Sauermilch und saure Milch

Eben, im Supermarkt, vor mir am Kühlregal ein Pärchen, der Sprache nach norddeutscher Provenienz, die genau dort standen, wo ich hingreifen wollte. Anstatt aber zügig einzukaufen, diskutierten sie eingehend mögliche Vor- und Nachteile der ihnen offenbar fremden Produkte. Es war klar: Das würde länger dauern. Ich besuchte inzwischen das Käseregal nebenan, wo mich ein schriller Schrei ereilte. “WAS IST DAS DENN?” – In der Hand hielt das entsetzte Nordlicht das grünweiße Päckchen mit der fröhlich winkenden Kuh, dessentwegen ich eigentlich auch an das Regal wollte. Sauermilch. MMMhhh! – Die Fremden waren anderer Meinung. “Man kann doch keine saure Milch verkaufen! – “Das ist sicher nur ein Name”, mutmasste die weibliche Hälfte, “da ist sicher etwas ganz anderes drin”. “Nein nein, das ist saure Milch”, sagte ich und griff in die zwischen Regal und Pärchen entstandene Lücke, um mir meinen Wochenvorrat zu sichern. Beide waren sicher, dass man so etwas doch nicht trinken kann, und ich murmelte etwas von “anders vergoren”, was natürlich, wie mir gleich auch selber auffiel, völliger Unsinn ist, aber ich wollte das Gespräch auch nicht unnötig in die Länge ziehen. Stattdessen dachte ich nach. Was ist denn jetzt wirklich der Unterschied zwischen einer sauren und einer sauergewordenen Milch? Die Wikipedia belehrte mich, dass ich die beiden vielleicht durch die Übersetzung “Dickmilch” hätte beruhigen können. Das Wort ist wiederum mir völlig neu.

Die Sauermilch und ich, wir haben eine lange, innige Beziehung. Die rührt daher, dass ich als Kleinkind, beginnend angeblich noch vor meinem 2. Geburtstag, Milch kategorisch verweigerte. Für meine Verwandten war das eine Katastrophe, ein Kind ohne Milch großzuziehen, das war nicht einmal denkbar. Es half aber nix, und wenn man mir die Milch mir mehr oder weniger Gewalt aufzwingen wollte, hatte man sie stattdessen garantiert gleichmäßig über den ganzen Raum verteilt – entweder gleich, oder aber ein paar Augenblicke später. Gut, es gab da einen Trick, der funktionierte – Einen Mix aus halb Milch und halb Schokolade akzeptierte ich. Aber da Schokolade angeblich ebenso ungesund war, wie die Milch gesund war, verminderte das die Sorge um das milchverweigernde Kind fast gar nicht.

Bis auf irgendeinem Ausflug, fragt mich nicht, wann und wo, ein Teller Sauermilch in mein Leben trat. Jemand ließ mich kosten, Spucktuch bereit. Ich spuckte nicht, ich wollte mehr. Und wurde fortan, soweit wir uns im Umfeld irgendwelcher Milchbauern bewegten, mit Sauermilch großgezogen.

Die Sauermilch damals wurde allerdings nicht, wie auf der nöm Homepage zu lesen, “durch die Zugabe von speziellen Milchsäurekulturen zur Milch” gesäuert, sondern man nahm einfach kuhwarme Milch, goß sie in ein nicht allzugroßes Gefäß und ließ sie lange genug im Warmen herumstehen. Ich kann nur vermuten, dass dabei “lange genug” das Schlüsselwort ist, denn eigentlich gibt’s ja nur eins, das noch grausiger ist als Milch, und das ist sauergewordene Milch. Die Flocken im Kaffee. Und der Geruch aus dem Päckchen. Brrr.

Die saure Milch dagegen, also die vom Bauern, war stichfest (nicht cremig wie die heute im Packl), schmeckte köstlich säuerlich und gar nicht milchig und prickelte ganz leicht auf der Zunge. Das fade Zeugs aus dem Kühlregal ist ja mehr so ein offenbar massenkompatibles Downgrade der damaligen Köstlichkeit. Wobei, lange Zeit gab es ein kleines Refugium für echte Sauermilchfans, nämlich das Fru-Fru – richtige, stichfeste Sauermilch auf Früchten. Die Früchte musste man ja nicht unbedingt mitessen. Dummerweise wurde das vor kurzem auch umgestellt auf die gerührte Konsistenz, die im Geschmack ans Original einfach nicht rankommt. Und dann auch noch mit Vanille. Sauerei!

Jedenfalls erinnerte mich der Vorfall an einen EInkauf vor gar nicht allzu langer Zeit, ich weiß jetzt nicht mehr wo, aber mit Sicherheit in einem der Sauermilch-Himmel meiner Kindheit – also entweder in der Steiermark oder in Salzburg. Vor dem dortigen Kühlregal fragte ich einen, zugegeben ziemlich jungen, Verkäufer, wo es denn die Sauermilch gäbe. “Sauermilch?”, fragte er, “Meinen sie – saure Milch?” und sein Gesichtsausdruck glich in Entsetzen und Ekel ungefähr dem des heutigen Pärchens. Er hatte ganz offenbar die Köstlichkeit noch nie gekostet, schlimmer noch: Er hatte noch nie in seinem Leben davon gehört.

Seither mache ich mir ein bisschen Sorgen, dass diese Päckchen früher oder später aus dem Kühlregal verschwinden könnte. Obwohl der Unterschied zwischen der industriell abgemilderten Variante ohnehin nicht mehr allzu groß ist im Vergleich zum ebenfalls industriell abgemilderten Joghurt, und man die beiden geschmacklich beinahe austauschen könnte. Aber halt nur beinahe.

Vielleicht muss ich mir einen Milchbauern suchen, für alle Fälle. Da könnte man vielleicht auch wieder ein Stück Butter kriegen. Also ich meine, richtige Butter. Und nicht diese industriell… aber das ist eine andere Geschichte.

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This article was written by Andrea

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