Sätze, im Kopf festgefroren

Ich will gar nicht darüber schreiben, wovon ich eben geträumt habe im schienengewiegten Halbschlaf zwischen Bruck und Mürzzuschlag. Nein. Will ich nicht. Schön wars trotzdem.

Wie dieser Zug heißt, steht nirgends, jedenfalls heißt er nicht Romy Schneider, denn der Intercity 535 Romy Schneider verkehrt zwischen Wien und Klagenfurt. Nicht Zwischen Wien und Graz. Mit Romy Schneider habe ich gestern die Strecke zwischen Wien und Bruck/Mur hinter mich gebracht. Und dabei wieder einmal daran gedacht, dass ich endlich herausfinden muss, wo im Netz die wirklich tollen Bilder von dieser wirklich tollen Frau sind. Damit ich sie der Zirbelschen Frauensammlung vorschlagen kann. Was ja nicht heißt, dass das auch angenommen werden muss. Aber mir hat sie dort immer schon gefehlt.

Der Zug, wie immer er nun heißen mag, ist fast leer. Bin fast allein im Abteil. Ganz alleine wär mir lieber. Im Moment. Aber das macht nicht viel. Ein bisschen müde bin ich. Das war ein gemütlicher Nachmittag, Frühabend, freundschaftsgetränkt und zwanglos kommunikativ. Plötzlich rede ich viel. Zuviel vielleicht. Über das eine und das andere. Über das Springen und über die Wüste.

Als könnte ich mit Worten diese Gefühle festhalten, die Gefahr laufen, im Alltag zu ertrinken. Als könnten meine Worte ein Gummiboot aufblasen, in dem wir beide, meine Gefühle und ich, dem sinkenden New Economy Schiff entkommen könnten. Und irgendwo neu anfangen, auf einer Palmeninsel mit weißem, feinen Sand.

Und dort könnte man auch wieder Sätze sagen, die man hier und heute nicht sagen kann. Sätze wie:

“Du bist so schön wenn du lachst!”

Und so ein Satz würde endlich wieder so klingen, wie er gemeint ist, und wäre gar nicht peinlich.


Ein Zug in der Nacht ist etwas anderes als ein Zug am Tag. Die Landschaft draußen ist nicht sichtbar, nur ein Licht ab und zu, und das viel zu helle Deckenlicht macht dem Reisenden viel zu bewußt, wo er hinschaut.

Läßt man den Blick gewohnheitshalber durch die Fenster ins imaginierte Draußen laufen, trifft man unweigerlich auf Spiegelbilder. Zuerst das eigene, dann die der Mitreisenden. Verschwommene Gestalten in vielfacher Lichtbrechung lesen, dösen, tratschen, und man kommt sich ein bisschen verschlagen vor als heimlicher Beobachter, und dann hebt einer oder eine den Blick und schaut einem meiner Spiegelbilder direkt in die Augen, ertappt und verwirrt muss der Blick schnell ganz wo anders hin springen, und dann der nächste Augen-Blick, und schon wird man ein bisschen

nervös.

Davor bewahren geschlossene Lider, und was für ein Gefühl das ist: Durch Bewegung und Geräusch des Zuges fast sofort in Halbschlaf versunken, bin ich für lange Zeit schwerelos wie sonst nur in meinen Träumen. Und dann durch die nicht ganz, nur halb geöffneten Lider blinzeln, wo man denn nun ist.

Die langen Zugfahrten aus alten Zeiten tauchen wieder auf, 38, 42, und noch weiter: um die 50 Stunden manchmal zwischen Einsteigen und Aussteigen. Vorfreude auf den Urlaub, das große Abenteuer Reise, ganz anders als in einen Flieger einzusteigen und ein paar Stunden später wieder hinaus, nicht: Erst hier, dann dort, sondern jede Veränderung der Landschaft, jede Wetterscheide, jede Staatsgrenze zu erleben, bis man endlich am Ziel war, die Fahrt ein Teil der Reise, nicht lästiges Kilometerfressen.

Aber damals, in dieser fernen Zeit, die gar nicht lange her ist, gab es auch noch keine Handys, kein immer und überall verfügbares Internet, war man einmal weg, dann war man weg, und selbst eine simple Telefonverbindung zu den Daheimgebliebenen konnte, wenn überhaupt, nur mit Mühe und unter hohem Aufwand an Zeit und Kosten hergestellt werden.

Das waren Zeiten. Soviel besser als heute. Soviel schlechter als heute. So völlig anders. Und gar nicht lange her.

Draußen der Mond, der volle runde, wolkenumschwärmt und groß und nah.

Da wundert mich nicht mehr, dass ich träume.


Der Traum

Es ist der Traum der Träume. Der Traum, der schamlos Bilder aus den alten Träumen stiehlt und sie zu einem Ganzen zusammenfügt, das außerhalb des Traums nicht existieren könnte. In diesem Traum grenzt Wüste an Meer. Birken wachsen neben Palmen, und gleich nach dem nordfarbenen Sonnenuntergang geht dieselbe Sonne wieder auf. Am selben Platz. In Südfarben.

Der Wein schmeckt rot und voll unter den Pinien, und niemand wird besoffen weil alle ganz bei sich sind. Wir sprechen ohne Worte. Wir sind satt von Gedanken. Und all die eingefrorenen Sätze tauen auf, und sie sind nicht mehr seltsam. Und ich sage:

Du bist so schön, wenn du lachst!

Schön wie eine exotische Blüte, dem Glashaus entkommen. Schön wie das Asphaltflimmern über der Straße, die nach Süden führt. Schön wie das Lächeln, das alleine zurückbleibt, wenn alles andere vergangen ist. Schön wie das beinah verlorene Leben. Schön.

Und du lachst.