, die die Dorfbewohner bislang nicht einmal geahnt haben, und sie werden ganz still, von der Liebe singt der Barde und von einem Land hinter dem Meer, und davon, dass die Träume Flügel haben.

Dann der Geschichtenerzähler, der spricht den Leuten von den Wundern der Welt, von Häusern die groß sind wie Berge und von Maschinen, die Musik einfangen können und wieder freilassen und von Menschen, die Fliegen können wie die Vögel.

Und die Alten sitzen und lächeln und schütteln die Köpfe, sie wissen, das so etwas nicht existieren kann, und die Kinder sitzen da mit roten Wangen und offenem Mund, sie möchten diese Welt erleben, und sie flüstern einander zu, dass die morgen schon aufbrechen wollen um die Wunder zu suchen.

Dann kommen Krüge mit Wein auf den Tisch und große Stücke Spanferkel und weißes Brot dazu, und es wird gegessen und getrunken und dann singt man wieder, die Lieder werden derber und die Menschen lachen, und als die Nacht in den Köpfen schwimmt, zeigt man uns eine Scheune, wo wir schlafen können, und ich liege im Stroh zwischen den anderen und höre, wie der Barde zärtlich ist mit seiner Frau und ich höre die anderen atmen und ich rieche das Stroh und die Nacht, und kurz bevor ich einschlafe kommt der Geschichtenerzähler ganz nahe zu mir, und er flüstert mit den Lippen an meinem Ohr: Morgen fahren wir ans Meer…

Und ich liege und träume und irgendwann schlafe ich ein und…

 

…ich kann es kaum fassen, dass ich in einem weißen Bett aufwache, mitten in diesem riesigen Hotel, und versuche wieder einzuschlafen und in diese andere Welt zurückzugehen, und ich fühle die Lippen des Geschichtenerzählers an meinem Ohr und er flüstert: Du kannst zurückkommen, wenn du willst, aber nicht heute….

Und dann ist es wieder Tag.

 

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