Schade, Jungs (und Mädels)!

Mit frisch gesundeten Lebensgeistern den Sufi ins halbmondige Herz von Favoriten begleitet, bisschen unsicher, treue Leser wissen: Ich mag Fussball, fürchte aber Massen. Die Stimmung in Favoriten wunderbar, Trommeln, Tröten, Hupen und Fahnen. Tanz und Gesang. Alles natürlich türkisch dominiert, drei Grüppchen versprengter Österreicher (eins davon wir), von denen jedes glaubt, das einzige zu sein. Und ein paar Polen. Und die Polizei, die im Mannschaftsbus mit offener Seitentür vorbeifährt, winkend und lachend, und freundlich zurückgegrüßt wird.

Flöten und Percussion bis zum Anpfiff, einer (ein einziger) versucht, Stille für die Hymne(n) zu schaffen – vergeblich. Wozu auch. Die Türken gehen gut los. Spiel konzentriert sich auf den deutschen Strafraum. “Ob sie das durchhalten können?” frage ich besorgt den Sufi. Er versteht mich nicht, die Tröten sind zu laut. Quert der Ball die Strafraumgrenze, springt in dem Gastgarten alles auf – ich auch, sonst hätt ich ja den Bildschirm nicht mehr gesehen.

Den schwülwarmen Gastgarten durchdringt ein Duft nach Raki, der Sufi fotografiert alles, was rot-weiß und/oder Halbmond trägt, am Horizont erste Blitze. Tropfen auch, ab und zu. Die Deutschen am Feld noch immer kopflos, die Türken dagegen fordernd und frech. Türkiye! Der Trommler am Gastgartenrand entfesselt. Da, das eins zu null! Es ist wie in der Cola-Werbung, wildfremde Menschen fallen einander in die Arme, Tröten geben ihr letztes, die Kamera vom Sufi beginnt, wegen Überlastung zu rauchen (ok, nicht wirklich, aber viel hat nicht gefehlt). Kaum sind die hämischen sms getippt und abgeschickt, da fällt der Ausgleich – von den Anwesenden mit demonstrativer Missachtung gestraft. Jedenfalls sagt keiner einen Ton.

40. Minute, da fällt kein Tor, sondern die ersten Tropfen. Technik im Rucksack gesichert, Rucksack an die Brust gedrückt, der Regen wird stärker, das Spiel lässt nicht nach. Ey, mein Bier wird nass! – Bildausfall, Wolkenbruch (In dieser Reihenfolge). Der Sufi erobert einen Platz in der schwülen Innen-Loge, die Kellner suchen hektisch nach einem Sender, der vielleicht doch noch sendet, vergeblich. Pause, dazwischen ist nix passiert. Draußen toben Blitze, drinnen läuft Werbung mit Beschwichtigungs-Insert “Bitte entschuldigen Sie die Satelliten-Ausfälle” – Na Hauptsache, wir können die Werbung sehen.

Drinnen ist es viel zu heiß, draußen regnet es kaum mehr, der Sufi sichert uns einen Platz unter dem Riesenschirm, neue Nachbarn, neue Fachsimpeleien, neue Verbrüderungen. Ankick der zweiten Halbzeit, immer noch die Türken unglaublich stark (vor allem Angesichts der ganzen Ausfälle aus den vorherigen Spielen). Über die weniger spannenden Schachzüge trösten die Gesänge ringsum, “Polska! Polska! bringt sich ein bislang unbescholtener Tisch ins Geschehen ein, Szenenapplaus, “Österreich!” rufe ich in gebührend leidendem Tonfall, Szenengelächter. Der Sufi bestellt einen Raki. “Tolle Lightshow!” Die Blitze am Horizont genau hinter dem TV-Gerät.

Regen wird wieder stärker, Spiel stagniert. Alles, was noch draußen ist, versammelt sich unter dem einen Sonnenschirm – unter dem zweiten das TV-Gerät. Wieder ein Angriff der Türken! Blitz, Sendeausfall, Windstoß, zwei 20m2-Sonnenschirme umgestülpt, Wasser überall, Windböen: Jetzt nur keine Panik, sondern besonnen schnell den Raki leeren, bevor zu viel Regen hinein fällt!

Zum zweiten Mal die Völkerwanderung zum Innen-Fernseher, der allerdings auch keine Bilder zeigt. Ratlosigkeit im dicht gefüllten Gastraum. Versprengte Türkyie-Rufe, angeheizt von einem nicht mehr ganz dichten Ösi. Nett. Immer noch kein Bild. Auf ZDF nicht, auf ORF nicht, äh… Ah! ja! Handy! Ticker! Twitter! Internet!

Denkste, One hat keinen Empfang. Drei auch nicht. Nur T-mobile wär verfügbar, aber niemand hat ein internetfähiges t-mobile Ding dabei. Verdammt, verdammt, verdammt. Irgendwo klingelt was, dann Jubel! Stille Post durchs ganze Lokal: Die Türken haben ein Tor geschossen! – Gar nicht wahr! – Nein, die Deutschen haben ein Tor geschossen! – Moment, beide haben ein Tor geschossen! Konfusion, “Gibt’s hier kein Radio?” fragt ein Gscheiterl, es gibt aber keins. Jemand mit Handy am Ohr schreit! “Die Schweizer! Die Schweizer senden!” -Aaah, endlich wieder ein Bild! 93. Minute, 3:2 für Deutschland, Türkei greift an! Jetzt oder…

Naja. Ein Spiel dauert 90 Minuten, und am Ende gewinnen die Deutschen. Wie wir alle wissen. Die türkischen Österreicher ringsum leiden schweigend, der “jetzt erst recht” österreichische Türkei-Sympathisant wird regelrecht in Schweigen ertränkt. Das war’s dann, Kinder. Schade, eigentlich.

Und ja, wer fussballtechnisch mehr wissen will, liest auch diesmal wieder Blumenau. Obwohl der auch nicht mehr gesehen hat als wir. Und drüben auf 11freunde.de kann man auch gut mitlesen:

Ziehen wir unter dieses Spiel den längsten Schlusstrich aller Zeiten: Ein Event für alle Eventfans, ein Tritt ins Gemächt all derjenigen, denen was am Fußball liegt. Die Deutschen spielten desorientiert, ängstlich, und wenn sie doch mal am Ball waren, behandelten sie ihn wie einen Luftballon mit Mickey-Mouse-Motiven drauf. Die Türken konnten ihre Freiheiten kaum fassen und deshalb auch nicht nutzen. Sie sind es gewohnt, Gegner nieder zu ringen. Dass ein Gegner sich aber freiwillig zu Boden wirft und weint – damit konnten sie nicht rechnen. War das die ebenso geniale wie perfide Taktik der Deutschen? Wir wollen es nicht wissen. Oder vielleicht doch. Irgendwann. Aiman Abdallah von Pro7 soll es uns eines Tages erklären.

Wir verabschieden uns, fahren bis zum Finale in den Harz und beobachten Hirsche, wenn welche vorbeikommen. Bis dann.

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